-2- Reinblüter?

Fünf Tage später besaß das Schloss jeweils vier eingerichtete Gemeinschafts- und die dazugehörigen Schlafräume für die Schüler der einzelnen Klassenstufen.
Salazar hatte sich doch noch umentschieden und seine Räume anstatt in einem der Türme in den Kerkern untergebracht, was Godric zu einem geschnaubten „Wie passend" veranlasst hatte.

Auch wenn sein Groll gegen den anderen Mann sich in den letzten Tagen etwas gelegt hatte- was vor allem daran lag, dass Rowena auffallend viel Zeit mit ihm und auffallend wenig Zeit mit Salazar verbrachte, eigentlich so gut wie gar nicht mehr, außer wenn ein Dritter anwesend war- wäre er doch froh, wenn der Schwarzmagier sich für den Rest des Baus in die Kerker zurückgezogen hätte und nicht wieder aufgetaucht wäre.
Dieser Wunsch verfestigte sich, als sein Rivale allen Ernstes vorschlug, nur Reinblüter an der Schule aufzunehmen.

„Jeder Zauberer hat ein Recht darauf ausgebildet zu werden!" Godric lief wild gestikulierend in der „Großen Halle", wie sie den größten aller Säle im Schloss genannt hatten, auf und ab.

Salazar lehnte ruhig an der steinernen Wand. „Wir sollten uns nicht mit untalentierten Kindern abgeben. In Reinblütern fließt nun einmal mehr Magie, sie sind einfach empfänglicher für diese Kunst!"

„Unsinn! Das ist ein dummes Vorurteil!"

„Nennt es wie Ihr wollt." Innerlich war Salazar nicht so ruhig wie er tat. Warum hatte er sich all die Mühe gemacht und mitgeholfen dieses Schloss zu errichten, nur damit darin dumme Kinder unterrichtet wurden, die bis zu ihrem elften Lebensjahr von Nichts eine Ahnung hatten?

„Wir sollten abstimmen!" Helga mal wieder! Die ewig Friedvolle. Salazar schnaubte verächtlich. Sie war fast so schlimm wie dieser Gryffindor! Sonst was bildete er sich auf seine großen Taten ein, dabei war er nichts weiter, als ein dummer Junge, der dachte alles zu können… sogar die Liebe einer Frau gewinnen, die ihm an Intellekt und Reife weit überlegen war!

Und so stimmten sie ab. Drei zu eins. Salazar kochte und in seinem Kopf reifte ein Plan heran, wie er doch noch zu seinem Willen kommen konnte und diesen Plan führte er sehr sorgfältig aus. Niemand fand heraus, was Salazar Slytherin in den letzten Wochen ihrer Arbeit tief unter den Kerkern erschuf und welches Wesen dort unten leben würde.

*-*

Es war Nacht. Der Mond beleuchtete die kühlen Gänge der Schule und mit ihnen eine schlanke Gestalt, die an einem Fenster lehnte.
Rowena seufzte leise. Es war eine schwere Bürde. Nicht das Schloss… nein… die Liebe.
Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. Irgendwann würden Schüler die Geschichte der Schule lernen müssen. Sie würden über ihre Gründer Bescheid wissen und über deren Taten. Sie würden wissen, unter welchen Umständen das Schloss erbaut worden war, aber über die Gefühle der Gründer und wie sie zueinander standen würden sie niemals etwas wissen.

Ob sich überhaupt ein Schüler darüber Gedanken machen würde? Wahrscheinlich nicht.
Irgendwann wären sie und die anderen nur Namen, die auf Pergament standen.
Jeder würde über die vielen Probleme sprechen, die sie beim Bau des Schlossen zu bewältigen hatten, aber die Probleme der letzten Monate kamen Rowena klein und unbedeutend vor, wenn sie an das Chaos in ihrem Herzen dachte.

Würde ihre Liebe je eine Zukunft haben? Erwiderte er überhaupt ihre Gefühle. Rowena wusste, wenn sie wollte könnte sie jeden Mann in ihren Bann ziehen, aber nicht diesen Mann! Er war anders und genau das machte ihn für sie interessant.

„Ihr solltet schlafen, Rowena, der Tag war sehr anstrengend." Godric war leise neben sie getreten und folgte ihrem Blick in die Ferne.

„Umso mehr sollte man die Nacht genießen, in der es nichts zu tun gibt." Rowena liebte die Nacht. Sie strahlte etwas Magisches und Beruhigendes aus.

„Das Schloss wird bald fertig gestellt sein, und wir haben noch nicht einmal einen Namen." Godric lenkte das Thema bewusst auf das Schloss, wusste er doch, wie gerne Rowena darüber sprach.

„Es gibt nichts, was man weniger übereilen sollte als einen Namen. Sei es nun für ein Kind oder ein Schloss. Der Name beschreibt den Charakter. Wir sollten dem Schloss keinen Charakter aufdrücken, bevor es nicht selbst einen eigenen entwickelt hat, oder was meint Ihr?"

„Ähm ... ja … natürlich." Manchmal waren ihm die Gedankengänge dieser wundervollen Frau doch etwas suspekt. „Durmstrang zum Beispiel - ich finde es hört sich sehr dunkel an." Vielleicht könnte er damit bei ihr Eindruck schinden.

„Oh ja …" Rowena nickte traurig. „Und dabei existiert diese Schule noch nicht mal ein ganzes Jahrhundert. Durch diesen Namen wird sie nun Zeit ihrer Existenz mit den dunklen Künsten in Verbindung gebracht werden."

Dunkle Künste … Nun da wusste Godric noch ein gutes Thema. „Salazars Vorschlag ist Euch sehr zu Herzen gegangen, nicht wahr?" Er sah sie mitfühlend an. „Es hat unsere Idee in den Schmutz gezogen."

Rowena schwieg lange, bis sie schließlich lächelte. „Nein, das hat er nicht. Auch er will nur das Beste für diese Schule und seiner Meinung nach sind das reinblütige Kinder. Und warum sollten wir uns weiter mit dieser hässlichen Sache beschäftigen? Es wurde entschieden."

Godric wusste nichts darauf zu sagen. In ihm tobte ein innerer Kampf. Er wollte dieser Frau nah sein und wann war ein besserer Zeitpunkt ihr seine Gefühle zu gestehen, wenn nicht jetzt in dieser wundervollen Nacht?

„Ihr sprecht auch heute Nacht wieder intelligente Worte … und seht gleichzeitig wieder so wundervoll aus. Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die Schönheit und Klugheit dermaßen vereint wie Ihr." Der junge Mann trat vorsichtig einen Schritt näher an sie heran.
Rowena spürte seine Nähe und wurde von einer plötzlichen Unruhe ergriffen. Das Gespräch geriet in Bahnen, zu denen sie sich nicht näher äußern wollte und auch nicht konnte.

„Ich höre dieses Kompliment immer wieder aus Eurem Munde und immer wieder erfüllt es mich mit Stolz." Sie wandte sich lächelnd zu ihm um. „Doch Ihr hattet Recht. Der Tag war wirklich anstrengend und ich will mich nun zur Ruhe begeben. Gute Nacht, Godric."

„Gute Nacht, Rowena. Schlaft gut." Enttäuscht sah Godric ihr nach. Hatte er etwas falsch gemacht? Er lächelte traurig. Diese Frau war wirklich anders, als all die anderen.