Kapitel 2

Vollkommen entsetzt starrte ich ihn an. Ihn. James Potter. Das konnte doch wohl nicht wahr sein. Hasste mich Dumbledore so sehr, dass er mir James Potter jetzt als Lehrer vor die Nase setzte? Unsinn, Lily, er macht das bestimmt nicht, um dich zu ärgern!, sagte eine Stimme leise in meinem Kopf, Warum auch? Dumbledore hat nichts gegen dich. Unwirsch schüttelte ich den Kopf. Natürlich hatte Dumbledore nichts gegen mich, aber irgendeine höhere Macht wahrscheinlich. Ausgerechnet James Potter! Das würde das schlimmste Jahr meines Lebens werden.

Als ich mich aus meiner Starre wieder löste, war die Auswahl der Erstklässler bereits in vollem Gang. Ich schüttelte erneut den Kopf. „Das wird das schlimmste Jahr meines Lebens.", murmelte ich.

Sophy und Alice warfen mir mitleidige Blicke zu. „Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.", sagte Alice vorsichtig.

„Genau!", stimmte Sophy zu. „Als Lehrer kann er dich ja schlecht nach einem Date fragen!"

„Aber er kann mir das Leben zur Hölle machen.", sagte ich düster, „Grund genug hätte er ja."

Sophy und Alice wechselten einen Blick. Offensichtlich wussten sie auch nicht mehr, was sie noch sagen sollten.

Nach der Auswahl wünschte uns Dumbledore einen guten Appetit und das Essen erschien auf den Tischen, aber mir war der Hunger gehörig vergangen. Ich starrte eine Schüssel mit Kartoffeln an, die direkt vor mir stand, sah sie aber nicht wirklich. „Lily, du solltest was essen.", sagte Alice. Sie griff nach meinem Teller und tat mir Reis und Hühnchen auf. „Hier."

„Danke.", murmelte ich, griff nach meiner Gabel und starrte nun meinem Teller an.

„Komm schon, Lily, das Essen ist ausgezeichnet, wie immer! Das ist doch kein Weltuntergang! Du bist eine der besten Schülerinnen, befolgst immer alle Regeln, also was soll Potter dir schon anhaben?", sagte Sophy.

Ich nickte. „Stimmt." Dann straffte ich meine Schultern. „Du hast Recht. Potter kann mir gar nichts." Ich verdrängte für den Moment, dass er es immer irgendwie geschafft hatte, mich zur Weißglut zu bringen. Ein wenig besser gelaunt begann ich zu essen.

Nach dem Essen hielt Dumbledore wie immer seine kleine Willkommensansprache. Wie immer erinnerte er uns daran, dass wir in Zeiten lebten, in denen Liebe und Vertrauen das wichtigste waren, wenn wir uns gegen das Böse da draußen zur Wehr setzen wollten. Es war wirklich seltsam; in Hogwarts kam ich mir immer vollkommen sicher und geborgen vor und all das Grauen, über das berichtet wurde, erschien mir ganz und gar unwirklich. Aber immer wieder starben oder verschwanden Eltern von Mitschülern oder ehemalige Schüler, mit denen man ab und zu im Gemeinschaftsraum gesprochen hatte. Vor drei Wochen erst hatten sie über den Tod von Shawn Shacklebee berichtet, ein Hufflepuff, der erst vor einem Jahr seinen Abschluss gemacht hatte. Er war auch Vertrauensschüler gewesen, daher kannte ich ihn. Es war grauenhaft, denn Shawn war einer der nettesten Menschen gewesen, die man sich nur vorstellen konnte. Wie auf Kommando erinnerte nun auch Dumbledore an ihn und bat uns, unsere Gläser für Shawn zu erheben.

„So schrecklich das alles ist, müssen wir auch nach vorne sehen und an die Zukunft denken.", fuhr Dumbledore fort. „Deswegen seid ihr heute hier. Uns allen steht ein spannendes und lehrreiches Jahr bevor. Bevor ich euch gleich in eure Schlafsäle entlasse, habe ich noch zwei Ankündigungen: Mr Filch, der Hausmeister, bittet mich, euch mitzuteilen, dass er die Liste mit verbotenen Gegenständen zu Schuljahresbeginn noch einmal verlängert hat. Einsehen könnt ihr sie in seinem Büro." Ein leichtes Lächeln kräuselte seine Lippen. „Und zweitens möchte ich euch den neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vorstellen. Wie die meisten von euch sicher wissen, hat uns Professor Tayemor diesen Sommer verlassen um sich zur Ruhe zu setzen. Ihren Posten übernimmt ab sofort Professor James Potter!"

Potter erhob sich und die meisten Schüler brachen in Jubel aus. Genau genommen schienen alle zu jubeln bis auf mich und die meisten der Slytherins. Alice und Sophy hielten sich ein wenig zurück, aber ich wusste, dass sie das nur wegen mir taten. Sie hatten selbst nichts gegen Potter; im Gegenteil, sie hatten ab und zu sogar gesagt, dass es mir nicht schaden könne, mal mit ihm auszugehen. Natürlich hatte ich das nie getan. Jedenfalls war Potter immer unheimlich beliebt gewesen. Zeitweise kam es mit so vor, als sei ich die Einzige, die ihn nicht leiden konnte. Die Einzige, die sein wahres Wesen erkannte.

Nachdem Potter sich genug hatte bejubeln lassen und sich wieder gesetzt hatte, sagte Dumbledore: „Ich wünsche euch eine gute Nacht!"

Sofort begann in der Halle lautes Stühlescharren, als sich die ganzen Schüler fast gleichzeitig erhoben. Auch ich erhob mich und versuchte, die Erstklässler um mich zu sammeln, während die anderen Vertrauensschüler sich um die älteren Schüler kümmerten. Nachdem alle Gryffindor-Neulinge um mich herum versammelt standen, sagte ich: „Mein Name ist Lily Evans. Ich bin die Schulsprecherin. Wenn ihr mal ein Problem habt, kommt einfach zu mir. Ich zeige euch nachher noch die anderen Vertrauensschüler von Gryffindor; an die könnt ihr euch natürlich auch jederzeit wenden. Wir gehen jetzt erst mal zu unserem Gemeinschaftsraum. Bleibt in meiner Nähe, damit ihr euch nicht gleich verlauft. Außerdem kennt ihr das Passwort ja noch nicht."

Die meisten sahen mich ziemlich beeindruckt an. Wahrscheinlich waren sie nicht von mir beeindruckt, sondern von Hogwarts, was vollkommen verständlich war. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie ich mich an meinem ersten Abend hier gefühlt hatte. Im Gegensatz zu den meisten anderen, die mit Magie aufgewachsen waren und Hogwarts aus den Erzählungen ihrer Eltern kannten, war diese Welt für mich ganz neu. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zu kommen würde. Es erschien mir unglaublich, dass inzwischen sechs Jahre vergangen waren und ich schon bald meine Abschlussprüfungen haben würde. Und dazu war ich auch noch Schulsprecherin! Und während ich jetzt die Erstklässler durch das Schloss führte, war ich ganz in meinem Element. Diese Art von Aufgaben lag mir einfach; es machte mir Spaß, die Dinge in die Hand zu nehmen und zu organisieren.

Nachdem wir im Gemeinschaftsraum angekommen waren, zeigte ich den Erstklässlern noch ihre Schlafsäle, wünschte ihnen eine gute Nacht und wollte noch kurz zu meinen Freundinnen. Auf dem Weg dahin wurde ich von vielen Mitschülern begrüßt. Die meisten sagten nur schnell hallo und gratulierten mir zu meinem neuen Posten, aber Fran Small versuchte wieder mal, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Sie war ein Jahr unter mir und hatte irgendwann letztes Jahr beschlossen, dass sie meine Freundin sein wollte. Ich mochte sie nicht besonders; sie war mir zu oberflächlich und außerdem hatte sie bei jeder Möglichkeit Potter schöne Augen gemacht. Potter. Erst jetzt dachte ich wieder daran, dass er ja hier Lehrer war. Meine Schulsprecherpflichten hatten mich ganz davon abgelenkt. Ich seufzte und sagte zu Fran, dass ich müde sei und nur schnell was mit Alice besprechen wollte. Bevor sie etwas erwidern konnte, verschwand ich im Schlafsaal meiner Freundinnen. Sophy, Alice, Hanna und Rosie saßen auf ihren Betten und unterhielten sich, als ich reinkam. „Hey Mädels.", sagte ich und ließ mich erschöpft neben Sophy fallen.

„Na Lily", sagte Rosie und ein leichtes Lächeln umspielte ihren Mund, „was sagst du zu Professor Potter?"

Ich stöhnte auf. „Erinner mich nur nicht daran. Das wird die Hölle." Ich ließ meinen Kopf ein wenig kreisen um meinen Nacken etwas zu entspannen. Ich hatte bis eben gar nicht gemerkt, dass ich so verspannt war. Alles Potters Schuld, so viel stand fest. „Ich bin auch nur hier, um schnell gute Nacht zu sagen, ich bin todmüde."

Alice nickte verständnisvoll. „Es ist merkwürdig, dass du jetzt nicht mehr hier schläfst, Lil.", sagte sie nachdenklich.

Ich nickte. „Stimmt. Aber vielleicht kann ich ja die ein oder andere Nacht hier schlafen."

„Auf jeden Fall!", rief Sophy, „Nachts wirst du ja wohl keine Schulsprecherpflichten erfüllen müssen!"

„Ich denke nicht." Ich lächelte. „Darüber reden wir noch mal. Ich glaube nicht, dass irgendjemand was dagegen hat, wenn ich nicht jede Nacht in den Schulsprecherräumen verbringe." Ich stand auf. „Gute Nacht Mädels."

„Gute Nacht!", schallte es mir vierstimmig entgegen.

Ich lächelte noch einmal und schlüpfte aus dem Raum. Bemüht, Fran nicht noch einmal über den Weg zu laufen – in gewisser Weise war sie mein weiblicher Potter – verließ ich den Gemeinschaftsraum und machte mich auf den Weg zu den Schulsprecherräumen. Ich nannte der Rüstung, die vor der Tür stand, das Passwort und sie gab den Eingang frei. Cosmo stand mitten im Raum, der mit zwei Sofas und einem großen Tisch sowie einem Kamin und einer ganzen Wand voller Bücher eingerichtet war. Von dem Raum gingen vier Türen ab; die in der ich stand und noch drei weitere. Meine Augen weiteten sich, als ich sah, dass er nur Boxershorts und ein T-Shirt trug. Er sah wirklich fantastisch aus. Augenblicklich spürte ich, wie ich rot wurde.

„Hey Lily!", sagte er erfreut und kam mir entgegen. „Sieh mal, das ist unser Gemeinschaftsraum."

Ich nickte und versuchte mir nichts anmerken zu lassen. „Wow."

„Ich hab mich schon mal ein bisschen umgesehen. Komm!" Ich schloss die Tür hinter mir und Cosmo packte meine Hand und zog mich schon zur nächsten. „Das ist unser Bad!" Er öffnete sie und gab den Blick frei auf ein wirklich beeindruckendes Badezimmer. Ich dachte immer, das Vertrauensschülerbad wäre luxuriös, aber das hier war um einiges besser. Ich hatte nicht viel Zeit, mir alles genau anzusehen, denn Cosmo zog mich zum nächsten Zimmer. „Das hier ist dein Zimmer.", sagte er.

Ich entdeckte ein Himmelbett, ähnlich denen in den Schlafsälen, dazu einen Schrank und einen Schreibtisch. Neben dem Bett stand bereits mein Koffer.

„Und mein Zimmer ist das nebenan. Es ist genauso eingerichtet wie deins.", sagte Cosmo und sah mich begeistert an. „Das hier ist einfach der Wahnsinn."

Ich nickte überwältigt. Für den Moment dachte ich an nichts anderes, als dass das hier wirklich mein Zimmer war!

„Wahrscheinlich willst du erst mal auspacken. Ich bin auch ehrlich gesagt total erschlagen.", sagte Cosmo. Ich drehte mich zu ihm um. „Ja, ich auch. Das war ein langer Tag."

Er nickte und sah mich vorsichtig an. „Und dann ist auch noch James Potter wieder da…"

Ich seufzte. „Ja. Allerdings."

„Mach dir nicht zu viele Gedanken um ihn, Lily. Jetzt kann er nicht mehr tun und lassen, was er will."

Ich nickte und lächelte dann leicht. „Ja, da hast du wohl recht."

Er lächelte mich ebenfalls an. „Gute Nacht, Lily." Bevor ich wusste, was geschah, hatte er sich vorgebeugt und mich auf die Wange geküsst. Dann drehte er sich um und verschwand in seinem Zimmer. Ich legte verblüfft meine Hand auf die Wange und starrte die geschlossene Tür an.

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Review? Vielleicht ein ganz kleines?