Kapitel 2

~Annie~

So. Das müsste halten. Annie legte ihre Kamera zufrieden vor sich auf ihren Schreibtisch.

Sonderlich ästhetisch sah sie jetzt, mit drei Schichten Klebeband umwickelt, zwar nicht mehr aus, aber ansonsten war das Gerät noch in Takt.

Kritisch beäugte sie denn Fotoapparat.

Ihr war echt das Herz stehen geblieben, als sie ihre, hart ersparte, Kamera auf dem Boden hatte Liegen sehen. Da hatte sie ja noch mal Glück im Unglück gehabt.

Dem Jungen mit dem sie zusammengestoßen war, Finnick, war mit Sicherheit auch ein Stein vom Herzen gefallen. Er hatte darauf bestanden ihr die Kamera zu erstatten, sollte sie wirklich nicht mehr zu retten sein.

Annie hatte sein Angebot sofort abgelehnt, immerhin war das Ganze genauso ihre Schuld gewesen.

Sie lehnte sich in dem einfachen, Holz Drehstuhl zurück. Was für ein Tag.

In ihrer Hosentasche vibrierte ihr Handy.

Annie zog es heraus und blickte auf das Display.

- 1 ungelesen Nachricht, Liz :*-

Liz : Hey Bell... Wie ist der Süden?:D

Bei dem Gedanken an ihre Freundin musste Annie unwillkürlich lächeln.

Elizabeth Cooper war, zusammen mit Clove Miller und Claire vanDyke, eine von Annies besten und ältesten Freundinnen.

Sie kannten sich schon seit fast zwölf Jahren und waren praktisch zusammen aufgewachsen.

Annie: Hey :* ganz ok. Und bei dir? ^-^ Hält Portland was es verspricht?

Liz hatte sich an der Portland State University eingeschrieben. Soweit Annie zurückdenken konnte, wollte Liz schon immer Lehrerin werden, sie konnte wahnsinnig gut mit Kindern. Was sicher auch an ihrer eigenen lebensfrohen, oftmals auch kindischen Art lag.

Liz: Na ja... um ehrlich zu sein schüttet es jetzt seit zwei Stunden wie aus Eimern... Nicht so prickelnd, aber ansonsten ist alles in Ordnung. ;-)

Annie: Du Arme... :-P Um das Wetter muss ich mir in Houston glaub ich keine großen Sorgen machen, ich wurde heute schon mit strahlendem Sonnenschein begrüßt.

Liz: Oh Mann, ich seh's gerade vor mir: du, strahlender Sonnenschein und lauter heiße Typen. *-* Ich hätte mich auch in Houston einschreiben sollen, da gibt es sicher auch ein Education-Programm und nebenbei könnte ich mal so richtig schön an meiner Bräune arbeiten.

Du hasts gut Bell! O.o

Annie: Wenns dich tröstet – von dem was ich bisher gesehen habe, sind die Kerle hier in Texas nicht viel besser als in Oregon B).

Das Zuschlagen der Zimmertür ließ Annie hochfahren.

Ihre Mitbewohnerin, Johanna, stand, mit einem Handtuch durch ihre kurzen Haare wuschelnd, vor ihr.

„Was hast du denn mit der angestellt?", Johanna deutete auf Annies Kamera.

Annie folgte ihrem Blick.

„Ist mir herunter gefallen."

Johanna ging auf ihren Schrank zu, wühlte in ihren Sachen nach einer Bürste und begann sich die Haare zu kämmen.

„Du bist noch nicht mal einen Tag lang hier und hast es schon geschafft deine Kamera zu demolieren, das fängt ja gut an," Johanna grinste.

Annie wusste nicht so recht wie sie Johanna einschätzen sollte. Sie wirkte sehr selbstbewusst, wie jemand, der kein Problem damit hatte offen seine Meinung zu sagen, jemand dem es egal war was andere Menschen von ihm dachten.

Das ziemliche Gegenteil von Annie.

Schon als sie sich kennen gelernt hatten, hatte sich Annie gefragt, ob sie sich mit ihr verstehen würde.

* Flashback *

Als Annie, nach einer ausgiebigen Tour über den Campus, zu Zimmer 503 zurück kehrte, hörte sie schon von draußen, wie jemand im Raum auf und ab ging.

Ihre Mitbewohnerin war nun also angekommen.

Kurz zögerte Annie. Was wenn sie nun überhaupt nicht mit dem anderen Mädchen zurecht kam?

Nervös fuhr sie sich noch einmal durch ihre braunen, schulterlangen Locken.

Du bist 18 Jahre alt, benimm dich auch so!", sagte sie sich und klopfte schließlich an.

Ja?", kam es von Innen.

Langsam öffnete Annie die Tür und spähte hinein.

Auf dem großen, grünen Teppich, in der Mitte des Raumes, stand ein schlaksiges Mädchen.

Sie hatte kurze, braune Haare und trug eine zerrissene Jeans und ein schwarzes Tank Top.

Hi. Ich bin Annie. Ich schätze wie sind Zimmergenossen?", begrüßte Annie sie,

Sieht so aus.", das Mädchen zuckte mit den Schultern. „ Ich bin Johanna, aber nenn mich ruhig Jo."

Unsicher, was sie als nächstes sagen sollte, setzte Annie sich auf ihr Bett.

Jo machte sich weiter daran, den Inhalt ihres Koffers in den Schrank hinter der Tür zu räumen.

Na toll. Peinliches Schweigen.", dachte sich Annie und zupfte nervös an ihrem geblümten Rock.

Sie hasste solche Situationen. Wenn man nicht wusste was und ob man etwas sagen sollte und betete, dass der Andere das Schweigen brechen würde.

Johanna schien kein Problem mit der Stille zu haben und schichtete unbeirrt ein Teil nach dem anderen in den Kasten.

Von draußen drangen Stimmen und Gelächter zu ihnen hinauf, Vögel zwitscherten. Irgendwo fuhr ein Rettungswagen.

Annie hatte sich mittlerweile ihren Fingernägeln zugewandt.

Im Gang hörte man jemanden laufen.

Schließlich wurde Annie das erdrückende Schweigen zu viel.

Und woher kommst du?", sie hatte einen Kloß im Hals und fast schon dachte sie, Johanna hatte sie nicht gehört.

Ich komme aus Portland, Kalifornien. Und du?"

Astoria, Oregon"

* Flashback Ende *

Annie beschloss auch erst mal duschen zu gehen, schnappte sich ihren Toilettenbeutel und verließ das Zimmer.

…...

„Guten Tag und herzlich Willkommen zu Fotogeschichte Grundkurs eins."

Ein hagerer, kleiner Mann mittleren Alters betrat Hörsaal 2.

Er hatte braunes, lichter werdendes Haar, eine Hakennase und wässrige Augen. Unter dem Arm geklemmt trug er eine heruntergekommene, braune Ledertasche, die aussah als berste sie gleich, so voll gestopft war sie.

„Mein Name ist Eliah Armstrong. Lassen Sie uns beginnen."

Ohne weitere Umschweife stellte sich Professor Armstrong nach vorne, legte seine Tasche auf das Pult und wühlte darin nach einem USB-Stick mit dem er eine umfassende Power Point Präsentation zum Stoff des ersten Semesters startete.

Annie versuchte alles in sich auf zu saugen, was der Professor von sich gab und machte sich hie und da Notizen.

Eliah Armstrong hatte eine schrecklich monotone Art Vorträge zu halten und so war Annie nach dem sie den Kurs verließ alles andere als begeistert.

Ihr war von Anfang an klar gewesen, dass es, so sehr sie die Fotografie auch liebte, in diesem Studium Fächer geben würde die ihr schwer fallen und nicht gefallen würden.

Fotogeschichte gehörte nun offiziell auch zu diesen Fächern.

Ziemlich niedergeschlagen steuerte Annie auf die Starbucks Filiale des Campus zu.

Sie wollte sich erst mal eine Auszeit nehmen bevor am Nachmittag ihr Bildbearbeitungskurs startete.

…...

~Finnick~

Finnick ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie nervig Freie Literatur ist.", klagte er „ Und dabei liegt es ja noch nicht mal am Fach! Professor Stanley ist einfach so dermaßen anstrengend! Er redet ununterbrochen nur von sich selbst! Den ganzen Vortrag über! Und sein Lachen erst! Ich dachte echt ich geh ihm an die Gurgel!", Finnick ließ sein blaues Literatur Buch auf den Schreibtisch fallen, ehe er sich auf sein Bett warf.

Thresh lungerte ihm gegenüber auf seinem eigenen Bett und sah ihn über den Rand seines grauen Laptops belustigt an.

„Das Cohen eine Pfeife ist weißt du aber nicht erst seit heute."

„Nach den Ferien hatte ich es verdrängt."

Finnick legte sich auf den Rücken, den Arm über den Augen.

Thresh wandte sich wieder dem Gerät vor ihm zu. Wahrscheinlich arbeitete er wieder an einer Firmenstatistik. Ganz vertieft in seine Arbeit, mit seiner Lesebrille auf der Nase, sah er aus wie ein Wirtschaftsstudent aus dem Bilderbuch. Aber bei einem Blick auf sein Metallica T-Shirt und die zerschlissene Jeans, wurde dieser Eindruck sofort überholt.

Plötzlich gab Finns Handy ein kurzes Piepen von sich. Finnick richtete sich auf und griff danach. Als er die Nachricht las, lachte er in sich hinein.

Thresh sah neugierig zu ihm herüber."Was?"

„Jo. Sie lädt uns in ihr Zimmer ein. Sie sagt, und ich zitiere: Meine Mitbewohnerin ist gerade wieder ins Zimmer zurück gekommen. Zeit unsere Wette aufzulösen."

„Na dann!"Thresh klappte seinen Laptop zu und legte ihn zu seinen Büchern auf den Schreibtisch.

Finnick hievte sich ebenfalls von seinem Bett auf.

„Ich hoffe echt, sie studiert nicht Fotografie.", Finn drückte die Tür auf und die beiden Jungen machten sich auf den Weg zwei Stockwerke tiefer, zu Zimmer 503.

„Du sprichst mir aus der Seele, Alter! Jo wirkt wie jemand mit Visionen." Thresh zog das letzte Wort lang und sah seinen Mitbewohner bedeutend an.

„Du hast ja keine Ahnung! Glaub mir. Das Mädchen kennt keine Gnade."

„Aber vielleicht hat Jo ja auch gar nicht gewonnen und wir machen uns ganz um sonst Sorgen.",meinte Thresh bemüht optimistisch.

Mittlerweile hatten sie Johannas Zimmer erreicht. Thresh klopfte kurz, fest an.

Sie hörten wir jemand zur Tür lief und schließlich blickten sie in Jos grinsendes Gesicht.

„Da seit ihr ja!" Sie trat einen Schritt zurück und öffnete ihnen gut gelaunt die Tür.

Finnick und Thresh ließen sich nicht lange bitten und traten gespannt ein.

Auf dem linken der beiden Schreibtischstühle saß ein zierliches Mädchen.

Finnick erkannte sie sofort. Die dunklen, wirren Locken hatte sie im Gegensatz zum Vortag zusammen gebunden. Und statt dem grauen Jeansrock und dem weißen T-Shirt trug sie nun ein lindgrünes Sommerkleid aber trotzdem war es unverkennbar.

Das Mädchen mit dem er am Vortag zusammen gestoßen war, war Johannas Mitbewohnerin.

Das hieß dann also auch...

„Fotografie, nicht wahr?" Finnick sah Annie fragend, mit einem resigniertem Gesichtsausdruck an.

…...

„Ihr habt also eine Wette über mein Hauptfach abgelegt?", wiederholte Annie, was ihr eben erklärt worden war.

„Genau.", Thresh, der mittlerweile auf Johannas Schreibtischstuhl saß, nickte ihr zu.

„Und ich hab gewonnen.", triumphierend grinste Jo in die Runde.

„Okay." Annie runzelte die Stirn. „Was war der Preis?"

„Ich darf für die beiden eine wunderschöne Aufgabe aussuchen." Mit einem zufriedenen, nahezu sadistischen Gesichtsausdruck, ließ sich Jo auf ihr ungemachtes Bett fallen.

Die Jungen stöhnten auf.

Annie musste kichern. „Literatur? Ernsthaft?"

Thresh prustete auch los. „Ja, ich meine hätte doch sein können."

Sie grinsten sich an.

„Wisst ihr was eigentlich nur fair wäre?" Finnick sah fragend in die Runde. „Ich finde, da wir mit dieser Wette quasi in Annies Privatsphäre eingedrungen sind, wäre es nur gerecht, sie mit einzubeziehen. Sie sollte zusammen mit Jo die Aufgabe auswählen." Siegessicher verschränkte er die Arme.

„Oh ja! Genau! Sozusagen als Entschädigung!" Thresh wusste sofort worauf Finnick hinaus wollte.

Jo musterte die Sophomores skeptisch. Ihr war klar was sie sich von dieser Regeländerung erhofften. Ihr Blick schweifte zu Annie. Wenn sie Pech hatte, würde ihr ihre Mitbewohnerin den ganzen herrlichen Plan versauen.

Da jedoch bemerkte sie das verheißungsvolle Glitzern in Annies blau grünen Augen.

Vielleicht war sie ja gar nicht so unschuldig, wie sie auf den ersten Blick wirkte?

Stille Wasser waren ja bekanntlich tief.

„Okay. Ich bin dabei.", Jo nickte kurz und zustimmend.

Auf Annies Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus. Das würde bestimmt noch lustig werden.

...

Das ist dann also Kapitel Nummer 2! ^-^

Bis hierhin würd ich mal sagen, war das ganze eher noch eine Einleitung.

Ab dem nächsten Chapter also Action!

Wieder - bitte fleißig reviewn. Ist echt frustrierend, wenn sich keiner meldet.

LG :*