Kapitel 2
Am nächsten Vormittag gingen House und Wilson sich weitestgehend aus dem Weg.
Jedes Mal, wenn sich die Tür zu Wilsons Büro öffnete, sah dieser erwartungsvoll auf, in der Hoffnung, die ihm vertraute Person mit Stock und Sneakers dort stehen zu sehen, doch stattdessen waren es stets nur Schwestern, Kollegen, die seinen Rat suchten und einmal sogar der Hausmeister, welcher die Heizung reparierte, die seit mehreren Tagen nur kläglich funktionierte.
Mittags bemerkte Wilson House, der am anderen Ende des Raumes in die Cafeteria trat, sich aber sofort wieder umdrehte und ging, als er Wilson sah, der sich gerade ganz hinten in der Schlange eingereiht hatte.
Wilson wusste nicht recht, was er von dieser Situation halten sollte. Er hasste es, mit Leuten im Streit zu sein und noch viel mehr hasste er es, wenn ungeklärte Tatsachen in der Luft lagen.
Am vergangenen Abend hatte er House' Wohnung verlassen, sich in sein Auto gesetzt und war noch etwa eine Stunde lang einfach durch die Stadt gefahren, ehe er in sein Hotelzimmer zurückgekehrt war, sich mit einer Flasche Bier und Chips ins Bett gelegt und die Filme angesehen hatte. Mitten in der Nacht war er dann hoch geschreckt, der Fernseher lief noch immer und das Menü von „Casino Royale" flimmerte auf dem Bildschirm.
Ein Blick auf seinen Wecker hatte ihm verraten, dass es zwei Uhr nachts waren und obwohl er um etwa zehn Uhr eingeschlafen sein musste, fühlte er sich, als hätte er kein Auge zugemacht.
Trotzdem fand er keinen Schlaf mehr, als er sich wenig später wieder hinlegte.
Er hatte an House denken müssen… und an Zack.
Wut stieg in ihm auf, wenn er daran dachte, dass sein bester Freund ihm all die Jahre lang verheimlicht hatte, dass er offensichtlich ein Faible für junge Männer hatte.
Irgendwann gegen fünf Uhr morgens war sein Zorn dann verraucht und einer enttäuschten Ernüchterung gewichen.
Er hatte beschlossen, dass er abwarten würde, wie House sich ihm gegenüber nun verhielt.
Gleichzeitig hatte er beschlossen, dass es keinen Sinn mehr machte, länger hier zu liegen und auf den Schlaf zu warten, der ohnehin nicht kommen würde. Also war er aufgestanden und früher als sonst in die Klinik gefahren…
„Wilson?"
„Wie
bitte?"
Wilson schreckte aus seinen Gedanken auf und bemerkte,
dass die Schlange vor ihm schon um einiges vorgerückt war.
Cuddy stand neben ihm und hatte ungeduldig ihre Arme verschränkt.
„Entschuldigung, was war?"
Cuddy runzelte die Stirn und legte den Kopf schief.
„Ich hatte gefragt, ob es schon Ergebnisse gibt."
„Ergebnisse?" Wilson fragte sich, ob er wissen müsste, wovon seine Chefin da sprach. „Ergebnisse worin?"
Er beeilte sich, zu seinem Vordermann aufzurücken und Cuddy folgte ihm.
„Na im Fall der kleinen Annie Sax, die heute Morgen eingeliefert wurde, hat House Sie denn nicht konsultiert?"
„Ähm, nein, nein, tut mir Leid, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen." Wilson wandte sich Cuddy zu und aus seinem Blick sprach ehrliche Überraschung.
„Das kann doch gar nicht sein!", beharrte die Klinikchefin. „Als ich ihn zuletzt sah, mutmaßte er, dass es sich um einen Gehirntumor handelt und ich wies ihn an, einen Onkologen hinzuzuziehen." Cuddy sah ihn mit einer Mischung aus Unglauben und Misstrauen an.
„Nun…", Wilson wich ihrem Blick aus und nahm sich ein Tablett. „Vielleicht hat er seine Diagnose geändert?" ‚Oder einen anderen Onkologen befragt…', fügte er gedanklich hinzu.
Cuddy sah ihn noch einmal stirnrunzelnd an und Wilson war froh, dass er nun an der Reihe war und so der Konversation entgehen konnte. Als er sich wieder umdrehte – sein Mittagessen nun in den Händen – sah er, wie Cuddy gerade die Cafeteria verließ, wobei ihr einige männliche Ärzte hinterher sahen und sich hinter vorgehaltener Hand etwas zuflüsterten.
„House, was hat das zu bedeuten?"
Der Angesprochene, welcher gerade auf dem Klinikflur stand und sich von „Dreizehn" einige Testergebnisse vorlesen ließ, drehte sich auf seinem Absatz um und setzte einen überheblichen Blick auf, als er Cuddy auf sich zugehen sah.
„Was? Dass alle männlichen Ärzte dieses Krankenhauses geil auf Sie sind? Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte an der Wahl ihrer Kleidung liegen."
„Lassen Sie die Scherze, House, ich rede von Ihrem Fall. Hatte ich Sie nicht gebeten, einen Onkologen hinzuzuziehen? Ich will nicht, dass ein Mitglied Ihres Teams am Gehirn eines zehnjährigen Mädchens herumpfuscht!"
„Das haben Sie gesagt, ja. Wieso fragen Sie, sind das etwa erste Anzeichen von Alzheimer?" House riss in gespielter Weise die Augen auf und schlug sich die Hand vor den Mund.
Cuddy jedoch schien das Ganze alles andere als witzig zu finden und ihre Stimme klang eine Spur schärfer, als sie erwiderte: „Nein, aber ich habe soeben mit Wilson geredet und er hatte keine Ahnung, dass eine Annie Sax überhaupt existiert! Entweder leidet er unter Alzheimer oder, mal überlegen…, Sie haben meine Anweisungen wieder einmal missachtet! Was halten Sie für wahrscheinlicher?"
House angedeutetes Grinsen und der spöttische Ton in seiner Stimme verschwanden schlagartig.
„Ich kann mich nur daran erinnern, dass Sie sagten, ich solle EINEN Onkologen hinzuziehen, nicht aber, welchen."
Cuddy sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an und holte tief Luft, ehe sie sagte: „House, ich weiß nicht, welche Art von Ehestreit Sie und Dr. Wilson gerade führen, aber ich warne Sie, das auf dem Rücken einer Patientin auszutragen! Dr. Wilson ist der beste Onkologe, den wir in diesem Krankenhaus haben. Wie wollen Sie den Eltern der kleinen Annie erklären, dass sie sterben musste, weil Sie keine Lust darauf hatten, mit dem betreffenden Arzt zu reden?" Sie hob ruckartig die Hand, als House zu einer Antwort ansetzen wollte. „Nein, jetzt hören Sie mir zu. Ich sage es Ihnen nur einmal, tun Sie, was Sie wollen, aber wenn irgendetwas in dieser Sache hier schief läuft, dann werde ich Sie persönlich dafür verantwortlich machen."
Sie warf ihm einen ziemlich düsteren Blick zu, dann wandte sie sich um und ging.
House setzte zu keiner bissigen Antwort an, sondern starrte ihr einige Sekunden lang grimmig hinterher, ehe er selbst Richtung Aufzug ging, wobei sein Stock etwas lauter als sonst auf den Boden schlug, und die doch etwas verwirrte „Dreizehn" wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Flur stehen ließ.
Wilson sah zum zigsten Male an diesem Tag auf, als sich seine Tür öffnete und ihm fiel der Stift aus der Hand, mit dem er gerade einige Rezepte schrieb, als er sah, wer dieses Mal tatsächlich herein kam.
Er sagte nichts, sondern verfolgte, wie House langsam hinüber zur Couch ging und sich darauf niederließ.
„Cuddy schickt mich.", sagte House und starrte dabei den Griff seines Stocks an. „Es geht um…"
„…die kleine Annie Sax.", beendigte Wilson den Satz für ihn. „Ich weiß schon. Wie kommt es, dass du nun doch mich hinzuziehst?"
House ließ einige Sekunden verstreichen.
„Nun ja… du bist der beste Onkologe, den wir in diesem Krankenhaus haben…"
Wilson schnaubte verächtlich. „Komm schon, ich weiß genau, dass du nur hier bist, weil Cuddy es dir befohlen hat. Ehrlich gesagt wundert es mich etwas, dass du dich daran hältst, was sie sagt, sie muss dir wohl eine ziemlich üble Strafe angedroht haben… wenn du dafür in Kauf nimmst, dich mit mir abgeben zu müssen und…"
„Gott, Wilson." House runzelte die Stirn und rieb sich über die Schläfen. „Könntest du das sein lassen und dich stattdessen nur auf den Fall konzentrieren?"
„Das ist doch wohl…!" Wilson stand ruckartig von seinem Stuhl auf und zeigte mit dem Finger auf House. Sein Gesicht hatte eine hitzige Röte angenommen.
„Du bist doch derjenige, der einen anderen Onkologen hinzuzieht, weil er zu feige ist, mir zu begegnen! Was du sagst, ergibt überhaupt keinen Sinn! Außerdem, was soll das überhaupt? Seit wann interessiert es dich, was aus deiner Patientin wird? Seit wann befolgst du ihre Anweisungen? Weißt du, was ich glaube, House…"
„…nein, aber du wirst es mir wahrscheinlich gleich mitteilen.", murmelte House.
„Ich glaube, dass du nur nach einem Vorwand gesucht hast, um herzukommen, weil du nämlich herkommen wolltest, aber von allein nie hergekommen wärst, weil du nicht eingestehen wolltest, dass du herkommen wolltest, um mit mir zu reden!"
„Hörst du dich eigentlich selbst?"
„Ja sehr gut, danke! Und du weißt, dass ich Recht habe!"
House kniff die Lippen fest zusammen und sah Wilson zum ersten Mal in die Augen, seitdem er das Zimmer betreten hatte.
„Warum sollte ich mit dir reden wollen. Es gibt doch nichts zu reden, ich hab gestern Abend sehr deutlich gemerkt, wie du zu dem Thema stehst, ich habe kein Bedürfnis danach, mir von dir auch noch an den Kopf werfen zu lassen, dass du mich für krank und pervers und für einen elenden Lügner hältst."
Wilson klappte die Kinnlade herunter. „Hab ich das je behauptet, House? Glaubst du wirklich, dass ich so einer bin? Ich dachte, du würdest mich besser kennen! Ich hatte gehofft, du könntest mir erklären, warum du es nicht für nötig hältst, mir von sowas zu erzählen, aber stattdessen starrst du die Wand an, oder… oder flüchtest aus der Cafeteria, wenn du mich sieht… oder kommst unter einem Vorwand her, der lächerlich ist und tust, als wär nichts gewesen!"
House starrte ihm weiter unverwandt in die Augen.
Wilson seufzte und ließ sich wieder auf seinen Schreibtischstuhl fallen.
„Ich sehe, du willst einfach nicht drüber reden. Bitte, dann gib mir die Akte und verschwinde. Die Kleine kann nichts dafür, dass du so ein sturer Arsch bist."
House blickte auf die Akte, die er neben sich auf die Couch gelegt hatte und machte Anstalten aufzustehen, dann aber ließ er sie doch liegen und blieb sitzen.
„Glaubst du wirklich, dass ist der richtige Zeitpunkt, um darüber zu reden? Und überhaupt, was erwartest du, was ich jetzt dazu sage? Du hast doch alles gesehen."
„Zum letzten Mal, House, ich erwarte nur eine Erklärung dafür, dass du es nicht für nötig gehalten hast, mir davon zu erzählen."
Wieder verstrichen einige Sekunden und Wilson hatte das Gefühl, dass House gerade zu einer Antwort ansetzte, als die Tür aufging und „Dreizehn" verwirrt von House zu Wilson sah.
„Ähm, ich wollte fragen, ob wir nun biopsieren sollen, oder nicht…"
House warf einen Seitenblick auf Wilson, dann stand er auf und stützte sich auf seinen Stock.
„Nicht nötig, Wilson wird den Fall übernehmen."
Er warf ihm die Akte auf den Schreibtisch und folgte „Dreizehn" zur Tür hinaus.
Als er schon auf dem Flur war, sprang Wilson auf und stellte sich in den Türrahmen, die Hände in seiner üblichen Pose auf die Hüften gestemmt.
„Ich hoffe… das Gespräch wird irgendwann nochmal fortgesetzt."
House blieb mitten in einem Schritt stehen und drehte sich um.
„Ich hol dich nach Feierabend ab.", grunzte er und humpelte den Flur hinab.
Wilson starrte ihm noch kurz hinterher, dann schüttelte er den Kopf, fuhr sich durch die Haare und trat in sein Büro zurück.
tbc.
