A/N: Hier nun das erste richtige Kapitel. An dieser Stelle muss ich eine wichtige Danksagung aussprechen: Liebes Synonym-Wörterbuch, ich bin dir sehr dankbar, dass du aus der Bold Lady die Furchtlose Donna gemacht hast! Freche Dame klingt einfach mehr nach einem Cocktail als nach einem stolzen Segelschiff...
Kapitel 1
Ankunft in Minas Tirith
Die Straßen der Stadt waren überlaufen, wie meist zur Mittagszeit. Massen von Menschen drängten sich von einem Ring in den nächsten um ihre täglichen Besorgungen zu machen, ihrer Arbeit nachzugehen oder rechtzeitig zum Essen zuhause zu sein.
Das Bild der Stadt war seit einigen Jahren dauernd im Wandel. Seit mit Aragorn endlich wieder ein König über Gondor und Arnor herrschte, erblühte die Hauptstadt wieder zu altem Glanz und aus dem ganzen Land kam man herbei um an diesen großen Veränderungen teil zu haben.
Auf den großen Straßen war der Lärm so immens, dass man meinte seine eigenen Gedanken nicht mehr zu verstehen. Rufende Menschen, klappernde Karren und das Getrappel und Scharren von Pferdehufen auf trockenem Pflasterstein übertönte jedes Gespräch.
In den Seitengassen war es nicht ruhiger, hier hatten die Händler ihre Stände und preisten lautstark das beste Gemüse diesseits des Nebelgebirges und die beste Seide aus den Häfen Pelargirs an.
Der Sommer war heiß und trocken und so vermengte sich die Luft zu einem Zähen Nebel aus Gewürzen, Pferdemist und Schweiß. Den Menschen schien das Chaos in dem sie sich tummelten nicht aufzufallen, aber dem Elben, der auf seinem braunen Pferd versuchte die Veste am höchsten Punkt der Stadt zu erreichen war dieses Schauspiel zuwider.
Mit einer Geduld, die wohl nur dem schönen Volk zu eigen war steuerte er seinen geduldigen Hengst Meter um Meter seinem Ziel entgegen.
„Man sollte doch meinen, die Leute hätten Besseres zu tun, als hier im weg zu stehen!", brummte eine dunkle Stimme in seinem Rücken und Legolas musste widerwillig lächeln.
„Warum so missmutig Herr Zwerg? Nun sind wir bereits so weit gereist, da werden wir ja wohl auch dieses eine Hindernis noch überstehen.", gab Legolas gutgelaunt zurück und entschied sich seinen eigenen Unmut über das hege Treiben auf den Straßen von Minas Tirith erst mal für sich zu behalten.
Gimli rutschte hinter ihm ungeduldig im Sattel umher und beschwerte sich weiter: „Ich wäre sicherlich besser gestimmt wenn ich nicht seit anderthalb Tagen ohne Unterbrechung auf diesem Gaul sitzen müsste, weil ein gewisser Elb es sich in den Kopf gesetzt hat noch heute bei Aragorn anzukommen!"
Legolas grinste einfach weiter vor sich hin, schließlich konnte er seinem Freund kaum widersprechen. Als er gestern Nacht unter den Sternen lag packte ihn auf einmal dieses unerklärliche Bedürfnis ihre Reise so schnell wie möglich fortzusetzen. Irgendetwas schien ihn in die Stadt zu ziehen und er war äußerst gespannt darauf zu erfahren was es war.
Da traf es sich gut, dass er und Gimli nach ihren Wanderungen durch Fangorn bereits auf dem Weg nach Minas Tirith waren.
Am Straßenrand sah er drei Männer, die mit einer Leiter Lampen an den Häusern der Hauptstraße aufhingen. Als er sich umblickte entdeckte er noch zwei weitere Grüppchen, die derselben Tätigkeit an verschiedenen Punkten der Straße nachgingen.
Jedes Jahr, wenn sich der Sommer dem Ende neigte, stellten Lampenmacher aus ganz Gondor ihr Können zur Schau und badeten die Stadt im goldenen Licht von tausend Lampen, die überall in den Straßen und an den Häusern angebracht wurden. Für die Gelehrten in den Häusern der Heilung bedeutete dies jedes Jahr eine arbeitsreiche Nacht, weil sich die jungen Männer in ihrem ungestümen Verlangen den Damen zu gefallen regelmäßig Verbrennungen zuzogen. Aber für alle anderen war es ein außerordentlich schönes Fest.
In seinem Bestreben so schnell wie möglich nach Minas Tirith zu gelangen war ihm völlig entgangen, dass heute Abend das Fest stattfinden würde. Im Palast wurden bestimmt bereits Vorbereitungen für ein Festbankett getroffen. Mit dem Gedanken an ein Mahl, das aus mehr bestand als Trockenfrüchten, gepökeltem Fleisch und Lembas, trieb Legolas seinen Hengst mit einem Stoßen in dessen Flanken schneller voran.
Nach einer gefühlten Ewigkeit durchquerten sie endlich das Tor des sechsten Ringes und Legolas steuerte die Stallungen an. Der Zwerg mit seiner riesigen Streitaxt und sein elbischer Freund waren schon lange keine unbekannten Gesichter mehr und die Burschen in den Stallungen überschlugen sich beinahe in ihren Bemühungen den beiden Helden zu Diensten zu sein.
Nachdem Legolas bereits zum dritten Mal versichert hatte, dass sie den Weg zum Palast allein finden würden, warf er sich ihre Satteltaschen über die Schulter und machte sich gemeinsam mit Gimli auf den Weg in den letzten Ring wo sie die Halle des Königs und hoffentlich auch den dazugehörigen König finden würden.
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Etwa zur selben Zeit legte im Hafen von Harlond die Furchtlose Donna an. Geladen hatte sie Fässer voll Wein aus Khand, Perlen aus Tolfalas, Weizen, Wolle und eine Hand voll Reisender. Einer von ihnen war Baan Planus, ein Abenteurer dem man nachsagte, er könne einen Wirt dazu überreden ihn sein bestes Fass Wein zu schenken und sich auch noch dafür zu bedanken. Natürlich war das ausgemachter Unsinn, aber es war nun mal die Art von Geschichte, die man über gutaussehende Diebe erzählt, wenn sie die Stadt lange genug verlassen haben. In Wahrheit hatte er das Fass geleert, die Tochter des Wirts entjungfert und war dann heimlich bei Nacht abgehauen.
Baan schüttelte seinen Kopf und packte weiter seine Taschen. Wenn er schon über solche Dinge nachdachte, hatte er wirklich zu viel Zeit. Über zwei Wochen waren seine Begleiterin und er nun mit der Furchtlose Donna unterwegs und er konnte den Kutter nicht mehr sehen. Er verstand nicht wie Seeleute immer von Freiheit sprechen konnten, wenn sie im Grunde doch nur auf dem bisschen Platz lebten, den ihnen das Schiff bot und die Orte sahen, die ihr Kapitän ansteuerte. Wenn Baan auf sein Pferd stieg befahl ihm keiner wohin er reiten müsste.
Nun ja, abgesehen von der schönen Frau, die sich in diesem Moment neben ihn stellte und ihn erwartungsvoll ansah.
„Ist der Herr nun endlich bereit an Land zu gehen oder wollt Ihr erst noch eure Stiefel polieren?", fragte sie spöttisch und spielte damit auf seinen Wunsch an, die Reste an Frischwasser, die er organisieren konnte für ein, nennen wir es mal Bad, zu nutzen und sich frische Hosen und ein Hemd, dass nicht nach verrottetem Aal stank anzuziehen, bevor sie von Bord gingen.
„Warum so mürrisch, Liebes? Hast du es so eilig wieder im absoluten Nirgendwo zu versinken? Ich, für meinen Teil, könnte gut noch ein, zwei Tage auf ein Bett aus feuchtem Waldboden verzichten." gab er unverwandt zurück. „Das ist nicht unbedingt meine Vorstellung von Romantik." fügte er mit einem frechen Grinsen hinzu, welches nur mit einem Augenrollen belohnt wurde. Lianna schwang sich ihren eigenen Beutel über die Schulter und machte sich auf zum Frachtraum, von dem aus sie an Land gehen konnten. Baan blickte sich noch einmal in dem großen Raum um, den sie sich mit den anderen Reisenden und der Mannschaft geteilt hatten. Er würde diese modrige Schüssel sicher nicht vermissen.
Im Rumpf des Schiffes ging es hektisch zu, die Fracht musste schnell abgeladen werden, vieles davon würde für das Fest heute Abend benötigt. Einiges sogar für das Bankett des Königs, erzählten sich die Matrosen. Baan hatte Schwierigkeiten Lianna zu folgen, die Männer machten der hübschen Frau platz, die ihnen den ein oder anderen Abend mit einem Lied verkürzt hatte, Baans Charme hatte leider nicht den gleichen Effekt.
Als sie endlich aus dem stickigen Rumpf des Schiffes traten wurden sie von strahlendem Sonnenschein und dem Lärm eines geschäftigen Hafens begrüßt. Kaum an Land band Lianna sich ihren braunen Schleier um, um ihre spitzen Ohren zu verstecken. Für den gemeinen Mann, der sich selten einem Elben gegenüber sah, war dies das auffälligste Zeichen ihrer Herkunft. Auf dem Schiff war es ihr unmöglich sich zu verstecken, aber in der Stadt zog sie es vor nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Für eine Elbe war sie überraschend klein, sie reichte Baan gerade bis zum Kinn, aber die bernsteinfarbenen Augen, das schlanke Gesicht und die makellose Haut waren ein deutlicher Hinweis auf ihre Abstammung. Wenn sie ihr Haar nicht unter einem Tuch versteckte, fiel es in dunkelblonden Locken, die in der Sonne golden funkelten, bis zu ihrer Taille hinab. So verschleiert und im ihrem hellen, schmucklosen Kleid aus Leinen würde sie kaum auffallen. Zumindest solange niemand genauer hinsah.
Baan selbst sah keinen Grund für Geheimnistuerei, die Leute sollten ruhig sehen was er zu bieten hatte. Seine schwarzen Hosen steckten in dunkelbraunen Stiefeln aus feinstem Büffelleder, wie sie von den Gerbern der Haradrim hergestellt wurden, mit weiter Krempe und einem Schutzzauber, der direkt über der Sohle eingebrannt war, um die Schritte des Trägers zu segnen. Über dem schlichten, weißen Hemd trug er eine Jacke aus dunkelrotem Brokat und einen schwarzen Schal, der ihn bis vor kurzen vor den Sandstürmen in Harad schützte. Doch das Herausragendste war das geschwungene Talwar an seiner Seite. Das Heft war mit Silber beschlagen und mit einem floralem Muster verziert, der Knauf in Form einer Rose geschmiedet. Die Klinge war aus dunklem Stahl und sieben erbsengroße Rubine waren in die Blutrinne eingelassen. Er trug die Klinge in einer hölzerne Scheide, die mit schwarzem Samt bezogen und auch am oberen und unteren Ende mit einer silbernen Verzierung beschlagen war. Für das Geld, das ihm diese Waffe eingebracht hätte, könnte er sich jede Hure in Minas Tirith kaufen und mit ihnen in einem stattlichen Haus wohnen.
Bei dem Gedanken legte Baan eine Hand liebevoll auf den Knauf seiner Waffe und zwängte sich weiter durch den Menschenstrom. Der Hafen war der beste Ort um Fisch und manchmal auch andere Güter direkt vom Schiff zu kaufen, bevor ein Händler sich zwischenschaltete und den Preis gehörig anhob, und dementsprechend geschäftig, obwohl gut eine Stunde von der Stadt entfernt gelegen.
„Wir sollten uns in Richtung Hauptstraße begeben, dort finden wir bestimmt einen Händler, bei dem wir unsere Vorräte auffüllen können und vor den Toren der Stadt gibt es auch immer irgend wen, der ein paar Pferde loswerden möchte. Wenn wir uns aufteilen sind wir noch vor Einbruch der Nacht wieder auf der Straße und müssen die Stadt gar nicht erst betreten.", schlug Lianna vor und riss ihn damit aus seinen Gedanken.
Baan verneinte den Plan mit einem Kopfschütteln: „Das ist doch Unsinn! Die Waren und Pferde sind im Moment bestimmt doppelt so teuer, weil wegen des Festes so viele Fremde in der Stadt sind. Außerdem will ich nicht die Nacht durch reiten, das ist gefährlich und schlecht für mein Gemüt. Warum suchen wir uns nicht für zwei Nächte ein Gasthaus am Stadtrand? Die sind zwar schäbiger, aber auch billiger und für einen Pfennig mehr erfährt auch keiner etwas von unserer Ankunft." Lianna runzelte die Stirn. Ihr war die Logik hinter Baans Plan klar, allerdings hätte sie lieber so schnell wie möglich einiges an Abstand zwischen sich und Minas Tirith gebracht. Seit zwei Tagen hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass etwas in dieser Stadt sie erwartete, etwas das mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte. Nun war Lianna jedoch einige der wenigen Elben, der ihre Vergangenheit getrost fern bleiben konnte.
„Ich spendiere dir heute Abend auch einen Krug vom besten Bier in Mittelerde!", setzte Baan nach und sah sie dabei so hoffnungsvoll an, dass sie einfach nicht anders konnte. Nach einigem Zögern nickte sie und lies sich von Baan weg vom Hafen und auf die gepflasterte Straße nach Minas Tirith führen. Er hatte ja Recht, keinem war geholfen, wenn eines ihrer Pferde in der Dunkelheit stolperte und sich ein Bein verletzte oder er den ganzen nächsten Tag verstimmt und wortkarg war.
Der Weg über den Pelennor war nicht lang und seit der Krieg beendet und die große Mauer, Rammas Echor, um das Stadtgebiet wieder im Aufbau war, auch völlig ungefährlich. Überall bauten die Menschen ihre Höfe wieder auf und das Land erblühte von neuem. Im Vorbeigehen kaufte Baan bei einem rundlichen Bauer, der soeben sein Hoftor anstrich, zwei Äpfel und reichte Lianna einen davon. Nach etwa einer Stunde erreichten sie das Stadttor und Baan betrat zum ersten Mal seit 14 Jahren die Stadt in der er geboren wurde.
Seit seinem letzten Aufenthalt in der Stadt hatte sich viel getan. Die Straßen waren voll von Menschen und Händlern aus Gondor und den umliegenden Ländern. Er hatte natürlich gehört, dass der neue König Elessar Telcontar Friedensverhandlungen mit Khand und Harad führte, aber er hätte niemals erwartet bereits Waren und Händler aus diesen Ländern auf den Straßen zu sehen. Sie waren vereinzelt, aber wenn man darauf achtete vielen einem die südlichen Einflüsse deutlich auf. Gondor, als Schlüsselpunkt zwischen dem Süden und dem Rest von Mittelerde, hatte im letzten Krieg eine schwierige Position mit vielen Fronten gehabt, aber jetzt profitierte seine Wirtschaft als Zwischenhändler und Marktplatz enorm von seiner Position. Und der König schien diesen Umstand gut auszunutzen indem er den Hafenstädten Pelargir und Osgiliath besondere Beachtung schenkte und das Netz der großen Handelsstraßen in ganz Gondor sanierte und ausbaute.
Sie verließen dir große Hauptstraße in Richtung des südlichen Ringes und durchquerten einige kleine Gassen, in denen vor allem die billigen Schenken, Bordelle und Gerber ansässig waren. Die respektablen Gasthäuser und Handwerker sowie die einfachen Wohnhäuser befanden sich alle im zweiten Ring. In den Ringen darüber hatten der Adel und das Bürgertum ihre Häuser. Im sechsten Ring dann fanden sich die Hallen der Heilung, die Stallungen des Palastes und die Häuser der Stadtwache bevor sich am Gipfel der Stadt die Hallen des Königs und der weiße Baum erhoben.
Baan ging solange weiter, bis er ein kleines Haus fand, das nicht ganz heruntergekommen aussah. Auf dem Schild, das über der Tür hing war ein Wachtturm abgebildet und in goldenen Lettern stand Gasthaus an der Mauer darunter.
Das Gasthaus war düster aber einigermaßen sauber. Am Tresen stand eine ältere Frau mit weißer Haube und legte Tischwäsche zusammen. Baan setzte ein charmantes Lächeln auf und sprach sie an: „Einen schönen, guten Tag, Madame! Meine Frau und ich sind auf der Suche nach einem Zimmer für zwei Nächte."
„Das lässt sich machen. Aber Essen serviern wir heut' nich', der Koch ist aufm Festplatz und hat dort seinen Stand."
Baan nickte und griff nach seiner Börse: „Das geht in Ordnung. Wie viel bekommt ihr von mir?"
„'nen Silberpfennig und euren Namen.", sie schob ihm das Gästebuch hin. Baan zählte zwei Münzen ab und gab sie der Gastwirtin.
„Wir würden es begrüßen ungestört zu bleiben.", sagte Baan und schaute der Wirtin in die Augen bis diese nickte und das Geld an sich nahm. Dann nahm er das Buch und den Kiel und schrieb langsam einen Namen in ungelenken, groben Buchstaben hinein. Lianna warf einen verstohlenen Blick in das Buch: Beric Planir. Sie hob eine skeptische Augenbraue und blickte zu Baan, der nur mit den Schultern zuckte, während die ältere Dame nach einem Schlüssel suchte. Als sie ihn gefunden hatte, wandte sie sich wieder um und gab ihn Baan.
„Wenn ihr die Treppe hoch kommt, geht ihr bis zum Ende des Gangs. Die Tür auf der linken Seite ist eure. Im Zimmer habt ihr 'ne Waschschüssel, damit könnt ihr aus dem Brunnen auf der Straße Wasser holn. Der Abort ist hinterm Haus. Und um Mitternacht schließ' ich die Tür ab, wer danach kommt hat Pech." Baan nickte, dass er verstanden hatte und er und Lianna gingen zu ihrem Zimmer.
Die Dielen des Fußbodens im ersten Stock knarzten laut, als sie über den Gang liefen. Ein kleines Fenster am Ende war die einzige Lichtquelle, aber es gab auch kein Mobiliar über das man hätte stolpern können. Am Ende des Ganges angekommen schloss Baan die Tür auf und sie betraten ihr Zimmer.
Wie erwartet war der Raum klein und eher karg eingerichtet. Es gab ein schmales Bett, einen kleinen Tisch mit zwei Hockern und vor dem Fenster an der Wand stand auf einem kleinen Tischchen die angekündigte Waschschüssel. Lianna stellte mit einem erleichterten Seufzen ihre Tasche auf dem Boden ab, zog sich den Schleier vom Kopf und lies sich auf das Bett fallen. Die Laken waren aus schlichtem Leinen und etwas rau, aber sie hatten keine Flecken und rochen frisch. Ganz im Gegensatz zu ihr selbst, wie sie gerade feststellte. Sie setzte sich wieder auf.
„Ich mach mich mal auf die Suche nach diesem Brunnen.", sagte sie und schnappte sich die Waschschüssel. Jedoch kam sie nicht sehr weit, weil Baan sich zwischen sie und die Tür stellte und ihr das Gefäß aus der Hand nahm.
„Ich werde Wasser holen, das ist nicht der Teil der Stadt in dem brave Ehefrauen allein auf die Straße gehen.", erklärte er grinsend und verschwand durch die Tür. Das hatte sie fast vergessen. Wenn sie sich in der Stadt aufhielten spielten sie immer ein Ehepaar, es war die unauffälligste Art als nicht gleichgeschlechtliches Paar zu reisen, alles andere hätte Fragen aufgeworfen. Außerdem hielt es die meisten Männer davon ab ihr zu nahe zu kommen und das war ihr mehr als Recht. Lianna holte ihre Tasche und setzte sich wieder auf das Bett. Sie packte ein dunkelblaues Kleid und einen Kupferfarbenen Schal aus. Das Kleid war unauffällig geschnitten, aber fein genug für ein Volkfest.
Das seltsame Gefühl breitete sich wieder aus und sie zog den Anhänger, den sie stets unter ihrer Kleidung trug, hervor. Ein Mallornblatt in Silber gegossen, es war das einzige Stück, das sie mitgenommen hatte, als sie ihr Zuhause vor einer Ewigkeit verließ. Sie betrachtete den Anhänger noch einen Moment und steckte ihn dann wieder unter ihr Hemd. Sie wollte heute nicht Trübsal blasen, es war ein Festtag und sie würde ihn auch genießen. Wer weiß, vielleicht würde sie sich sogar von Baan zum tanzen überreden lassen.
Sie stand vom Bett auf, als sie Baan die Stufen hinauf steigen hörte.
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In den Hallen des Königs herrschte große Hektik. Das Festmahl am Abend würde die erste große Feier seit der Hochzeit des Königspaares sein und alles wollte perfekt vorbereitet sein. Es waren hohe Gäste geladen, was den Anspruch noch mehr anhob. Der Vater der Königin, Lord Elrond von Bruchtal, war bereits vor einigen Tagen angereist, weil die hochschwangere Königin kurz vor der Niederkunft stand und er sich die Geburt seines ersten Enkelkindes nicht nehmen lassen wollte. Seine Söhne sollten auch erscheinen, hatten jedoch am Vortag einen Boten geschickt, weil sie sich verspäten würden. Unter der Dienerschaft breiteten sich Gerüchte von einem Orküberfall aus, aber auf solches Gerede konnte man ja bekanntermaßen nichts geben.
Der Unmut über die Abwesenheit der beiden Elbenkrieger war jedoch nur von kurzer Dauer, als am Mittag ganz unerwartet die Herren Legolas und Gimli im Palast erschienen. Die beiden Helden waren ein willkommener Trost für den geladenen Adel, der sich über jedes neue Gesicht in der immer gleichen Gesellschaft freute. Auch der König schien nicht mit ihrer frühen Ankunft gerechnet zu haben, als sie plötzlich in seinem Arbeitszimmer standen. Ein strahlendes Lächeln legte sich auf sein Gesicht, als er sich erhob um seine beiden Freunde mit einer herzlichen Umarmung zu begrüßen.
„Gimli, Legolas, es tut gut euch beide wieder zu sehen! Aber ich hatte erst in einigen Tagen mit euch gerechnet. Gab es einen Grund für die Eile?" Der König sah sie fragend an.
„Der Elb konnte einfach nicht mehr still sitzen, also hat er einen armen, alten Zwerg auf ein Pferd gezwängt und ihn genötigt die gesamte letzte Nacht hindurch wie ein Bekloppter zu hetzen!", erklärte Gimli beherzt.
Aragorn lachte aber Legolas schüttelte nur den Kopf: „Ich freue mich auch und wie mein lieber Freund ja gerade so eloquent erklärt hat, gibt es für unser frühes Eintreffen im Grunde keine andere Erklärung, außer: mir war danach.", antwortete Legolas und zuckte mit den Achseln, während sich ein Lächeln auch auf seine Züge stahl.
„Na dann freut es mich umso mehr. Kommt, setzt euch zu mir, bis die Diener eure Räume vorbereitet habt. Einen Moment habe ich, bevor mein Schreibtisch mich wieder verlangt. Die Geschichten von eurer Reise müssen dann leider bis zum Essen heute Abend warten."
Aragorn setzte sich mit ihnen an den Tisch, an dem er für gewöhnlich mit seinen Beratern saß, wenn er nicht am Schreibtisch arbeitete und sie plauderten, bis ein schüchterner Diener, mit dem Symbol des weißen Baumes auf seinem dunkelgrauen Hemd, den Raum betrat und leise verkündete, das die Gemächer der Herren jetzt bereit stünden. Aragorn verabschiedete sich bis zum Bankett und Elb und Zwerg folgten dem Pagen in den Gästetrakt des Hauses.
Legolas Räume waren nicht groß, der Palast von Minas Tirith war auf beengtem Raum gebaut und beherbergte viele. Er hatte es seinem engen Kontakt zum König zu verdanken, dass er nicht, wie viele der angereisten Adligen in einem Gemeinschaftsschlafsaal untergebracht war. Neben einem kleinen Vorraum, in dem eine Sitzgruppe und ein kleiner Tisch Platz fanden, hatte er ein Schlafgemach und, davon abgehend, eine kleine Kammer, in der eine Wanne und ein kleiner Waschtisch standen. Der Schlafraum wurde von einem großen Himmelbett dominiert. In das Kopfteil war ein Rankenmuster geschnitzt und die Posten wanden sich in Form von Kordeln bis zum Betthimmel aus weißem Samt. Auf der Tagesdecke fand sich das Wappen des Königs, der weiße Baum auf schwarzem Grund wieder. Gegenüber dem Bett war der Kamin in die Wand eingelassen und neben der Tür stand eine große, filigran verzierte Kommode.
Immer wenn Legolas in Minas Tirith war, fiel ihm auf, wie sehr er sein Zuhause vermisste. Kalter Stein regierte das Stadtbild und im Palast schien alles aus dem weißen und schwarzen Marmor der hiesigen Steinbrüche gefertigt. Er war in einem Waldreich aufgewachsen und war eine lebendige Umgebung gewohnt. Minas Tirith war eine wunderschöne Stadt, aber er würde ihr einen Wald immer vorziehen.
Legolas setzte sich gedankenverloren auf das große Bett und beschloss sich bis zum Fest eine Weile auszuruhen. Auch er war erschöpft, nach dem anstrengenden Ritt und er wollte mit Gimli nach dem Essen das Fest in der Stadt besuchen. Der Zwerg wollte ihm einen Krug des besten Biers in ganz Mittelerde spendieren.
