Kapitel 2
Kongo (Shaba-Region, irgendwo südlich Kasaji), Gegenwart
Die fünf alten Lastkraftwagen waren bis zur Grenze ihrer Tragkraft beladen mit Kriegsgerät – Maschinenpistolen, Sturm- und Maschinengewehren, Granat- und Raketenwerfern, sogar vier zerlegten Zweiundachtzig-Millimeter-Mörsern. Zusätzlich zu dieser tödlichen Last saßen auf jedem Wagen drei oder vier Bewaffnete auf den hoch aufgetürmten Waffen- und Munitionskisten. Die Bewacher waren allerdings keine regulären Soldaten, oder auch nur ausgebildete Paramilitärs. Es waren Kinder – sechzehn Jungen und zwei Mädchen, alle zwischen zwölf und sechzehn Jahren. Aber ihre Augen wirkten alt, misstrauisch, wachsam – tot. Bar jeder Gefühlsregung die man von einem Kind erwarten konnte. Jahre des Krieges, des Mordens, Folterns, der erlittenen, erlebten und selber verübten Grausamkeiten hatten unauslöschliche Spuren hinterlassen. Erwachsen waren in diesem Konvoi nur die Fahrer der Wagen. Die Fracht war zu kostbar, als dass man die Kindersoldaten ans Steuer gelassen hätte.
Wie die Bewacher waren auch die Fahrer Schwarze – mit einer Ausnahme. Im vierten Wagen saß neben dem Fahrer ein Europäer, auch wenn seine von Jahrzehnten unter der Sonne Afrikas gebräunte Haut kaum die Bezeichnung ‚weiß' verdient hätte. Dennoch hätte es sich dieser Mann energisch verbeten, irgendwie mit einem Schwarzen gleichgesetzt zu werden. Immerhin hatte er reinblütige portugiesische Eltern. Armando Cruz war Waffenhändler, früher auch einmal Gelegenheitssöldner. Aber immerhin er war kein Neger, sondern sah sich selber als einen zivilisierten Menschen. Es war nicht das erste Mal, dass er diese Strecke fuhr, nicht die erste Ladung Waffen, die über die schwach bewachte Grenze in den Kongo geschmuggelt wurde. Die Waffen mochten früher einmal den kubanischen Expeditionsstreitkräften gehört haben, oder auch südafrikanischer Herkunft sein, aus jener Zeit, als Südafrika gegen das kommunistische Angola und seine kubanischen Hilfstruppen kämpfte.
Das Ende des kalten Krieges und der Zusammenbruch der südafrikanischen Apartheid hatte den Krieg in Angola nicht beendet, aber ihn allmählich abebben lassen. Was übrig blieb, war ein verwüstetes Land, das Friedhof und Minenfeld zugleich war, waren arbeitslose schwarze und weiße Söldner – und unzählige Waffen. Waffen, für die sich in Afrika immer Abnehmer fanden.
Armando Cruz hatte das Ende des Kalten Krieges bedauert. Und die Kapitulation der Buren, dieses in seinen Augen schmähliche Einknicken vor der schwarzen Bevölkerungsmehrheit Südafrikas, hatte ihn mit Verachtung erfüllt. Aber seine Geschäfte florierten weiter. Wo ein alter Konflikt endete, brachen gleichzeitig zwei weitere aus – und soweit ging Armando Cruz Rassismus nicht, dass er sich davon das Geschäft hätte vermiesen lassen. Wenn er diese Lieferung an den Mann bringen konnte, dann würde er mindestens hunderttausend Dollar reicher sein, selbst nach Abzug aller Neben- und Unkosten. Was kümmerte es ihn, wenn mit diesen Waffen ein neuer Krieg begonnen werden sollte? Wen kümmerte schon eine Million Gewehrschüsse in Afrika? Europa hörte sie ja nicht. Abgesehen von gelegentlichen Phasen einer von der selektiven und auf Schockeffekte aufbauenden Medienlandschaft geschürten Betroffenheit über das alltägliche Morden, sah Europa meistens weg.
Die nur unzureichend bewachte Grenze zwischen Angola und dem Kongo hatten sie ohne Probleme passieren können. In vier Stunden würden sie ihr Ziel erreicht haben, und ein weiterer Guerillaführer würde um etliche Dutzend Tonnen Waffen reicher sein. Und um Diamanten im Wert von etwa einhunderttausend Dollar ärmer. Und dann…
Der Angriff war sorgfältig geplant worden. Er begann mit einem schlagartig einsetzenden Sperrfeuer mehrer automatischer Handfeuerwaffen. Schon die ersten Salven zersiebten Motorhaube und Kabine des vorderen Wagens. Der Fahrer wurde von einem halben Dutzend Geschosse regelrecht durchlöchert. Im Sterben verkrampften sich seine Hände um das Lenkrad, rissen den LKW zur Seite. Das nachfolgende Fahrzeug hatte gar nicht die Zeit, auszuweichen. Ungebremst raste es in den vorderen Wagen, blockierte so endgültig die Fahrbahn. Gleichzeitig hatten die Schützen auch den letzten LKW der Kolonne aufs Korn genommen. Der Erfolg war durchschlagend, das Fahrzeug kam ins Schleudern, geriet außer Kontrolle und raste in den Straßengraben. Der sich überschlagende Wagen ließ weder dem Fahrer noch den halbwüchsigen Bewachern auch nur den Hauch einer Chance.
In das Hämmern der leichteren Automatikwaffen mischte sich jetzt metallische Stakkato eines schweren Maschinengewehrs. Im weiten Bogen bestrich die Waffe die LKW-Kolonne. Erst jetzt konnten sich die überlebenden Bewacher des Konvois soweit fassen, dass sie das Feuer erwiderten. Aber sie hatten keine Chance. Denn immer noch blieben die Angreifer fast unsichtbar, verriet sie nur das aus der Deckung hervorblitzende Mündungsfeuer. Nicht mehr als ein halbes Dutzend Angreifer mochten es sein, die allerdings mit eiskalter Präzision und Treffsicherheit feuerten. Sie schienen nur an der rechten Seite des Konvois massiert zu sein, wohl weil sie Verluste durch eigenes Kreuzfeuer vermeiden wollten. Zwei der Bewacher, die darin eine Chance für sich zu erkennen glaubten, versuchten zu fliehen. Sie kamen nicht weit. Sie hörten die Schüsse nicht, sahen nicht das Mündungsfeuer. Die beiden auf der linken Seite des Konvois, ungefähr achtzig Schritt von der Stelle des Überfalls entfernt postierten Scharfschützen leisteten ganze Arbeit. Aber auf diese Entfernung konnten sie ohnehin kaum danebenschießen.
Die anderen Bewacher, die entweder von den LKWs aus das Feuer zu erwidern versuchten, oder abgesprungen waren, wurden einer nach dem anderen niedergeschossen. Ein Junge, der einen RPG-Werfer trug, versuchte die MG-Stellung anzuvisieren. Gleich zwei Schützen konzentrierten ihr Feuer auf ihn, der schmächtige Körper des Kindersoldaten zuckte unter dem Einschlag der großkalibrigen Geschosse, als hätte man ihn unter Strom gesetzt. Er war nicht einmal dazu gekommen, die Waffe abzufeuern.
Armando Cruz hatte die erste Minute des Angriffs überlebt. Mit einmal griffen seine halb vergessenen Söldnerreflexe wieder – auch weil ihm gar keine Zeit blieb, um Angst zu empfinden. Blitzschnell hatte er die Situation erfasst. Mit einer Klarheit, die ihn selbst überraschte, begriff er die Taktik der immer noch unsichtbaren Angreifer. Sie hatten das Feuer zuerst auf den ersten und den letzten LKW der Kolonne konzentriert, um so die Fahrbahn zu blockieren, die Fahrzeuge festzunageln. Die Angreifer hatten ihr Ziel aber nur zur Hälfte erreicht. Nach Vorne war kein Durchkommen mehr, aber da der letzte Wagen von der Fahrbahn abgekommen war, hatte Cruz vielleicht noch eine Chance. Auf die Idee, sich gefangen zu geben, kam er erst gar nicht. Er wusste, wie viele der bewaffneten Banden und Bürgerkriegstruppen mit ihren Gefangenen verfuhren. Außerdem zeigte das Vorgehen der Angreifer deutlich, dass sie an Gefangen nicht interessiert schienen.
Während Cruz brüllend dem Fahrer bedeutete, umzukehren, riss er die AK-47 an sich, die neben ihm gelegen hatte. Die Türen des Wagens fehlten – auch um bei einem Überfall das Herausspringen zu erleichtern. Halb auf dem Trittbrett des LKWs stehend eröffnete Cruz das Feuer, während der Wagen schlingernd wendete. Sie würden es schaffen! Er würde nicht hier sterben! Er würde nicht…
Die Kugel bohrte sich in seinen Unterleib, zerschnitt seine Gedanken und die Hoffnung auf ein Entkommen. Falls er noch einen Schmerzens- oder Hilfeschrei ausstoßen konnte, so ging der völlig im Gefechtslärm unter. Scheinbar lautlos knickte der portugiesische Waffenhändler in die Knie, und fiel aus dem Wagen. Er sah nicht mehr, wie das Feuer des Maschinengewehrs sich auf seinen Wagen konzentrierte und den Fluchtversuch endgültig in einem Bleihagel erstickte.
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Erst als auch der letzte Versuch von Gegenwehr verstummt war, als nur noch das Stöhnen der Sterbenden und Verwundeten zu hören war, erhoben sich die Angreifer vorsichtig aus ihrer Deckung. Neun Männer waren es, alle in Tarnuniformen. Zusätzlich hatten sie Grasbüschel an ihren Kombinationen und Stoffhüten befestigt. Gesichter und Hände waren ebenfalls mit Tarnfarben maskiert. Fast schien es, als wäre die trockene Graslandschaft selber lebendig geworden. Ein zehnter Angreifer würde allerdings nie mehr aufstehen. Eine mehr durch Zufall als durch Zielsicherheit gelenkte Kugel der Angegriffenen hatte ihm den Kopf durchschlagen. Das war der einzige Verlust der Angreifer, und nachdem die Überlebenden den Tod des Mannes festgestellt hatten, kümmerten sie sich erst einmal nicht weiter um ihn. Momentan gab es Wichtigeres zu tun. Sie alle bewegten sich mit der Sicherheit und Routine von Veteranen. Keinem von ihnen war dieses Geschäft unvertraut. Die meisten waren Europäer, aber es waren auch zwei Asiaten im Team – aber kein einziger Schwarzer. Vorsichtig rückten sie in einer lockeren Formation vor, die Waffen immer noch im Anschlag.
Als sie die zusammengeschossene LKW-Kolonne erreichten, hielten sie kurz inne.
„Ausschwärmen. Irgendwo muss der Portugiese sein." Das Alter oder auch nur die Gesichtszüge des Sprechers waren unter der Tarnbemalung nur schwer zu erkennen. Die graubraune Tarnfarbe gab seinem Gesicht ein unheimlich archaisches, maskenhaft starres Aussehen. Das hellblonde Haar unter dem grünbraunen Stoffhut war extrem kurz geschoren. Der Mann war hoch gewachsen und breitschultrig, bewegte sich aber gelenkig und für einen Mann seiner Größe ungewöhnlich leise. Sein Gesicht war kantig, die Stimme hart, autoritär, mit einem schleifenden Unterton. Die graublauen Augen waren wegen der brennenden Sonne leicht zusammengekniffen. Sie wirkten sehr kalt.
Keiner der Anderen antwortete, aber sie fächerten auf und begannen die Fahrzeugwracks zu durchsuchen. Doch es war ihr Anführer, der Armando Cruz fand. Der Waffenhändler lebte noch, hatte sich mühsam auf den Rücken gewälzt. Er presste die Hände gegen den Leib, um seine eigenen Eingeweide am Hervorquellen zu hindern. In einem beständigen Strom floss Blut über seine Finger. Seine dunklen Augen waren weit aufgerissen. Er stand immer noch unter Schock, spürte wahrscheinlich noch nicht einmal Schmerzen. Die würden erst noch kommen. Unter diesen Umständen war ein Bauschuss unbedingt tödlich. Ein langsamer, ein qualvoller Tod.
Der Söldner starrte auf den tödlich Verwundeten, der den Blick hasserfüllt erwiderte. Für einige Sekunden, die sich schier endlos zu dehnen schienen, sagte keiner der beiden Männer etwas. Mit einer langsamen, fast eckig wirkenden Bewegung zog der Söldner seine Pistole. Der Portugiese zog zischend die Luft ein. Ein dumpfes Stöhnen, ein geflüsterter Fluch, entrang sich seinen Lippen. Dann schloss er die Augen. Trocken und hell peitschte ein einzelner Schuss.
Aber es blieb nicht der einzige. Wo die Angreifer auf einen Verwundeten oder Sterbenden stießen, töten sie – ohne Zögern, ohne Gnade. Ihr Anführer beteiligte sich nicht an dem leidenschaftslosen Gemetzel. Er war neben dem toten Portugiesen in die Knie gegangen, tastete die Taschen des Ermordeten ab. Aber das geschah rein automatisch. Die Augen des Söldners nahmen die unmittelbare Umgebung gar nicht war. Doch bei jedem neuen Schuss zuckte er unmerklich zusammen, als hätte man ihm einen Schlag versetzt. Doch er griff nicht ein, er blieb stumm. Wieder einmal. Und vor seinem inneren Auge sah er einen anderen Überfall ablaufen, wieder und wieder, in einer endlos quälenden Wiederholung. Damals waren die Opfer Zivilisten gewesen. Aber gab es da wirklich einen so großen Unterschied? Einen wehrlosen Verwundeten zu ermorden, war das denn besser? Er glaubte die Antwort zu kennen. Aber es hatte sein müssen.
Oder?
Als sich die anderen Angreifer wieder um ihn sammelten, konnte jedenfalls keiner von ihnen eine Veränderung in der Stimme ihres Kommandeurs feststellen. Er klang wie immer: „Schafft die Kadaver in die LKW. Jagt alles in die Luft. Dann rücken wir ab." Die kurz darauf auflodernden Flammen verzehrten die Leichen von mehr als zwanzig Menschen und Waffen im Wert von hunderttausenden Dollar. Aber den Angreifern war es nicht um Beute gegangen.
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Einige Stunden später
„Sind Sie jetzt zufrieden? Reicht das als Beweis meiner Befähigung und Loyalität? Oder was soll ich sonst noch tun? Ein Baby ermorden? Ein kleines Mädchen vergewaltigen?" In der Stimme des Söldners vibrierte etwas, dass man für Zynismus halten konnte.
„Regen Sie sich nicht so künstlich auf. Es waren schließlich nur Afrikaner. Und Cruz musste sterben, weil er die falschen Leute mit Waffen beliefert hat. Weil er unseren Interessen im Wege stand. Außerdem wusste er zuviel. Er ist er gewarnt worden. Cruz begriff einfach nicht, dass er hätte klein beigeben müssen. Eine Lektion war unumgänglich. Das wird sich herumsprechen. Und die Schwarzen verstehen ohnehin nur die Sprache der Gewalt und der Einschüchterung."
„Ich kenne diese Theorie. Wollten Sie uns gleichzeitig auch noch eine Warnung zukommen lassen? All jenen, die zuviel wissen?"
Der Gegenüber des Söldners überraschte ihn mit einem amüsierten Auflachen: „Sie sind intelligent. Gut, wir können Männer wie Sie bei unserer Truppe gebrauchen. Wir haben gute Kämpfer, einige hervorragende Offiziere – aber zu wenig fähige Unteroffiziere. Zu wenig erfahrene Afrikakämpfer. Wir können Sie gebrauchen."
„Nun, das ist dann wohl mein Glück, nicht wahr. Wenn sie mich nicht hätten gebrauchen können…" Die spöttische Andeutung, die in diesen Worten des Söldners mitschwang, ließ die Stimme seines Gegenübers jäh wieder gefrieren: „Manche Fragen sollen Sie nicht stellen. Nicht einmal andeuten. Ansonsten…"
„Zu Befehl, Sir."
„Vergessen Sie nicht, wir behalten Sie im Auge." Der Söldner hätte am liebsten verächtlich geschnauft. Aber momentan war nicht der richtige Augenblick, sich abfällig zu äußern. Es gab Wichtigeres: „Und wann erfahre ich, worum es hier wirklich geht?"
„Wenn Sie ihre Zuverlässigkeit endgültig bewiesen haben. Immerhin werden Sie sehr gut bezahlt. So gut, dass es für Sie keinen Grund geben sollte, irgendwelche Fragen zu stellen. Sie können wegtreten."
Der Söldner salutierte und ging. Instinktiv spürte er, wie man ihm hinterher blickte. Und unwillkürlich bekam er dabei eine Gänsehaut. Es war nicht Angst, die er empfand. Eher das Wissen darüber, dass jeder Schritt sein letzter sein konnte. Er hatte so schon früher empfunden. Kurz vor einem Angriff. Und einmal, als er ein Minenfeld durchqueren musste.
Der Mann, der den Söldner eingestellt hatte, runzelte nachdenklich die Stirn. Auf den ersten Blick war dieser Söldner bestens qualifiziert: Einsatz in einem halben Dutzend Konflikte und für die verschiedensten Firmen und Interessengruppen, mehrmals Ausbilder für einheimische Spezialeinheiten, gelegentlicher Waffenschieber und Kopfgeldjäger. Ein Mann, der für Geld tötete. Allerdings schien er jetzt langsam Nerven zu zeigen. Das war nicht völlig ungewöhnlich, dieser Beruf rieb selbst die kaltblütigsten Naturen langsam auf. Und das konnte gefährlich werden. Aber Männer mit so umfangreichen Kampf- und Kommandoerfahrung waren selten geworden. Viele Söldner der Alten Garde waren tot, hatten sich zur Ruhe gesetzt oder waren völlig heruntergekommen. Andere waren inzwischen längst bei den großen Söldnerfirmen untergekommen. Das große Geld in ihrem Gewerbe wurde jetzt nicht mehr primär in Afrika verdient. Afghanistan und Irak waren momentan die grüneren Weiden. Und deshalb konnten sie auf einen solchen Mann schwerlich verzichten. Also würde man ihm eine Chance geben. Aber wenn er diese verspielte…
