1Kapitel 1: Deep within
Manchmal endet das Leben in einer Sackgasse. Manchmal hat man alles, und auf einen Schlag besteht alles nur noch aus Trümmern. Manchmal kommt das Ende ganz plötzlich, und manchmal… Gibt es einfach keine Worte mehr. Weil es nichts mehr aufzuklären gibt. Weil die Wahrheit viel zu oft nur ein schwindender Schatten ist, der sich mit Worten niemals fassen ließe. Was gibt es noch zu sagen, wenn die Angst dich stumm gemacht hat? Wie sollst du den Ausweg erkennen, wenn der Schmerz dich viel zu blind gemacht hat...? Wenn das Leben eine Einwegstrasse ist, sollte man… Nein. Dann gibt es nichts mehr zu sagen. Nichts.
Bei so manch einem Abschied gibt es kein Alibi. Ich wollte nie, dass es so kommt, Jungs, im Ernst. Aber ich bitte euch nicht um Verzeihung. Es gibt nichts zu verzeihen. Vermutlich konnte es nie anders kommen. Wer weiß denn heute noch, wann ich die Kontrolle verloren habe? Schweig, wenn du kannst.
Der Moment des Aufwachens - vielleicht waren es auch Stunden, das kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen- gehörte zu den schmerzhaftesten Dingen, die ich je erlebt hatte. Zu den schmerzhaftesten Dingen an die ich mich in diesem Moment erinnern konnte, was die Möglichkeiten gleich um einiges einschränkte. Es fühlte sich an, als wäre mein Kopf mit Watte gefüllt, und irgendein Trottel sei auf die glorreiche Idee gekommen, die Watte mit Glasscherben zu versetzen. Trotzdem biss ich die Zähne zusammen und öffnete blinzelnd die Augen. Auf einen Schlag hatte ich das dringende Bedürfnis mich zu übergeben und schloss sie wieder.
Das durfte doch nicht wahr sein… Ich hatte einen totalen Blackout. Eigentlich wusste ich noch nicht mal wo ich war. Was für ein Tag war heute? Was war passiert? Langsam gefiel mir diese Sache immer weniger. Egal in welche Richtung ich dachte… Ich stieß auf nichts. Reno würde sich totlachen. Moment. Was war das? Reno… Wer war das? Wo… kam dieses Gefühl der Vertrautheit her? Ich kannte diesen Kerl doch gar nicht, zumindest nicht annähernd so gut wie… Wie… Wen?
Es war zum wahnsinnig werden! Am Besten dachte ich vorerst gar nicht mehr darüber nach.
Erst nach einer Weile wagte ich es einen neuen Versuch zu machen, und dieses Mal ließ ich meine Augen auch offen. Mir war total elend zu mute, ich fühlte mich wie frisch durch die Mangel gedreht.
Aber das war okay. Es fühlte sich zumindest vertraut an. Wie ein alter Kindheitsfreund, der einmal zu viel hinter meinem Rücken getratscht hatte… Aber diesen Freund schien ich einfach nicht los zu werden.
Erst jetzt wurde mir klar, wo ich mich befand. Mit dieser Umgebung schaffte ich es einen einwandfreien Querverweis zu schaffen. Ich war im Schlafenden Wald, ganz einfach. So viel war mir klar. Wer kam auf so einen merkwürdigen Namen? Und viel wichtiger: Wie kam ich hierher?
Da wurde es allerdings schon kritischer und ich vertrieb die Fragen erneut.
Das war etwas womit ich mich später befassen konnte. Irgendwann. Wenn… was? Wenn ich zu hause war? Meine Güte, nicht mal wo das war wusste ich!
„Immer noch da?"
Es waren nur drei Worte. Vielleicht lag es an meiner Verwirrung. Ja, das muss es gewesen sein. Welchen anderen Grund konnte es dafür geben, dass die Welt vor meinen Augen ganz plötzlich zu flimmern anfangen wollte? Auf ziemlich verquere Weise hatte ich ein deja vu- Gefühl. Obwohl sich alles in mir anspannte, reagierte mein Körper in keinster Weise. Nach wie vor lag ich wie betäubt auf dem kalten Erdboden und schaffte es nur sehr zögerlich mich aufzusetzen.
Ich hatte das Gefühl, als würde es mir den Schädel spalten und mir traten Tränen in die Augen, aber ich ignorierte das. Das Auftreten des jungen Mannes, der mich aus meinen Gedanken gerissen hatte, nahm ich genauso zur Kenntnis, wie das erneute Gefühl des Wiedererkennens, aber das war es auch. Es kümmerte mich nicht. Er hatte ja nichts mit mir zu tun, oder? Richtig.
Auf den ersten Blick machte der Dunkelhaarige einen fast hinfälligen Eindruck. Seine Hautfarbe war nicht mehr nur nicht gesund, nein, ich konnte keinen Hauch Farbe auf seinen schneeweißen Wangen erkennen, umso erschreckender im krassen Kontrast zu dem stechenden Rot seines Umhangs, und dem makellosen, lichtschluckenden Schwarz seiner Haare. „Was tust du hier?"
Einen Moment lang kam mir dieser kurze Satz fast feindselig vor, das Gesicht des Fremden verzog sich keine Sekunde um mir eine Gefühlsregung zu entblößen, seine Augen waren zwei blutrote Spiegel, keine Chance darin zu lesen. Und dann… unmöglich festzustellen woran es lag, wusste ich, dass es nicht so war. Ich wusste einfach, dass dieser Mann, der derart plötzlich und lautlos aufgetaucht war, mir nicht feindlich gesinnt war. Er war gut, und was noch viel offensichtlicher war: Er war vorsichtig. Aber das war in Ordnung. Vermutlich hätte ich es nicht anders gemacht, wenn… wenn… Das hier ein Auftrag gewesen wäre. Ein Auftrag? Von… wem? Was? Wofür?
Vor lauter Fragen schwirrte mir der Kopf. Also wieder auf reset, fragen beiseite, Moment… langsam angehen… Besser. Der Fremde wartete ohne den Blick auch nur eine Sekunde von mir abzuwenden. An seiner Hüfte erspähte ich etwas, das verdächtig nach dem Halfter für irgendeine mittlere MP aussah. Worauf genau wartete er eigentlich? Achso, ja, er hatte eine Frage gestellt, verdammt. Einen Augenblick lang suchte ich händeringend nach der Frage, nur um daraufhin feststellen zu müssen, dass mein Gehirn sich wieder soweit verabschiedet hatte, dass es mir schon Schwierigkeiten bereitete die Antwort zu artikulieren. Ich atmete tief durch. Ruhig… „Nichts."
Er schwieg. Mist. Falsche Antwort. Neuer Versuch. „Ich… ich weiß es nicht." War das wirklich meine Stimme? So leise, so rau, so erschöpft? Kaum zu fassen… „Ich weiß nicht mal mehr wie ich hier her gekommen bin." Obwohl mir irgendetwas zugeflüstert hatte, dass das eine weitaus kargere Begründung war, kam Bewegung in ihn und er kam einen kleinen Schritt auf mich zu. Soweit so gut. … Oder auch nicht, das musste ich noch feststellen. Ich erstarrte, als er noch die restliche Entfernung überbrückte und sich neben mich kniete. „Du bist verletzt. Was ist passiert?"
Alles was er von mir als Antwort bekam war ein hilfloses Kopfschütteln, aber er verstand. Und dann erstarrte auch er und hob ein wenig überrascht den Blick.
Die Nacht brach herein, mit dem Gewicht eines mittleren Kleinlasters.
Tseng richtete sich auf. Sein Blick war kalt und völlig emotionslos, als er die Waffe auf mich richtete. Ich konnte nicht einmal sehen ob er noch atmete, er war einfach regungslos, ein Musterbild stummer, ruhiger Beharrlichkeit, stumpfer Gewalt und sowohl kalter Despotie als auch beinahe sanfter, hingebungsvoller Solidarität. In diesem Moment schien er tatsächlich einfach alles zu sein, das unausweichliche Ende von etwas Unendlichem, als hätte ich immer gewusst, dass ich eines Tages hier stehen würde, verdreckt und abgerissen, betäubt und in Lebensgefahr.(-Niemals hätte ich es gewagt zu bezweifeln, dass Tseng, dieser zierliche, ausdruckslose Zyniker, eine größere Gefahr war, als jedes Raubtier und jede Waffe mit der man mich bedrohen könnte, und ich begann gerade erst wieder zu verstehen wieso.) Und in gewisser Hinsicht hatte ich es gewusst, hatte gewusst, dass ich mit einem Blick in diese kalten, trotz der Farbe unnatürlich düsteren Augen sterben würde, die gleichzeitig fast wie schwache Barrieren wirkten, die erzitterten, unter dem Ansturm nur mühsam unterdrückter Emotionen, die sich Bahn brechen wollten. –Nur dass das nichts daran änderte, dass ich keine Ahnung hatte was er zurückhielt. Oder war da doch nichts? Irrte ich mich? Bei einem erneuten Blick in seine Augen schienen sie wieder die kalten Spiegel zu sein, die sie darstellen sollten. Seelenspiegel, in der Tat, bloß hatte ich mehr das Gefühl mich selbst darin zu sehen, ein seltsam surreales Gefühl.
Tausend Jahre später öffnete ich meine Augen wieder und blinzelte, diesmal ganz ohne mein Zutun. Das übernahm schon das Mädchen dem dieser Körper gehörte. Noch immer war alles verschwommen, und ich schien wieder auf dem Rücken zu liegen, aber diesmal lag ich ungleich bequemer. Die kurze Sequenz mit dem blassen Mann im roten Umhang kam mir vor wie ein irritierender Traum, der so gar nichts mit mir zu tun hatte. Aber das war okay, das war völlig in Ordnung, nicht wahr? Ich war nicht hier, also wen interessierte schon was ein Traum war, und was tatsächlich zu dieser abstrakten Realität gehörte?
Es war… okay.
Ich schreckte auf und saß von einem Moment auf den nächsten kerzengerade da, als ich bemerkte, dass ich dabei war wieder weg zu gleiten, und mein Kopf strafte das mit einem dröhnenden Stich, der mich fast wieder ohnmächtig werden ließ.
Es dauerte einen Moment, bis ich bemerkte, dass ich nicht allein war, und dass das schmerzhafte Vibrieren nicht nur Einbildung war.
„Guten Morgen, Hana. Schön dich zu sehen." Mein Kopf ruckte herum und ich zuckte erneut zusammen.
Irgendwie konnte ich nicht anders als mich ein wenig verarscht zu fühlen. Was war überhaupt los? Ich wusste nicht wer ich war, wo ich war, welches Datum wir hatten oder wer der steife junge Mann war, der mich gerade angesprochen hatte (Wäre er nicht der einzige gewesen, der sich im Raum befand- der, wie mir gerade aufging nicht wirklich ein Raum war, sondern der hintere Teil eines Helikopters- dann hätte ich nicht geglaubt, dass er mit mir gesprochen hatte, denn im nächsten Moment saß er schon wieder wie zu Stein erstarrt da.) aber mir war durchaus klar, dass ich das hätte wissen müssen, und mir war auch klar, dass irgendetwas an seinem schlichten, knitterfreien Anzug mir absolut nicht passte.
Auf den ersten Blick wirkte er genau wie der Typ Buchhalter, der in seinen Papierkram verliebt war, und davon überzeugt, dass er mit einer Zeile die ganze Welt verändern konnte, streng nach dem Motto verba volent, scripta manent aber andererseits strafte ein Blick in seine Augen diesen Eindruck Lügen. Ich hatte ja noch keine Ahnung wie recht ich hatte...
