Kapitel 2: Amanda Giles
Am nächsten Morgen wachte Lily, entgegen ihrer Gewohnheiten, früh auf. Beinahe sofort kam die Erinnerung an den Tag zuvor zurück. Sie sprang in freudiger Erwartung aus dem Bett, zog hastig die erstbesten Klamotten an, die sie fand (Jeans und ein hellblaues T-Shirt) und lief ins Bad um sich fertig zu machen. Als sie in den Spiegel sah, erblickte sie nur einen Haufen zerwühltes, rotes Haar und irgendwo darunter strahlten ihre grünen Augen hervor. Blitzschnell wusch sie sich das Gesicht und schaffte es irgendwie, ihre Haare mit dem Kamm zu zähmen. Anschließend rannte sie die Treppe hinunter, direkt in die Küche. Mr Evans sah überrascht auf.
„Nanu, Lily, was ist denn mit dir heute los?"
Auch Mrs Evans war verblüfft und fragte: „Seit wann stehst du in den Ferien früher auf als zwölf Uhr?"
Lily strahlte. „Heute erfahre ich, was es mit den Briefen auf sich hat. Das will ich jetzt unbedingt wissen", erwiderte sie fröhlich und begann, sich Müsli in den Mund zu schaufeln. Petunia schnaubte abfällig.
„Das ist bestimmt irgendein doofer Scherz. Das will dich jemand ärgern."
„Petunia, lass deiner Schwester doch die Freude", mahnte Mrs Evans und Lily fragte sie: „Ist die Eule immer noch da?"
Mr Evans prustete Kaffee auf seinen Teller. „Eule?", fragte er verdutzt. Lily ignorierte ihren Vater und sah ihre Mutter ratlos an.
„Ich weiß nicht, da habe ich gar nicht drauf geachtet."
Mrs Evans warf ihrer Tochter einen tadelnden Blick zu. „Wenn du dich schon dazu bereit erklärst ein Tier zu versorgen, musst du dich auch darum kümmern. Geh noch mal schnell nach oben und sieh nach ihr."
Gehorsam ließ Lily ihr Frühstück stehen und sprang auf um in ihr Zimmer zu gehen, als es an der Haustür klingelte. Sofort war der Vogel vergessen.
„Ich mach auf", rief sie und lief zur Haustür. Als sie sie öffnete, lächelte ihr eine fremde Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren mit strohblonden kurzen Haaren und einem Gesicht voller Sommersprossen entgegen.
„Hallo", sagte sie, „bist du Lilian Evans?"
„Ja, die bin ich. Ich möchte aber lieber Lily genannt werden", antwortete Lily.
„Gut, Lily ich bin in Amanda Giles. Ich nehme an, Bullet ist mit dem Brief angekommen?"
„Bullet?", fragte Lily verwirrt.
Amanda Giles lachte. „Meine Eule. Ist sie hier?"
Lily nickte. „Möchten Sie herein kommen, Miss Giles?"
„Oh ja, gerne."
Lily ließ die Frau ins Haus und führte sie in die Küche.
„Mum, Dad, das hier ist Miss Giles. Sie hat die Eule geschickt."
Miss Giles lächelte freundlich, als Lilys Eltern ihr nacheinander die Hand reichten. Petunia winkte sie kurz zu.
„Hallo, Mr und Mrs Evans. Ich bin sicher, Sie haben den Brief ebenfalls gelesen. Und auch die Einladung nach Hogwarts, nehme ich an?"
„Ja", antwortete Mr Evans. „Und nun setzen Sie sich doch bitte und erklären Sie uns, was es mit der ganzen Sache auf sich hat."
„Selbstverständlich", sagte Miss Giles und nahm am Küchentisch Platz. Mrs Evans stellte eine Tasse Tee vor ihr am und ließ sich ebenfalls auf einem der Stühle nieder. Miss Giles trank einen Schluck von ihrem Tee, dann begann sie zu erzählen.
„Nun, vor fast vierzehn Jahren habe ich, genau wie du, Lily, meinen Hogwarts-Brief bekommen. Ich war vollkommen überrascht und dachte, es würde sich um einen Scherz handeln. Doch wenige Tage später besuchte mich jemand, so wie ich dich jetzt besuche, und machte mir klar, dass Magie und Hexerei keinesfalls nur in unserer Fantasie existieren. Es gibt sie wirklich und du, liebe Lily, wirst gemeinsam mit anderen jungen Hexen und Zauberern, lernen, sie zu beherrschen. Ich bin heute hier um dir dabei zu helfen dich auf Hogwarts vorzubereiten, deine Schulsachen mit dir zu kaufen und dir alles weitere zu erklären."
Lily strahlte die Frau an. „Sie meinen, es gibt wirklich eine Schule für Magie, und ich darf hingehen?"
Miss Giles lächelte zurück und erwiderte: „Natürlich."
Lily drehte sich zu ihren Eltern um, die jedoch misstrauisch wirkten.
„Ach kommen Sie, Sie erwarten doch nicht wirklich, dass wir das glauben? Was hat das wirklich zu bedeuten?", fragte Mrs Evans.
Miss Giles lachte leise. „Sie glauben mir nicht, stimmt's? Nun, ich habe nichts anderes erwartet. Während Kinder unglaublich offen und vertrauensselig sind, was solche Dinge betrifft, glauben Erwachsene nur das, was sie sehen und manchmal nicht einmal das. Aber ich werde es Ihnen zeigen."
Sie griff in ihre Jacke und zog einen langen, dünnen Stab aus rötlichem Holz hervor. Sie schwang ihn kurz, sagte das Wort Florale und plötzlich sprossen aus allen möglichen und unmöglichen Stellen und Ecken der Küche schneeweiße Lilien hervor. Lily klappte der Mund auf und sie sah, dass es ihren Eltern und Petunia ebenso erging. Das war wirklich und wahrhaftig Magie.
„Kann ich das auch lernen?", fragte sie begeistert.
„Aber ja", erwiderte Miss Giles fröhlich, „und noch viel mehr."
Da wandte sich Lily an ihre Eltern und sagte bestimmt: „Ich gehe nach Hogwarts."
Mr und Mrs Evans sahen sich hilflos an. Sie wussten, dass ihre Tochter sehr stur war. Nun hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, auf diese ominöse Zauberschule zu gehen, also würde sie nichts und niemand davon abhalten können. Sie selbst trauten der Sache noch nicht so ganz. Diese Blumen waren schon eindrucksvoll gewesen, doch was sollten diese Dinge ihrer Tochter in der Zukunft bringen?
Doch auch darauf wusste Miss Giles eine Antwort.
„Sie müssen wissen, Ihre Tochter lernt in Hogwarts keine dummen Zaubertricks, wie sie Leute im Zirkus oder auf der Straße zeigen. Was in Hogwarts gelehrt wird ist echte Magie. Wenn Lily dorthin geht, wird sie vollständig in die Zaubererwelt eingegliedert. Selbstverständlich gibt es bei uns auch Berufe, die sie ausüben kann. Sie kann zum Beispiel Lehrerin werden, oder bei der Bank arbeiten, oder als Heilerin, oder im Zaubereiministerium. Es gibt so viele Dinge."
Mr Evans starrte sie an. „Es gibt ein Ministerium für Zauberei?", fragte er fassungslos.
„Natürlich. Wir sind eine organisierte Gesellschaft, wie jeder andere Staat auch. Die Nichtmagische Gemeinschaft bekommt nur nichts davon mit, weil wir uns gut zu verstecken wissen."
Das mussten Lilys Eltern erst einmal verdauen. Diese Nachricht war für sie absolut überwältigend. Schließlich schien Mr Evans wieder sicher zu sein, die Kontrolle über sich zu haben und fragte: „Wie viel soll der Spaß denn kosten?"
"Nichts", antwortete Miss Giles sofort. "Sie müssen bloß die Zauberutensilien und die Bücher bezahlen."
Mr Evans klang noch immer ein wenig skeptisch, als er fragte: "Und wo bekommen wir die Sachen? Ich meine, Zauberstäbe, Kessel und Drachenhauthandschuhe findet man schließlich nicht in jedem X-beliebigen Kaufhaus."
"Nein, natürlich nicht", lachte die Besucherin, "aber wir kaufen die Sachen in London. Es gibt hier eine Gegend, wo man sie bekommt."
"Und Sie wollen jetzt mit unserer Tochter in die Stadt gehen und diese Zaubersachen mit ihr besorgen?"
"Ja. Aber wenn Sie mir
nicht trauen, können Sie selbstverständlich
mitkommen."
Lily sah ihre Eltern gespannt an. "Biiitteee",
flehte sie. Mr und Mrs Evans schauten sich in die Augen und Mrs Evans
sagte: "Na ja, wir können ja mal mitgehen. Es kann ja nicht
schaden."
Lily stieß einen freudigen Schrei aus und fiel ihren Eltern um den Hals. "Danke", rief sie.
Nur eine Stunde später stand Lily mit ihren Eltern und Miss Giles vor einem kleinen Pub in London. "Zum tropfenden Kessel" stand auf einem Schild über der Tür. Petunia hatte sich geweigert mitzukommen. Sie war lieber wieder mit ihren Freunden unterwegs. Also führte Miss Giles nur Lily und ihre Eltern hinein.
"Hey, Tom", grüßte sie den Mann hinter dem Tresen, schob die Familie Evans jedoch weiter ohne anzuhalten, bis sie in einem kleinen Hinterhof standen.
"Pass auf", sagte sie zu Lily, "gleich kommen wir an den Ort, an dem du alles bekommst, was du brauchst. Und zwar nicht nur jetzt, sondern vermutlich für den Rest deines Lebens. Und dazu tippst du mit deinem Zauberstab dreimal auf diesen Stein."
Sie hob ihren Stab und klopfte an die Mauer. Die begann mit einem Mal, sich zu bewegen und zu verformen, bis sie vor einem Meterhohen Torbogen standen, der in eine enge Gasse führte. Auf einem Schild am Haus gegenüber stand in großen goldenen Lettern "Winkelgasse".
Lily trat einen Schritt vor und erstarrte dann staunend bei dem Anblick hunderter Menschen in bunten Umhängen und anderer merkwürdiger Kleidung und zahlreicher Läden, die die Straße säumten und die wunderlichste Dinge verkauften. Völlig begeistert drehte sie sich im Kreis und wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte. Miss Giles beugte sich zu Lily hinunter und flüsterte ihr ins Ohr: "Willkommen in deiner Welt."
Etliche Stunden später hatte Lily schon einiges über die Zaubererwelt erfahren. Zuerst hatte sie das Zauberergeld kennen gelernt, das ihre Eltern in Gringotts, der Zaubererbank, gegen normales Geld bekamen. Sie hatte gelernt, dass Nicht-Magier als "Muggel" bezeichnet wurden und dass sie von den meisten Zauberern nicht ernst genommen wurden. Und sie hatte unendlich viele magische Gegenstände und Bücher gesehen. Sie besaß nun einen eigenen Zauberstab aus hellem Weidenholz und ein hübsches, schneeweißes Kätzchen, zu dem sie ihre Mutter stundenlang überredet hatte, und das sie "White Cake" getauft hatte.
Und nun saß sie in ihrem Zimmer auf dem Bett und blätterte durch ihre Schulbücher. Die Eule von Miss Giles hatte sie sofort mit ihrer Zusage nach Hogwarts geschickt und jetzt hatte sie all ihre neuen Sachen um sich herum ausgebreitet und sah sich alles genau an. Schließlich wollte sie nicht komplett ahnungslos sein, wenn sie in einem Monat mit vielen anderen Zauberern zu ihrer neuen Schule fuhr.
Der Juli verging für sie schleichend langsam. Die meiste Zeit verbrachte sie in ihrem Zimmer mit ihren Büchern und White Cake. Einmal probierte sie aus Spaß Miss Giles' Blumenzauber aus. Beim achten oder neunten Versuch schaffte sie es tatsächlich, ein einzelnes, winzig kleines Vergissmeinnicht aus ihrem Kopfkissen sprießen zu lassen. Sie pflückte die magische Blüte und stellte sie in eine kleine Vase auf ihrem Nachttisch.
Ihre Eltern freuten sich sehr für sie und waren ebenfalls gespannt, wie es ihr in Hogwarts gefallen würde. Petunia hingegen schien der Gedanke, dass ihre Schwester eine Hexe werden würde, ganz und gar nicht zu gefallen. Lily hatte nie eine besonders enge Beziehung zu Petunia gehabt, doch sie waren stets miteinander ausgekommen. Nun jedoch ertappte sie ihre Schwester immer wieder, wie sie ihr einen wütenden oder gar hasserfüllten Blick zuwarf. Als sie Petunia darauf ansprach, antwortete diese nicht, sondern stellte einfach den Fernseher lauter.
Und so wurde es schließlich September. Lily war früh wach am ersten Tag des Monats und begann schon, ihren Koffer zu packen. White Cake lockte sie in den Weidenkorb, mit dem sie ihn transportierte und da sie nicht wusste, ob es in der Zaubererwelt auch einfache Bücher wie Romane oder Jugendbücher gab, steckte sie sich noch einen ganzen Berg davon ein.
Ihr Frühstück schlang sie zur Belustigung ihrer Eltern in Windeseile hinunter und als sie schließlich um halb elf Uhr los wollten, stand sie schon fix und fertig im Flur und trat nervös von einem Bein auf das andere. Ihre Eltern luden den Koffer ins Auto (Petunia hatte sie wieder einmal geweigert, mitzufahren um ihre Schwester zu verabschieden) und dann ging es endlich los. Die ganze Fahrt über plapperte Lily fröhlich vor sich hin, sprang von einem Thema zum nächsten, wobei jeder zweite Themawechsel unweigerlich zu Hogwarts führte. Als sie schließlich am Bahnhof King's Cross angekommen waren, hatte sie ihren Eltern bereits ein Ohr weggeredet, weshalb die beiden ganz froh waren, als ihre Tochter aus dem Auto sprang und sofort zum Kofferraum lief um ihren Koffer herauszuholen. Auf dem Weg zum Bahnsteig schob Mr Evans den Gepäckwagen, während Lily, den Korb mit White Cake an sich gedrückt, vor ihm her hüpfte.
Sie lief sofort zu der Absperrung zwischen Gleis Neun und Gleis Zehn. Miss Giles hatte gesagt, sie könnte einfach hindurch gehen und tatsächlich: Als sie die Hand nach der Wand ausstreckte, verschwand diese einfach zwischen den Steinen. Sie winkte ihren Eltern und trat dann durch das Tor in die andere Welt.
Im ersten Moment konnte sie sich nicht rühren. Sie stand einfach nur da und sah sich auf dem überfüllten Bahnsteig um. Hier tummelten sich hunderte von Zauberern in allen Altersgruppen. Kinder und Eltern verabschiedeten sich voneinander, Schüler halfen sich gegenseitig dabei, ihre schweren Koffer in den Zug zu wuchten und überall sah man kleine Grüppchen von Jugendlichen herumstehen, die sich lautstark über ihre Ferienerlebnisse unterhielten.
Hinter Lily traten ihre Eltern durch das Portal und sahen sich ebenfalls beeindruckt um.
„Es muss unheimlich aufwendig und schwierig sein, all dies vor den Menschen zu verstecken", meinte Mr Evans kopfschüttelnd, während seine Tochter ihn und seine Frau durch die Leute zum Zug schleifte. Einige der umstehenden Zauberer musterten die Muggel neugierig, andere hingegen schienen nicht sonderlich begeistert, sie hier zu sehen. Mr Evans brachte Lilys Koffer in ein leeres Abteil im Zug und kam wieder heraus auf den Bahnsteig, wo Lily sich bereits mit einer festen Umarmung von ihrer Mutter verabschiedete. Plötzlich hatte das Mädchen ein wenig Angst vor dem, was auf sie zukam. Gleichzeitig war sie traurig, weil sie ihre Eltern lange Zeit nicht wieder sehen würde. Sie verabschiedete sich von beiden unter Tränen, bevor sie selbst in den Zug stieg. An der Tür winkte sie noch einmal kurz, dann war sie allein.
