1.1.
Es war ein regenverhangener Mittwochmorgen Mitte November als Rokko Kowalski das Foyer von Kerima Moda betrat. Der Empfang war nicht besetzt und die Damen am Catering hatten ihn kaum aussprechen lassen. Er wurde angewiesen sich zu den anderen Bewerbern zu setzen. Ihm war sofort klar, dass es sich um eine Verwechslung handeln musste, aber irgendwie war er darüber froh, denn so konnte er sich ein Bild vom hektischen Treiben machen. Um ihn herum saßen nervöse Bewerber – die meisten Anzugträger. Immer wieder kam ein weiterer Anzugträger, der einen nach dem anderen aufrief und in ein Büro hinter dem Catering führte.
Kleiderständer mit den buntesten und extravagantesten Kreationen wurden an ihm vorbei geschoben. Der letzte Ständer wurde gefolgt von einem Trupp gut aussehender Models – alle gleich dachte er: 1,80 groß, 90-60-90, perfekte Haut und Haare. Eine wie die Andere… In dem Moment dachte er darüber nach, dass er gar nicht wusste, wie Lisa Plenske, die ihn am Vortag angerufen und von Kerimas Parfumprojekt erzählt hatte, aussah und dass sie ihn bestimmt nicht zwischen den Bewerbern für eine andere Stelle erwartete. Er machte sich so seine Gedanken, was für ein Mensch ihn wohl erwarten würde und kam zu dem Schluss, dass es bestimmt ein lustiges erstes Treffen werden würde. Normalerweise bereitete er sich auf solche Geschäftsmeetings gewissenhaft vor, aber es gab partout keine Informationen über diese Lisa Plenske. Gerade mal die Information, dass sie erst seit kurzem die Mehrheitseignerin war, konnte man auf der Homepage von Kerima finden, kein Foto, kein Lebenslauf, einfach gar nichts. Das fand er schon seltsam, immerhin war sie hier der Boss... Alles, was er wusste, war, dass sie einen sehr sympathischen und gleichzeitig zurückhaltenden Eindruck am Telefon gemacht hatte. Als der Trupp endlich weg war, tauchte dahinter eine junge Frau auf, die so gar nicht in diese Firma passen wollte: Sie hatte eine große Brille, die für ihr Gesicht äußerst unvorteilhaft war, ihre blonden Haare waren am Hinterkopf zusammengesteckt, aber dennoch so widerspenstig, dass sie überall herausstanden und erst die Klamotten: Sie trug einen violetten Hosenanzug – allerdings hörten die Hosen schon kurz unter dem Knie auf. Dazu trug sie Stiefeletten, aus denen weiße Socken hervorguckten. Sie hatte einen großen Stapel Akten und Briefe im Arm. Er überlegte gerade, wer diese Person wohl sein könnte, als er sah wie ein gegelter, unsympathisch wirkender Mann auf sie zuhielt und sie ansprach: „Frau Plenske…" – aha, das ist sie also – „…ich weiß, dass sie heute diesen Termin mit diesem Werbefachmann haben..." Rokko sah, dass die junge Frau instinktiv einen Schritt zurück machte und er konnte spüren, dass die diabolische Ausstrahlung des Mannes der Grund dafür sein musste. „Da David mal wieder mit seinem Privatleben überfordert ist, wollte ich Ihnen anbieten, ihn bei diesem Meeting zu vertreten." Gespannt wartete Rokko auf die Antwort: „Vielen Dank, Herr von Brahmberg, aber ich denke, ich schaffe das alleine. Dieser Rokko Kowalski ist ja noch gar nicht da und es handelt sich ja auch erst einmal nur um ein Vorgespräch. Wenn Davids respektive Ihre Anwesenheit von Nöten ist, werde ich Sie informieren." Sie sprach leise und sie sah diesen gegelten Typen auch nicht an, dann machte sie einen Bogen um ihn, um alle ihre Unterlagen auf den Schreibtisch am Empfang fallen zu lassen. Der Empfang war mittlerweile besetzt und Rokko dachte darüber nach, sich dort anzumelden und dem Missverständnis ein Ende zu setzen, aber er entschied sich dagegen. Er wollte den Mangel an Informationen durch einige weitere Beobachtungen wettmachen.
Die blonde Frau am Empfang war Sabrina Hofmann, die Verlobte von diesem von Brahmberg, das wusste er von der Homepage. Seltsam diese Firma, die Empfangsmieze wird im Internet für alle Kunden sichtbar vorgestellt, während die Mehrheitseignerin übergangen wird. Diese Situation müsste geändert werden und wenn er den Auftrag bekam – und davon ging er ganz selbstbewusst aus -, dann würde er sich um die „Vermarktung" dieser Frau Plenske kümmern. Er wusste nicht, was es war, aber Lisa zog ihn einfach in ihren Bann. „Ey, kannste deine blöde Post nicht woanders ablegen?!" Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. „Das muss alles sofort raus und soweit ich weiß, ist das deine Aufgabe." Lisa vermied offensichtlich die Konfrontation. Sabrina kaute provokant Kaugummi und musterte sie von oben bis unten: „Wie jut, dass disse Maloche hier n Ende hat sowie ick Sabrina von Brahmberg bin." Lisa lächelte sie freundlich an und sagte dann leise: „Wenn du möchtest, kann ich dieser Maloche schon vor deiner Hochzeit ein Ende machen. Es ist bestimmt nicht so schwierig, jemanden zu finden, der lesen, schreiben und telefonieren kann." – „Aber du wirst kaum eene finden, die so jut aussieht wie icke." Lisa rollte mit ihren großen blauen Augen, die Rokko erst jetzt auffielen, und sagte dann: „Bis du dann Sabrina von Brahmberg bist, wäre es toll, wenn du dafür sorgen könntest, dass meine Post dahin kommt, wo sie hin soll und wenn du mir Bescheid sagen könntest, wenn dieser Rokko Kowalski hier ist, ja?!". Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief Rokko, der sich zwischenzeitlich erhoben hatte, direkt in die Arme. „Bescheid", sagte er und lächelte sie freundlich an. Sie sah kurz zu ihm auf, runzelte die Stirn und fragte: „Wie bitte?", schüttelte kurz den Kopf und begann zu lächeln, als sie verstand: „Sie sind Rokko Kowalski? Ich bin Lisa Plenske. Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen." Sie reichte ihm die Hand und sah wieder kurz zu ihm auf. Er lächelte zurück, fühlte sich aber gezwungen die aufkommende Stille zu überbrücken und fragte: „Besprechen wir das Projekt hier?" Lisa wurde rot und meinte: „Nein, wenn Sie mir bitte in mein Büro folgen würden..."
Der Weg in ihr Büro war unverhältnismäßig weit und ermöglichte Rokko die Räumlichkeiten genau zu mustern – alles wirkte irgendwie steril auf ihn. Sie kamen an einem Vorhang vorbei, hinter dem jemand schimpfte und tobte: „Merde, merde, merde. Hannah was soll das? Ich brauche Inspiration, merde." Auf einmal kam eine Schere unter dem Vorhang hervor geschossen. Lisa drehte sich zu ihm um, lächelte scheu und sagte: „Ich glaube, unseren Chefdesigner Hugo Haas stelle ich Ihnen vor, wenn keine Lebensgefahr mehr besteht." In dem Moment öffnete sich der Vorhang und drei Teenager traten hervor. Eines der Mädchen trug eine aufwendig geflochtene Frisur und sprach Lisa wie selbstverständlich an: „Lisa, du hast doch nachher dieses Treffen mit Mark wegen B-Style… Ich…also…ich wollte fragen, ob du nicht ein bisschen…ähm…eine Viertel Stunde zu spät kommen könntest." Lisa runzelte die Stirn, als es „Hannah will nämlich die große Baggeroffensive starten" von dem Jungen kam, wofür er sich einen Klaps auf den Oberarm einfing. „Okay, ich denke, ich schaffe es, nicht ganz pünktlich zu sein.", zwinkerte Lisa dieser Hannah zu. Hannah umarmte sie kurz und sagte: „Du bist die beste Chefin der Welt und jetzt müssen wir los, Inspiration für Hugo besorgen." Und schon zogen die drei von dannen. Rokko und Lisa sahen den dreien hinterher als Rokko sie aus ihren Gedanken riss: „Und wer war das?" – „Wie unhöflich von mir. Das waren Hannah Refrath, Herrn Haas Auszubildende, Kim Seidel, die auf Wunsch ihres Vaters ein Praktikum in der Firma absolviert und Timo Pietsch, er ist sozusagen das Mädchen für alles. Er übernimmt Boten- und Fahrdienste und auch sonst alles, worum man ihn nett bittet."
Als sie endlich in Lisas Büro angekommen waren, hatte Rokko schon längst den Eindruck, dass derjenige, der Lisa dieses Büro zugeteilt hat, sie wohl dort verstecken wollte. Wie konnte es sein, dass die Chefin des Ladens ihr Büro fast in einem anderen Stadtteil hatte? „Herr Kowalski?!", hörte er sie sagen. Oups, ertappt, er hatte geträumt… Er reichte ihr seinen Lebenslauf und einige Arbeitsproben, auf beides warf sie nur einen kurzen Blick und legte dann beides zur Seite. Rokko war irritiert, hatte sie ihn nicht darum gebeten? „Ich sehe mir beides nachher genauer an", versicherte sie ihm, „aber Ihr schulischer Werdegang und ihr Geburtsdatum werden mir nicht dabei helfen herauszufinden, ob Sie für eine Zusammenarbeit geeignet sind." Rokko konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen: „Wenn der Lebenslauf nicht so wichtig ist, dann erklärt das die Wahl für die Empfangsdame." Lisa sah ihn verwirrt an und meinte dann: „Meine beiden Geschäftsführer haben mir versichert, dass ihre Qualitäten für den Posten ausreichend sind – auch wenn ich noch nicht in den Genuss einer Demonstration dieser Fähigkeiten gekommen bin." Hoppla, Lisa, du hast noch nie einen zweideutigen Witz gemacht und dann ausgerechnet vor einem Mann, den du gar nicht kennst. Sie wurde rot und um ihre Verlegenheit zu überspielen, drückte sie ihm die bisherigen Unterlagen für das Mariella-Parfum in die Hand und informierte ihn über den derzeitigen Stand der Kampagne. Diese Frau ist ein echter Profi und für diese Branche sehr direkt und dennoch warmherzig resümierte er seine bisherigen Erkenntnisse. Er schlug die Mappe auf und vertiefte sich in die Papiere, er konnte genau spüren wie sie ihn musterte. Kurz blickte er auf – Lisa fühlte sich sofort ertappt und wurde rot. Wie süß, dachte er. Sie räusperte sich: „Wie Sie vielleicht wissen, hat Kerima gerade einige strukturelle Veränderungen hinter sich und es ist wichtig, dass die Kampagne ein Erfolg wird." Rokko wäre nicht Rokko, wenn er das nicht gewusst hätte. Kerimas Bäumchen-wechsel-dich-Spiel in der Chefetage und die Kriseleien in letzter Zeit waren wochenlang Thema in allen Fachzeitschriften – allerdings hatte Rokko nicht damit gerechnet, dass sie ihm das so ehrlich und direkt sagen würde.
Rokko setzte gerade dazu an, ihr seine Verbesserungsvorschläge für die Kampagne näher zu bringen, als es kurz klopfte und der Anzugträger von den Vorstellungsgesprächen hereinkam ohne auf ein „Herein" zu warten. „Frau Plenske, es gibt da ein Problem: ich habe…", erst jetzt sah er, dass er offensichtlich gerade ungelegen kam „Max Petersen, der Personalchef" stellte er sich Rokko kurz und bündig vor und wandte sich dann wieder an Lisa „Also, folgendes Problem: Ich habe heute alle Vorstellungsgespräche für die Stelle als Buchhalter durchgeführt. Und nun sind noch zwei Kandidaten übrig – gleiche Ausbildung und Qualifikation, gleicher guter Eindruck im Gespräch. Richard will mir nicht helfen, er meinte, Sie würden das alleine schaffen und ich soll zu Ihnen kommen." Jetzt war Rokko gespannt, wie Lisa das wohl lösen würde. „Bitten Sie die beiden Kandidaten herein." Rokko rutschte mit seinem Stuhl zur Seite, damit die Beiden vor Lisas Schreibtisch Platz nehmen konnten und Max setzte sich neben Lisa und reichte ihr die Bewerbungsmappen. Sie überflog die Papiere kurz und sah die Kandidaten dann an. Einer der beiden erhob sich und reichte ihr die Hand: „Frau Plenske, es ist mir eine Ehre, dass ich Sie persönlich kennen lernen darf. Ihr Werdegang ist beeindruckend." Offensichtlich war Lisa diese Aufmerksamkeit unangenehm und daher überging sie diese Bemerkung: „Sie beide wissen, dass Sie die beiden wahrscheinlichsten Kandidaten für die ausgeschriebene Stelle sind, dass wir aber nur einen einstellen können. Und diese Entscheidung liegt nun bei mir. Ich würde mir gerne ein Bild machen und möchte daher gerne von Ihnen wissen, wie Sie sich die Arbeit bei uns vorstellen und warum Sie für den Posten geeigneter sind als andere Bewerber." Rokko fand, dass die Antworten, die sie erhielt recht stereotyp waren… ich bin ein Teamplayer, anpassungsfähig, zuverlässig, blabla… Und einer der Kandidaten setzte noch einen drauf und sagte: „Ich bewundere Ihre Karriere und würde gerne eine ähnliche Karriere machen wie Sie." Max und Lisa sahen sich an. Max rollte mit den Augen und Lisa grinste amüsiert. Kam da tatsächlich eine Zahnspange hinter ihren Lippen hervor? Mensch, Kowalski, deine Beobachtungsgabe war auch schon mal besser. Dass sie noch sehr jung war für jemanden in ihrer Position war ihm aufgefallen, aber sie musste doch um einiges jünger sein als er dachte. „Dann wissen Sie sicherlich auch, dass ich beim Catering angefangen habe und die suchen leider gerade niemanden." Treffer versenkt, der „Schleimer" war endlich ruhig. Catering? Die Mehrheitseignerin von Kerima Moda hatte beim Catering angefangen? Es würde sicherlich interessant werden, diese Person näher kennen zu lernen „Nun, die Realität bei Kerima sieht aber anders aus. Stellen Sie sich vor, es ist kurz vor Feierabend und der Aktienkurs fällt. Sie wissen nicht warum und die notwendigen Papiere sind auch nicht aufzufinden. Was tun Sie?", fragte Lisa jetzt. Nach ein paar Antworten, bat Max die beiden Kandidaten kurz draußen zu warten. „Der Rechte hat bei der Aussicht auf Stress gezuckt." – „Aber er will gerne sein wie Sie." – „Herr Petersen, das will er nur, weil er nicht weiß, wie es ist wie ich zu sein. Ich glaube, der andere ist geeigneter." – „Okay, ich sage es den beiden." Und damit war Max auch schon wieder raus.
Lisa wandte sich nun wieder Rokko zu, der sie ansah. Dieser Blick machte sie irgendwie nervös. Sie wünschte, er würde etwas sagen und in dem Moment setzte er auch schon an: Er sprach über das Mariella-Parfum, darüber was gut war und vor allem darüber, was er anders machen würde. Lisa hörte ihm aufmerksam zu, machte hier und da Notizen, nickte und machte ihre Einwände. Nach einiger Zeit konnten sie sich einigen. „Ich kenne mich mit Marketing und Werbung nicht aus, aber ab morgen ist Frau von Brahmberg, unsere PR-Managerin wieder da. Sie könnten dann die Details mit ihr besprechen." Sie ist nicht nur bescheiden, sie macht sich auch kleiner als sie ist. Aber ich wäre nicht Rokko Kowalski, wenn ich das nicht ändern würde. „Das wird sicherlich eine interessante Zusammenarbeit. Sie finden alleine raus?" – „Sie meinen, ob ich diese Marathonstrecke bis zum Foyer schaffe? Körperlich bin ich sicher in der Lage und auf meinen Orientierungssinn kann ich mich auch verlassen." Damit ging er zur Tür hinaus und ließ eine verdutzte Lisa zurück.
Auf dem Weg zum Ausgang kam Rokko am Catering vorbei, wo Hannah gerade mit Mark redete. Sein alter Freund erkannte ihn gleich und kam auf ihn zu: „Mensch, Alter, hat die Flitzpiepe wieder einen ihrer Coups gelandet?" Rokko verstand nicht und Mark redete weiter: „Du bist doch bestimmt nicht hier, weil du soviel Freizeit hast. Die Flitzpiepe hat dich für eine ihrer Kampagnen an Land gezogen, oder?" Jetzt dämmerte es Rokko, Mark sprach von Lisa, offensichtlich kannte er sie ein bisschen und insgeheim hoffte er, er könnte seinem alten Freund unauffällig ein paar Details entlocken. So gerieten sie, sehr zu Hannahs Missmut, ins Quatschen über Marks Aufträge für Lisa, Marks und Rokkos derzeitige Projekte und gemeinsame Erlebnisse. „Aber ich habe sie sozusagen entdeckt", mischte sich nun Agnes in das Gespräch ein. Sie stellte sich ihm kurz vor und bot ihm gleich das Du an. Rokko lauschte ihren Ausführungen über Lisas Beginn beim Catering und ihrem Sprung in den Pool, um David das Leben zu retten, ihrem anschließenden Aufstieg zu seiner Assistentin. Hannah erzählte von ihrer Arbeit bei B-Style, sie fühlte sich genötigt hinzuzufügen, dass Lisa immer an sie und ihre Fähigkeiten geglaubt hat und wie gut das ihrem Selbstbewusstsein getan hat. Stolz erzählte sie Mark von ihren aktuellen Entwürfen und davon, dass Lisa die Kollektion von Taschen und Mützen auf Streetwear erweitern wollte. „Ey, Flitzpiepe, du bist echt spät dran.", unterbrach Mark das Gespräch als er Lisa auf den Tresen zusteuern sah. Sie hatte ihn sogar um ganze 20 Minuten versetzt, um Hannah ein bisschen Zeit zu verschaffen, aber nun sah sie, dass sie durchaus auch hätte pünktlich sein können. „Mensch, Flitzpiepe, da hast du dir wohl den kreativsten Kopf der Branche an Land gezogen. Wirst du ihn auch bei B-Style mit einbinden?" – „Hmm, das weiß ich noch nicht. Das Geschäft läuft ja auch so ganz gut. Du weißt, dass wir das Sortiment erweitern. Darum solltest du auch herkommen…" Rokkos Neugier war zwar geweckt, aber er hatte jetzt erst einmal genug von der Mode-Welt. Er verabschiedete sich, während Lisa, Mark und Hannah weiter B-Style-Pläne schmiedeten.
Am nächsten Tag lernte er den Rest der Kerima-Crew kennen: Hugo Haas war ihm sofort sympathisch – ein kreativer Kopf wie er selbst. Mariella von Brahmberg fand er etwas unterkühlt, aber die Zusammenarbeit deutete sich viel versprechend an, denn sie kannte sich in ihrer Materie gut aus. Mit der so genannten Doppelspitze konnte er nicht viel anfangen: Richard von Brahmberg war aus der Nähe noch unsympathischer als aus der Ferne und David Seidel entpuppte sich nach nur wenigen Worten als Schaumschläger. Daher war er froh, dass Frau Plenske ihm völlig freie Hand gelassen hatte und er entschied sich, sie in die anstehende Arbeit mit einzubeziehen. Mit Hugo im Schlepptau ging er in ihr Büro und nach und nach verlor sie an Zurückhaltung, was Rokko besonders freute, denn Lisa steuerte einige gute Ideen bei. Gegen Mitternacht fiel ihr Blick auf die Uhr: „Oh nein, ich muss los, sonst ist die letzte S-Bahn weg." Hektisch suchte sie ihre Sachen zusammen und war schon fast zur Tür hinaus, als Hugo ihr nachrief: „Schnell, Aschenputtel, sonst wird Ihre Kutsche wieder zu einem Kürbis." Dann drehte er sich zu Rokko und meinte: „Ich wüsste zu gerne, was die Chefin eines multinationalen Unternehmens daran findet, bei ihren Eltern auf einem Kaff zu wohnen, das stündlich nur zwei Mal per S-Bahn zu erreichen ist. Was soll diese S-Bahn-Fahrerei überhaupt? Haa, ich habe eine kongeniale Idee für einen Flakon. Ich bin in meinem Atelier." Schon hatte er Rokko stehengelassen. So so, bei ihren Eltern also. Wieso wunderte ihn das nicht? Er versuchte sich vorzustellen, wie es wohl bei Lisa zu Hause sein musste. Aber es gelang ihm einfach nicht, dafür kannte er sie nicht genug. Er ließ seinen Blick durch den Raum wandern und blieb auf ihrem Schreibtisch hängen. Ihre Glücksbringer, einen Ernie und ein paar andere Figuren, hatte er schon bei ihrem ersten Gespräch gesehen, doch diesmal erregten die liebevoll gerahmten Fotos seine Aufmerksamkeit: Eines zeigte ein Paar mittleren Alters. Die Frau hatte Lisas Augen und Haarfarbe und der Mann die gleiche strubbelige Haarstruktur und das gleiche Lächeln wie Lisa. Das mussten ihre Eltern sein. Offensichtlich ein bodenständiges und nettes Paar. Ein weiteres Bild zeigte den jungen Mann aus dem Kiosk um die Ecke mit Yvonne, die er in seiner Mittagspause kennen gelernt hatte. Ein drittes Bild zeigte ein Brautpaar. Beide waren um die 30 und während die Frau einen exotischen braunen Teint hatte, hatte der Mann auffällige Ähnlichkeit mit Lisas Vater. Unter dem Paar stand in geschwungener Schrift „Hannes & Mareesa 2003". Wer das wohl sein mochte? Ein Verwandter vielleicht? Oder ein Ex-Freund? Er würde es Lisa glatt zutrauen, ein Hochzeitsfoto eines Ex auf ihrem Schreibtisch zu haben, sie war so ein netter, gutherziger, nahezu naiver Mensch…
