Mittlerweile standen die Sterne am schwarzblauen Himmel, während sich Dunkelheit und Stille
über das Schiff gelegt hatten. Einzig im Aufenthaltsraum brannte noch Licht und auch nur von dort
waren noch Stimmen zu hören.
Die gesamte Crew, einschließlich ihres Kapitäns und ihres neusten und zudem ersten weiblichen
Crewmitgliedes, saßen zusammen am Tisch. Lachten, tranken Sake, spielten Karten.
Vestra war in der Runde die Einzige, die weder Pokerkarten noch Sake in der Hand hielt, sondern
sich stattdessen dezent im Hintergrund hielt und insgesamt sehr froh darüber war, mehr oder minder
ignoriert zu werden.
Die Feier zog sich noch über Stunden bis in die tiefste Nacht hinein hin. In diesen die junge Frau stumm auf ihrem Stuhl zwischen Aizen und Kapitän Ace saß, hin und wieder an dem vor ihr abgestellten Glas Fruchtsaft nippte und das wirre Kartenspiel sowie die immer lauter werdenden Gespräche verfolgte.
Insgesamt befand sie die Situation nach kurzem Überlegen, trotzdem allem als recht angenehm. Zwar war ihr ein wenig seltsam zu Mute, aber sonst ging es eigentlich. Sie hatte es sich bei Piraten definitiv schlimmer vorgestellt.
Zumindest bis Aizen links neben ihr sich wieder an ihre Anwesenheit zu erinnern schien. Er drehte sich zu ihr um und meinte mittlerweile leicht lallend: „Du musst nicht rumsitzen, wenn du willst, kannst du ruhig mitspielen."
„Ich kann nicht pokern", war Vestras einsilbige Antwort, ehe sie sich fast schon demonstrativ nach vorn und somit von ihm weg drehte und sich wieder ihrem Saft und ihren Gedanken widmete. Allerdings gab der Blonde nicht so leicht bei, da er ihr auf die Schulter tippte, um wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Wir können es dir sicher beibringen, wenn du magst."
Die Blonde schüttelte stur nur den Kopf. „Kein Bedarf."
Anscheinend war ihre kleine Diskussion nicht ganz unbemerkt an den anderen Anwesenden vorbei gegangen, denn nun schaltete sich ein Braunhaariger von der anderen Seite des Tisches ein. „Dann erzähl doch mal was vor dir, Kleine." Darauf folgten nur einstimmiges Nicken und Zustimmungen von allen am Tisch sitzende.
Von Vestra einmal abgesehen, denn diese sah sich nun fast schon ängstlich im Raum um. Die ganze Situation begann gerade sie zu überfordern, zumal sie nicht wusste, was sie jetzt tun sollte. Oder was man von ihr hören wollte.
Wenn nicht alle männlichen Anwesenden bereits angetrunken gewesen wären, hätte vielleicht einer von ihnen bemerkt, wie unwohl sich das Mädchen fühlte und hätte dafür gesorgt, dass man sie nicht weiter drängte, sondern sie stattdessen einfach wieder still und unbeachtet an ihrem Platz sitzen gelassen. Da der Sakevorrat an diesen Abend allerdings bereits deutlich dezimiert worden war, konnte man mit solcher Empathie nun wirklich nicht mehr rechnen.
Schließlich schien sich das Mädchen auch geschlagen zu geben. Sie starrte stur auf den Tisch, ehe sie tief Luft holte.
Stille.
Alle Blicke lagen abwartend auf ihr.
Noch mehr Stille.
„...Was soll ich denn erzählen?", war schließlich alles was sie unsicher heraus brachte.
„Na ja, wie du heißt, wo du herkommst, wie alt du bist. Solche Sachen eben", meinte Aizen neben ihr nur Schulterzuckend.
Sie nickte nur unmerklich. „Mein Name ist Vestra und ich bin vor einem Monat 17 Jahre alt geworden. Meine Heimat liegt...", sie überlegte kurz, „nahe der Insel Jaya auf der Grand Line."
Ein wenig unsicher blickte das Mädchen in die Runde, als sie geendet hatte. Man schien sich mit ihrer leisen und kurzen Vorstellung zufrieden zu geben. Oder zumindest blickte niemand sie mehr abwartend an. Stattdessen hatte sich jeder wieder seinen eigenen Gesprächen zugewandt, während zusätzlich über die Wiederaufnahme des Kartenspieles diskutiert wurde.
Innerlich aufatmend beim Gedanken, dass sie es vorerst wohl hinter sich hatte, wollte die junge Frau sich bereits zurücklehnen und wieder nach ihrem Saft greifen, als sie die Stimme ihres Kapitäns neben sich hörte. „Ves? Wenn du von der Grand Line stammst, warum hast du dann bei dem alten Mann gelebt?"
Sie zögerte und schien sich ihre Worte genau zurechtzulegen, ehe sie antwortete: „Er hat mich nach einem Unfall gerettet, als ich ins Meer gestürzt war. Allerdings konnte ich nicht mehr zurück, daher bin ich bei ihm geblieben."
Der Schwarzhaarige nickte verstehend. In seinen dunklen Augen glänzte bereits die Neugier, doch zu Vestras Überraschung fragte er nicht weiter. Unbewusst breitete sich ein dafür dankbares Lächeln auf ihren Zügen aus, was den jungen Mann vor ihr zum grinsen brachte. „Na du kannst ja doch lächeln!", stellte er fröhlich fest.
Augenblicklich weiteten sich ihre grünen Augen und sie blickte ihn völlig überrumpelt an, während sich ihre Wangen dezent Rot färbten. „Das solltest du definitiv öfters machen, Ves." Und die Röte intensivierte sich nur.
Die Uhr ging gen Mitternacht. Noch immer feierte man im Aufenthaltsraum ausgelassen. Noch ausgelassener als zuvor, auch da die Sakevorräte in den vergangenen Stunden noch stärker verringert wurden. Der gemeinsame Abend, war regelrecht in eine Party ausgeartet.
Lieder wurden laut und schief gegrölt, während die ersten Crewmitglieder das Tanzbein schwangen.
Ves hingegen sah nahezu unbewegt auf ihren Platz. Arme auf der Tischplatte, Kopf auf den Händen abgestützt. Und ein amüsiertes Lächeln auf ihren Lippen. Neben ihr saß Ace. Durch den Alkoholeinfluss schon halb in den Suhl gesunken und sich die Seele aus dem Leib lachend beim Anblick seiner tanzenden Crewmitglieder. Die Blonde musste zugeben, es war ein seltsamer, abetr durchaus unterhaltsamer Abend.
Mit einem letzten Blick auf die Möchtegerntänzer erhob sie sich so leise wie möglich von ihrem Stuhl, in der Hoffnung nicht wieder alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein Mal am Tag reichte vollkommen.
Jedoch, kaum, dass sie den Stuhl vorsichtig wieder an den Tisch geschoben hatte, lagen bereits alle Blicke auf ihr. Der Lärm schwächte ab, doch zumindest breitet sich nicht wieder Stille aus. Sie lächelte schwach und müde. „Es ist wirklich spät. Ich würde gern schlafen gehen." Damit griff sie nach ihrem Rucksack, der am Tischbein lehnte und war schon auf dem Weg zur Tür, als sie mit einem mal stehen blieb. Langsam drehte sie sich um, einen fragenden Ausdruck im Gesicht. „Um, Kapitän? Wo soll ich eigentlich schlafen? Mit der restlichen Crew in der Mannschaftskajüte?"
Und mit einem Mal fiel der ganze Raum in unangenehme Stille. Anscheinend hatte bisher keiner darüber nachgedacht. Oder es sich nicht zu fragen getraut.
Alle Blicke richteten sich auf Ace, der in alle Ruhe von seinem Stuhl aufstand und leicht schwankend ein paar Schritte in Richtung der Blonden machte. „Also, ich glaube, es gibt zwei Möglichkeiten, auch da der alte Mann gemeint hat, dass du so deine Probleme mit Fremden hast. Die eine wäre, dass du bei den Anderen schläfst. Und die andere, dass du mit in meiner Kajüte schläfst. Immerhin scheinst du mit mir ja kein Problem zu haben."
Erneut Stille.
Angespannte, erdrückende Stille legte sich nun endgültig über alle Personen im Raum.
Jeder Blick war nun wieder auf Vestra und ihre Antwort gerichtet. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich allerdings eher gen Boden, denn diesen starrte sie stur an, als sie antwortete: „Ich denke, ich werde bei dir in der Kajüte schlafen, Kapitän."
Mit diesen Worten drehte sie sich wieder um, öffnete die Tür und verließ den Raum. „Gute Nacht." Danach fiel die Tür knallend ins Schloss.
Kaum, dass sie sich auf dem Deck befand, umhüllte tiefste Finsternis die Blonde. Vorsichtig tastete sie sich an den Wand entlang. Schritt für Schritt in die Richtung der Kajüte ihres Kapitäns.
Die Wellen rauschten laut und schlugen gegen den Bug. Mit einem schnellen Blick nach oben, stellte sie enttäuscht fest, dass man keinen einzigen Stern sehen konnte. Am Kap der Zwillinge waren sie jede Nacht sichtbar gewesen. Dort war es auch bedeutend wärmer gewesen. Hier auf dem offenen Meer fror sie. Der Wind war in den letzten Stunden aufgefrischt und fegte nun kalt über das Schiff hinweg, während sich eine Gänsehaut über ihren gesamten Körper ausbreitete.
So war sie auch dankbar, als ihre Fingerspitzen die gesuchte Tür ertasteten. Schnell drückte Vestra sie nach innen auf und schloss sie hinter sich. Hier war es gleich viel wärmer.
Mit vorsichtigen Schritten suchte sie sich ihren Weg. Trotzdem wäre sie zwei Mal fast hingefallen, wenn sie nicht in letzter Sekunde ihre Balance wiedergefunden hätte. Neben dem Bett des Schwarzhaarigen ließ sie ihren Rucksack zu Boden fallen. Ein kurzer Blick über ihre Schulter in Richtung Tür, ehe sie sich so rasch wie möglich umzog.
Ihre Kleidung sorgsam neben sich zusammenlegend, blickte sie einen Moment überlegend in die Schwärze, ehe sie schwach den Kopf schüttelte. Was dachte überhaupt darüber nach sich in das Bett neben sich legen zu wollen? Sie war ein neues Crewmitglied ohne Status oder Rechte hier an Bord.
Mit diesem Gedachten zog sie den dünnen Mantel, den Krokus ihr vor einigen Monaten geschenkt hatte, aus dem Rucksack, breitete ihn so gut es ging über sich aus und zog ihre Tasche als Kopfkissen zu sich.
Nur wenige Minuten später fielen bereits die Augen zu.
Eine Viertelstunde später betrat Ace leise seine Kajüte. Seiner Ansicht nach hätte Ves jetzt wirklich genug Zeit gehabt haben müssen, um sich umzuziehen. Im ersten Moment konnte er das Mädchen gar nicht sehen. Und war so auch wirklich überrascht sie nach genauerem Hinsehen schlafend am Boden liegen zu sehen. Einen Mantel als Decke über sich ausgebreitet und ihrem Rucksack als Kopfkissen nutzend.
Irgendwie hatte er fast damit gerechnet, dass sie sich einfach in sein Bett legen würde. Auch weil er eigentlich immer davon ausgegangen war, dass ein Mädchen niemals freiwillig auf hartem Boden schlafen würde. Zumindest nicht in seiner Sicht der Dinge.
Mit leisen Schritten durchquerte er den Raum und blieb zwischen seinem Bett und ihr stehen. Unschlüssig sah er auf sie hinab, ehe er ergeben seufzte. Vorsichtig tauchte er ihren Mantel, gegen eine eigentlich für sie mitgebrachte Decke aus und mit sehr viel Mühe und Fingerspitzengefühl auch ihren Rucksack gegen ein richtiges Kissen, ohne, dass Ves aufwachte.
Doch irgendwie stolz auf sich selbst für diese feinmotorische Leistung ließ er sich danach selbst ins Bett fallen.
