So ist der Stolz nun einmal: Ein Plädoyer der Elenden.
(Jean-Paul Sartre)
Severus wollte nicht glauben, daß er erwachte. Wieso war es ihm verwehrt, zu sterben? Er hatte versucht, seine Pflichten zu erfüllen, er hatte versucht alles zu tun, was Dumbledore von ihm verlangt hatte. Voldemort war tot, es gab keinen Grund mehr weiterzuleben. Er hatte keine Familie, keine Arbeit, kein Haus. Er war nichts, hatte nichts, wollte nichts.
Alles tat weh. Er wußte nicht, wo er war, wollte es nicht wissen.
Langsam öffnete er die Augen. Sogar das tat weh. Sie waren zugeschwollen, er konnte den Raum nur verschwommen sehen. Alles war weiß, irgendwie neblig. Etwas piepte über seinem Kopf. Ein Monitor, der die Funktion sämtlicher Organe, sowie die des magischen Kerns anzeigte, leuchtete gelb. Er war auf der Intensivstation von St Mungos. Sein linker Arm war an einen Tropf geschlossen, sein Körper mit klebriger Salbe bedeckt. Er fühlte sich schmutzig, wollte aufstehen, um sich zu waschen, aber es gelang ihm nicht.
Ein krauser Kopf erschien vor seinen Augen. Nah, zu nah. Granger. Sie war es, die ihm das Gegengift gegeben hatte, das Diptam auf seinen Hals geschüttet hatte. Es war ihre Schuld, daß er noch lebte. Er versuchte sie mit Blicken zu erdolchen, aber sie ließ sich nicht einschüchtern. Quietschend zog sie ihren Stuhl näher zu seinem Bett und setzte sich direkt vor ihn. Die Nähe war unerträglich, fast schlimmer als seine Hilflosigkeit. Er hoffte inständig, daß sie ihn nicht berührte, er haßte Körperkontakt. Besonders jetzt.
'Professor,' begann sie leise. 'Ich hätte nicht gedacht, daß Sie so schnell aufwachen würden.'
Severus mied ihren Blick, konnte nicht in die braunen Augen schauen, in denen Trauer stand. Sie würde wohl jetzt erfahren haben, daß ihre Eltern gestorben waren. Yaxley und Dolohov hatten die Grangers ausfindig gemacht. Und sie waren keinen schnellen Tod gestorben.
Er versuchte sich von ihr abzuwenden, als Panik in ihm hochstieg. Der Monitor piepte lauter. Granger würde wohl wissen, was das bedeutete, und er haßte sich für seine Schwäche.
'Sie müssen sich beruhigen, Professor.'
Er verzog das Gesicht. Im Angesicht des Feindes konnte er hart bleiben. Kalt und emotionslos, ganz egal, welche Horrorszene sich vor seinen Augen abspielte. Er wußte, er würde später büßen, wenn die Bilder ihn einholten, verfolgten. Wenn sie sich in seine Träume einschlichen und ihm jeglichen Schlaf raubten. Als Dumbledore noch lebte, konnte er damit umgehen. Dieser hatte immer nach detaillierten Beschreibungen jedes Treffens gefragt, hatte gewußt, wenn Severus etwas ausließ, bohrte und bohrte, bis er die ganze Wahrheit wußte. Die Berichterstattungen waren immer quälend gewesen, und doch hatten sie verhindert, daß Severus den Verstand verlor. Alles, was verbalisiert wurde, konnte man irgendwie ertragen.
Nach Dumbledores Tod war niemand mehr dagewesen, dem Bericht erstattet werden konnte. Und die Todessertreffen waren immer unerträglicher geworden. Immer einen Schritt weiter. Niemand konnte Severus mehr überzeugen, das Gute im Menschen zu sehen. Er hatte wahre Einblicke in die Seele gewonnen, hatte die Fähigkeit ohne mit der Wimper zu zucken unaussprechliche Greueltaten zu verüben jahrelang gesehen und am eigenen Körper spüren dürfen. Abgesehen davon hatte er das gesamte letzte Jahr in der Gewißheit verbracht, daß er mithalf, Lilys Sohn in den freiwilligen Tod zu schicken. Damit war seine heimliche Theorie daß sie ihm vielleicht irgendwann vergeben hätte, eingestürzt. Dumbledore hatte es nicht für nötig gehalten ihm mitzuteilen, daß der Junge wohl überleben würde. Der alte Mann hatte ihn zu einem Jahr Hölle verurteilt, hatte ihn glauben lassen, daß alles wofür er gekämpft hatte umsonst gewesen war. Daß Potter sterben würde.
Er vermochte nicht sich zu beruhigen. Nackte Panik und Vezweiflung suchten ihren Weg nach oben, und er hatte wieder das Gefühl, ersticken zu müssen. Wo waren seine Okklumentikschilde geblieben? Krampfhaft versuchte er sich auf sie zu konzentrieren, ohne jeglichen Erfolg. Er hätte genauso gut versuchen können, Tote zum Leben zu erwecken.
Er spürte eine Hand auf der seinen, zuckte zusammen und verachtete sich selbst.
'Raus,' hauchte er. Seine Stimme klang schwach und zittrig. Sie schüttelte traurig ihren krausen Kopf und zog ihre Hand wieder zurück.
'Sie dürfen nicht allein bleiben, Professor. Die Heiler werden bald kommen, im Moment sind sie beschäftigt. Das Krankenhaus ist überbelegt.'
Sein Atem ging schwer und rasselnd. Es war furchtbar kalt. Er fühlte, wie sich trotzdem Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten unter der Anstrengung, die Fassung nicht zu verlieren.
'Können Sie sich erinnern, wer Ihnen das angetan hat?'
Selbstverständlich erinnerte er sich. Seine Haut brannte. Er konnte immer noch Macnairs Atem riechen. Nein. Er durfte nicht daran denken. Niemals.
Er stöhnte, als er sich von ihr wegzudrehen versuchte. Die haselnußbraunen Augen wollten ihn nicht loslassen. Sie seufzte schwer und griff nach seiner Krankenakte.
'Verbrennungen dritten und vierten Grades an sechzig Prozent der Körperoberfläche. Neunzehn Frakturen. Blasenruptur. Analfissur. Subdurales Hämatom. Zwechfellriß. Quetsch-, und Rißwunden an Rücken, Oberkörper und Beinen.'
Sie hielt einen Moment inne, als ob sie die Mitschriften des Arztes nicht entziffern konnte. Dann schloß sie die Akte wieder.
'Anhand von Spermaspuren konnte Walden Macnair identifiziert werden. Er ist allerdings nicht auffindbar.'
Er fühlte, wie seine Hände zitterten und ballte sie zu Fäusten. Auch das tat weh. Er war noch nicht einmal imstande, die Zähne zusammenzubeißen, da die meisten zerbrochen waren. Es war, als ob keine Luft mehr in seine Lungen gelangte. Sie zogen sich zusammen, wie bei einem Asthmatiker. Sein Atem ging pfeifend und er fluchte lautlos.
'Ich habe Sie eine Stunde wiederbelebt, bevor endlich jemand kam. Auf Muggelart. Ich weiß, daß Sie nicht leben wollen. Aber ich möchte wissen, wer es war.'
Er starrte sie an. Warum erzählte sie ihm das alles? Warum konnte sie ihn nicht in Ruhe lassen?
'Gut,' sagte sie, und lehnte sich zurück. 'Wer hat meine Eltern getötet?'
Wußte sie nicht, daß er im Augenblick wirklich nicht in der Lage war zu sprechen?
'Macnair?' Der Name rief ein Schaudern in ihm hervor, aber er drehte unmerklich den Kopf.
'Yaxley?' Er nickte.
'Goyle?' Nein. Sie zählte sie alle auf, ohne Rücksicht darauf, daß die Namen ihn an all das erinnerten, was er so verzweifelt zu verdrängen versuchte. Irgendwann hatte sie es herausbekommen. Zufrieden, daß die Mörder ihrer Eltern beide tot waren.
Das gleiche Procedere nun für diejenigen, die ihn gefoltert hatten. Granger ließ nicht locker, bis sie alle Namen hatte.
Die Panik saß nun in seinem Hals und wollte ihn erwürgen. Er hustete. Dann wurde alles schwarz. Krämpfe schüttelten ihn. Er konnte nicht atmen. Sie drückte auf einen Knopf, aber dauerte eine Ewigkeit, bis jemand kam und ihm einen Trank verabreichte, der dazu führte, daß sich seine Muskeln entspannten und er die Panik besser spüren konnte.
Es roch nach Erbrochenem. Angewidert von sich selbst, versuchte er wieder, aufzustehen. Auch dieser Versuch war nicht von Erfolg gekrönt. Es sei denn, man konnte eine frische Welle von Übelkeit als Erfolg bezeichnen. Die Ärzte verschwanden wieder, nachdem es so aussah, als hätte er sich beruhigt. Hatte er nicht. Er hatte stattdessen aufgegeben und war im Begriff, den Kampf gegen die Panik und die Verzweiflung zu verlieren.
Aus weiter Entfernung hörte er eine Stimme, nur um dann festzustellen, daß es die eigene war. Er hatte sich von sich selbst distanziert, und konnte nur hilflos zusehen, wie der Severus Snape, der dort in dem sterilen Krankenhausbett lag, sich vor den Augen einer ehemaligen Schülerin auflöste.
Ohne zu wissen was er dagegen tun sollte, er schien nicht mehr Herr seines Körpers zu sein, sah er, wie er die Kontrolle verlor, schrie und bettelte, daß es endlich, endlich aufhören möge. Unzusammenhängende Wortfetzen kamen aus seinem Mund, was erzählte er? Es ging Granger einen Dreck an, daß seine Mutter eine depressive Stablose gewesen war, die zu unkontrollierten und gewalttätigen Wutausbrüchen neigte. Daß sein Vater alles versoffen hatte, was die Familie besaß. Daß er sich die Schuld gab für den Tod von Lily Evans. Daß er sich niemals würde vergeben können. Daß er Potter nicht haßte, sondern daß der Trotz und die Wut in den grünen Augen ihn um den Verstand brachten. Daß Beruhigungstränke abhängig machten, wenn man sie allzu oft konsumierte. Daß er Dumbledore nur deshalb töten konnte, weil dieser von einem Kind verlangte, sich selbst zu opfern.
Mit unmenschlicher Anstrengung schaffte er es, sich aufzurichten und hinzusetzen. Hinter dem fettigen Haar und seinen Armen zu verschwinden. Der Monitor piepte unerträglich laut, während Severus versuchte, seinen angeschlagenen Körper unter Kontrolle zu bringen.
Er krümmte sich, spuckte Blut. Seine Schultern bebten und es wurde nicht besser.
'Professor. Sir!' Er reagierte nicht. 'Severus...!?'
Eine Hand war auf einer Stelle seiner Schultern, die nicht so sehr schmerzte und übte leichten Druck aus. Die Hand zitterte.
'Ganz tief einatmen. So. Augen zu. Stellen Sie sich vor, zu fliegen. Sie brauchen nicht einmal einen Besen. Ganz hoch und von allen weg. Zum Meer...' Sie wartete noch eine Weile, bis er sich beruhigt hatte. Es funktionierte tatsächlich.
