Step by Step – Mit kleinen Schritten zum Glück

Ein Bad mit Folgen

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Er sprang, wie vom Balrog gebissen, auf und raste an das niedrigere Ufer, wo ihr Lager stand. Irgendwo hatten sie doch ein Seil eingepackt... Doch daran hing bereits das Rotwild, das sein Bruder erlegt hatte, damit das Fleisch trocknete. Kurzerhand schnitt er das Reh vom Baum und rannte mit dem verbliebenen Stück Seil zurück zu Kíli, der sich nach wie vor nicht vom Fleck bewegt hatte. Doch auf ihn konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Fíli war sich relativ sicher, dass Thorin schwimmen konnte, aber weder der Fellmantel, noch die schweren Stiefel waren besonders Hilfreich, wenn es um den Auftrieb ging. Wenn sich der König nicht aus seiner Kleidung befreien konnte, würde er einfach ertrinken. "Hilf mir!", ranzte er seinen Bruder grob an und band ihm bereits das Seil um die Hüfte. Kíli war zwar größer aber auch leichter als er. Wenn er ihn abseilen konnte, dann konnte er hoffentlich nach Thorin greifen und ihm aus dem Mantel helfen. Oder ihn gleich am Seil mit nach oben ziehen. Ob er selbst die beiden Durinerben halten konnte, war eine andere Frage. Und er hatte keine Zeit sich darauf eine Antwort zu überlegen.

Gerade als er Kíli runter lassen wollte, durchbrach Thorin die Wasseroberfläche. Scheinbar hatte er den Mantel abgestreift. Doch das Ufer war zu glatt, als dass er daran hätte hoch klettern können. Grummelig sah er hoch zu seinen Neffen. "Werft mir das Seil runter, oder muss ich erst ans flache Ufer schwimmen?"

Kurz blickten beide synchron in die Tiefe, dann band sich Kíli wieder los und Fíli liess das Seil nach unten. Es war zwar knapp, aber die Länge war gerade noch ausreichend, dass Thorin das Ende erreichen konnte. Zu zweit schafften sie es ihren nassen, sauer drein blickenden Onkel über die Kante zu hieven. "Alles in Ordnung? Hast du dich verletzt?", wollte Fíli kleinlaut wissen.

"Wir streiten nie wieder! Ehrenwort!", beteuerte Kíli schnell.

"Wenn ich das nur glauben könnte!", seufzte Thorin.

"Wir geben uns aber Mühe. Versprochen!"

Thorin rappelte sich schwankend auf. Der Schreck sass ihm deutlich in den Knochen und durch die nassen Sachen und den Wind, fröstelte er leicht.

"Ich geh Feuerholz suchen!", meinte Fíli rasch, als er das sah und verschwand sofort zwischen den Bäumen, ohne eine Antwort abzuwarten.

Kíli half Thorin zurück zum Lager und suchte Wechselkleidung für ihn raus. "Nicht dass du dich noch erkältest." Thorin schmunzelte. "So schnell werd ich nicht krank, keine Sorge." Trotzdem rührte ihn die Sorge der beiden irgendwie und er konnte ihnen gar nicht mehr böse sein.

Einige Minuten später kam auch der Ältere wieder zum Lager, beladen mit Ästen, die zum Teil größer waren als er selbst. Dementsprechend schwankte er auch und schnaufte mühsam, als er das Holz an die Seite fallen liess. Sofort legte er nach und schürte die Flamme bis sie wieder hoch loderte. Thorin hatte sich, mit Hilfe von Kíli, umgezogen. Fíli legte seinem Onkel aber dennoch seine eigene Wolldecke um die Schultern. "Soll ich noch ein paar Kräuter suchen, für einen Tee?"

"Nein, lass nur", winkte Thorin ab, "Nur, es kann so nicht weitergehen..."

Kíli senkte betreten den Kopf. Sein Bruder tat es ihm nach.

"Ihr seid gute Jungs. Nur manchmal noch etwas arg hitzköpfig. Was macht ihr, wenn ich eines Tages nicht mehr bin? Wir haben die Schlacht nur knapp überlebt."

Fíli wurde noch ein Stückchen kleiner. Er wusste ja, dass Thorin Recht hatte. Und es war ja auch nicht so, dass er es auf Streit mit Kíli anlegte. Sein Geduldsfaden wurde nur zunehmend kürzer und vor allem dünner, wenn es um den Jüngeren ging. Und er wusste nicht, was er dagegen tun sollte.

"Vielleicht sollten wir mal Abstand zu einander gewinnen? Ich könnte zurück in die Ered Luin. Oder ich geh und besuche Bilbo? Von ihm haben wir auch lange nichts mehr gehört. Wir hocken den ganzen Tag aufeinander. Selbst wenn wir in unterschiedlichen Teilen des Berges helfen. Letztlich kleben wir ja doch zusammen."

"Du bist der direkte Thronerbe... Wenn, dann sollte ich gehen", meinte Kíli ungewohnt erwachsen.

Fíli sah ihn eine Weile an. "Vielleicht tut es dir aber mal gut mehr Verantwortung zu übernehmen, ohne, dass ich in der Nähe bin."

Er versuchte seine Stimme neutral zu halten. Er meinte es wirklich nicht böse oder anklagend.

"Ja, aber wir müssen uns doch nicht gleich ganz sooo weit trennen, oder? Nicht wahr, Thorin? Thorin?" Kíli sah erstaunt zu seinem Onkel, als er keine Antwort erhielt.

Zu seiner Verwunderung schien Thorin eingenickt, eingelullt von der Wärme und wohl doch zu wenig Schlaf, war er nach diesem Vorfall einfach im Sitzen eingeschlafen.

"Wir sollten auch schlafen gehen."

Fíli warf seinem Bruder einen müden Blick zu. Sein Lager hatte er ein Stück weit von ihm weg ausgelegt und nun drehte er ihm auch noch den Rücken zu. Es dauerte nicht lange, da war er eingeschlafen.

Kíli hingegen sorgte noch dafür, dass Thorin bequem lag und zog seine Decke dann zu seinem Onkel.

Der nächste Morgen kam, nach Fílis Meinung, viel zu schnell. Er ächzte, als wäre er hundert Jahre älter als Balin. Verdammt, er hatte die Nacht wohl auf einer hervorstehenden Wurzel gelegen. Sein Rücken beschwerte sich energisch, als er sich aufrichtete und versuchte zu strecken. Als sich er Blonde umdrehte erstarrte er. Sein Onkel war schon auf den Beinen und übte mit dem Schwert. Das Feuer war entzündet, darin stand ein Topf in dem es verführerisch brodelte und das Feuerholz war auch schon aufgestockt. Entweder hatte Thorin irgendwann in der Nacht einen Jungtrunk zu sich genommen, oder er selbst war weit mehr eingerostet, als er es sich je eingestanden hätte.

"Morgen, Onkel. Wie geht´s dir?"

"Gut. Wie gesagt, so schnell erkälte ich mich nicht", meinte Thorin schmunzelnd und kehrte zum Lager zurück, "Du hingegen siehst aus wie Dwalin nach einer durchzechten Nacht."

"Schlecht geschlafen!", grummelte er nur, bevor er sich ein Tuch griff und zum Wasser schlurfte, um sich zumindest das Gesicht und die Hände zu waschen. Auf baden hatte er jetzt keine Lust.

Auch Kíli kam irgendwann zum Wasser und stupste Fíli an. "Onkel ist bemerkenswert gut gelaunt heute, findest du nicht?"

"Mh...", Fíli sah zu Thorin zurück, "Fehlt nur noch das er pfeift!", grinste er seinen Bruder an.

"Na ja, auch schön ihn mal nicht sooo grummelig zu sehen."

"Loben wir den Tag lieber nicht vor dem Abend. Das ging schon immer schief bei uns. Komm, gehen wir zurück. Müssen uns langsam um dein Wild kümmern, bevor die Krähen sich darüber her machen."

"Und Hunger hab ich auch, wenn du schon von Essen sprichst."

"Du hast immer Hunger!"

"Ich muss ja auch noch kräftiger werden", grinste Kíli, ohne diesmal wütend zu werden bei Fílis Stichelei.

Fíli versteckte ein aufkommendes Lachen hinter einem Husten. "Aha? Wer ist denn dein Vorbild? Bombur?", grinste er und zwickte den Brünetten in die Seite.

"Nein, nicht ganz. Aber so wie Herr Dwalin würde ich schon gern werden."

"Da sollten Sie aber an anderen Stellen zu nehmen, Herr Kíli!" statt in den Bauch erreichte der nächste Kniff Kílis Oberarme.

"Ach, die kommen schon noch."

Fíli grinste immer noch, als sie das Lager erreichten. Doch plötzlich blieb er abrupt stehen.

"Oh, nein!"

"Was?" Kíli holte auf, um zu sehen, was Fíli so entsetzte.

"Äh... durch das unfreiwillige Bad von Thorin gestern, hab ich meine Fallen total vergessen. Ich sollte die erst einmal einsammeln. Nicht das sich darin was verfängt, was da nicht rein gehört. Dreck, Ungeziefer, Elben und so."

Kíli begann zu prusten. "Geh nur, ich kümmere mich um das Wild."

Fíli grinste ihn noch mal und beeilte sich dann zu den Fallen zu kommen. In drei hatten sich ein paar Blätter verirrt und die vierte musste er von Nacktschnecken befreien, doch in der letzten fand er tatsächlich einen Hasen. Kurz bekam er ein schlechtes Gewissen, aber bei genauem Hinsehen erkannte er, dass das Tier sofort tot gewesen war, ohne das er ihn hätte erlösen müssen. Als er das Lager wieder erreichte, war das Rotwild tatsächlich schon zerlegt und ein Großteil hing über dem Feuer. "Hier. Hab doch noch etwas gefangen." Spielerisch streckte er seinem Bruder die Zunge heraus.

"Wow, reicht ja knapp fürs Frühstück."

"Bäh!"

"Frühstück ist eh schon fertig", kam es von Thorin, der am Lagerfeuer sass und im Topf herum rührte, den Dís ihm aufgedrängt hatte. Verwundert sah Fíli ihn an. "Wirklich? Du bist heute gut ausgeruht, Onkel", grinste er diesen jetzt frech an.

"Einer muss es ja sein", kam ein Seitenhieb zurück, der eher untypisch für ihren Onkel war.

Entsprechend verdattert schaute der Thronerbe auch aus. Nicht einmal eine Antwort fiel ihm spontan ein, also setzte er sich mit einem leisen `plumps´ neben seinen Bruder und reichte Thorin nacheinander die Schüsseln zum befüllen.

Es war süsser Haferbrei, den wohl auch ihre Mutter eingepackt hatte. Keiner der Männer hätte an so etwas Banales gedacht, schliesslich gab es genug Fleisch im Wald.

Eine Weile aßen sie schweigend. Doch irgendwann sah Fíli von seiner Schüssel auf.

"Bleiben wir heute noch hier, oder ziehen wir noch ein Stück weiter? Ich finde, das Wild ist hier erstaunlich rar. Obwohl hier eine Wasserquelle ist."

"Besser wir reiten weiter. Nicht dass ich noch einmal baden gehen muss. Einmal im Monat reicht nun wirklich", stimmte ihm Thorin zu.

Fíli nickte und versuchte sein Grinsen hinter seinem Haferbrei zu verstecken.

"Mutter wäre aber begeistert!"

"Nach ihr sollte ich jede Woche drei Mal baden", brummte Thorin.

"Nicht nur du!", seufzte der Blonde theatralisch, "Ich denke manchmal, dass irgendwo bei ihr die Valar ein Stück Elb mitgegeben haben."

Thorin schüttelte sich. "Grausame Vorstellung..."

Nach dem Essen schnappte sich Fíli die Schüsseln samt Topf und reinigte sie. Immerhin waren Wettschulden ja Ehrenschulden. Als er wieder zurück kam, befestigten die anderen Beiden gerade ihr Gepäck auf den Ponys. Schnell packte er seine eigene Decke und das Schlaffell und rollte sie zusammen.

Zu seiner Überraschung bracht ihm Kíli sein fertig gesatteltes Pony und schenkte ihm ein Lächeln.

"Danke." Er lächelte zurück.

Er war kaum aufgestiegen, als jemand zwischen ihm und Kíli hindurch trabte. Irritiert sahen die Brüder Thorin hinter her, der erstaunlich frisch, munter und fast schon verboten gut gelaunt davon trabte.

"Äh... Will er uns irgendwas beweisen? Wenn ja, dann verstehe ich es nicht", flüsterte Fíli seinem Bruder zu, während sie ihrem Onkel folgten.

"Ich find´s irgendwie... toll. Er erinnert mich ein wenig an... mich?"

"Mh... Wundert mich nicht. Du kommst ja nach ihm. Derweil könnte es bei mir auch sein, dass sie mich beim Betten machen gefunden haben."

Kíli gluckste. "Du hast einfach mehr von Vaters Seite her... ist doch auch schön."

"Ja. Und denk mal, wenn wir beide denselben Charakter hätten? Der Berg würde einstürzen", grinste der Ältere

"Ach, das haben wir in den Ered Luin doch auch so fast geschafft... Erinnerst du dich?"

Er lachte auf. "Oh ja. Gandalf hält sein Feuerwerk seither ja gut unter Verschluss. War aber auch eine blöde Idee, das ganze direkt nahe der Magnesiumadern zu zünden."

"Ich hatte ja keine Ahnung davon, was da drin ist."

"Ich auch nicht, aber selbst uns hätte klar sein können, dass es in der Küche genügend Dinge gibt, die abfackeln können. Also, was haben wir aus dem Tag gelernt? Zünde niemals Gandalfs Zauberknaller... in einem Berg... am tiefsten Ort... neben einer Magnesiummiene..." Mühsam unterdrückte Fíli das Lachen.

"Man lernt aus Fehlern..."

"Das hoffen zumindest die Älteren!"

"Apropos... Was genau macht Thorin da vorne?"

Fíli, der seinen Bruder angesehen hatte, wendete sich in Richtung seines Onkels und runzelte die Stirn. "Ähm... Ich... Keine Ahnung."

Thorin sass auf dem Pony, hatte die Füsse aber nicht in den Bügeln, sondern liess sie baumeln.

"Vielleicht sind seine Stiefel noch nass. Hatte er sie gestern eigentlich ausgezogen?"

"Ich glaub nicht... ups... sieh mal..." Kíli deutete nach vorne, wo Thorin sein Pony zügelte, weil ihm scheinbar etwas runter gefallen war - sein Stiefel.

Schnell sahen die Brüder zu, dass sie aufholten, denn das Absteigen, das ihr Onkel gerade in Angriff nahm, sah eher wie eine Voltigierübung aus.

"Onkel, alles in Ordnung?"

"Ja, was soll denn sein?" Thorin sprang aus dem Sattel und hopste zu seinem Stiefel.

Fíli sah Kíli kurz an, dann wieder zu Thorin.

"Wir haben uns nur gewundert. Vielleicht sind die Riemen an deinem Stiefel beschädigt, durch den Sturz gestern. Wenn du es erlaubst, schau ich nachher mal, dass ich sie ausgebessert bekomme. Ist ja auch meine Schuld", meinte er und sah auf seinen Onkel hinab, der das Schuhwerk wieder überstreifte, ohne die Riemen aufzuschnüren.

"Sehen alle gut aus", erklärte Thorin und zupfte sich seinen Mantel zu Recht, der irgendwie verrutscht war.

"Mh, ok." Der Blonde sah gen Himmel.

"Sollten wir uns nicht langsam einen Platz zum Lagern suchen? Es ist schon wieder später Nachmittag." Scheinbar hatten sie die Zeit völlig vergessen, während sie die Ponys durch den Wald gelenkt hatten.

"Habt ihr hier irgendwo Wild gesehen?" Thorin stapfte wieder zu seinem Pony und führte es am Zügel zu einer Baumgruppe, die bestmöglichen Schutz bot.

"Nein. Ein paar kleine Vögel, aber nichts zum Jagen. Wir haben nur noch die Reste von dem Reh und Kíli und ich können auch kurz losziehen und Beeren und Vogelnester suchen."

"Ich hab Hunger... Beeilen wir uns. Ich mach Feuer", kam es von Thorin.

"OK." Fíli stieg schnell ab und band Raven neben Minty an.

"Ki, kommst du?"

Kíli sah zwiegespalten aus. Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl Thorin allein zu lassen. Fragend sah sein Bruder ihn an.

"Beeilen wir uns..."

Fíli nickte und tauchte zwischen den niedrigen Ästen ab.

"Du kletterst besser. Schaust du in den Wipfeln nach und ich schau mal, ob ich hier am Boden was finde?"

"Ja, geht klar... halt ein Ohr auf Thorin. Ich glaub der wird doch krank."

"Okay."

Die nächsten Minuten konzentrierte sich Fíli auf den Boden. Da das Wetter die letzten Tage ziemlich gut gewesen war, trugen einige Sträucher sogar schon Früchte, sodass er nach einer viertel Stunde einen kleinen Beutel voll gesammelt hatte. Für heute würde es geradeso reichen. Auf dem Rückweg zum Lager kam er noch an einer kleinen Baumgruppe vorbei, an deren Stamm einige Pilze wuchsen, die er auch mitnahm. Satt würden sie allerdings nur werden, wenn Kíli mehr fand als er.

Der kam erst eine Weile später ins Lager und sah ziemlich zerrupft und zerkratzt aus. Über seine Nase zog sich ein blutiger Striemen.

"Was ist denn mit dir passiert?", fragte sein Bruder verdattert.

"Ich hab ein Nest mit Eiern gefunden... dummerweise ist es von einem Auerhahn gewesen und der hat es vehement verteidigt."

"Verstehe. Und wer hat gewonnen?", schmunzelte Fíli.

Er zog ein Tuch aus seiner Satteltasche tränkte es kurz mit Wasser und tupfte Kíli damit auf die Nase.

"Autsch... na wer wohl... hab fünf grosse Eier im Beutel."

"Du bist ein Held. Nur Durin selbst überstrahlt dich noch."

Kíli streckte Fíli ganz unerwachsen die Zunge raus. "Wie war das? Wolltest du auch ein Ei?"

"Würdest du deinen armen, vom Jagdglück verschmähten, Bruder wirklich hungern lassen?"

Fíli setzte den treudoofsten Hundeblick auf, den er sich aus Kílis Überredungsreportoi leihen konnte.

Der Jüngere hob eine Augenbraue an, ehe er zu prusten begann. "Na komm, lass uns versuchen die Eier in ein Rührei zu verwandeln."

Fíli verbeugte sich theatralisch und deutete mit der Pfanne vor der Brust einen Diener an.

Während die beiden ihren Spass beim Kochen hatten, wanderte Thorin eher nervös umher und behielt die Umgebung im Auge. Irgendetwas ging hier vor sich, er konnte es tief in seinem Innern spüren. Nur zuordnen konnte er das Gefühl noch nicht.

Als die Eier durch und auch die wenigen Pilze angebraten waren, platzierte der Blonde die gesammelten Beeren in einer kleinen Schüssel.

"Mein König, das Essen ist angerichtet", versuchte er denn Herumtigernden in ihre gute Laune mit einzubinden.

Thorin sah den Jüngeren finster an, nicht sicher ob ihn sein Neffe veräppeln wollte oder es ehrlich meinte.

"Ach komm schon. War es nicht Ziel des Ausflugs mal auszuspannen? Jetzt gönn doch auch mal deinen Gesichtsmuskeln Urlaub", grinste der ältere der Brüder.

Kíli liess da eher Taten sprechen und trat zu seinem Onkel, um ihn zum Lager zurück zu schieben. Verdutzt blieb er nach ein paar Schritten stehen und hielt eine Hand über seinen Kopf, dann über Thorins, schien ihre Grösse zu vergleichen, die sich nicht wirklich unterschied.

Fíli war zur Feuerstelle gegangen und füllte drei Teller. Als er bemerkte, was sein Bruder tat, hob er eine Augenbraue. "Was machst du da?"

"Ich bin gewachsen", verkündete Kíli stolz.

"Ah ja?", fragte Fíli zweifelnd, "Von Gnom zu großem Gnom?"

"Ich hol Thorin noch ein."

Dieser sah ihn entgeistert an. "Du wirst bald 90! Ich glaube kaum, dass du noch wächst."

Fíli grinste nur weiter still und gab den beiden ihre Teller, wobei er Thorin deutlich mehr drauf getan hatte, als seinem Bruder und sich.

Zu ihrer Überraschung schwächelte Thorin aber und schaffte knapp etwas mehr als die Hälfte.

"Hast du keinen Hunger? Komm schon, Thorin. Ich finde, du bist so schon dünner geworden. Denk ja nicht, ich hab nicht bemerkt, dass du dir den Gürtel heute Morgen enger als sonst geschnallt hast!"

"So schnell nimmt ein Zwerg nicht ab", wehrte sich Thorin, "Ich hab einfach keinen Hunger."

Fíli hob nur misstrauisch eine Augenbraue... und sah dabei seiner Mutter erschreckend ähnlich.

Das liess Thorin den Blick senken. "Wenn jemand noch mag… Sonst werf ich es weg."

"Na gut. Nein, ich bin satt."

Kíli aber schien begeistert und letzten Endes wurde nichts weggeworfen. Dafür hatte der jüngste Spross Durins schliesslich auch hart gekämpft.

"Ich werd noch etwas Holz nachlegen und dann die Wache übernehmen. Legt euch ruhig schlafen", entschied Fíli kurzendschlossen.

"Aber weck mich in drei Stunden.", wurde er von Thorin angewiesen.

Der Blonde nickte und setzte sich dann an einen Baum, von dessen Stamm aus er das gesamte Lager gut im Blick hatte. Er vertrieb sich die Zeit mit Schnitzen, immerhin schuldete er Ori noch eine neue Pfeife, nachdem er sich auf dessen Alte versehentlich gesetzt hatte. Als die Zeit ran war zur Wachablösung, war er allerdings erst halbfertig mit dem Bauch und ausserdem auch überhaupt nicht müde. Er beschloss, mit einem kurzen Blick auf den, in dem Pelzmantel vergrabenen, Schopf seines Onkels, dass er ihn schlafen lassen würde. Sollt er später noch müde werden, dann könnte er immer noch Kíli wecken. Vorsichtig stand er auf und drehte eine kurze Runde um das Lager. Den Mantel Thorins zog er gleich noch bis zur Nasenspitze, da dieser leicht zitterte und setzte sich dann wieder an den Stamm der Buche, wo er auch den Rest der Nacht verbrachte.

In den frühen Morgenstunden sah er dann als erstes den verstrubelten Haarschopf seines Bruders unter dessen Decke hervor kriechen. "Fi...?" Kíli setzte sich auf und sah sich nach seinem Bruder um. "Hier, Kleiner." Fíli hockte gerade am Feuer und versuchte die Glut wieder zu entfachen.

"Wieso hast du mich nicht geweckt?"

"War nicht müde. Ausserdem hast du dir die Erholung verdient, nach deinem erschöpfenden Kampf um das Abendessen gestern", grinste er.

Kíli sah verdutzt drein und kratzte sich dann verlegen an der Nase, womit er prompt den Schorf abknibbelte und wieder blutete.

Fíli stöhnte theatralisch.

"Wie ein kleines Kind!", grummelte er gespielt, schnappte sich seinen Bruder am Kragen und tupfte ihm mit einem Tuch auf die Nase.

"Au... na ja... ist doch nicht schlimm", wehrte sich Kíli halbherzig.

"Du bist verwundet. Was wäre ich denn für ein König, wenn ich mich nicht um das Wohlergehen meiner Untertanen kümmern würde. Vor allem wenn sie Leib und Leben für das höhere Wohl geopfert haben!"

Nun musste Kíli lachen, wodurch auch ihr Onkel erwachte, der brummelnd unter Mantel und Decke hervor krabbelte. "Bei Durins Bart, warum ist es denn schon hell?"

Fílis Lachen blieb ihm mit einem Mal im Hals stecken, als er sich zu seinem Onkel umwand.

Thorin erhob sich und sah zu seinen Neffen. "Fíli? Kíli?"

Den Brüdern stand schlicht der Mund offen.

Thorin zog die Augenbrauen zusammen. "Was?"

"D... D...", Fíli musste erst schlucken, bevor er zu einem erneuten Versuch ansetzte, "Dein B... Bart!"

Thorins Hand fuhr hoch zu seinem Kinn.

"Hast du über Nacht einem Eichhörnchen Unterschlupf gewährt und dich dann auf seinen Schwanz gelegt? Dein Bart sieht aus wie abgefressen.", stellte Fíli fest, als er näher zu seinem Onkel trat und sein Kinn betrachtete. Verdutzt stellte er ausserdem fest, dass er leicht herunter schauen musste. Was war denn nun los? Bekamen Kíli und er noch mal einen Wachstumsschub?

Thorin liess sich von den beiden jungen Zwergen inspizieren, auch wenn er nicht das Gefühl hatte, dass etwas anders war

Die Brüder kamen zu demselben Ergebnis: Sie waren plötzlich gleich groß, Kíli sogar ein paar Zentimeter größer, als ihr Onkel, Thorin war schlanker, fast wie der Brünette, und Thorins Bart dünnte aus. "Oder du hast etwas schlechtes gegessen. Vielleicht fallen dir die Haare aus?"

Nun zeichnete sich Entsetzen in Thorins Blick ab. "Nein! Wir müssen nach Hause zu Oín."