Kapitel 2

Coyoten oder was?

Eine ganze Weile blickte Emmett nicht mehr nach unten. Auch nicht nach oben. Einfach nur klettern und die Hitze vergessen. Irgendwann musste das Ganze doch ein Ende haben. So hohe Berge gab es nicht in Tennesee, dass Emmett das nicht schaffen könnte. Unbeirrt kletterte er weiter, wischte sich die nasse Stirn ab. Der nächste Griff ging in was Weiches. War das Gras? Emmett zog die Hand zurück und schauderte. Seine Hand war voller brauner Matsche. Angewidert versuchte er den Dreck an einem Felsen abzuschmieren. Es roch deutlich nach Exkrementen.

Emmett blickte sich um. Gab es hier Coyoten? Wer sonst würde sich hier im Nichts herumtreiben. Gegen Coyoten hatte Emmett nichts. Die konnte man leicht mit lautem Rufen und gezielten Steinwürfen vertreiben. Ganz sauber bekam er seine Hand nicht. Emmett wollte aber auch nicht sein Trinkwasser zum Abwaschen verschwenden. Er kletterte ein Stück weiter. Neugierig warf er einen Blick auf die Matsche in die er gegriffen hatte. Das war niemals von einem Coyoten. So große Haufen hinterließen die nicht. Oder doch? Vielleicht ein ziemlich großer Coyote? Emmett nahm sich vor beim Weiterklettern aufmerksamer zu sein. Er wollte auf keinen Fall von einem wilden Tier überrascht werden.

Emmett blickte aufwärts. Der Felsen endete endlich. Ein Felsvorsprung! Emmett hoffte, dass es danach abwärts ging. Die letzten Meter brachte er schnell hinter sich und zog sich auf den Felsvorsprung. Genervt sah er, dass es noch mal zwanzig Meter weiter steil bergauf ging. Noch schlechter war, dass eine Felsspalte den Aufstieg zu den letzten zwanzig Metern erschwerte. Zum Glück war der Nachmittag fast vorbei und die Sonneneinstrahlung verlor an Stärke. Emmett blickte zur Sonne, schirmte sich die Augen ab. In wenigen Minuten würde die Sonne hinter den gegenüberliegenden Bergen verschwinden und das Schwitzen hatte ein Ende. Dann erkundete er den Felsvorsprung und die Bergspalte. Die Öffnung ging tief in den Felsen hinein. Vielleicht eine Abkürzung durch den Berg. Emmett überlegte nicht lange.

Die Öffnung war breit genug für zwei Menschen nebeneinander. Innen war es herrlich kühl. Für einen kurzen Moment dachte Emmett daran, die Nacht hier zu verbringen. Im Dunkeln klettern war doch eine riskante Sache. Aber Emmett schüttelte den Gedanken wieder ab. Er musste es ja nur noch abwärts zurück auf die Straße schaffen. Das war mit der restlichen Tageslichtzeit zu bewältigen. Leider endete die Felsenspalte nach wenigen Metern. Es war also kein Durchgang. Beim Umdrehen stieg Emmett in etwas Weiches.

„Verdammte Coyoten…kann ich nicht an einem Scheißhaufen mal vorbeigehen?"

Die Innenwände der Spalte warfen das Echo seiner Worte zurück. Mühsam rieb Emmett seinen dreckigen Schuh am Felsenboden ab und verließ die Felsenöffnung. Die Sonne war endlich verschwunden. Wenigstens etwas Gutes. Emmett gönnte sich einen Schluck aus der Wasserflasche. Dann nahm er den weiteren Aufstieg in Angriff. Gleich neben der Felsenspalte begann er, sich hochzuziehen. Die Abkühlung tat gut, das Klettern fiel ihm leichter und schnell hatte er vier, fünf Meter überwunden. Jetzt war er an der Oberkante der Felsenöffnung. Auch hier war ein Felsvorsprung und Emmett blieb darauf, blickte auf die nächste Steilwand. Kurz plante er, von welcher Seite er den letzten Aufstieg beginnen sollte. Doch ein neues Geräusch irritierte ihn. Er wendete den Blick nach unten.

Vor der Felsspalte, genau dort, wo er Minuten vorher noch gestanden hatte, erhob sich ein Bär. Emmett erschrak und kam ins Wanken. Doch Abstürzen wollte er auf keinen Fall. Eilig verlagerte er seinen Schwerpunkt und stand wieder sicher. Keine Coyoten, sondern ein Bär lebte hier. Und der Bär hatte ihn im Visier. Es war kein schönes Tier. Das Fell war stumpf und dreckig. Der Bär wirkte alt. Und doch war es ein Bär. Sicher einen halben Meter größer als Emmett. Emmetts Blick schwirrte über den Weg, den er gerade hochgeklettert war. Würde der Bär das auch versuchen? Würde er es überhaupt schaffen? Fieberhaft überlegte Emmett, ob er nun einfach fliehen sollte oder besser darüber nachdenken, wie er den Bären erledigen konnte. Er entschied sich für letzteres. Sonst wäre er den gesamten Weg nach Jonesboro auf der Flucht. Und der Bär machte deutliche Anstalten hochzuklettern.

Emmett begann zu schwitzen. Der Bär war schnell. Emmett Blick glitt über die Felsen. Er musste versuchen einige davon ins Rutschen zu bringen. Ein paar lagen einzeln und wenn er sich gut dagegen stemmte, konnte er es schaffen. Der Bär hielt kurz inne, kletterte aber schnell wieder weiter. Emmett stemmte sich gegen einen Brocken, der direkt über dem Bären positioniert war. Der Felsen ließ sich tatsächlich leicht bewegen. Emmett drehte sich, lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen. Seine Beine stemmte er gegen einen anderen Felsen und beim zweiten ruckartigen Drücken, begann der Brocken anzurollen. Emmett dreht sich wieder und gab dem Rollen noch mehr Kraft. Der Bär hatte keine Chance. Dumpf prallte der Felsbrocken auf ihn und riss ihn mit in die Tiefe. Knapp unterhalb des Felsvorsprungs blieben der Felsen und darunter der zerschmetterte Bär liegen. Emmett bebte. Einerseits vor Anspannung, andererseits vor Übermut. Er hatte einen Bären erlegt. Das war das Beste war er vorzuweisen hatte. Seine Kumpels auf der Ranch würden staunen, wenn er mit dem Kopf des Tieres zurückkehren würde. Sein Vater wäre wohl zum ersten Mal mächtig stolz auf ihn.

Dann kehrte die Situation in der er war in seine Gedanken zurück. Er konnte dem Tier den Kopf nicht abtrennen. Er hatte kein Messer dabei, nichts was irgendwie dazu geeignet wäre. Und außerdem lag ein langer Weg vor ihm. Niemand würde ihm das glauben.

Es gab nur einen Lösung. Er musste sobald es möglich war zu diesem Ort zurückkehren. Der Bär lag sicher unter dem Felsen. Den Kopf musste er sich einfach holen.

Über Emmetts Gesicht kam ein stolzes Grinsen. Dann kletterte er weiter.

Er bemerkte nicht mehr, wie sich auf dem unteren Felsvorsprung etwas blitzschnell bewegte.

Tbc