Ich wachte auf, weil mir heiß war. Ich hatte das Gefühl, dass meine Haut verbrannte. Je wacher ich wurde, desto schlimmer wurden die Schmerzen und ich wünschte ich könnte direkt wieder einschlafen. Aber einmal geweckt, ließen sich die Schmerzen nicht mehr ignorieren. Meine Kehle war trocken und kratzte, meine Kiefer pochten, meine Ohren schmerzten, meine Nasenschleimhäute brannten, meine Augäpfel stachen, als hätte ich zu lange in die Sonne geschaut. Als ich soweit bei Bewusstsein war, dass ich auch Dinge außerhalb meines eigenen zerschundenen Körpers wahrnehmen konnte, spürte ich das erdrückende Gewicht einer warmen Decke auf mir, ein weiches, verschwitztes Laken unter mir und die gnadenlose Wintersonne, die sogar durch die geschlossenen Lider in meine gepeinigten Augen stach.

Als sich mein Gehör wieder meldete, wurde ich überschwemmt von einer Flut von Geräuschen. Schritte, Stimmen, das Brummen einer Heizung, das Gluckern der Wasserrohre. Sie wurden lauter und leiser wie ein schlecht eingestelltes Radio. Auch meine Nase überforderte mich plötzlich mit Informationen. Mein eigener Schweiß. Iihh, ich hatte dringend eine Dusche nötig, wenn ich so extrem roch. Ein Hauch Frittenfett. Waschmittel. Wandfarbe. Zedernholz. Gebratenes Lammkotelett mit Rosmarinkartoffeln. Und Mann. Mann? Verwirrt riss ich die Augen auf und kniff sie gleich wieder zu als die stechende Helligkeit meinen Kopf explodieren ließ. Ich stöhnte auf vor Schmerz. Ein Stuhl kratzte über den Boden und dann beugte sich jemand über mich und schirmte dankenswerterweise das Licht ab. „Du bist wach. Endlich. Ich dachte schon du schaffst es nicht!" Diese Stimme, ich kannte sie. Hatte sie schon einmal gehört. Ein Kunde im Jones'? Das Jones! Nachhauseweg. Gasse. Hunde. Schwärze. Plötzlich erinnerte ich mich. Ganz vorsichtig öffnete ich die Augen und blinzelte ein paar Mal. Der große, dunkle Umriss über mir schwankte und kippte und verfestigte sich dann zu einem jungen Mann mit dunklem Haar und atemberaubenden braunen Augen, die sich besorgt in meine bohrten. Sie kamen mir vage bekannt vor. Jetzt wo er so nah war, konnte ich an seinem Geruch erkennen, dass er heute noch nicht geduscht hatte, dass er kein Rasierwasser benutzte und heute Morgen Schinken zum Frühstück gegessen hatte. Und unter all diesen Alltagsgerüchen lag sein männlicher Eigengeruch. Man sagt ja immer, dass man jemanden nicht riechen kann. Jones war einer der Typen, die ich absolut nicht riechen konnte. Aber dieser junge Mann hier roch lecker, wenn mir der Ausdruck gestattet ist. Sympathisch. Einladend. Und wild. Seltsam, ein bisschen wie Berge und Wald und ... Einsamkeit? Ist Einsamkeit ein identifizierbarer Geruch? Für mich anscheinend schon. Während meiner Geruchsanalyse waren meine Augen langsam wieder zugefallen. Ich ließ mich von seinem Geruch zurück in den Schlaf lullen. „Abigaijl?" ich fuhr hoch und schlug die Augen wieder auf. Mit einem Mal stürzten tausend Fragen und Sorgen auf mich ein. Wie lange war ich bewusstlos gewesen? War meine Tollwutimpfung noch gültig? Warum tat mir alles weh? Wer war er? „Wo bin ich?", fragte ich und zuckte zusammen, als die Worte in meiner Kehle kratzten. Er seufzte erleichtert und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Ich kniff die Augen gegen das plötzliche Licht zusammen. Er fuhr sich mit der Hand durch sein welliges Haar und sagte niedergeschlagen: „In Stonehaven. Treffpunkt und Wohnort des Rudels". Rudel? Was für ein Rudel? „Und wer sind Sie? Wie bin ich hierher gekommen? Und meine Hand-", ich stockte, mit Mühe hatte ich meinen Arm aus der Umklammerung der Decke befreit und starrte auf meine Handfläche. Die verschwunden war. Verschwunden unter einer feuerroten, hühnereigroßen Beule. Als ich sie betrachtete, schmerzte sie plötzlich auch und sandte ihr ärgerliches Brennen meinen Arm entlang. „Nicholas Sorrentino, zu Ihren Diensten", sagte er. „Abigaijl McTavish", antwortete ich dümmlich. Er zeigte den Hauch eines Lächelns. „Ich weiß". Er deutete auf den Nachttisch und als ich mühsam und unter Schmerzwellen meinen Kopf gedreht hatte, erblickte ich meine billige Handtasche. „Wie bin ich hierher gekommen? Wieso bin ich nicht in einem Krankenhaus? Anscheinend bin ich hier ernstlich infiziert, ein Arzt sollte sich das anschauen", ich gestikulierte schwach mit meiner geschwollenen Hand. Er folgte der Bewegung mit den Augen und erwiderte meinen Blick nur kurz bevor er seine eigenen Hände betrachtete, die er nervös an seiner Jeans rieb. Hatte ich Schuldbewusstsein in seinem Blick gesehen? Er hatte mich doch in der Gasse gefunden und gerettet, oder nicht. Sein einziger Fehler war der, mich nicht direkt ins Krankenhaus zu fahren. Denn dieses Zimmer war eindeutig kein Krankenhauszimmer. Jetzt wo meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, konnte ich meine Umgebung besser erkennen. Die Wände waren gelb gestrichen und verliehen dem Raum eine freundliche Atmosphäre. An der gegenüberliegenden Wand stand ein großer Kleiderschrank aus hellem Birkenholz und 

daneben eine passende Kommode. Das Bett, in dem ich lag, war ein Himmelbett. An den vier Pfosten waren zarte, sonnengelbe Vorhänge festgebunden. Also auf keinen Fall ein Krankenhaus. Nicht mal in teuren Privatkliniken gab es als Luxus goldgerahmte, bodenlange Spiegel. Als Nicholas sich räusperte wandte ich mich ihm wieder zu. Er wrang die Hände im Schoß.

„Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll. Ich hab so was noch nie gemacht."

Er warf mir wieder einen kurzen, schuldbewussten Blick zu. Ich war verwirrt. Was sollte das?

„Gott, wie erklärt man so etwas?" Er hatte sehr leise gesprochen, aber dank meines neuen super Gehörs hatte ich ihn trotzdem verstanden.

„ER antwortet nicht. Zumindest nicht mir", sagte ich aufmunternd. Anscheinend hatte er ein bisschen Ermutigung nötig. Ich wurde mit der Andeutung eines atemberaubenden Lächelns und einem Aufblitzen von Humor in den braunen Augen belohnt. Er holte einmal tief Luft und starrte mir dann voll ins Gesicht.

„Ich bin ein Werwolf."

... „Was?"...

„Ich, Nicholas Sorrentino bin ein Werwolf und gehöre zum einzigen Rudel weltweit, dessen Hauptsitz hier in Stonehaven, im Staate New York ist."

Ich hatte das Gefühl, dass wenn ich irgendwann ins Krankenhaus käme, dann nicht allein. Er hatte dringend einen Psychiater nötig.

„Es gibt keine Werwölfe", sagte ich.

Er lächelte mich traurig an. „Ich weiß, es klingt unwahrscheinlich, aber doch: Es gibt Werwölfe."

„Bitte nehmen Sie mich nicht auf den Arm, ich fühle mich wie ein Häufchen Elend und bin Ihrer Gnade ausgeliefert. Erzählen Sie mir keinen Unsinn über Sagengestalten, sondern bringen Sie mich endlich in ein Krankenhaus!"

Während meiner Rede war ich immer lauter geworden und schrie ihm die letzten Worte fast ins Gesicht. Ich erschrak über mich selbst. Normalerweise war ich nicht so. Ich war freundlich und zurückhaltend. Niemals bissig und fordernd. Die Gespräche, die ich die ganze Zeit im Hintergrund wahrgenommen hatte, verstummten. Schritte kamen näher und die Tür öffnete sich. Eine große, blonde Frau trat herein.

„Nick, Jer will dich unten sehen. Ich soll das hier übernehmen."

Nicholas nickte erleichtert, sprang auf und eilte aus dem Zimmer. Als er gegangen war, schloss sie fest die Tür und setzte sich dann auf den Besucherstuhl neben meinem Bett.

„Elena Michaels" sie streckte mir die Hand hin. Erleichtert eine scheinbar vernünftige Person vor mir zu haben, nahm ich ihre Hand.

„Abigaijl McTavish. Hallo. Können Sie mir vielleicht endlich erklären, was hier los ist?"

„Ja, Abigaijl, das kann ich, aber du wirst es nicht hören wollen. Wir können dich nicht ins Krankenhaus bringen, weil dein Blut sich verändert. Du veränderst dich."

Ich starrte sie erschreckt an.

„Der Hund. Er hat mich infiziert. AIDS?"

„Infiziert. Das trifft es." Sie lachte bitter. „Ja, es war der Hund. Er hat es nicht absichtlich gemacht, verstehst du? Sein Speichel ist in die Wunde an deiner Hand geraten und das bedeutet, dass du jetzt eine von uns bist. Du bist ein Werwolf, Abigaijl. Der zweite weibliche Werwolf auf der Welt". Waren sie denn alle verrückt geworden? „Um Himmels willen! Es gibt keine Werwölfe! Und ich verlange von Ihnen, dass sie mich sofort in das nächste Krankenhaus bringen!", schrie ich, obwohl meine Kehle kratzte und brannte. „Doch Abigaijl, es gibt Werwölfe. Du bist jetzt selbst einer. Nick hat dir in der Gasse die Hand abgeleckt. Du bist infiziert" „Sie brauchen einen Psychiater, Sie alle! Ich kann Ihnen einen guten empfehlen-". Sie unterbrach mein Geplapper: „Ich brauche keinen Psychiater. Ich weiß, dass das alles schwer zu verstehen ist. Ich habe es damals auch nicht direkt akzeptiert. Ich kann es dir aber beweisen. Hier!" Ungeduldig hielt sie mir ihre Hand vors Gesicht. „Was zum-" Ihre Hand schien sich zusammenzuziehen. Die sorgfältig gefeilten Nägel würden dicker und die Finger kürzer. Der Handrücken verzerrte sich und ballte sich zu einem Knoten zusammen. Die feinen Härchen wurden dicker. Zusätzliche Haare wuchsen. Sie brachen aus der Haut und wurden länger und länger. Am Ende ihres Arms war keine Hand mehr sondern eine Pfote. Es sah so schrecklich missgebildet aus. Ich starrte darauf und versuchte trotz der schmerzlichen Proteste meines Körpers davonzukriechen. Sie 

griff nach mir und als sich dieses grauenhafte Was-auch-immer näherte begann ich zu schreien. Schrille, ohrenbetäubende Schreie. Ich schlug und trat nach ihr, kämpfte mich aus den Decken und fiel vom Bett, wobei ich dankenswerterweise mit dem Kopf auf die Kante des Nachtschränkchens knallte und wieder das Bewusstsein verlor.