Kapitel 2: Rangfolge

Nachdem Edward mit Bella das Haus verlassen hatte, ging Alice wieder ins Wohnzimmer. Sie konnte Edward einerseits verstehen, dass er Bella nichts weiter über Carlisles Entschluss sagen wollte. Sie sollte sich nicht unnötig sorgen. Vielleicht konnten sie die Situation doch noch zum Guten wenden. Andererseits konnte sie auch verstehen, dass Bella sich Sorgen machte und das zurecht.

Ihre Familie saß noch so da, wie sie sie verlassen hatte.

„Was wollte Bella?", erkundigte sich Carlisle. Er erhob sich und trat ans Fenster, wo er gerade noch den Volvo davon fahren sah.

„Sie wollte deine Entscheidung hören. Edward und ich haben es ihr nicht gesagt.",antwortete Alice.

„Vollkommen richtig. Es wäre nicht gut, wenn sie sich nur unnötig sorgt."

„Carlisle, was hast du vor?", fragte Esme.

Der junge Arzt seufzte. Lange konnte er es sowieso nicht mehr vor dem Rest der Familie geheim halten. Sie würden ihn hassen und er würde ihnen wehtun, das wusste er, doch er konnte die Situation nicht ändern, wenn er Bellas Leben retten wollte. Die Volturi waren nur sehr schwer umzustimmen.

Es war sehr wahrscheinlich, dass es einen Kampf geben würde, sobald die Kinder erfahren hatten, was los war. Seine Jungs waren zu zweit, vermutlich ein Problem, mit dem er schwerer fertig werden würde, als mit den Frauen, wenn es zu einem Widerstand kommen sollte. Er war nicht der Typ, der sich gegen seine eigene Familie erhob, doch um ein Menschenleben zu retten und seinen Sohn glücklich zu machen, musste er dies in Kauf nehmen.

„Aro wird Bella nur verschonen, wenn ich mit ihnen nach Volterra zurückkehre."

Es herrschte einige Augenblicke schweigen. Esme sah ihn fassungslos an. Sie wollte ihm die Worte nicht glauben, die er ausgesprochen hatte.

„Nein, Carlisle, du kannst nicht...", setzte sie an, doch sofort wurde sie von ihm unterbrochen.

"Nur so, können wir Bella retten und Edward wird glücklich."

„Glaubst du wirklich, es macht ihn glücklich, wenn du nach Volterra gehst?" Jetzt war es an Jasper lauter zu werden. Er konnte Carlisle nicht verstehen, so wie der Rest der Familie.

Emmett erhob sich und trat neben seinen Vater.

„Was hat Aro für einen Nutzen von dir?"

„Es ist eine lange Geschichte Emmett."

„Es muss doch eine...", wollte Jasper sich einschalten, doch Carlisle ließ ihn nicht weiter ausreden.

„Es gibt keine andere Lösung!"

Jasper versuchte die Stimmung wieder ins Neutrale zu bringen. So aufgebracht hatten sie den jungen Arzt noch nie erlebt. Jasper trat nun ebenfalls zu seinem Vater.

„Du hast vor mehreren hundert Jahren geschworen, dass du nie wieder dorthin zurückkehren wirst."

Carlisle musste sich beherrschen. Er wusste genau, was er damals seiner Familie geschworen hatte. Doch er hatte noch einen weiteren Pakt geschlossen, der länger zurücklag.

„Es reicht! Meine Entscheidung ist gefallen!"

„Das wirst du nicht tun!" Edward war wieder zurück.

Er setzte zum Sprung an. In diesem Moment ging Carlisle ebenfalls in Angriffsstellung. Jasper und Emmett zwischen ihnen. Ein Knurren kam aus Edwards Kehle. Alice und Rosalie hatten sich hinter Edward aufgebaut und versuchten ihn davon abzubringen, Carlisle anzugreifen. Edward spürte, wie sie ihn an den Armen packten und versuchten fortzuziehen, doch er riss sich los, indem er seine Schwestern zu Seite schleuderte.

Alice landete an der Tür, Rosalie auf dem Sofa.

„Edward!" Dieser ignorierte den Ruf seiner Mutter. Er war voll und ganz auf seinen Vater konzentriert, achtete auf jede kleinste Bewegung, wie das Zucken eines Augenlides.

Jasper und Emmet versuchten Carlisle aus dem Zimmer zu bringen, doch auch ihm entfuhr ein Knurren.

Mit einer geschickten Bewegung hatte er Jasper auf den Tisch geschleudert, der unter der Last zusammenbrach. Esmes entsetzten Ruf ignorierte Carlisle. Die Möbel konnten ersetzt werden. Geld spielte in der Familie keine große Rolle.

Mit Emmett wurde er leichter fertig. Er packte ihn am Arm, hob ihn über seinen Kopf und schleuderte ihn durch das große Fenster. Die Scheibe zerbarst.

In dem Moment landete Edward auf ihm. Die Wucht des Aufpralls lies ihn nach hinten kippen. Er verharrte wenige Augenblicke in dieser Position liegend auf dem Boden. Dann schlug er zurück. Packte Edwards Hände, die an seiner Kehle waren, drückte sie zurück und drückte ihn gegen die nächstgelegene Wand, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte.

Er sah seinem jüngsten Sohn in die Augen.

„Edward, ich lass dich los, wenn du dich wieder beruhigt hast und dann erkläre ich es euch noch einmal." Edward nickte und Carlisle lies ihn los.

Emmett war durch das kaputte Fenster wieder ins Wohnzimmer getreten und Jasper hatte sich vom Tisch erhoben. Sie hielten einen respektvollen Abstand zu Carlisle ein.

„Mir fällt diese Entscheidung nicht leicht, doch ich tue es, um Bella zu retten und Edward glücklich zu machen."

„Und was ist mit dem Rest der Familie?", fragte Emmett. „Was ist mit deiner Grundeinstellung des vegetarischen Vampirs?"

„Ihr kennt Aro! Meine Einstellung werde ich dann wohl aufgeben müssen."

„Carlisle...", könnte Esme weinen, sie hätte es getan.

„Ich lass euch jetzt allein...bei Eintreffen der Volturi werde ich zurück sein. Ich liebe euch." Damit lief er durch das offene Fenster und war verschwunden.

Die Stimmung war angespannt. Jasper war genau so verwirrt, wie die anderen und setzte daher seine Gabe nicht ein. Was war nur in seinen Vater gefahren, dass er so reagierte, dass er seine eigene Familie angriff? Er konnte ihn einfach nicht verstehen, so wie der Rest der Familie.

Er setzte sich zu seiner Mutter und legte ihr tröstend den Arm um die Schultern. Es sagte niemand etwas. Sie alle verdauten die vorherigen Minuten.