Dumbledore saß in seinem Büro, umgeben von den Bildnissen der alten Meister von Hogwarts.
Auf dem Tisch standen wie immer die skurrilen magischen Geräte. Einige surrten leise und bewegten ihre Zeiger über unverständliche Skalen, andere gaben ab und zu ein Dampfwölkchen ab. Sie hatten unterschiedlichste Formen; einige schienen gar nichts zu tun, andere wiederum strotzten vor Aktivität.
In diesem Moment schaute Dumbledore konzentriert über seine zusammengelegten Fingerspitzen hinweg ein Gerät an, was besonders heftig arbeitete und vor sich hinbrummte. Ein durchsichtiges Gefäß war in einem feinen Rahmen aus Holz aufgehängt. Die Flüssigkeit innerhalb des Gefäßes änderte andauernd ihre Farbe durch das gesamte Spektrum des Regenbogens.
Nachdenklich stand er auf und ging zum Fenster. Die milde Sommernacht über Hogwarts war voll Friede. Niemand hätte vermutet, dass auch hier der Schrecken von Voldemorts Terrorregime zu spüren war.
Mit der Zeit hielt Voldemort immer mehr wichtige Fäden in die Hand und verringerte damit auch Dumbledores Einfluss. Das Ministerium war eigentlich nur noch ein Marionettentheater, das er wie ein Puppenspieler nach Belieben lenken konnte. Dumbledore war froh, dass er, zumindest in Hogwarts selbst, die Schüler noch gut schützen konnte. Aber auch dieses Refugium würde irgendwann fallen; es wäre nur eine Frage der Zeit, bis auch Hogwarts nicht mehr sicher vor Voldemort wäre. Was dann?
Dann blieb nur noch die Hoffnung auf Harry.
Das Gesicht des alten Zauberers war tief gefurcht von Sorgenfalten, als er unbeweglich vor dem Fenster stand. Er hatte seine Geräte nicht gebraucht, um die magischen Schockwellen zu spüren, die vor wenigen Augenblicken noch die Grundfesten der Welt tief erschüttert hatten. Die friedliche Stimmung in den Anlagen um die Burg jedoch ließ nichts darüber vermuten, alles schien, als ob es die Sommernachtsidylle genießen würde.
Wahrscheinlich gab es ohnehin nur Wenige, die das überhaupt bemerkt hatten. Jedenfalls stammte diese Art von Magie nicht von einem normalen Zauberstab, doch was könnte sonst so mächtige Magie hervorgerufen haben?
Kurze Zeit später hatte er sich entschlossen. Er würde Snape einen Besuch abstatten und ihm zum Geburtstag gratulieren. Und in Erfahrung bringen, was Voldemort machte, dass die Magie selbst derart gequält wurde.
"Komm Fawkes." – Dumbledore war an den Käfig des Phoenix getreten und öffnete die Tür.
Fawkes gab einen melodischen Ton von sich und erhob sich grazil in die Luft.
Dumbledore griff nach seinem Schwanz und verschwand in einer Feuerwolke.
***
Wie ein Raubtier sog Lord Voldemort die kühle Nachtluft durch seine Nüstern ein. Sie waren inzwischen bei der Burg angekommen und gespannte Erwartung machte sich unter den Todessern breit. Ungeduldig beobachtete er, wie Snape seinen Zauberstab hervorholte und anfing, mit seiner Rechten schwungvolle Bewegungen auszuführen.
"Ich will Blut sehen, Severus," sagte er.
"Wir sind schon fast am Ziel, mein Lord. Habt noch ein wenig Geduld." Mit diesen Worten brachte Snape seinen Zauber zu Ende und stemmte sich gegen die großen Tore des mächtigen Eingangsportals, die geräuschlos aufschwangen.
Voldemorts Gesicht verzog sich zu einem triumphierenden Lächeln.
"Wohl an, meine treuen Diener, tretet ein und lasst die Spiele beginnen," sagte er, während er durch das Portal schritt.
"Sieh an, sieh an, wenn da nicht alte Erinnerungen aufkommen," sinnierte er und wandt sich an die Todesser, die ihm vorsichtig gefolgt waren, wobei Wurmschwanz immernoch versuchte, mit fahrigen Bewegungen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Voldemort ignorierte ihn und schaute erwartungsvoll in die Runde.
"Wohin sollen wir zuerst gehen? - Ja, vielleicht zuerst in die Gemeinschaftsräume. Sollen wir nach Slytherin? Oder vielleicht doch zuerst nach Gryffindor?"
Die Todesser schauten einander nervös und etwas unschlüssig an.
"Lasst uns abstimmen," entschloss Voldemort, "Wer ist für Slytherin? – Niemand? Schade. Dann Gryffindor? – Ravenclaw? – … Was? Ihr wollt alle nach Hufflepuff?" –
"Idioten!" zischte er, "ihr müsst euch schon melden, wenn wir abstimmen. –"
"WURMSCHWANZ!!" Peter zuckte zusammen, "Crucio."
Der Folterfluch traf den hilflosen Wurmschwanz mit voller Wucht. Dieser fiel in sich zusammen, zuckte noch ein paar Sekunden und wurde dann von wohltuender Ohnmacht umfangen.
"Lasst ihn liegen, er hätte uns ohnehin nur behindert." Voldemort schnaubte verächtlich. "Wir gehen zunächst in den Gemeinschaftsraum der Gryffindor."
***
"Harry, es wird langsam kühl." Luna kuschelte sich eng an Harry, der mit geschlossenen Augen platt auf dem Rücken lag.
"Mhmm," gab er von sich, ohne sich zu regen.
"Sollen wir nicht zurückgehen? Es wird auch spät," flüsterte sie ihm liebevoll ins Ohr.
"Mhmm," kam zurück.
Luna stand widerwillig auf und fing an, ihre Kleider zu sammeln und sich anzuziehen. Sie bekam Gänsehaut, als die kühle Nachtluft vorbeistrich. Irgendwo im Gebüsch raschelte es und ein aufgeschreckter Fuchs suchte das Weite. Harry lag weiterhin mit geschlossenen Augen auf dem Boden ausgestreckt.
Luna runzelte die Stirn und sah ihn konsterniert an. "Harry?"
"Mhmm"
"Hm, interessant," sagte sie und kniete sich nieder, um ihn genauer zu betrachten, "soweit ich das beurteilen kann, glaube ich, dass du dir den AIDS-Wurm eingefangen hast. Alle Anzeichen sprechen dafür …" Sie legte den Kopf schief. "Ich habe gehört, diese Würmer sind hier in Hogwarts besonders verbreitet; ich frage mich, wer dich angesteckt haben könnte."
"Mhmm" – Harry regte sich immer noch nicht.
Luna legte ihre Hand auf seine Stirn.
"Leichtes Fieber, Kraftlosigkeit, Lethargie … Wie fühlt es sich an, Harry? Spürst du schon, wie er sich durch dein Lymphsystem frisst?"
"Was für ein Wurm ist wo?" fragte Harry und schlug die Augen auf.
"Der AIDS-Wurm. Meist frisst er sich durch die Ohren ins Gehirn. Vater sagt allerdings, dass er durch Küssen übertragen wird. In der letztwöchigen Ausgabe des Quibbler steht aber, dass die meisten Infektionen bei Zaubertrankjunkies aufgetreten sind." Sie zuckte mit den Schultern. "Hm, na ja, ich glaube soweit ist es bei dir noch nicht. Wenn überhaupt. Viele Leute halten den AIDS-Wurm ja für ein Gerücht. Und wenn – halb so schlimm: Du stirbst in jedem Fall frühestens in einem halben Jahr, wenn der Wurm angefangen hat, dein Gehirn anzunagen."
Harry starrte sie entgeistert an, dann schüttelte er seinen Kopf heftig, als ob er damit diesen Gedanken oder den Wurm loswerden würde. Mit einem Seufzen stand er auf und sammelte seine wild verstreuten Kleider auf.
"Gut, gehen wir," sagte er, während er seinen Hosenstall schloss. Er legte seinen Arm liebevoll um ihre Schultern und sie gingen zurück Richtung Burg.
***
"Kein Passwort, kein Zutritt. Tut mir leid, mein Herr," sagte die dicke Lady und lackierte sich die Fingernägel.
Snape schnitt eine Grimasse.
"Gilt das auch für Lehrer?" fragte er und überlegte sich, wieso er noch nie den Drang verspürt hatte, den Gemeinschaftsraum der Gryffindor zu betreten.
"Die Regel gilt für alle und jeder versucht, sie zu umgehen," antwortete die dicke Lady gelangweilt.
Snape merkte, wie Voldemort hinter seinem Rücken ungeduldig wurde. Er verschränkte die Arme vor der Brust und wandte sich an den dunklen Lord.
"Ich kenne das Passwort nicht."
Voldemorts Augen glühten wie Kohlen.
"Wie wäre es mit Reducto?" meldete sich Nott zu Wort.
"Leider falsch, Schätzchen," flötete das Portrait.
"Nein, das funktioniert hier nicht," stieß Snape zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Wirklich – bei so vielen Versagern unter den Todessern wunderte es ihn nicht, dass aus den neuesten – inoffiziellen – Gewerkschaftsumfragen hervorging, dass der Lieblingsfluch des dunklen Lords nicht mehr Avada Kedavra, sondern Crucio sei. Was ihn allerdings wunderte, war die Tatsache, dass Dumbledore noch nicht erschienen war. In seinem Büro müssten mittlerweile eigentlich die Alarmglocken Amok laufen. Dumbledore hätte schon längst da sein müssen. Wenn er nicht bald erschien, würde es hier in Kurzem sehr, sehr hässlich werden.
"Oder wir benutzen diesen explosiven Zaubertrank," warf Avery ein, "wie war sein Name noch?"
"MMM," brummte Snape.
"Stimmt. Molotows magische Mixtur – Arghh, Goyle du Fickmöse! Pass auf deine Füße auf!"
"Du sagst es, Kleiner," sagte die fette Lady und schwang auf, sodass der Tunnel, der in den Gemeinschaftsraum hochführte, zugänglich wurde.
Die Todesser schauten sich erstaunt an. Snapes Gesichtsausdruck verriet eher Langeweile, während ein sarkastisches Lächeln die schlangengleichen Züge Voldemorts umspielte.
"Sorry, war keine Absicht", sagte Goyle.
"Schon gut, schon gut", murmelte Avery perplex.
"Glückwunsch, Goyle. Du hast es schlussendlich geschafft, etwas sinnvolles zu bewerkstelligen, wobei sich über den Geschmack der Gryffindors streiten lässt", sagte der dunkle Lord und wand sich dem Tunnel zu. Sein Lächeln verwandelte sich in ein grausames Grinsen.
"Auf diesen Moment habe ich lange gewartet. Du als Jubilar hast natürlich den Vortritt, Severus."
Ohne einen weiteren Kommentar stieg Snape in den Tunnel hinein. Wo blieb nur Dumbledore?
