2. Der erste Schritt

Am nächsten Morgen war alles beim Alten: Lisa stand um 6:30 Uhr auf und trat nach einer kurzen, kalten Dusche vor ihren Kleiderschrank, aber was sie sah, stellte sie nicht zufrieden: Hosenanzug „Adelheid" aus dem Versandhauskatalog – in violett, in grau, in beige. Was hatte Stella gesagt? Tut etwas für dich, nur für dich. Kauf dir etwas Schönes zum Anziehen oder geh zum Friseur. Das mach ich, schoss es Lisa durch den Kopf. Sie würde wieder die Frau werden, die sie vor David Seidel war und vor allem, die Frau, die sie vor 5 Jahren war. Das Leben sollte sie endlich wieder haben – Schluss mit Schule, Arbeit und Verpflichtungen. Die mussten heute mal ohne sie auskommen.

Yvonne musterte Lisa skeptisch: „Und du bist dir sicher, dass es dir gut geht? Ich meine, du steckst die Trennung von deinem David ja sehr gut weg." – „Er ist nicht ‚mein' David. Es hat ihn nicht die Bohne interessiert, was mit mir los war. Ich bin doch kein Besitz, ich habe Gefühle und Probleme, bergeweise Probleme und alles, was ihn interessiert, ist wie er seine DNA unters Volk bringt." – „Okay, es scheint dir wirklich ernst zu sein. Also, wo willst du zuerst hin: Friseur oder Boutique?" – „Ist beides nicht ein bisschen viel auf einmal?" – „Nein, ganz oder gar nicht." Und ehe Lisa sich versah, hatte Yvonne sie in einen Friseursalon geschleppt.

Die Friseuse hatte ganze Arbeit geleistet: Lisas Haare waren ein ganzes Stück kürzer, ihre Locken sahen so fülliger und nicht mehr so ungepflegt aus, sie hatte ihr helle Strähnchen gemacht und alles in Form gefönt. Zum krönenden Abschluss hatte Yvonne sie noch zu einem dezenten Make-up überredet. „Wie in einer dieser Fernseh-Shows…", hatte Lisa bemerkt und das Ergebnis bewundert. „David wird schon noch bereuen, dass er dich zum Teufel gejagt hat", wollte Yvonne Lisa aufmuntern. „Weißt du, es hatte viel weniger mit meinem Aussehen zu tun, als mit der Tatsache, dass ich mich nicht auf ihn einlassen konnte." Yvonne sah Lisa mit großen Augen an: „Er wollte dich zu etwas überreden? Dieser Mistkerl!" – „Er weiß es nicht." Ein fragender Blick war Yvonnes Antwort. „Er hat mich nicht zu Wort kommen lassen. Ich hatte fast den Eindruck, ich hätte ihn in seiner Ehre gekränkt oder so. Stella sagt…" – „Du warst mal wieder bei Stella?" unterbrach Yvonne sie. „Egal, was sie gesagt hat, du solltest auf sie hören. Ihre Ratschläge haben dir doch immer geholfen." – „Genau, darum sind wir ja hier und jetzt: Klamotten!" Lisa hatte sich bei Yvonne eingehakt und so zogen sie von Boutique zu Boutique.

Derweil bei Kerima: Rokko saß am Catering. Die Trennung von Lisa hatte ihn sichtlich mitgenommen und die Gerüchte, die über David und sie heute kursierten, machten es nicht besser. Außerdem war sie heute nicht zur Arbeit erschienen, was doch sonst auch nicht ihre Art war. Ob wohl alles in Ordnung war? „Haben Sie es auch schon gehört?", riss Helga ihn aus seinen Gedanken. „Ich hab der Lisa ja immer gesagt, dass der junge Seidel nichts für sie ist, aber sie wollte ja nicht auf mich hören."

Helga und Bernd hatten die ganze Nacht gestritten. Bernd ergriff immer wieder Partei für David, während Helga lieber Rokko an Lisas Seite gesehen hätte. „Bärchen, sie braucht jemanden, der sie nicht unter Druck setzt, der vertrauenswürdig ist und ihr Zeit lässt." – „Und du glaubst, der junge Seidel tut das nicht?" – „David und Lisa sind so unterschiedlich. Ich glaube kaum, dass er ihr bieten kann, was sie in ihrer Situation braucht. Das ist doch so ein richtiger Weiberheld. Für den ist die Lisa doch nur eine Kerbe mehr in der Bettkante." Helga hatte gewünscht, sie hätte nicht Recht behalten, aber als ihr Schnattchen nach Hause kam und kurze Zeit später zu Stella Westermayers Selbsthilfegruppe ins Pfarrhaus gegangen war, schwante ihr Böses.

„Was soll ich gehört haben?" Rokko tat so, als wüsste er nicht, wovon Helga sprach. Er hielt nicht viel von Klatsch. „Na von der Trennung von Lisa und David. Wissen Sie, was der Grund dafür war?" Rokko schüttelte den Kopf. „Aber ich kann es Ihnen sagen, Frau Plenske." David stand hinter ihr und machte einen wütenden Eindruck. „Weil Ihre Tochter das wohl prüdeste Wesen in ganz Berlin sein dürfte." Helga wurde blass. Er hatte ihrem Mäuschen an die Wäsche gewollt… Sie hatte Lisa so sehr gewünscht, dass sie über das alles hinweg war, immerhin war das alles schon 5 Jahre her, aber anscheinend war das nicht der Fall…

„Wo ist Lisa denn heute?" unterbrach Rokko David und sah von ihm zu Helga und zurück. „Sie hat sich frei genommen. Sie wollte etwas mit Yvonne unternehmen und ich finde, das hat sie sich verdient." Helga lächelte Rokko an und versuchte, David zu ignorieren.

Kurze Zeit später im Wolfhardts: „So, dann fehlt ja nur noch ne neue Brille und die Spange muss raus und dann bist du die neue, verbesserte Lisa Plenske." Yvonne grinste und schob sich noch etwas von ihrem Salat in den Mund. „Meine Zahnspange brauche ich noch eine Weile. Du weißt, dass sie frühestens im August rauskommt. Und von einer neuen Brille hat Stella nichts gesagt." – „Aber gemeint. Du sollst dir etwas Gutes tun und das beinhaltet auch eine neue Brille." – „Ehrlich gesagt, ich kann nicht mehr. Ich glaube, das war genug Veränderung für einen Tag." Es wurde still zwischen den beiden Freundinnen. „Es ist schön zu sehen, dass es dir besser geht und ich meine damit nicht, deine Trennung von
Rokko und auch nicht die von David, sondern ganz allgemein." Yvonne saß mit dem Blick zum Eingang und musste schlucken: „Es wäre auch schlimm, wenn du vor dich hin leiden würdest, während David ich-nehme-alles-was-nicht-bei-drei-auf-den-Bäumen-ist Seidel so schnell Trost gefunden hat." Yvonne deutete zum Eingang, David war gerade mit einem 1,80 großen Männertraum in knapper Kleidung hereingekommen. Lisa drehte sich kurz um, schluckte und meinte: „Das ist dann wohl ein guter Augenblick zum Gehen."

„Weißt du, bei Rokko hab ich mich immer sicher gefühlt. Ich hatte nie Angst ihm den Rücken zu zudrehen. Mit David ist das anders, besonders nach gestern Abend. Ich hab wohl alles, was ich mir in einem Mann gewünscht habe, auf ihn projiziert, ohne zu merken, dass die Personifizierung meines Traummannes zum Greifen nach ist." Lisa atmete tief durch. „Das ist wohl die klassische ‚Ohrensessel triff Schleudersitz'-Situation." Yvonne leckte an ihrem Eis. Lisas S-Bahn ließ heute aber wirklich lange auf sich warten. „Wie meinst du denn das?" – „Naja, Rokko ist der Ohrensessel – gemütlich, kuschelig, zuverlässig, während David der Schleudersitz ist – du kannst ihn nicht in jeder Situation gebrauchen und du weißt nie, wann er losgeht." – „Hmm," Lisa dachte nach, Yvonne hatte wohl Recht. „Manchmal glaube ich, ich werde nie eine normale Beziehung haben. Ich meine, selbst wenn Rokko mir noch eine Chance geben würde, würde das Ganze in dem gleichen Debakel enden wie das mit David, nur später halt, weil Rokko bereit war zu warten." – „Was hat Stella noch mal über die große Liebe gesagt?" Yvonne zwinkerte Lisa zu. „Wart's ab, es ist auch für dich jemanden da draußen…"