Erebor 3022: Cursebearer – Die letzten Schatten Morguls
Von summerald – übersetzt aus dem Englischen von jessie152
Kapitel 2
Selbst nachdem Kíli seinem König (und Bruder) versprochen hatte, daran teilzunehmen, schaffte er es, den abendlichen Festlichkeiten geflissentlich aus dem Wege zu gehen, indem er sich in seine Arbeit stürzte: den Schutz und die Sicherheit Erebors. Dabei waren ihm sogar die ungeliebten Pflichten recht, die er üblicherweise als eher lästig empfand.
Auf seinem Schreibtisch türmte sich ein Haufen von Anfragen seiner diensthabenden Hauptmänner. Und wenn Kíli eines darüber wusste, was es hieß, ein Anführer zu sein, dann war es sicherzustellen, dass die Zwerge unter seinem Kommando eine ordentliche Ausrüstung hatten. Und diese Dinge erforderten entsprechende Mittel, die seiner Überprüfung und Zustimmung bedurften. Schließlich galt es, mit dem Reichtum des Königreiches behutsam umzugehen und nichts zu verschwenden. Also setzte er sich hin, drehte die Flamme seiner Öllampe hoch und las die erste Anfrage.
Punkt eins: Die Abteilung der Bogenschützen, die an den westlichen Hängen des Berges Dienst tat, benötigte die Anfertigung einer neuen Art von Pfeilspitzen. Kíli war von diesem Thema sofort fasziniert. Gefesselt betrachtete er die detaillierte Zeichnung der neuartigen Breitkopf-Spitze. Auffällig die drei versetzten rasiermesserscharfen Klingen und die kantige, durchdringende Spitze.
Perfekt für einen Scharfschützen, stellte er fest und wünschte sich sofort, er hätte die Zeit eine solche Spitze persönlich auszuprobieren. Du hast einen ganzen Stapel dieser Anfragen durch zu arbeiten, schalt er sich selbst, legte das Blatt auf den Tisch und griff nach einer Schreibfeder. Ganz im Gegensatz zu Fílis sehr viel eleganterer Unterschrift (die sogar den alten Balin zufrieden gestellt hatte) unterschrieb Kíli mit einem raschen Gekritzel, welches mehr an eine ins Metall geschlagene Markierung erinnerte, mit welcher Schmiede ihre Arbeiten zu kennzeichnen pflegten, als an die Unterschrift eines Prinzen: vier vertikale Linien, die wie der Abdruck einer Klaue mit vier Krallen aussah, mit einem zackigen Schrägstrich, der sowohl das K als auch das L bediente.
Balin war an seinen Schreibkünsten regelmäßig verzweifelt, aber Kíli hatte das seit jeher herzlich wenig gekümmert. Er war Bogenschütze aus Leidenschaft. Und genau wie bei der Kunst mit Pfeil und Bogen trafen auch auf dem Papier seine scharfen Augen die Linie und seine Feder ins Schwarze. Das war alles, was für ihn zählte.
Er hatte gerade mehrere Anfragen abgezeichnet und der erneuten Bevorratung der zugereisten Zwerge aus den Eisenbergen, die in den nördlichen Hallen Unterkunft gefunden hatten, zugestimmt, als er den Alarmruf in der äußeren Halle hörte: ''Kharak!''
Im Nu war Kíli auf den Beinen und durch die Tür. Er war beinahe erleichtert, dass es etwas gab, worum er sich kümmern konnte.
''Bericht!'' verlangte er von dem Kadetten, der völlig außer Atem vor seinen Schreibern stand.
''Ein Steinschlag, mein Herr,'' sagte der Kadett.
''Jemand verletzt?''
''Nicht soweit wir wissen.''
''Wo?''
''Westlich des Rabenberges.''
Kíli runzelte die Stirn. Das war solider Granit. ''Scherungen?'' Zu dem Kadetten gesellte sich ein grimmig drein blickender Hauptmann, der gerade herein gestürzt war.
''Nein, mein Herr. Dieses Gestein ist nicht von selbst gefallen.'' Sein geneigtes Kinn verlieh seinem Verdacht Ausdruck.
Kíli zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Erebor war ein Berg, durchdrungen von der starken Magie seines Volkes, aber dennoch eben einfach ein Berg. Setzungen im Gestein waren ein natürliches Ereignis und ebenso, dass es von Wind und Wetter geformt wurde. Kíli, als Anführer der Wache, hörte ständig die Wetterberichte. Der Tag war kalt gewesen, aber nicht so kalt, dass es das Gestein hätte sprengen können. Er hatte die Voraussagen gehört, ein Sturm sei im Anzug, aber voraussichtlich erst in ein oder zwei Tagen.
''Beschreibt mir, was Ihr gesehen habt,'' forderte Kíli den Kadetten auf, griff nach seinen Handschuhen und setzte sich in flottem Tempo den Korridor hinab in Bewegung. Der Kadett und der Hauptmann mussten sich sputen, mit ihm Schritt zu halten.
''Wir waren auf dem Außenposten nordöstlich des Hahnenkamms, mein Herr…''
Kíli nickte. Diese Gesteinsformation kannte er gut.
''Die Raben waren in völliger Aufruhr, sie kreisten unentwegt und schrien Alarm. Dann riss mich mein Leutnant genau in dem Moment zurück, als wir etwas von der Felsoberfläche emporschießen sahen, als flöge ein großer Meteor davon, es gab eine enorme Staubwolke. Dann gab die gesamte Felszunge einfach nach.''
''Einfach so?'' fragte Kíli.
''Einfach...'' Der Hauptmann machte eine Armbewegung, als ob etwas in die Luft flog und breitete dann die Hände aus. ''Als ob jemand einen Korken abschießt und dann bei einem Geschicklichkeitsspiel den falschen Bauklotz unten aus einem Stapel zieht und alles in sich zusammenfällt.''
Kíli nickte. Das Bild eines davonfliegenden Korkens war eine recht genaue Beschreibung für eine Sprengladung. Bohre ein Loch, füll' die Ladung hinein und wenn sie in die Luft geht, schießt eine Staubwolke daraus empor, bevor das Gestein zerrissen wird und in die Tiefe stürzt.
Und er wusste genau, dass alle oberirdischen Schürfarbeiten so lange aussetzten, bis die Beratungen über das neue Abkommen abgeschlossen und alle Gäste wieder abgereist waren.
Und wir haben gerade mal der ersten Tag… Er erinnerte sich an die Worte Brunsders aus den Blauen Bergen: ''Nehmt Euch in Acht, Junge. Irgendjemand innerhalb den Sieben Familien ist fest entschlossen, die Enklave zu stören und das Abkommen zu verhindern.''
''Habt Ihr irgend jemand in dem Bereich gesehen?'' fragte er.
Der Kadett sah etwas betreten aus, als ob man ihn bei einem Pflichtversäumnis ertappt hätte. ''Nein, mein Herr.''
Kíli überdachte die Aussage des Kadetten für einen Moment. ''Wenn die Explosion absichtlich herbeigeführt wurde, hat derjenige die Ladung viel früher platziert und sie dann aus der Entfernung ausgelöst.'' Kíli schritt in Richtung der großen Zentralen Halle, dem riesigen Hohlraum im Herzen des Berges – erleuchtet mit langen Reihen von Öllampen, die wie endlose Bänder von fernen goldenen Himmelskörpern glühten. Sie reichten von den tiefsten Tiefen bis hoch oben unter die ferne Decke des riesigen Raumes. Er nahm eine der großen Treppen, die zu den unteren Ebenen der Minen herab führte. Dabei benutze er einige wenig bekannte Abkürzungen, um den Mengen der Besucher auszuweichen. Und an diesem Abend waren Hunderte von ihnen draußen auf den Balkonen und bewunderten den grandiosen Anblick von dunklem Stein und schimmerndem goldenem Licht.
''Ich sehe hier keine Pflichtversäumnis,'' versicherte Kíli den beiden Burschen. ''Ich schätze Eure Beobachtungen.''
Die beiden Zwerge, die ihm folgten, nickten und wirkten etwas erleichtert.
''Und es waren Raben in der Gegend?'' fragte er.
''Ja, mein Herr,'' sagte der Hauptmann.
Kíli runzelte die Stirn, als er auf eine große Treppe abbog, die sie weiter hinab zu führte. Die Raben würden ihm erzählen, was sie wussten, was sie gesehen hatten. Aber dafür musste er auf Tageslicht warten. Raben waren unerlässliche Verbündete bei der Verteidigung Erebors, doch bei Anbruch der Nacht ließen sie sich zum Schlafen nieder.
Als er den Hahnenkamm erreichte, zeigte ihm das Licht von Laternen, was er sehen musste. Kíli verstand genug von Steinhauerei, um die Zeichen zu erkennen, hatte er doch einiges von der Begabung seiner Frau Mutter geerbt, wenn es um Steinarbeiten ging.
''Das ist keine Scherungszone,'' erklärte Kili ''Diese Felsformation,'' er beschrieb einen flachen Bogen mit seiner Laterne, ''hätte nicht ohne Zutun in dieser Richtung nachgegeben.'' Er übergab die Laterne an eine der Wachen, griff sich einen Hammer und Meißel und ging vorsichtig einen schmalen Pfad hinab, der ihn zu dem Platz führte, den Arbeiter bereits von Trümmern zu befreien begonnen hatten. Er sah sich um, dann bückte er sich und winkte nach der Lampe. Er schlug einen faustgroßen Stein mit anhaftendem Splitt ab, unverwechselbare Anzeichen für eine Explosion.
Er verstaute den Stein in seiner Tasche und kam zurück, um den Arbeitern zu helfen. Er trieb den Meißel genau in die Spalten, die das Gestein spalteten und größere Brocken lockerten. Es erleichterte die Arbeit, den Außenbereich zu räumen.
Zwei Stunden später war er zufrieden und sicher, dass die Arbeiten bei Sonnenaufgang abgeschlossen sein würden. Er nickte den Leuten anerkennend zu. Inzwischen würde sich Fíli wohl wundern, wo er abgeblieben war. Obwohl es ihm persönlich überhaupt nichts ausmachte, die ganze Feier zu verpassen, wollte er seinen Bruder doch nicht wirklich verärgern.
Auf dem Weg zurück in seine Wohnräume sah er in der Gemeinschaftshalle der Bergarbeiter vorbei, um mit dem Meister der Gilde ein Wort zu wechseln.
''Was führst Du denn im Schilde, während andere die ganze Nacht hindurch feiern?'' Bofur war wie gewöhnlich fröhlich und gut gelaunt, umgeben von lachenden und grölenden Minenarbeitern inmitten in ihren Feiertagsfestlichkeiten.
''Steinschlag, wahrscheinlich absichtlich ausgelöst,'' sagte Kíli mit leiser Stimme.
Bofurs Blick wurde ernst und er zog die Augen zusammen. ''Hast Du Beweise?''
Kíli gab ihm den Stein, den er gefunden hatte.
Bofur hielt ihn hoch, um ihn näher zu betrachten. '' Explosionssplitt, alles voll davon auf dieser Seite,'' sagte er.
''Genau was ich dachte,'' nickte Kíli und nahm einen Krug, dem ihm ein Serviermädchen reichte. Er und Bofur sahen sich bedeutungsvoll an, sagten aber nichts weiter.
''Ich habe große Lust, mir bei Sonnenaufgang einen besseren Überblick zu beschaffen,'' flüsterte Kíli.
''Und ich habe große Lust, Dir dabei Gesellschaft zu leisten,'' antwortete Bofur. Dann wurde ihm bewusst, dass die Jungs um sie herum ihren Meister und ihren Prinzen schon mit großen erwartungsvollen Augen anstarrten. Also hob Bofur seinen Krug: ''Auf Erebor!'' brüllte er.
"M'imnu Durin," antwortete Kíli und hob ebenfalls sein Ale. ''In Durins Namen!'' Er leerte seinen Krug in einem langen Zug, was ihm laute Zurufe der Anerkennung einbrachte und eine allgemeine lautstarke Begeisterung auslöste, und natürlich die Rufe nach mehr Ale. Es zeigte deutlich, dass die Leute sich über den Segen und den Zuspruch ihrer Anführer freuten.
Einen halben Glockenschlag später, dort, in mitten der Bergarbeiter, fanden ihn schließlich Fílis Pagen mit der klaren Aufforderung, dass seine Anwesenheit in der königlichen Halle dringendst erwünscht sei.
''Sagt dem König, dass ich mich um einen Steinschlag zu kümmern hatte und erscheinen werde, sowie ich dort aufgeräumt habe.''
Einer der Pagen trottete davon, doch der andere blieb ungerührt stehen.
Kíli bedachte den Burschen mit dem besten finstersten Blick, den er aufsetzen konnte, doch der Page blieb weiterhin unbeeindruckt. ''Ich habe meine Befehle, Herr,'' erläuterte er dienstbeflissen. ''Ich habe bei Euch zu bleiben bis Ihr in der königlichen Halle eintrefft.''
''Er ist manchmal ein bisschen lästig, mein Bruder,'' seufzte Kìli. Aber er gab es auf, der Angelegenheit weiter aus dem Weg gehen zu wollen und gestattete dem jüngeren Zwerg, ihm in seine privaten Gemächer zu folgen. Dort traf er auf Fílis sehr ungeduldige angehende jüngere Kammerherren, die dafür zu sorgen hatten, dass er für den Anlass angemessen gekleidet wurde.
''Die Königin Frau An lässt Euch mitteilen, dass sie sich außer Stande sieht, ihre Söhne dazu zu bewegen, sich an ihre höfischen Manieren zu halten, wenn ihr Onkel es ignoriert, den Anstand zu wahren und zu erscheinen,'' erklärte der oberste Kammerherr.
Kíli verstand den Hinweis, nahm ein kurzes Bad und begab sich zum Ankleiden zu den Kammerherren.
Sie richteten den Fall seines Umhangs und den Sitz der Spangen und Schnallen an seinem Gewand, als draußen in der Halle ein wildes Geschrei ausbrach, darunter Schreie von sehr jungen und sehr wütenden Stimmen.
Kíli sah den Pagen, der in Bereitschaft stand an. Der Bursche verschwand nach draußen, nur um kurze Zeit später zurückzukehren und zu berichten.
''Die königlichen Prinzen, mein Herr. Es handelt sich wohl um eine Meinungsverschiedenheit mit einigen Jungs, die zu einem der Besucher gehören. ''
Kíli überlegte noch, ob er sich einmischen sollte, als der herzzerreißende Schrei eines kleinen Mädchens in seine Ohren drang, unverkennbar Fílis Jüngste, seine kleiner Tochter Iri.
In der Halle spielte sich ein wildes Handgemenge ab und mit einem wohl überlegten Brüllen gebot er dem Getümmel Einhalt. Der junge Hannar stand beschützend über seiner jammernden kleinen Schwerster, während Fjalar und Gunnar sich gegen einen von zwei untersetzten älteren Jungs zusammengetan hatten, die die Farben der Eisenberge trugen. Diese wiederum hatten Verstärkung von zwei verunsicherten Pagen, die offensichtlich erkannt hatten, dass sie Erebors Prinzen gegen sich hatten.
Kíli erkannte schnell, dass Fjalar im Begriff war, die Oberhand zu gewinnen, aber er wusste, er konnte dem Jungen nicht gestatten weiterzumachen und musste einschreiten. Er ging dazwischen und fischte Fjalar und Gunnar jeweils am Kragen aus der Kampfzone. Er hob die Augenbraue und stoppte Fjalar mit einem eisigen Blick, als dieser sich in einem Wutanfall herumwarf und bereits die geballte Faust erhoben hatte, bevor er merkte, dass er seinen Onkel Kíli vor sich hatte.
Im selben Moment wurde der Junge kreidebleich und sackte so plötzlich in sich zusammen, dass Kíli beinahe lachen musste. Er wusste, der junge Prinz würde es ohne Weiteres jederzeit mit den Kammerherren und Pagen aufnehmen, aber er würde es nicht wagen, sich mit seinem Onkel anzulegen.
Kíli stellte die beiden Jungs auf die Füße, verlangte von allen in der Runde, sich zu entschuldigen, und drohte nicht nur mit 500 Sätzen Strafarbeit beim Schulmeister, sondern auch mit 500 zusätzlichen Liegestützen unter der Aufsicht des Waffenmeisters.
''Aber Onkel,'' protestierte Fjalar, immer noch vor Wut grollend. ''Sie haben ihr weh getan! Sie blutet.'' Er sah zu seinem Onkel mit einem Furcht einflößenden finsteren Blick auf, der Kíli gar nicht mal so sehr an seinen Bruder erinnerte, sondern vielmehr verblüffend deutlich an ihren Onkel Thorin.
Kíli kniete sich hin und hob das schniefende Mädchen hoch. Sie schlang schluchzend die Arme um seinen Hals und klammerte sich an ihn. Er stand wieder auf und fragte seine Neffen, was genau passiert war. Sie hatten die Burschen aus den Eisenbergen für ein paar derbe Kampfspiele in das Spielzimmer der Prinzen geschmuggelt. Aber als der ganze Trubel die kleine Prinzessin angelockt hatte, war sie kurzerhand als Geisel genommen worden. Die Jungs aus den Eisenbergen waren mit ihr in die Hallen entwischt, hatten den Prinzen den Krieg erklärt und zur totalen Schlacht aufgerufen. Eine breite Schramme auf Iris Stirn war Beweis genug, wie rau es bei dem darauf folgenden Angriff zugegangen und wie grob der versehentliche Schlag gegen ihren Kopf gewesen war.
''Ich hole unverzüglich einen Heiler, mein Herr,'' erklärte einer der sehr nervösen Pagen und stürzte davon.
Kíli hatte ein sauberes Taschentuch dabei und tupfte damit das Blut von Iris Kriegsverletzung.
''Kopfwunden bluten immer am schlimmsten, meine Süße,'' erklärte er mit beruhigender Stimme. ''Ich sollte es wissen, ich hatte reichlich davon.''
Iris Schniefen wandelte sich von dem eines verängstigten Kindes zu der Art, welches dafür gedacht war, mehr Mitleid von ihrem Onkel zu erheischen. Kíli kannte das nur zu gut. Und dennoch zerriss es ihm fast das Herz und er versuchte, sie zu trösten, während seine beiden Neffen immer noch vor Wut schäumten und die beiden reichlich zerknirschten Jungs aus den Eisenbergen nicht aus den Augen ließen. Und das trotz der Runde eingeforderter Entschuldigungen. Er erkannte: Erneute Kampfhandlungen konnten jeden Moment wieder ausbrechen.
Er sah den Heiler gar nicht bevor er eine leichte Berührung am Arm spürte. Er dreht sich um und erwartete einen der jungen Lehrlinge vorzufinden… aber es war eine der Oberinnen der Heiler, eine ehrwürdige ältere Dame. Kíli hatte zunächst Schwierigkeiten, sich an ihren Namen zu erinnern. Hrae, Frau von Var, fiel ihm dann ein. Sehr robuste Hand mit der Axt, dieser Kerl.
Die Heilerin konzentrierte sich auf die Schramme seiner Nichte. ''Oh, meine Süße,'' hauchte sie, ''Du hast eine dicke Beule.'' Gewandt nahm sie das kleine Mädel in ihre Arme und nickte den Pagen zu, sie in die Räume der königlichen Kinder zu begleiten.
''Ich habe mich geduckt, aber ich war nicht schnell genug.'' Er hörte, wie seine Nichte drauflos schwatzte. Hrae hatte selber kleine Kinder, erinnerte sich Kíli, als er sie beobachtete, wie sie den einzelnen langen Zopf, den die Heilerinnen traditionell trugen, über ihre Schulter in den Rücken warf.
Augenblicklich wanderten seine Gedanken zu den jungen Heilerin, die er früher am Morgen gesehen hatte, als sie mit der Gruppe aus den Ered Luin eingetroffen war – größer, schlanker und weit weniger vollbusig als die meisten anderen, jugendlich frisch und mit glattem dunklem Haar, zurück gekämmt und zu einem langen Zopf geflochten. Er erinnerte sich an ihre Haltung auf ihrem Pony und wie aufmerksam sie auf die Raben geachtet hatte…
''Mein Herr?'' Er drehte sich um und sah einen der Pagen, der ihn zu den Kammerherren zurück winkte.
''Ja, natürlich,'' sagte er, sich seiner Pflichten bewusst. Was dachte er sich nur? Und wieso musste er ausgerechnet an diese spezielle Reiterin aus den Ered Luin denken? Er lenkte seine Gedanken wieder zurück auf die wichtigen Angelegenheiten.
Nachdem die Jungs in ihre Zimmer geschickt worden waren und die Kammerwachen Verstärkung gegen weiteren kindlichen Unfug erhalten hatten, begab sich Kíli zurück zu den Kammerherren für eine letzte Überprüfung seines Aufzuges, dann entschuldigte er sich, immer noch mit Fílis jungem Pagen im Schlepptau.
Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, auf den Festlichkeiten in der Halle sein freundlichstes Gesicht zu zeigen, aber aus irgendeinem Grunde wanderten seine Gedanken immer wieder direkt zurück zu der jugendlich frischen jungen Heilerin, ausgerechnet aus den Ered Luin. Kannte er sie vielleicht? War ihre Familie hier in Erebor? Er konnte sich nicht erinnern, ihr irgendwann einmal vorgestellt worden zu sein. Aber es war eine Tatsache, dass er nicht mehr jeden einzelnen Bewohner in Erebor kannte. Die Bevölkerung war enorm angewachsen seit dem Fall des Dunklen Herrschers, und sie wuchs jeden Tag weiter.
Aber das Mädchen war nun hier, er hatte gesehen, wie sie angekommen war.
Morgen, so entschloss er sich, würde er mehr als nur eine Frage an die Raben von Erebor haben.
** Summer schreibt als Anmerkung zu diesem Kapitel folgenden Hinweis zum Alter von Fílis Kindern: Fíli und seine Frau An haben vier Kinder. Das sind doppelt so viele, wie es für ein Zwergenpaar üblich ist. Zwerge haben eine viel längere Lebensspanne als die Menschen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie schnell junge Zwerge erwachsen werden, aber wenn man eine Orientierung wünscht, wie man sich Fílis Kinder vorzustellen hat: Fjalar ist etwa vergleichbar mit einem 14-jährigen Jungen unter den Menschen. Gunnar (oder kurz Gunz) entspricht einem 9-10-jährigen. Fíli hat noch zwei jüngere Kinder: Hannar, entsprechend 6 und Iri, sein einziges Mädchen, entsprechend 4 bis 5 Jahre alt. Sie wurden alle während der zurückliegenden 60 bis 20 Jahre geboren, vor dem Ringkrieg.**
Anmerkung des Übersetzers: Wer Lust hat, die Geschichte in zwei Sprachen zu lesen besucht den Account von summerald. Und wer einen durch und durch glücklichen Kíli sehen will, der versuche meine kleine Geschichte unter Jessie152. Viel Spaß!
