Light

Ryuuzaki mag viele gute Eigenschaften haben, aber ein guter Schauspieler ist er nicht. Jedenfalls ist er nicht gut genug, um mich zu täuschen. Ich habe ihn schon vor langer Zeit durchschaut, ich weiß schon seit einer halben Ewigkeit, dass er mich begehrt. Sogar mein unschuldiges Ich, das nie ein Death Note in der Hand hatte, hat es erkannt. Seitdem ich aus dem Gefängnis kam und er uns aneinander gekettet hat, gab es keinen Blick, keine Geste die ihn nicht verraten hätte. Ryuuzaki will mich.

Vielleicht will er den Light Yagami, der ich noch vor ein paar Stunden war, bevor ich das Death Note angefasst und meine Erinnerungen zurückbekommen habe. Aber ich denke, er ist längst zu blind, um den Unterschied noch zu sehen. Er verzehrt sich schon so lange nach mir und heute werde ich ihm geben, wonach er verlangt.

In dem Bewusstsein, dass Ryuuzaki morgen sterben wird, klopfe ich an seiner Tür. Es ist spät, die anderen sind längst gegangen. Zweifellos sitzt er immer noch vor dem Bildschirm, grübelt, denkt, vermutet, plant, und hat mich schon kommen sehen, als ich das Gebäude betreten habe. Er öffnet die Tür und wirft mir einen verwirrten Blick zu. "Yagami-kun? Es ist spät, was kann ich für dich tun?"

"Ich muss mit dir sprechen. Lässt du mich rein?" Einem anderen wäre das winzige Zögern sicher nicht aufgefallen, aber mir entgeht nichts. Er öffnet die Tür weit und tritt zur Seite. Ich gehe an ihm vorbei bis ins Wohnzimmer, das er zu einem riesigen Überwachungsraum umfunktioniert hat. Das Zimmer ist nicht beleuchtet, nur das fahle, kalte Licht der Monitore erhellt den Raum. Gerade deshalb wirkt Rem fast wie ein Gespenst, wie sie so in ihrer dunklen Ecke steht und mich mit interessiertem Blick beobachtet. "Shinigami-san", sage ich laut. "Würdest du uns einen Gefallen tun und dich für eine Weile ins Esszimmer zurückziehen? Ich möchte allein mit Ryuuzaki sprechen." Ich bin derzeit der Besitzer des Death Note und bis zu einem gewissen Grad wird Rem tun was ich sage. Sie nickt und durch die Wand verschwindet sie in den Nebenraum. Ich frage mich, ob Ryuuzaki aufgefallen ist, dass ich sie gezielt ins Esszimmer geschickt habe. Das Schlafzimmer werden wir noch brauchen.

"Ist etwas passiert?", erkundigt Ryuuzaki sich und versucht augenscheinlich, seine Anspannung vor mir zu verbergen. Ich frage mich, ob er nervös ist durch meine bloße Anwesenheit, oder ob er fürchtet, dass ich als Kira gekommen bin, um ihn zu töten.

Langsam ziehe ich meine Jacke aus und werfe sie über den Sessel. "Jetzt wo der Fall kurz vor der Aufklärung steht, möchte ich dir sagen, dass es etwas gibt, das ich schon sehr lange tun wollte." Ich nähere mich ihm und sehe deutlich, wie er den Impuls niederkämpft, vor mir zurückzuweichen. Ich hebe den Arm und als meine Hand vorsichtig seine Wange berührt, zuckt er merklich zusammen.

"Yagami-kun?"

"Ryuuzaki…" Ich küsse ihn auf den Mund und er erstarrt förmlich.

Als ich mich von ihm löse, flüstert er: "Tu das nicht."

In meinen Ohren klingt es wie ein Flehen. Ich genieße es. Meine Hand gräbt sich in sein weiches Haar und ich küsse ihn nochmal. Dieses Mal entspannt er sich und er schließt seine Augen. Ich beobachte ihn, die ganze Zeit über. Willig öffnet er den Mund und ich koste die Macht, die ich über ihn habe, voll aus. Was er getan hat, war sehr dumm. Er hätte mir nie zeigen dürfen, was er für Gefühle für mich hat. Er hätte irgendetwas tun müssen, um sie loszuwerden. Vielleicht wäre es klug gewesen, mich zu verführen, solange ich mein Gedächtnis verloren hatte. Wer weiß, ich wäre vielleicht sogar darauf eingegangen. Schließlich ist er nicht unattraktiv und es gibt nur zwei Dinge, die mich wirklich anziehen: Intelligenz und Macht. Er hat beides, beziehungsweise er hatte beides. Jetzt, in diesem Augenblick, habe ich alle Macht über ihn und morgen wird die Macht die er als L hat auf mich übergehen.

Widerstandslos lässt er sich von mir ins Schlafzimmer führen. Ich blicke ihn an und sage: "Zieh dich aus." Er zögert nicht einen Moment lang. Ich bekomme eine Gänsehaut, als ich mir der Macht bewusst werde, die ich über ihn habe. Deshalb bin ich hier. Bevor meine Erznemesis stirbt, wollte ich mich meiner Macht über sie versichern. Ihn so zu sehen tut so gut, dass es mich für die Strapazen der vergangenen Wochen entschädigt.

Wenige Minuten später liegen wir auf dem Bett, unsere nackten, verschwitzten Körper aneinandergepresst, und im trüben Zwielicht blicke ich in seine weit aufgerissenen Augen und allein der Gedanke, dass er mir hilflos ausgeliefert ist, erregt mich ohne Ende. Ich streichle ihm sein verschwitztes Haar aus der Stirn genieße das leise Wimmern, das ich ihm entlocke.

"Raito, Raito…" Das liebe ich am meisten, wie er meinen Namen sagt, oder eher seufzt, stöhnt.

Er weiß, dass ich Kira bin. Er weiß auch, dass ich ihn töten werde. Trotzdem liefert er sich mir auf diese Weise aus. Wirklich interessant. Er ist wunderschön, wie er sich unter mir windet. Wunderschön.