Inzwischen ist mehrfach die Frage nach der Bedeutung des Titels aufgetaucht und die Frage danach, was der Titel für die Geschichte bedeutet.
Zu der zweiten Frage kann ich nichts sagen, die Verbindung zwischen der Bedeutung des Titels und der Geschichte möge der Leser bitte selber ziehen.
Aber die Bedeutung des Wortes "Contrecoup" möchte ich an dieser Stelle schon erklären, obwohl diese Erklärung ursprünglich erst für das Ende der Geschichte gedacht war.
Contrecoup ist ein medizinischer Begriff. Er bezeichnet ein Verletzungsmuster bei einer speziellen Form des Schädel-Hirn-Traumas.
Bekommt der Mensch einen starken frontalen Schlag gegen den Kopf (oder prallt entsprechend stark auf), so wird das Hirn gegen die Innenseite des frontalen Schädels geschlagen. Das wird als "Coup" bezeichnet. Dabei erleidet das Hirn vorne Verletzungen durch den Aufprall.
Danach prallt das Hirn zurück und wird gegen die rückwärtige Schädelwand geschleudert, was man als "Contrecoup" bezeichnet. Auch hier erleidet das Hirn eine Verletzung, die unerklärlicherweise in vielen Fällen schwerer ist, als die Verletzung des Coups. Warum das so ist, darüber gibt es verschiedenen Forschungen und Theorien, aber das soll für uns hier nicht relevant sein. Wichtig ist hier nur das Bild, dass es, obwohl die Gewaltanwendung auf das Hirn an der einen Stelle war, die schwerere Verletzung an eine ganz anderen Stelle ist und man nicht vorher ahnen konnte, dass der Schlag, den man ausgeteilt hat neben dem angestrebten Effekt auch noch einen zweiten, weiter entfernten Effekt hatte, den man vielleicht nicht in die eigene Planung mit einbezogen hatte.
Manche Dinge schießen weit über das Ziel hinaus, oder gehen im wahrsten Sinne des Wortes "nach hinten los".
II: Wahrheiten
Narcissa starrte ihn an. Entsetzen machte sich auf ihren Zügen breit, als sie begriff, was er gesagt hatte.
„Du hast es gewusst? Vor dem unbrechbaren Schwur?"
„Nein. Nicht vor dem Schwur, aber kurz danach ist mir die Perfidität eures Planes aufgegangen."
Er verschwieg, dass es das Gespräch mit Dumbledore gewesen war, das ihn hatte erkennen lassen, welches Spiel hier gespielt wurde. Er verschwieg auch, dass es Dumbledore gewesen war, der Narcissa schon damals verziehen hatte und auch ihn angehalten hatte, sich im Verzeihen zu üben.
Snape schauderte unmerklich. Auch wieder eines dieser Dinge, die Albus nie begriffen hatte. Dass es nicht jedermanns Sache war, zu verzeihen. Dass Vergebung nicht in der Natur eines jeden Menschen lag, und nicht jeder so verständnisvoll und in aller Konsequenz verzeihend war, wie er.
Wie schon so oft hatte Dumbledore nicht sehen können, wo die Grenze dessen war, was seine Schützlinge ertragen konnten.
Er betrachtete Narcissa und beschloss, es ihr nicht leicht zu machen. Was immer sie wollte, sie würde es sich erkämpfen müssen.
Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, legte sie das Taschentuch beiseite und griff unsicher nach ihrem Weinglas. Er bemerkte, dass ihre Hand leicht zitterte und als sie das Glas zum Mund führte, erklang ein leiser Ton, als der Rand des Glases gegen ihre Zähne stieß.
Sie musste wirklich außer Fassung sein, dachte er. Den perfekt erzogenen Töchtern des Hauses Black passierte solch ein Fauxpas normalerweise nie.
Er musterte sie mit kritischem Blick und sah die dunklen Ränder unter ihren Augen und die dünnen Linien, die ihre Nasenflügel mit den Mundwinkeln verbanden.
Sie war in diesem letzten Jahr gealtert, stärker, als die vergangene Zeit es rechtfertigen würde. Aber sie war nicht die einzige, die eine Last getragen hatte, die schwerer war, als sie eigentlich tragen konnte, dachte er bei sich.
Seine Lippen bildeten einen dünnen Strich, als sie endlich aufsah und sein Gesicht musterte. Es war wieder diese perfekte Maske, die er seit so vielen Jahren trug und sie begriff, dass der kurze Moment der Offenheit, des Mitgefühls vorbei war.
Langsam atmete sie ein, dann richtete sie sich gerade auf, verschanzte sich hinter dem Gebaren der perfekten Dame und nippte an ihrem Wein.
Schließlich sagte sie ruhig: „Verzeih meinen Ausbruch, Severus. Ich wollte dir kein Unbehagen bereiten, aber es ist einfach etwas viel im Moment."
Er nickte. Es war deutlich einfacher, wenn sie nicht so emotional war. Wenn sie beide die Form wahrten, blieben sie auf sicherem Terrain und er begann sich ein wenig zu entspannen.
Nein, er wollte es ihr nicht leicht machen, aber zuhören und ihre Bitte erwägen, das würde er. Das war er ihr schuldig, dachte er, als er sich daran erinnerte, was er einmal für sie empfunden hatte. Und noch empfand, auch wenn er es vorzog, diesen Aspekt ihrer Freundschaft tief in sich zu vergraben.
„Erzähle mir, was euer Plan war, Narcissa."
Sie sah ihn verblüfft an. „Ich dachte, du weißt es?"
Ein kaltes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Ich könnte lügen, nicht wahr? Es ist nicht das erste Mal dass ich sage, ich weiß etwas. Kannst du sicher sein, dass ich die Wahrheit sage?"
Ihr Mund öffnete sich leicht und ein winziger Laut kam über ihre Lippen.
„Aber…"
Er hob eine Augenbraue.
„An jenem Tag in Spinners End ward ihr nicht die einzigen Schauspieler im Raum. Auch wenn ich gestehen muss, dass euer Auftritt erfolgreicher war."
Er kräuselte die Lippen und deutete eine höhnische Verbeugung an.
„Also erzähle mir von eurem fabelhaften Plan, Narcissa. Oder sollte ich lieber sagen, von dem Plan unseres Meisters?"
Sie schnappte nach Luft.
„Du hast es tatsächlich gewusst."
„Hast du daran gezweifelt?"
„Aber du hast doch eben selber gesagt…" Sie verstummte.
Er schüttelte den Kopf und wieder war da dieser spöttische Zug um seine Lippen.
„Ich hätte auch das Gegenteil sagen können, Narcissa. Verstehst Du nicht? Ich kann viel behaupten und dann sagen, ich gebe dir die Hilfe, die du verlangst. Aber du kannst niemals sicher sein, ob ich nicht bluffe. Ob ich dir nicht etwas zusage, das ich nicht halten kann, weil ich nicht alle Fakten kenne.
Du kannst nur sicher sein, dass ich wirklich weiß, wovon du redest, wenn du es mir selber gesagt hast.
Und das gilt auch umgekehrt."
Seine dunklen Augen bohrten sich in ihren Blick und jeder Spott, jede Provokation war aus seinem Gesicht gewichen. Er war so ernst, dass es sie schauderte. Sie begriff, was er sagte und dass er recht hatte.
Sie musste ehrlich mit ihm sein, wenn sie wollte, dass er ihr vertraute, dass er ihr half.
Mit einem tiefen Seufzer nickte sie.
Dann sah sie sich um.
„Darf ich mich ein wenig frisch machen, bevor wir weiter reden?"
Er nickte, dann zeigte er ihr den Weg ins Bad.
Als er alleine zurück in sein Wohnzimmer kam, sah er sich müde um. Welche Ironie, die Bühne hatte sich verändert, aber das Schauspiel schien sich zu wiederholen.
Er betrachtete sein neues Zuhause und seine Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit.
Es war zwei Tage nach jenem unseligen Abend gewesen, an dem er Potter aus seinem Büro geworfen und den Okklumentik-Unterricht endgültig abgebrochen hatte.
Er war zum Direktor in das Turmbüro gerufen worden und hatte sich vorbereitet, seinen Standpunkt zu vertreten. Er war auf alles vorbereitet gewesen – hatte er geglaubt. Keine Erwiderung des Direktors hatte er nicht vorhergesehen und seinerseits mit klaren, unmissverständlichen Worten hundert Mal im Geiste pariert.
Kein Bitten Dumbledores hatte er nicht erahnt und mit unbeugsamem Willen in Geiste abgeschmettert.
Doch als er dann vor seinem Mentor stand war alles anders gekommen. Keine Vorwürfe. Keine Forderungen. Keine Bitten.
Nachdem er kurz berichtet hatte, wie der Unterricht verlaufen war, hatte Dumbledore sich erhoben, war zu ihm getreten und hatte ihm seine knochige und doch kräftige Hand auf die Schulter gelegt.
„Es tut mir leid, Severus. Verzeih mir meine Fehleinschätzung. Ich habe dich und Harry in eine schreckliche Situation gebracht, ohne zu ahnen, dass ihr beide nicht in der Lage sein konntet, sie zu meistern.
Manchmal vergesse ich, dass anderen Grenzen gesetzt sind in dem, was sie ertragen können."
Er hatte den Blick gesenkt und es war Severus nichts anderes übrig geblieben, als diese so zutiefst reuevolle Entschuldigung zu akzeptieren.
Nach kurzem Schweigen hatte Dumbledore das Thema gewechselt und man merkte ihm an, dass das, was er nun sagte, enorm wichtig für ihn war.
„Severus, seit du wieder für den Orden bei Lord Voldemort spionierst, ist dein Leben in allergrößter Gefahr. Ich möchte, dass du Vorkehrungen triffst.
Du solltest du einen abgelegenen Unterschlupf einrichten, in den du fliehen kannst, wenn es nötig sein sollte."
Snape wollte protestieren, doch Dumbledore hatte gebieterisch die Hand gehoben und ihn zum Schweigen gebracht.
„Es kann der Tag kommen, an dem du etwas tun musst, das dich zum Gejagten macht. Vielleicht musst du etwas tun, das dich eindeutig und öffentlich auf die Seite des Ordens positioniert und dann werden die Todesser dich ohne Gnade jagen. Oder du musst etwas tun, damit deine Tarnung erhalten bleibt und das dich zum Verfolgten des Ordens und des Ministeriums macht. Solange ich da bin, werde ich dich schützen, aber ich weiß, dass ich nicht immer da sein werde.
Also bereite dich vor, damit du untertauchen kannst, wenn man nach dir sucht.
Alles was zählt ist der Sieg über Lord Voldemort, wir müssen alle anderen Interessen, Wünsche, Hoffnungen dem unterordnen. Deshalb kann es nötig sein, dass du dich versteckst, um unerkannt weiter arbeiten zu können."
Dumbledores Blicke waren eindringlich, bohrend gewesen und Severus hatte keine andere Möglichkeit gesehen, als ihm zu versprechen, dieses Projekt zügig in Angriff zu nehmen.
Er hatte unter falschem Namen dieses kleine Haus nahe einem Ort in Devonshire erworben, ein weiteres Verlies bei Gringotts unter dem Namen Tobias Spinner eröffnet und unauffällig im Verlauf eines Jahre einen großen Teil seines Vermögens dorthin transferiert.
Viele Jahre mit vollem Lehrergehalt und nur wenigen Ausgaben hatten ihn eine hübsche Summe ansparen lassen. Nun hatte sich diese Sparsamkeit als Segen erwiesen, denn es war deutlich einfacher, ein geordnetes Untertauchen vorzubereiten, wenn Geld kein Problem war.
Dumbledores Voraussicht hatte sich wieder einmal als perfekt erwiesen und nach seiner Flucht vom Schulgelände hatte sich Severus hierher begeben.
Nun musste er nur noch versteckt bleiben, sein bekanntes Gesicht konnte er nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Weder beim Orden, noch bei den Todessern, denn er war sicher, dass der dunkle Lord in ihm den Verräter sah, der er war.
Er würde einen Weg finden müssen, weiterhin Informationen zu bekommen und sie dem Orden zuzuspielen, aber wie er das anstellen sollte, war ihm noch ein Rätsel.
Da er aber immer in seinem leben Lösungen für die unlösbar scheinenden Probleme gefunden hatte, war er sicher, auch dieses Mal einen Weg zu finden.
Narcissa, die in diesem Augenblick wieder das Zimmer betrat, riss ihn aus seinen Gedanken.
------------------------------------------------------------------------------------
