Hallo ihr Lieben! Im neuen Kapitel geht es gleich ziemlich fies los, also seid bereit für neue Gemeinheiten. Auch das Ende ist gemein, aber auf eine andere Art. Lasst euch überraschen. Über Rückmeldungen aller Art freue ich mich sehr! Eure Mary


2. Muffliato

Adrian und Terrence betraten Schulter an Schulter den Schlafsaal. Sie waren in ein leises Gespräch vertieft, doch sie verstummten sofort, als sie Marcus auf seinem Bett liegen sahen. Marcus machte sich nicht die Mühe, seinen Blick vom Zaubertränkebuch abzuwenden, in dem er gerade las. Anscheinend lästerten die beiden wieder einmal, damit wollte er sowieso nichts zu tun haben. Da er schon ahnte, dass er gerade das Thema gewesen war, interessierte er sich noch weniger dafür. Es reichte ihm, dass sein Vater ihn regelmäßig über seine Unzulänglichkeiten aufklärte, er musste nicht auch noch von Außenstehenden hören, was für eine Zeitverschwendung er war. Die beiden setzten sich so dicht nebeneinander auf Adrians Bett, dass sich ihre Ellenbogen berührten und flüsterten weiter. Ein dumpfes Gefühl machte sich in Marcus' Bauch breit. Die Intimität und Freundschaft der beiden war beinahe greifbar, nun fühlte er sich erst recht ausgeschlossen. Wie schön es sein musste, jemanden zu haben, mit dem man einfach nur belanglos reden konnte. Mühsam konzentrierte er sich auf sein Buch, doch die Absätze verschwammen vor seinen Augen, weil er sich viel zu sehr anstrengte. Niemand wollte mit einem Versager wie ihm befreundet sein, das war doch klar. Dabei müssten doch sein sonniges Gemüt und sein wunderschönes Äußeres tonnenweise Fans anlocken. Er fühlte sich so allein. Mühsam hielt er sich davon ab, mit den Zähnen zu knirschen.

In der plötzlich auftretenden Stille widerstand Marcus der Versuchung nicht und sah stirnrunzelnd vom Zaubertränkebuch auf. Adrian und Terrence starrten ihn beide unverhohlen an. Marcus, der sich sofort unwohl fühlte, hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. „Stimmt es, dass Snape dich nicht aus der Quidditch-Mannschaft geworfen hat?", fragte Terrence unvermittelt in die Stille hinein.

Marcus' Magen verknotete sich sofort zu einem harten Stein. Hatte einer der beiden gehofft, seinen Platz einnehmen zu können? Das blieb wohl Wunschdenken, dafür spielten sie viel zu schlecht. Gerade Terrence hatte das Talent, ständig über seine eigenen Füße zu fallen und Adrian heulte bei der kleinsten Verletzung wie ein dreijähriges Kind oder fiel wegen eines Schnupfens aus. Er versuchte, sich daran zu erinnern, wie er die beiden kurz nacheinander aus der Mannschaft geworfen hatte. Besonders freundlich war er dabei nicht vorgegangen, das lag einfach nicht in seiner Natur. Sie hatten nie nach dem Warum gefragt und er war davon ausgegangen, dass es auf der Hand lag. Dachten sie, es sei Willkür gewesen? Anscheinend wollten sie sich nun in seinem Rauswurf sonnen. Pech gehabt. „Ich bin immer noch der Kapitän", knurrte er. „Aber euch brauche ich trotzdem nicht im Team. Wieso?" Das klang harscher als beabsichtigt, aber er war nicht in der Stimmung, es zurückzunehmen. Die beiden waren schließlich auch nicht gerade die Herzensgüte in Person.

Adrian schnaubte und Terrence verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie einen Sitzenbleiber weiterhin Quidditch spielen lassen", erwiderte Letzterer schließlich.

Marcus warf Terrence einen finsteren Blick zu. Scheinbar bereitete es ihm Freude, ihn an sein Versagen zu erinnern. Immerhin klang Sitzenbleiber ein bisschen netter als Troll, aber trotzdem war es doch das, was er sagen wollte. Er war eine Schande für das Haus Slytherin und hatte eigentlich nicht verdient, es beim Quidditch zu repräsentieren. Das war es doch, was alle dachten. Würde er nicht immer so einschüchternd auftreten, hätte ihm das bestimmt auch schon jemand ins Gesicht gesagt. „Es ist aber so", grunzte er, „Kümmert euch um euren eigenen Scheiß." Sollten sie doch tuscheln, das war ihm doch egal. Jemand wie er war als Freund nicht erwünscht, schließlich wollte niemand seine Zeit mit ihm verschwenden. Was soll's, sagte er sich immer wieder in Gedanken. Die leichte Übelkeit blieb trotzdem.

Adrian schien etwas Wütendes erwidern zu wollen, aber Terrence legte eine Hand auf seine Schulter und schüttelte sachte mit dem Kopf. Daraufhin änderte sich Adrians Gesichtsausdruck, dennoch fügte er noch höhnisch hinzu: „Deine Laune ist heute ja wieder überragend, Sonnenschein. Kein Wunder, dass alle einen großen Bogen um dich machen." Dann griff er nach den Vorhängen, um sie um sich und Terrence zuzuziehen. Das letzte, was Marcus hörte, war ein halblauter Muffliato, darauf folgte die absolute Stille, die bewies, dass der Zauber funktionierte.

Na klasse, dachte Marcus und fühlte sich absolut ausgeschlossen. Seufzend griff er nach einem halbbeschrifteten Stück Pergament. Pflichtbewusst machte er sich ein paar Notizen zum aktuellen Kapitel, die er in seinem Aufsatz einbauen wollte. Nach dem Abendessen würde er sich in die Bibliothek setzen, dort würde er in Ruhe den Aufsatz schreiben, damit er immer auf dem neusten Stand blieb. Er würde um nichts in der Welt die Hausaufgaben schleifen lassen, das war er Professor Snape schuldig. Die alte Fledermaus ließ ihm seinen Platz als Kapitän und Marcus würde alles dafür tun, dass es so blieb. Wenn man ihn doch noch rauswarf, dann wegen seiner Unfähigkeit, aber nicht aufgrund von Faulheit. So würde er sich im Nachhinein keine Vorwürfe machen können, nicht wenigstens alles probiert zu haben. Er war die totale Niete, das wusste er, aber Professor Snape schien die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben zu haben. Solange wie dieser glückliche Umstand noch anhielt, würde er Quidditch spielen. Wenn Professor Snape seinen Fehler einsah, dann hatte Marcus wenigstens noch die Erinnerung an die ersten paar Trainingseinheiten.

Nach einer Stunde Lektüre hatte Marcus endlich das Gefühl, obenauf zu sein, deshalb warf er das Zaubertränkebuch unzeremoniell in seine Schultasche. Die Notizen steckte er unter sein Kopfkissen, um sie vor dem Einschlafen noch einmal zu überfliegen. Dann ließ er den Kopf darauf sinken und schaute hinüber zu den immer noch geschlossenen Vorhängen. Die beiden hatten sich anscheinend viel zu sagen. Stirnrunzelnd griff Marcus nach seinem Zauberstab und dem Wecker. Er besann sich kurz auf die nötige Handbewegung, dann flüsterte er kaum hörbar: „Muffliato." Das Ticken des Weckers war immer noch hörbar, also versuchte er es noch einmal. Nach ungefähr zwanzig Versuchen hatte er das Gefühl, dass das Ticken das ein oder andere Mal ein wenig leiser gewesen war. Anscheinend war er zumindest auf dem richtigen Weg. Er war zwar immer noch ein Versager, aber einer, dessen Wecker nun ab und zu leiser tickte. Was sein Vater wohl darüber sagen, dass sein missratener Sohn freiwillig für Zauberkunst übte? Er würde ihn mit Freudentränen in den Augen umarmen und voller Stolz loben. Er knirschte mit den Zähnen. Wohl eher würde er ihn fragen, warum ein Flint überhaupt irgendeinen Zauberspruch üben musste. Selbst wenn er von heute auf morgen urplötzlich alle Zaubersprüche der Welt beherrschte, würde sein Vater etwas daran auszusetzen haben. Er verdrängte den Gedanken, letzten Endes war er so oder so nicht gut genug für Zauberkunst. Sein Scheitern war vorherbestimmt.

Nach einer kleinen Ewigkeit Ticktack dachte Marcus darüber nach, den Wecker an der Wand zu zerdeppern. Terrence fiel der Zauber nicht schwer: Er steckte immer noch mit Adrian völlig geräuschdicht hinter den Vorhängen und lästerte vermutlich. Die beiden verbrachten anscheinend eine Menge Zeit miteinander, wie schön für sie. Es musste toll sein, einen besten Freund zu haben. Marcus erwischte sich dabei, schon wieder mit den Zähnen zu knirschen, deshalb atmete er tief durch. Entspann' dich, forderte er. Sei die Ruhe selbst. Wie Stein. Bewusst straffte er die Schultern. Vielleicht sollte er morgen weiterüben. Heute würde er nur noch aggressiver werden. Dann fand er erst recht niemanden, der ihn vielleicht doch mögen könnte. Nur noch ein letztes Mal würde er es probieren. Wieder atmete er tief durch, machte absichtlich langsam die nötige Handbewegung und flüsterte: „Muffliato."

Das Ticken des Weckers verstummte sofort. Marcus starrte ihn völlig überrumpelt an. Das musste ein Irrtum sein. „Finite", murmelte er irritiert, dann probierte er es erneut. Wieder war kein Ticken zu hören. Ein Stirnrunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und er deutete mit dem Zauberstab auf sein Bett. „Muffliato", sagte er, während er darauf achtete, die Handbewegung langsam auszuführen. Sein Herz schlug schneller. Angespannt lauschte er ein paar Minuten, doch er hörte nichts Ungewöhnliches. Dann reckte er eine Siegerfaust in die Luft und atmete zum ersten Mal in diesem Schuljahr auf. Er hatte es geschafft! Der Squib hatte einen funktionierenden Zauberspruch hinbekommen, ohne sich dabei selbst zu verletzen. Es geschahen doch noch Wunder. Er stieß einen gewaltigen, erleichterten Urschrei aus, einfach weil er wusste, dass ihn niemand hören konnte. „Endlich", entfuhr es ihm anschließend. Jetzt hatte er ein großes Stück Privatsphäre wiedergewonnen. Er streckte sich ein letztes Mal ausgiebig, dann beendete er den Zauber wieder, denn er musste sich seinen abendlichen Kraftübungen widmen. Es war schon fast Zeit für das Abendessen.

Auf dem Weg in die Große Halle bemühte Marcus sich wie immer um eine ausdruckslose Miene. Er strich sich sogar durch seine kurzen Haare in der Hoffnung, dass er nicht allzu ungepflegt aussah. Nachdem er den Slytherin-Tisch nach einem Platz abgesucht hatte, an dem nicht allzu viel los war, setzte er sich an dasselbe verlassene Ende des Tisches wie am Morgen. Seine Hausgenossen, die ihn schon während des Unterrichts geschnitten hatten, würden ihm wohl kaum freiwillig Gesellschaft leisten und er wollte sich niemandem aufdrängen, egal wie einsam er sich manchmal fühlte. Ein merkwürdiges Grummeln machte sich in seinem Magen breit, doch er drängte es sofort zurück. Schon mittags hatte er nicht genug gegessen, dabei fiel er von seinem Besen, wenn er nicht anständig aß. Er würde eben heute Nacht darüber nachdenken, dass niemand etwas mit ihm zu tun haben wollte. Es war eh sein letztes Schuljahr hier, also sollte er sich eigentlich keine trüben Gedanken machen, auch wenn im Unterricht niemand mit ihm als Partner arbeiten wollte. Niemand mochte Trolle, das hatte ihm sein Vater oft genug gesagt.

„Hey Marcus", riss ihn Cedric Diggory mit seinem typischen strahlenden Lächeln aus den Gedanken und setzte sich ungefragt neben ihn auf die Bank.

Das kam unerwartet. „Uh, hallo", presste Marcus überrascht hervor und bemühte sich, ein nicht allzu blödes Gesicht zu machen. Unbehaglich fuhr er mit der Hand über den Nacken. Merlin, er war wieder einmal die Freundlichkeit in Person. Dieser soziale Drachenmist fiel ihm verdammt schwer.

Der Quidditchkapitän von Hufflepuff schien nichts von seinem Unbehagen zu bemerken. Er zog ein Pergament aus seiner Schultasche, dann reichte er es Marcus mit einem freundlichen Lächeln. „Das ist der Plan mit den Trainingszeiten für diese Saison", erklärte Cedric und strich sich lässig die Haare aus der Stirn. Selbst die Mädchen aus Slytherin drehten sich zu dem gutaussehenden Hufflepuff um. „Ich war so frei und hab' ihn dir schon einmal aus Madam Hoochs Büro mitgebracht, als ich den für die Dachse geholt habe. Schau' bitte kurz drüber, ob dich etwas stört. Ich finde ihn ganz gut so."

„Danke", brachte Marcus hervor, während er den Plan überflog. Natürlich hatten die Gryffindors wieder das erste Training der Saison. Wer sonst? Die Trainingszeiten schienen wie jedes Jahr gleichmäßig verteilt zu sein. Eigentlich war Madam Hooch ziemlich fair, was das anging. „Der Plan sieht in Ordnung aus", grummelte er ernst.

„Madam Hooch hat echt ein Händchen dafür, findest du nicht?", fragte Cedric munter nach und winkte einem hübschen Mädchen am Ravenclaw-Tisch zu. Dann stand er auf, doch im Gehen wandte er sich noch einmal um. „Übrigens gratuliere, dass du wieder den Posten als Kapitän hast", sagte er mit einem herzlichen Lächeln. „Die Spiele gegen dich sind immer eine besondere Herausforderung." Er klopfte ihm kurz auf die Schultern, dann schlenderte er lässig auf das Ravenclaw-Mädchen zu. Unter der Geste erstarrte Marcus sofort, doch er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, wie ungern er angefasst wurde, weil Cedric aus unerfindlichen Gründen nett zu ihm gewesen war. Verwirrt ging er das Gespräch noch einmal durch, doch auch nach dem dritten Mal hatte er nicht das Gefühl, dass Cedric ihn an irgendeiner Stelle verspottet hatte. Dabei bot er doch eine willkommene Angriffsfläche, weil er so ein Versager war. Wieso ließ sich Cedric diese Chance entgehen? Seufzend wandte sich Marcus dem Trainingsplan zu. Vielleicht waren Hufflepuffs zu nett für so etwas oder Cedric sah es als seine Pflicht an, höflich zu sein. Anstatt den Fehler zu suchen, sollte er lieber den ersten netten Kontakt dieses Schuljahr genießen.

Aus dem Augenwinkel sah Marcus Miles auf ihn zukommen. Da war wohl die nächste Überraschung im Anmarsch. „Du bist ja wirklich noch Kapitän!", begrüßte er ihn gut gelaunt und setzte sich ihm gegenüber.

Marcus zuckte mit den Schultern und grunzte: „Problem?" Miles, der gerade völlig entspannt ein paar Strähnen seines Haars in ein ausgeleiertes Zopfgummi zwängte, war es anscheinend nicht peinlich mit ihm gesehen zu werden. Das unwohle Gefühl in seinem Magen wurde etwas besser, deshalb biss er schnell in die Scheibe Brot, solange ihm das Glück hold war. Hoffentlich vertrieb er ihn nicht mit seinem freundlichen und offenen Wesen.

„Nein", antwortete Miles trocken und deutete auf den Trainingsplan. „Darf ich?", fragte er.

Marcus reichte seinem Hüter den Zettel, dann sah er ihm dabei zu, wie er sich in die Lektüre vertiefte. „Was hältst du davon?", fragte er nach einer Weile mit schlecht versteckter Neugier.

Miles zuckte mit den Schultern. „Der sieht fair aus, auch wenn es mir schon vor dem Frühtraining graut. Siehst du irgendwo ein Problem?" Als er sich vorbeugte, stieg Marcus ein seltsam süßlicher Geruch in die Nase. Irgendwie roch Miles komisch. Vielleicht lag das aber auch an dem Thunfisch-Sandwich, das er gerade essen wollte.

„Nein, das denke ich auch", antwortete Marcus. Fieberhaft überlegte er, wie er das Gespräch am Laufen halten sollte. Es tat so gut, mit jemandem einfach so zu reden, aber er war unglaublich schlecht darin. Außerdem war er nach diesem Sommer auch aus der Übung. Freunde finden war ihm noch nie leicht gefallen, das gehörte zu seinen grandiosen Charaktereigenschaften neben seiner aufgeschlossenen Art und seinem strahlenden Charisma. Drachenmist, wieso fiel das normalen Menschen so leicht? Worüber sprachen die eigentlich? Über Kochrezepte? Das Wetter?! Argh... Marcus fühlte eine neue Welle der Übelkeit und verzog unwillkürlich das Gesicht.

Miles dagegen schien sich wenig an Marcus' Schweigen zu stören. Er aß ungerührt sein merkwürdig riechendes Thunfisch-Sandwich. Nach einer Weile deutete er zur Tür, wo gerade Oliver Wood mit seinen Jägerinnen eintrat. „Der Feind betritt die Große Halle", kommentierte er mit einem süffisanten Grinsen. „Kannst du nicht auch ein paar heiße Jägerinnen bei uns einstellen, Käpt'n?"

Marcus runzelte die Stirn, während er verwundert die Jägerinnen musterte. „Die findest du heiß?", fragte er zweifelnd nach. Die eine war für seinen Geschmack viel zu groß, außerdem gefielen ihm ihre Zöpfe nicht. Die andere fand er zu unproportional mit ihren großen Brüsten und dem flachen Po, besonders wenn sie wie gerade so furchtbar enge Sachen trug. Die dritte erkannte er sofort wieder, denn er hatte sie gestern angerempelt. Aus unerfindlichen Gründen war sie in Begleitung eines Erstklässlers aus Slytherin, doch das konnte auch ein komischer Zufall sein. Er ließ seinen Blick über ihre zerzausten Haare und das leicht ausgebleichte hellgelbe T-Shirt schweifen. Die war ein Fall für sich. Warum Professor Snape ihn wohl vor ihr gewarnt hatte? Sie erwiderte seinen Blick und zog eine Augenbraue nach oben. Dann zeigte sie ihm den ausgestreckten Mittelfinger, bevor sie sich schwungvoll abwandte. Ach ja, deswegen.

„Hallo? Schau dir mal die Oberweite von Spinnet an! In den Ausschnitt würde ich gerne mein Gesicht versenken", erwiderte Miles gelassen, während er mit seinen Händen genüsslich einen kurvenreichen Frauenkörper formte. „Bei Johnsons Hintern würde ich auch nicht Nein sagen", fügte er noch hinzu und zuckte mit den Schultern. „Katie Bell ist ganz okay."

Ach ja, so hieß sie also mit Vornamen. „Mir gefällt Bell am besten", gestand Marcus, bevor er sich bremsen konnte. Er musterte sie schon wieder mehr oder weniger verborgen. Es war nicht gut, über seinen Frauengeschmack zu reden. Am Ende wollte ihn noch irgendjemand verkuppeln, das endete jedes Mal in einer Katastrophe. Seine Dates neigten dazu, im Anschluss kein Wort mehr mit ihm zu reden oder sich so früh wie möglich zu verkrümeln. Wahrscheinlich lag es an seinen Zähnen, vielleicht auch an seinem Gesicht. Er sah nun einmal nicht aus wie Oliver Wood, den selbst die Mädchen aus den anderen Häusern ach so süß fanden. Dem liefen die opportunistischen Dates scharenweise hinterher. Er dagegen war nur der Troll. Vielleicht lag es an seinem mangelnden Charme und seiner großartigen Wortgewandtheit, mit denen er seine Dates zu Tode langweilte. Er wusste nicht, was ihm fehlte. Bis er herausfand, was genau mit ihm nicht stimmte, ging er der Liebe einfach aus dem Weg. Bisher war er ganz gut damit gefahren.

„Du hast Glück", bemerkte Miles süffisant grinsend, während er schnell aufstand. „Sie kommt gerade auf dich zu. Ich verpiss' mich, bevor sie mich verhext. Ihre Flüche sind angeblich brutal."

Drachenmist. Marcus verbarg seinen erschrockenen Gesichtsausdruck hinter einem Glas Kürbissaft und warf einen Blick zum Gryffindor-Tisch. Sie war tatsächlich auf dem Weg zu ihm. Das bedeutete Ärger, aber den sollte er doch eigentlich vermeiden, wenn er seinen Posten als Kapitän behalten wollte. Möglichst heimlich schaute er zum Lehrerpult, nur um festzustellen, dass Professor Snape anwesend war. Sofort schlug sein Herz schneller. Er hatte einfach kein Glück in seinem Leben. Hoffentlich würde Katie nichts machen, das irgendeine Form von Gegenwehr erforderte. In mühsam unterdrückter Anspannung biss er die Zähne zusammen. Geh' weg, dachte er angestrengt, aber das Schicksal war ihm nicht hold. Alles war also wie gewohnt.

„Was willst du?", grunzte Marcus und schenkte ihr den finstersten Blick, den er beherrschte. Jeder normale Gryffindor würde nun die Flucht ergreifen, aber natürlich ließ sie sich davon keineswegs beeindrucken. Warum auch? Er verzog resigniert das Gesicht. Hoffentlich sah Professor Snape nicht hin.

„Zwei Dinge", fauchte Katie mit kaum verhohlenem Zorn. „Erstens: Ich heiße Katie Bell, merk' dir das gefälligst, Trollhirn."

„Oh, du kannst zählen, kleines Mädchen", spottete Marcus mit vor Sarkasmus triefender Stimme, während er sich um einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck bemühte, der verbarg, dass ihn die Beleidigung schmerzhaft traf. Großartig, dachte er insgeheim. Noch eine hübsche Gryffindor, die ihn für einen Troll hielt. Davon gab es nun wahrlich nicht genug. Wäre er nur etwas intelligenter oder zumindest ansehnlicher, dann würde er diesen Spitznamen bestimmt nicht haben. Aber so dumm und hässlich wie er war, hatte er die Beleidigung wohl sogar verdient. Sein Vater wurde zumindest nicht müde, ihn immer wieder daran zu erinnern.

Katie verzog das Gesicht und ihre Augen sprühten Funken. „Zweitens: Wieso starrst du mich so an, du Psycho?"

Erwischt, dachte Marcus. Wie kam er nur aus der Nummer unbeschadet wieder raus? Leugnen? Beleidigungen? Vielleicht half ja eine unverhohlene Drohung. Merlin, es wäre auch zu schön gewesen, hätte sie ihn spontan doch noch toll gefunden. So etwas passierte wohl nur bei Celestina Warbeck. Möglichst lässig angelte er seinen Zauberstab aus der Tasche, den er langsam vor sich auf den Tisch legte. Ihre Augen weiteten sich. Sehr gut, die Botschaft war angekommen. „An deiner Stelle würde ich jetzt die Beine in die Hand nehmen. Du solltest dich bei deinen Freundinnen verstecken", knurrte er mit gefährlich leiser Stimme. „Ich bin eine Nummer zu groß für dich, Bils." Dass er ihren Namen wieder falsch nannte, fachte ihre Wut noch an, aber sie traute sich nicht, ihren eigenen Zauberstab zu ziehen. Gut so.

„Du... du sarkastisches Arschloch!", fauchte Katie zornig und ballte die Hände zu Fäusten. So ein Drachenmist, das lief wohl tatsächlich auf einen Fluch hinaus, dabei wollte er ihr eigentlich nichts tun.

„Na na, Miss Bell", erklang auf einmal die unverkennbar ölige Stimme von Professor Snape hinter Marcus. „Ihre Wortwahl ist erschreckend... rüpelhaft für jemanden in Ihrem Alter. Nehmen Sie fünf Punkte Abzug für Gryffindor." Erwischt, dachte Marcus erleichtert und dankte Merlin, dass er so lange ruhig geblieben war.

Katie stemmte wütend die Hände in die Hüften. „Aber Professor, Flint hat mich provoziert", begehrte sie auf. Ein wenig imponierte ihm ihr Mut ja schon. Sie war temperamentvoll, das mochte er - wenn es nicht gerade ihn traf. Halbwegs entspannt lehnte er sich zurück und dankte in Gedanken Professor Snape für die unerwartete Hilfe. Wenn sie so weitermachte, würde sie morgen auf jeden Fall schon einmal nicht am Training der Gryffindors teilnehmen.

Professor Snapes Stimme wurde gefährlich leise. „Nichts, aber auch gar nichts, rechtfertigt es, einen Mitschüler mit einem Schimpfwort zu bedenken. Hat Ihnen das Professor McGonagall etwa nicht beigebracht?" Was für ein Tiefschlag. In Gedanken gratulierte Marcus seinem Hauslehrer. Von ihm konnte man noch etwas lernen, wenn es um versteckte Gemeinheiten ging. Zum Glück war der Professor voll auf Katie konzentriert. Er hatte keine Lust im Zentrum dieses Unwetters zu stehen.

Katies Blick flackerte kurz zu Marcus und sie machte einen kleinen Schritt auf ihn zu. „Das ist unfair!", beschwerte sie sich böse. Uh oh, dachte Marcus. Offener Widerspruch gab immer besonders großen Ärger. Sie hatte anscheinend eine kämpferische Natur. Pech für sie.

Sofort hob Professor Snape die Hand und Marcus verbarg seine Gedanken wieder sorgfältig. „Ich glaube, Sie lernen diese Lektion am besten beim Nachsitzen. Die günstigste Zeit, über eine weniger flegelhafte Wortwahl nachzudenken, ist beim Säubern des Pokalzimmers. Melden Sie sich morgen Abend nach dem Abendessen bei Mr. Filch." Ohne auf eine Erwiderung zu warten, drehte der Professor sich weg und ging zurück zum Lehrertisch.

„Jetzt kann ich nicht zum Training! Das hast du mit Absicht gemacht, Flint", fauchte Katie wütend. Langsam wurde sie sogar rot. Wie niedlich. Leider würde sie sich nie für jemanden wie ihn interessieren. Sie ging wohl eher mit den Cedrics aus oder mit den typischen Gryffindors in strahlender Rüstung. Merlin, er würde für ein einziges Date mit ihr seinen Besen geben.

Marcus runzelte die Stirn. „Wie schon gesagt, ich interessiere mich nicht für kleine Mädchen wie dich", log er und bedachte sie mit einem finsteren Blick. Sie würde niemals mit ihm ausgehen, dachte er resigniert. Er war ein Idiot, der es im Grunde schon gestern versaut hatte, als er sie angerempelt hatte. Sie sah in ihm nichts als den groben Troll, der er nun einmal die meiste Zeit über war. Zum Flirten war er schon immer zu blöd gewesen, also versuchte er es erst gar nicht.

„Deine Miene vorhin hat aber etwas Anderes gesagt. Halt' dich fern von mir", warnte Katie ihn mit glühenden Wangen.

„Als ob mir jemand wie du etwas vorschreiben könnte," antwortete Marcus ernst. „Ich wiederhole mich nur ungern, also hör' dieses Mal besser zu: Du interessierst mich nicht, Bins", log er erneut. Sie mochte ihn eh nicht, also musste er auch nicht freundlich sein. Es brachte ihm rein gar nichts, wenn sie noch länger so nahe vor ihm stand. Im Gegenteil. Solange sie blieb, sah er nur, was er nie bekommen würde.

„Du... du..." Katie schienen die Worte zu fehlen.

Marcus verzog das Gesicht. Sie sollte endlich gehen, wünschte er sich resigniert. Sie hielt ihn doch eh für einen Versager, genau wie es alle hübschen Mädchen taten. Für einen kurzen Moment der Schwäche dachte er daran, wie schön es wäre, wenn sie zu ihm gehören würde. Unwillig setzte er zur nächsten Gemeinheit an: „Mir scheint es eher, als würdest du auf mich stehen. Ist das der Grund, aus dem du immer noch hier bist?" Er erwiderte ihren Blick möglichst neutral, während sie plötzlich blass wurde. Wunschdenken, Marcus. „Wenn du einen Kuss willst, musst du ihn dir nur abholen", bot er ihr voller sarkastischer Liebenswürdigkeit an.

Katie zuckte zusammen und sah ihn mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen an. Wow, sie schien die Vorstellung, ihn zu küssen, ja verdammt erschreckend zu finden. Dann stürmte wortlos aus der Großen Halle, als wäre eine Horde Zentauren hinter ihr her. Diese Runde ging wohl an ihn, auch wenn er sich irgendwie gekränkt fühlte. Was für ein komisches Mädchen, dachte Marcus noch mit einem finsteren Blick.


Katie verhält sich echt merkwürdig :-) Wie haben euch die ersten Kapitel gefallen? Ein erstes Review wäre echt super.