Er fand Michael nur in seine weißen Gefängnisshorts gekleidet vor dem Waschbecken stehend. Die linke Schulter hatte er zum Spiegel gedreht und er verrenkte seinen Hals in dem Versuch, die neueste Wunde komplett in Augenschein zu nehmen.
„Wir haben keine Dusche. Es hat sich anscheinend entzündet. Kannst du nachsehen, ob noch irgendwelcher Dreck drin ist?"
„Am besten spülst du erst mal das ganze Blut ab. Kriegst du die Schulter unter den Hahn?"
Mit Lincolns Hilfe beugte Michael sich so weit vor, dass die Wunde direkt unter den niedrigen Wasserhahn kam. Er sog scharf die Luft ein, als der kalte Wasserstrahl auf seine Haut traf, aber Lincolns fester Griff hielt ihn davon ab, zurückzuzucken.
„Au, verdammt! Hier ist es schlimmer als in Fox River. Wir hatten wenigstens warmes Wasser."
„Halt still und beschwer dich nicht, Mike, du hast dieses Motel ausgesucht. Im Übrigen hätten wir so oder so keinen Meter mehr fahren können. Selbst ein Superhirn wie deins braucht mal Schlaf."
„Offensichtlich. Ansonsten wären wir nie in diesem Loch gelandet!"
„Elender Snob."
„Pass auf, was du sagst, gesuchter Mann", zischte Michael. Dann schwieg er. Denn er war damit beschäftigt, fest die Zähne aufeinander zu beißen, während Lincoln mit einem nassen Handtuch die Wunde säuberte.
Nachdem die Wunde gewaschen war, sah sie schon nicht mehr so schlimm aus. Sicher, es würde eine Narbe geben, eine mehr auf Michaels Körper, aber wenn sie es schafften, bald ein Antiseptikum und Verbandszeug zu besorgen, würde alles nur noch halb so wild sein. Das hoffte Lincoln zumindest. Vorsichtig tupfte er die Haut trocken. Michaels Kopf blieb gesenkt, seine Hände blieben in den Rand des Waschbeckens gekrallt.
„Fertig", sagte Lincoln, und warf das Handtuch auf den Toilettendeckel.
Michael begann wieder zu atmen und erhob sich. Ihre Augen begegneten sich im Spiegel, und Lincoln sah den Dank, den sein Bruder nicht aussprach. Akzeptierte ihn schweigend mit einem leichten Nicken. Im Spiegel fiel sein Blick auf das lange Schwert aus Tinte, das senkrecht auf Michaels Brust prangte. Die gehörnte Figur, die es hielt, kam ihm seltsam bekannt vor. Lincoln runzelte die Stirn, hielt seinen Kopf ein wenig schief, um das Bild besser sehen zu können. Die am Boden liegende Gestalt war nackt. Sie hielt den Kopf gesenkt, in Erwartung des Todesstoßes. Lincoln hob die Augenbrauen. Aus den Schultern der Gestalt wuchsen Flügel. Das hier war die Umkehrung des Bildes auf Michaels Rücken! Derselbe Dämon, derselbe Engel, dasselbe Schwert.
Michael beobachtete das Gesicht seines Bruders im Spiegel mit Interesse. Lächelte mild, als er die aufkeimende Erkenntnis sah.
„Mike, dieser Engel, das… das bist du! Die Tattoos sind deine Rüstung, dein Kopf, dein Gehirn ist das Schwert. Nur warum --"
„Sei nicht albern. Ich hatte keine so langen Haare, seit ich vierzehn war", schnaubte Michael belustigt.
„Du bist dieser Engel", beharrte Lincoln. „Es gab nur zwei Möglichkeiten, Kopf oder Zahl. Entweder du schaffst es, mich aus dem Knast zu holen, oder nicht. Wenn es nicht geklappt hätte, Michael, wenn sie mich getötet hätten, was hättest du dann getan?"
Im Knast hatte man alle Naselang die Chance, sein Leben zu verlieren. Ganz besonders, wenn man ein hübsches Gesicht hatte und nicht dazu neigte, bei den üblichen Spielen von Gewalt und Korruption mitzumachen. Das blanke Entsetzen packte Lincoln, als ihm klar wurde, dass Michael den Märtyrer gespielt hätte, wie dieser Engel auf seiner Brust. Entsetzen und Wut. Brutal packte er seinen Bruder bei den Oberarmen und schüttelte ihn. Beide Männer waren gleich groß, aber neben Lincolns Muskelmasse wirkte Michael beinahe zierlich.
„Verdammt! Kann man dich denn keinen Moment aus den Augen lassen! Es ist alles nur meine Schuld! Wenn ich dich nicht allein gelassen hätte, wenn -- Gott, Mike! Wenn sie uns finden, werde ich immer noch auf den Stuhl kommen, aber du! Du! Verflucht, hättest du nicht einfach in deinem schicken, kleinen Büro bleiben können?!"
Michael ließ den Wutausbruch über sich ergehen, bis er abebbte. Dann sagte er: „Schließ deine Augen."
„Wa--?"
„Hör auf mit dem Warum. Tu's einfach."
Lincoln tat es. Er war ein wenig atemlos. Michael griff die rechte Hand seines Bruders am Handgelenk und zog sie zu sich nach vorne. Er legte sie auf seine Brust, auf sein Herz, und drückte sie mit seiner eigenen Rechten fest an sich. Dabei lehnte er seinen Rücken gegen die breite Brust des Älteren.
„Spürst du das?", flüsterte er. „Spürst du es, Linc? Das bin ich."
Die Haut unter seiner schwieligen Handfläche war fest und warm. Keine Spur von den Tattoos. Sie waren da, das wusste er, aber sie bedeuteten gar nichts. Das Herz darunter schlug nicht wie ein eingesperrtes, ängstliches Vögelchen, sondern stetig und stark. Lincoln schluckte. Vielleicht hatte Michael Recht. Vielleicht war es an der Zeit, sein Misstrauen wenigstens einmal über Bord zu werfen und daran zu glauben, dass sie es schaffen konnten. Nichts wollte er mehr. Der Glaube wurzelt im Herzen. Das hatte ihm der Geistliche in Fox River wieder in Erinnerung gebracht. Seit Atem wurde ruhiger, während der Herzschlag unter seiner Handfläche pochte und pochte und pochte…
Der linke Arm hob sich wie von selbst. Gespreizte Finger fassten zunächst Michaels Hüfte, strichen dann langsam über seinen Bauch, streiften blind den gefallenen Engel, bis Michael vollständig von den Armen seines Bruders umgeben war.
Lincoln öffnete seine Augen nicht, als er spürte, wie Michaels Brustkorb sich in seiner Umklammerung hob und senkte. Öffnete sie nicht, als die Atemzüge tiefer wurden. Öffnete sie nicht, als Michaels Hände in Zeitlupe über seine Unterarme strichen, die Bewegungen seiner eigenen Hände mitmachten und vorantrieben. Sie agierten wie ein Wesen. Lincoln bemerkte nicht, wie seine eigenen Atemzüge tiefer wurden, während seine Hände Michaels Oberkörper kartographierten. Sein ganzes Bewusstsein war in seinen Handflächen. Durch sie nahm er alles wahr, was momentan zählte. Das war Michaels weicher Bauch, der runde Bauchnabel, in den die Finger nur ganz kurz einsanken, die ertastbaren Rippen weiter oben und dann Michaels feste Brust und die kleinen, runden Brustwarzen. Lincolns Finger streiften diese Knospen nur flüchtig, doch ihm entging nicht die leichte Änderung in Michaels Atemrhythmus.
Als Lincoln seine Augen wieder öffnete, erschrak er über die offene Verzweiflung in Michaels Blick. Er wollte ihn beruhigen, ihm versichern, dass alles gut war, brachte jedoch kein Wort heraus. Drei Atemzüge lang sagte keiner von beiden etwas. Lincoln starrte die Vision seines Bruders im Spiegel an. Er konnte sich nicht rühren. Er wollte Michael trösten, umarmen, doch er hielt ihn ja bereits fest umklammert. Er wollte etwas sagen, öffnete schon den Mund, und... wusste nicht, wie. Die Zunge, trocken und irgendwie fremd, verweigerte ihre Kooperation.
tbc.
