Kapitel 1 ‚Ein neuer Anfang'

Buffy hatte sich entschieden. Sie würde weitermachen. Sie würde weiterhin eine Jägerin sein und gegen Vampire und andere Wesen des Bösen kämpfen. Sie war sich nicht sicher gewesen. Jetzt, da sie nicht mehr die einzige Jägerin war, hätte sie versuchen können ein normales Leben zu führen. ‚Normal' soweit das eben möglich war, wenn man das Böse mit einem Blick erkennt. Und sie hatte es versucht. Mehrere Monate lang. Sie war in Italien gewesen. Zuerst mit ihren Freunden, dann allein mit Dawn. Und sie hatte versucht ihren Jugendtraum zu leben. Nur um festzustellen, dass es eben nur das war: ein Traum.

Das hier war das Leben, das zu ihr gehörte. Vor langer Zeit hatte Kendra, auch eine Jägerin, einmal zu ihr gesagt, sie solle ihre Berufung nicht als Job betrachten, denn dazu sei sie geboren worden. Inzwischen verstand Buffy was sie damit gemeint hatte, sie fühlte es in ihrem Herzen.

In den Monaten nachdem der Höllenschlund in Sunnydale geschlossen worden war, war sie mit ihrem Wächter Giles durchs Land gereist. Sie hatten die anderen Jägerinnen besucht. Die, welche den letzten großen Kampf überlebt hatten. Faith hatte sich schon bald abgeseilt. Sie war nicht dafür geschaffen lange an einem Ort zu bleiben oder auch lange von denselben Menschen umgeben zu sein.

Xander hatte sich auf seine eigene Reise gemacht. Er brauchte Zeit um zu sich selbst zu finden. Der Verlust von Anya hatte ihn tief getroffen. Die anderen Jägerinnen waren nach Hause zurückgekehrt. Giles hatte sich bemüht wieder Ordnung in die Reihen der Wächter zu bringen. Auch sie hatten bei diesem letzen Kampf große Verluste hinnehmen müssen. In England wurde mit Hochdruck daran gearbeitet, den Rat der Wächter wieder aufzubauen. Nachdem es jetzt so viele Jägerinnen gab, wurden ihre Fähigkeiten dringender gebraucht den je.

Sie hatte das Böse bekämpft; immer, überall und nirgends. Sie hatte geholfen die Anderen auszubilden. Ihnen dann ihre Kraft übertragen - diese Aufgabe hatte Willow an den Rand der Erschöpfung getrieben - um für den letzten großen Kampf gerüstet zu sein. Aus all den Mädchen waren plötzlich Jägerinnen geworden.

Aber der Kampf gegen das Böse endete nie. Es gab noch mehr Höllenschlunde, doch Buffys Aufgabe bestand nicht mehr darin einen bestimmten zu bekämpfen. Ihre Fähigkeiten waren gereift. Sie hatte im Kampf gegen das Böse viel geopfert, zuviel verloren.

Doch sie hatte überlebt. Länger als jede Jägerin in der Geschichte. Sie hatte sich das Recht erkämpft selbst zu entscheiden, was sie tun wollte.

Deshalb hatte Buffy ihre eigene Suche begonnen. Sie wollte herausfinden wer sie war, was das Leben für sie bereithielt. Darum war sie gegangen. Doch ihr altes Ich ließ sich nicht ablegen wie aufgetragene Kleidung. Innerhalb kürzester Zeit war sie wieder in die Machenschaften des Bösen verstrickt worden und hatte sich mitten im Kampf gegen das Böse wiedergefunden. Ihre Beziehungen, nicht selten mit dämonischen Wesen, waren eine einzige Katastrophe gewesen. Außerdem hatte sie ihre Freunde und ihre Heimat vermißt.

Also war sie zurückgekehrt. Sie hatte Giles wiedergetroffen und sich den neuen Aufgaben zugewendet. Hier gab es wahrlich genug zu tun. Überall waren Schulen errichtet worden, die den plötzlich erwachten Jägerinnen die nötige Ausbildung zukommen lassen sollten. Buffy und Giles hatten einige davon besucht. Buffy hatte sich sogar überreden lassen einige Seminare abzuhalten.

Dann waren sie hierher gekommen, nach L.A. Hier hatte alles begonnen und jetzt war sie wieder da - der Kreis hat sich geschlossen. „Hier" das war ihre Familie, ihr Dad und ihre Schwester Dawn, die glücklich gewesen war wieder in der Stadt zu sein, weg aus Sunnydale.

‚Hier' bedeutete auch bei ihren Freunden, Willow, Giles... und Angel. Willow, ihre beste Freundin. Giles, einst und für immer ihr Wächter und väterlicher Freund. Angel, der Vampir mit einer Seele – ihr Beschützer, ihr Freund, ihr Seelengefährte. Der sie verlassen hatte um sie beide und ihre Freunde nicht in Gefahr zu bringen und um ihr ein Leben zu ermöglichen, das sie verdiente und das er ihr nicht bieten konnte.

Das Schicksal hatte sie getrennt. Und es hatte sie immer wieder zusammengeführt, hatte nicht zugelassen, dass sie vergessen konnten. ‚Irgendwann' hatte sie einst zu ihm gesagt. Bis dahin wollte er hier Gutes tun und Buße tun für die Sünden seiner Vergangenheit, um vielleicht eines Tages Vergebung zu finden – und Erlösung für seine Seele.

Nun hatte ihr Weg auch sie hierher geführt. Was die Zukunft für sie und Angel bereithielt, wenn es denn überhaupt eine gab, wusste sie nicht. Aber sie wusste was sie tun würde.

„Was hast du jetzt vor", fragte Giles und riss Buffy aus ihren Gedanken.

„Was?"

„Du hast gar nicht zugehört, habe ich Recht?" In Giles' Stimme klang nur ein klein wenig Unmut wegen ihrer Unaufmerksamkeit. Er kannte sie einfach schon zu lange.

„Ich habe dich gefragt, was du jetzt machen willst", wiederholte er seine Frage.

„Weswegen", gab sie ein wenig verwirrt zurück. Tatsächlich hatte sie schon die ganze Zeit über nur ihren Gedanken nachgehangen.

„Deine berufliche Zukunft. Was hast du vor? Du willst hoffentlich nicht wieder in einem Esoterikladen arbeiten. Das ist eine Verschwendung deiner Talente."

„Oh! Ähm, nein. Willow hat mir erzählt, dass an der UCLA jemand gesucht wird der Kurse gibt. Sie wissen schon: Selbstverteidigung, Kampfkunst und so was. Sobald das neue Schulzentrum hier fertig ist... wer weiß, vielleicht verlege ich mich aufs Unterrichten", meinte Buffy, ein wenig entschuldigend mit den Schultern zuckend. Hätte ihr vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass sie an diesen Punkt angelangen würde, hätte sie denjenigen für verrückt erklärt.

Die Jägerinnen-Akademie nahe L.A. war beinahe fertig und wartete nur darauf ihre Arbeit aufzunehmen – dort würde immer Platz für sie sein. Giles würde wieder seine ursprüngliche Arbeit als Bibliothekar aufnehmen, nur dass er sich dieses Mal ausschließlich der okkulten Literatur widmen durfte.

„Übrigens waren Sie früher dafür, dass ich in der ‚Magic Box' gearbeitet habe'

Jetzt schaute Giles von seinem Buch auf und sah sie an.

„Damals, genau. Da war es das Richtige für dich. Doch jetzt… Buffy du bist älter geworden, reifer und ja, auch weiser. Du hast dich weiter entwickelt und das solltest du auch beruflich. Die UCLA, hm? Ich halte das für eine gute Idee. Du kommst endlich wieder unter Menschen, normale Menschen meine ich, und du kannst gleichzeitig deine Fähigkeiten trainieren."

Die letzten Monate hatte sie nur mit den Jägerinnen, ihrem Wächter und Willow verbracht.

Zeit, dass sie wieder mal etwas zu tun bekam, das nichts mit Übernatürlichem zu tun hatte, davon hatte sie in den Nächten schließlich genug.

„Hast du in den letzten Wochen eigentlich die Zeitung gelesen", fragte Giles plötzlich. Als Buffy ihn nur zweifelnd anblickte, beantwortete er sich die Frage selbst: „Nein, dass hast du wohl nicht." Eher Modezeitschriften und Magazine dachte er bedauernd.

„Jedenfalls gab es da eine Menge seltsamer Vermisstenfälle in der Stadt. Wir sollten versuchen mehr darüber zu erfahren", redete er weiter.

„Giles, das hier ist L.A., seltsam ist hier an der Tagesordnung. Ist das außerdem nicht eher ein Fall für die Polizei?"

„Tja, es sind keine gewöhnlichen Vermisstenfälle. Leute verschwinden von einer Minute zur anderen. Und was nicht in der Zeitung steht ist, dass es eben durchaus keine ‚normalen Menschen' sind. Viele von ihnen haben auf die eine oder andere Art mit dem Übernatürlichen zu tun." Giles legte das Buch beiseite.

„Wie meinen Sie das", fragte Buffy, deren Interesse geweckt war.

„Es sind Dämonen dabei, Hexen, einige Vampire von denen wir wissen. Auch ein paar Wächter werden vermisst. Sie scheinen sich einfach in Luft aufzulösen. Das scheint schon eine ganze Weile so zu gehen, doch die Vorfälle häufen sich. Bei deinem nächsten Streifzug solltest du die Augen offen halten."

„Vielleicht liegt es an der Stadtluft", warf Buffy neckend ein. Sie wusste, dass Giles durchaus nicht begeistert über ihre Entscheidung gewesen war hierher zu kommen. Aber Sunnydale war Geschichte. Und außerdem kam Los Angeles dem Höllenschlund am nächsten.

Als Giles sie nur unergründlich anblickte, sagte sie: „Schon gut, das war ein Witz. Natürlich werde ich aufpassen, vielleicht kriege ich ja was raus. Sie können ja weiter ihre Quellen durchforsten. Willow will später vielleicht noch vorbeikommen, dann kann sie Ihnen ja dabei helfen."

Buffy stand auf und griff nach ihrer Tasche mit den Waffen.

Die Sonne war vor einer Weile untergegangen und damit begann wieder ihre eigentliche Arbeit.

„Zeit für mich. Auf zur Jagd auf die Bösen", sagte Buffy angriffslustig und sie hatte wieder dieses Glitzern in den Augen

Giles war froh wieder ein Stück der alten Buffy in ihr zu sehen, er hatte angefangen sich Sorgen zu machen.