Wieder fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Ich blinzle schlaftrunken, in die unendlich lange Nacht. Zumindest kam sie mir unendlich lange vor. Denn ich wachte in dieser Nacht schon zum dritten mal auf und er Mond schien immernoch an der gleichen Stelle zu stehen, wie beim letzten mal.

Frustriert kam ich zu dem Schluss das ich heute Nacht keinen Schlaf mehr kriegen würde.

Ich wühlte mich aus der Decke, und stopfte diese in meinen Rucksack. Schwankend kam ich auf meine Füße und schaute mich in der Umgebung um, bis mir klar wurde wo ich meine Nachtruhe hatte verbringen wollen.

Ich stand in einer dreckigen Gasse von New York City.

Seit ich von meinem unerträglichen Vater abgehauen war waren inzwischen schon Wochen vergangen. Da man sich in einer Gasse höchstens mit dem Urin anderen waschen konnte, war ich so voll Dreck und Gestank verschmiert, dass ich in den Strassen meistens als obdachloses Weisenkind Identifiziert wurde. Was mir eigentlich nicht viel ausgemacht hätte, da die Meinungen anderer mir immer egal waren, hätte dies nur nicht bedeutet das mich alle aus ihren Läden wegjagten. Bevor ich bei Adrian, meinem Vater auszog, habe ich alles Geld mitgenommen, was ich bis dahin gesammelt hatte. Ich hätte Geld, ich könnte mir essen kaufen, würden die Menschen nicht solch eine Angst vor dem haben, was sich in den Gassen rumtrieben. Und so sehr ich das auch zu verdrängen versuchte, ich war ein Gassenkind.

Als ich damals abhaute hatte ich gehofft irgendwo Arbeit zu finden und einen Wohnort. Doch ich musste schmerzlich feststellen, dass niemand ein halbverhungertes, dreckiges, stinkendes Kind ohne Referenzen einstellen wollte. Dies waren zumindest immer die Gründe die sie mir nannten, dabei war ich kein Kind mehr. Auch wenn, würde jemand genauer hinsehen, würde er durch den Dreck hindurch ein verängstigtes, verdächtig junges Mädchen, vorfinden. Mit meiner Kombination aus blauen Augen und rotem Haar wirkte ich tatsächlich sehr jung. Da half es auch nicht viel, dass mein kaputtes T- Shirt - das einmal grün war- und die zerrissenen Jeans, mich wieder älter machten.

Der Horizont färbte sich mittlerweile in einem rötlichen Ton. Als ich stehen blieb und dieses Farbewunder betrachtete, spürte ich wie die Kälte sich noch stärker in mich hinein bohrte als am Abend zuvor.

Der Winter rückte immer näher und ich sollte unbedingt eine Unterkunft finden. Doch je länger ich in Gassen schlief desto weniger wollten die Menschen mich in ihrer Nähe.

Selbst in ein Waisenhaus konnte ich nicht gehen; aus zwei Gründen. Erstens: sie würden mich sofort wieder zu Adrian schicken, und zweitens war ich zu alt um dort unterzukommen können. Hätte ich es bei Adrian noch ein, zwei Jahre ausgehalten, wäre ich nicht mehr minderjährig und könnte einfacher Arbeit finden.

Ich schlang die Arme um meinen Körper und steuerte auf den Central Park zu, denn ich wusste das die Sonne dort stärker schien und hoffte ein wenig Wärme zu spüren.

In meinem Rucksack wühlte ich nach meiner Decke und schlang sie mir um als ich auf einer Bank Platz nahm. Dort richtete ich meinen Blick auf meine Hand. An dessen Ringfinger sich einen Ring befand. Er glänzte silbern und ein Großes geschwungenes G zierte seine verbreiterte Oberseite. Adrian erzählte mir das das G für Garina stand. Garina war meine Mom.

Minuten, sogar Stunden blieb ich dort so sitzen. Ich sah Menschen kommen und gehen. Familien spielten und vergnügten sich bei einem Picknick. Sie lachten… Wann hatte ich das letzte Mal gelacht? Das musste Jahre zurück liegen.

"Ist hier noch frei?"

Ganz erschrocken zuckte ich zusammen. Eine Stimme sprach zu mir? Seit Wochen hatte ich kein Gespräch mehr geführt, doch nun stand ein Junge über mir, höchstens ein, zwei Jahre älter als ich. Durch seine Brille strahlte er mich mit seinen graublauen Augen an. Mein Blick gleitete an ihm hinunter und ich entdeckte bewundernd unter seinem weissen Hemd sein muskelöser Körper.

"War das ein ja?"

Ich zögerte, nickte dann aber.

Der Junge streckte sich und wischte sich seine pechschwarzen Haare aus dem Gesicht. Dann wandte er sich mir wieder zu. "Ich bin Max."

Verwundert blickte ich auf seine Hand, die er mir entgegen streckte.

"Warum sprichst du mit mir? Einem obdachlosem Weisenkind?"

Max nahm die Hand wieder runter. "Warum nicht? Schließlich bist du ja auch ein Mensch. Egal ob du Eltern hast oder nicht. Das war schließlich nicht deine Entscheidung, davon bin ich überzeugt."

"Irgendwie schon." Ich richtete meinen Blick, in Richtung vom Reservoir, dem größten See im Park.

Er beobachtete mich.

Als er eine abrupt Bewegung machte, glaubte ich zunächst, er hätte den Gestank von mir bemerkt und würde nun angewidert davon laufen. Doch das tat er nicht. Er stellte sich wieder vor mich hin, sah mir eindringlich in die Augen und sagte mir: "Mach dir keine Sorgen, es wird alles wieder Gut. Ich werde dir helfen, das verspreche ich dir."

"Was?", gelang es mir noch zu sagen, als er mich auch schon an meinen Schultern packte. Sein Griff war nicht besonders schmerzhaft, aber dennoch unerwartet fest und bestimmt. Natürlich wehrte ich mich dagegen, bis mir Bewusst wurde, dass sich in seinen Augen keinerlei Aggression wahrnehmen konnte. So zwang ich mich zu Ruhe und entspannte ich mich in seinem Griff.

Das hätte ich vielleicht nicht tun sollen, denn in dem Moment warf er mich auf den Boden.

Knapp konnte ich mich mit meiner Hand vor einem harten Aufprall retten. Unwillkürlich wanderte mein Blick auf den Ring, den ich immer noch an meinem Finger trug. Ich holte einmal tief Luft und drehte mich zur Seite. Max stand angespannt über mir. Verwirrt suchte ich Blickkontakt, doch er drehte sich bereits um und zuckte dabei ein Messer.

Mein Ende war gekommen, da war ich mir sicher. Niemand in dem Park würde mir helfen.

Im selben Augenblick ertönte ein dröhnendes Geräusch und das Messer bohrte sich unangenehm nah bei meinem Kopf in den Boden. Eine schwarze Flüssigkeit quoll auf die Erde und sickerte in mein rotes Haar. Am Griff des Dolches welcher immer noch zitternd vor mir im Boden steckte, waren Symbole eingeritzt.

Ich packte den Dolch und richtete mich auf. Wo wenige Sekunden zuvor Max noch stand, schwebte nun eine Insektenartiges Wesen. Nur war es beängstigend groß. Sicher vier Meter ragte es über uns.

"Lauf!", hörte ich Max Stimme. "Nimm den Dolch und lauf!"

Ich tat wie mir gehehissen und rannte los. Das einzig vernünftige wäre dabei gewesen weg zu laufen, doch irgendetwas in mir hatte genug vom davonlaufen. Eine unermessliche Wut, explodierte heiss in meiner Brust.

Meine ganze Wut befand sich in diesem Dolch. Meine Wut über Adrian, der für mich nie der Vater war, den er hätte sein sollen. Meine Wut über die Menschen, die mich in den letzten Wochen wie Abfall behandelten. Meine Wut über die Kinder aus meiner ehemalige Klasse, die mich immer geschlagen hatten. Meine Wut über den Albtraum den mich seit Wochen am Schlaf hindert. Einen lauten Schrei ausstossend, rannte ich direkt auf das Monstrum zu. Mit unkoordinirden Hieben stiess ich mit dem Dolch von Max auf das Insekt ein.

Das Nächste was ich wieder wusste war, dass Max mich in seinen Armen hielt und ich weinte. An meinem ganzen Körper zitterte ich, und das erste mal seit ich New Haven verlassen hatte, nicht weil mir kalt war.