Wie beinahe jeden Morgen war Hermine eine der Ersten am Gryffindortisch. Sie balancierte ihren Teller mit Toast und Marmelade auf dem Schoß und aß geistesabwesend, während sie „Der Topf am Ende des Regenbogens" las.

Das Buch, die Autobiographie eines Koboldes, der in den Koboldkriegen gekämpft hatte, zog sie vollkommen in ihren Bann und so bemerkte sie Harry und Ron erst, als letzterer ihr den Arm um die Schulter legte und sich laut in ihr Ohr räusperte. Verschreckt klappte sie das Buch zu, dessen Protagonist gerade eine seiner zahlreichen Affären beschrieb.

Gott bewahre, dass Ronald ihr vorwarf, sie lese Koboldkitsch.

Dieser schien jedoch bereits von einem Pfannkuchen absorbiert. Hermine schüttelte genervt den Kopf, als sie sah, wie er den Pfannkuchen zusammenrollten, mit beiden Händen packte und einen Bissen nahm, an dem jeder normale Mensch erstickt wäre.

Als Harry, der sich ihr gegenüber niedergelassen hatte, ihre leidgeprüfte Miene sah, brach er in Gelächter aus. Hermine lachte ebenfalls schallend los, als sie sah wie der Belag von Rons Pfannkuchen beinahe vollständig auf seinen Teller tropfte.

„Was'n so lusdig?", nuschelte Ron, den Mund immer noch zur Hälfte mit zerkautem Essen gefüllt.

„Ronald Weasley!", schalt Hermine, „ich kann bis an den Grund deiner Speiseröhre sehen und glaube mir – es ist kein schöner Anblick!"

Ron klappte den Mund zu und versuchte reumütig auszusehen, was ihm jedoch mehr schlecht als recht gelang, und Hermine musste wieder lachen.

Das übliche Geplänkel über Rons Art der Nahrungsaufnahme war über die Jahre zu einem Scherz genommen, den keiner der drei noch ernst nahm.

„Wo warst du eigentlich gestern Abend?" fragte Harry sie, sein Gesicht wieder ernst.

Hermine spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

Im Tageslicht betrachtet erschien ihr seltsames Zusammentreffen mit dem Zaubertränkemeister noch unwirklicher als gestern.

Die Dunkelheit verlieh ihrer Erinnerung die Atmosphäre eines Traumes, wenn auch eher die, eines Albtraumes. Hermine schämte sich, als sie sich daran erinnerte, dass sie ihren Lehrer tatsächlich angespuckt hatte. Was war nur in sie gefahren?

Und hatten sie wirklich auf dem staubigen Teppich eines verlassenen Korridors miteinander gerungen wie zwei Betrunkene bei einem Kneipenstreit? Obwohl sie sich noch lebhaft an den gestrigen Abend erinnerte, erschien ihr alles so unerklärlich, dass sie sich beinahe einreden konnte es wäre tatsächlich nur ein Traum gewesen.

Doch heute Morgen hatte sie vor dem Spiegel in ihrem Zimmer gestanden und ungläubig den blauen Fleck unter ihrem linken Schlüsselbein betrachtet, den Snapes Daumen hinterlassen hatte.

Ginny, die rechts neben Harry saß und bis dahin in ihr Gespräch mit Seamus über die Chancen der Chudley Cannons in der kommenden Saison unterhalten hatte, blickte plötzlich interessiert in Hermines Richtung.

„Ja, Hermine", sagte sie, „wo warst du gestern Abend? Ich dachte wir wollten uns noch in deinem Zimmer treffen? Wir haben uns Sorgen gemacht."

Hermine schnaubte ironisch. Vor allem Harry hatte nach dem Krieg einen bis dahin nie gekannten Heldenstatus erreicht und wurde scheinbar ständig von einem seiner zahlreichen Bewunderer beobachtet.

Da auch der Schlafsaal der Siebtklässler nur wenig mehr Privatsphäre bot als der Gemeinschaftsraum, hatten das Trio und Ginny begonnen, ihre Abende in Hermines Einzelzimmer zu verbringen, das ihr als Schulsprecherin zustand.

„Ich bin in der Bibliothek eingeschlafen und erst weit nach der Sperrstunde wieder aufgewacht.",

„Aha… und warum wirst du dann so rot?", fragte Ginny.

Hermine spürte, wie sich die Hitze in ihrem Gesicht noch weiter intensivierte.

„Ich … ich…", begann sie, doch ihr wollte keine Erklärung einfallen, „Snape hat mich auf dem Rückweg erwischt."

Jetzt sah sie auch Ron fragend von der Seite an.

„Es war … ich weiß auch nicht …"

Noch immer fielen ihr keine Worte ein um das seltsame Zusammentreffen zu beschreiben. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann wollte sie das auch gar nicht. Sie schämte sich ihres Verhaltens zutiefst und sie war sich sicher, dass alle drei sie nur schockiert anstarren würden, wenn sie ihnen erzählte was vorgefallen war.

Schließlich rettete zu ihrer Überraschung Ron sie.

„Ist schon gut, Mine", sagte er, „Snape ist ein komischer Typ. Egal, was er im Krieg geleistet hat, ich traue ihm immer noch nicht weiter als ich ihn werfen kann."

Harry, der sie mit seinen grünen Augen nur stumm beobachtete, blieb stumm.

Nach der schrecklichen Nacht, in der Snape beinahe in der verbotenen Hütte verstorben wäre und er seine Erinnerungen angesehen hatte, hatte er entschieden erklärt, dass er Severus Snape sein Leben anvertrauen würde.

Harry hatte sogar vor einem Untersuchungsausschuss des Ministeriums ausgesagt und da er der Auserwählte, der Besieger Lord Voldemorts, war, hatte seine Aussage ausgereicht um Snape zu entlasten und vollständig zu rehabilitieren. Nicht, dass dieser es ihm irgendwie gedankt hätte.

Dennoch verteidigte Harry den Lehrer seitdem mit einer Inbrunst, die Rons Liebe zu Pfannkuchen beinahe noch übertraf.

Hermine lächelte Ron dankbar an und dieser strich ihr beschwichtigend mit der Hand über den Rücken.

„Geht's dir gut? Musst du nachsitzen?", fragte er in besorgtem Tonfall.

„Nein, ich … ich glaube nicht.", sagte Hermine.

Alle drei schauten sie verdutzt an. Es war untypisch für den Professor jemanden ohne drakonische Strafe davonkommen zu lassen.

Auch Hermine fragte sich, was gestern in ihren Lehrer gefahren war.

Selten hatte sie ihn so unbeherrscht erlebt und die Schimpfworte, mit denen er sie gestern bedacht hatte, schienen sogar sein übliches Niveau noch an Dreistigkeit zu unterbieten.

Entschieden schüttelte sie den Kopf und konzentrierte sich auf ihren zweiten Toast, der noch immer unberührt auf ihrem Teller lag.

Gemeinsam machten die vier sich auf den Weg zum Zauberkunde-Unterricht bei Professor Flitwick.

Zauberkunde verging wie im Fluge, während Hermine geistesabwesend die geforderten Sprüche aufsagte.

Sie war ohnehin immer die Beste in ihrer Klasse gewesen und nachdem sie sich diese Stunde mit Schutzzaubern beschäftigten, hätte sie auch im Schlaf noch allen Anforderungen genügt. Im Jahr ihrer Flucht war meist sie diejenige gewesen, die die Schutzschilde um ihr Zelt errichtet hatte. Dabei hatte sie wesentlich fortgeschrittenere Magie angewandt, als die heute von ihr geforderte.

Auch in Verwandlung lauschte sie Professor McGonegalls Ausführungen nicht so aufmerksam wie gewöhnlich.

Irgendetwas an ihrem Erlebnis letzte Nacht beschäftigte sie und sie konnte nicht den Finger darauf legen, was es war.

Etwas an Professor Snapes Verhalten hatte so uncharakteristisch gewirkt. Sie kannte ihn als wütenden Mann, aber dabei hatte er nie Grenzen des Anstands seinen Schülerinnen gegenüber verletzt.

Doch gestern Abend war anders gewesen … er war so unbeherrscht gewesen, dass Hermine beinahe gefürchtet hatte, er würde ihr etwas antun. Etwas schlimmes. Sie verletzen oder erwürgen oder Merlin wusste was.

Aber was genau war es, was ihr plötzlich diese eiskalte Furcht eingeflößt hatte? Er hatte sie auch schon zuvor beschimpft, bedroht, ja sogar verflucht und nie war so vor Furcht so erstarrt gewesen.

Und dennoch. Was war dieses Mal anders gewesen?

Sie war alleine gewesen. Weder Harry noch Ron da, die ihr den Rücken stärkten und umgekehrt.

Ein weitere Unterschied fiel ihr auf: Snape hatte sie noch nie zuvor berührt. Im Gegenteil, mit seinem hochgeschlossenen, steifen Kragen und dem langen Umhang hatte er stets eine Aura verströmt, die es jedem verbot ihm auch nur nahe zu kommen.

Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde sie von Ron in die Wirklichkeit zurück geholt, der sie beim Einpacken seiner Bücher versehentlich mit dem Ellenbogen anstieß und leise „Sorry" murmelte.

Hermine sah ihn warnend an, denn in den letzten Jahren hatte Professor McGonegall ihn mehr als einmal ermahnt erst dann einzupacken, wenn sie den Unterricht beendet hatte. Doch ein Blick nach vorne ließ sie überrascht feststellen, dass auch die Professorin ihre Unterlagen bereits zusammenräumte. Hastig folgte Hermine ihrem Beispiel.

Auf dem Weg zum Mittagessen verdrehte Ron die Augen.

„Gleich haben wir die Fledermaus.", stieß er unwillig hervor.

Ausnahmsweise belehrte Hermine ihn einmal nicht über die angemessene Anrede Professoren gegenüber sondern lachte nur kurz auf, wobei sie weniger amüsiert als verzweifelt klang.

Beim Mittagessen plauderte sie mit Ginny angeregt über das bevorstehende Halloween. Die Schulleiterin, Professor McGonegall, hatte zu Weihnachten einen Kostümball angekündigt und bis dahin waren es nur noch wenige Wochen.

Ginny erzählte aufgeregt von ihrem Kostüm, sie wollte sich als Waldnymphe verkleiden.

Hermine hingegen weigerte sich standhaft ihrer Freundin von ihren Plänen zu erzählen, wie sie es damals auch beim Yule Ball getan hatte und verweigerte ob der immer wahnwitziger werdenden Vorschläge Ginnys lachend die Aussage.

Als sie jedoch bemerkte, dass die ersten Schüler vom Mittagessen zum Unterricht aufbrachen, konnte sie die bevorstehende Stunde nicht länger verdrängen.

Seufzend zog sie Harry am Arm und sagte: „So langsam sollten wir wohl los … Snape wird nicht amüsiert sein, wenn wir zu spät in die Kerker kommen."

Harry stimmte ihr nickend zu, verabschiedete sich mit einem schnellen Kuss von Ginny und zu dritt zogen sie los. Ginny, die statt Zaubertränke lieber Pflege magischer Geschöpfe als vertiefenden Kurs gewählt hatte, winkte ihnen fröhlich nach.

Hermine hingegen war überhaupt nicht fröhlich zumute. Mit Sicherheit würde Snape sie diese Stunde gnadenlos demütigen und für ihr gestriges Zusammentreffen büßen lassen.

Flankiert von ihren beiden Freunden suchte sie sich einen Platz in der hintersten Reihe des Klassenzimmers und hoffte, dass die Backsteinsäule vor ihr sie vor den Blicken des Tränkemeisters bewahrte.

Sie hatten die große Halle keine Minute zu früh verlassen, denn nur Augenblicke, nachdem die drei Platz genommen hatten, rauschte Snape in den Kerker.

Hastig zog Hermine ihr Schulbuch aus der Tasche und legte es möglichst leise auf dem Tisch ab. Snape schätze es ganz und gar nicht, wenn man seinen Unterricht mit unnötigem Geraschel störte .

Sie sah, wie sein Blick kurz in ihre Richtung huschte. Offensichtlich hatte er gehört, wie sie ihr Buch auspackte. Schon geringere Vergehen als dieses hatten in seinem Unterricht einen scharfen Verweis zur Folge gehabt, doch noch bevor sie schuldbewusst den Kopf einziehen konnte hatten Snapes schwarze Augen bereits ein anderes Ziel gefunden.

„Heute", kündigte er an, „werden Sie den Trank der lebenden Toten brauen. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass bereits ein winziger Fehler den Zaubertrank ruinieren und eine fatale Explosion nach sich ziehen kann.

Da leider die üblichen Dummköpfe meinen Kurs bevölkern, werden Sie sich ausnahmsweise in Zweierpaaren zusammen finden. Ich hoffe entgegen meiner Erwartung sehr, dass sie es schaffen, sich gegenseitig vor den dümmsten Fehlern zu bewahren und wir alle den Raum heute lebend wieder verlassen dürfen."

Ein dünnes Lächeln kräuselte seine schmalen Lippen, als er den Blick über die wohl disziplinierte Gruppe schweifen ließ.

Nur die Besten hatten die Erlaubnis erhalten, den Kurs des stellvertretenden Schulleiters zu besuchen und sie alle hatten in der ersten Stunde einen Test absolvieren müssen. Wer diesen nicht bestanden hatte, den hatte Snape auch nach Schuljahresbeginn noch gnadenlos aus seinem Kurs verbannt.

Zu Hermines heimlicher Überraschung hatten sowohl Ron als auch Harry den Test, der im Brauen eines komplexen Trankes, der die Blutbildung anregen sollte, bestanden.

Doch beide waren im letzten Jahr gereift und hatten sie auch mit ihrem Entschluss das letzte Schuljahr zu wiederholen überrascht.

Hermine und Ron, die am selben Tisch saßen, begannen gemeinsam mit der Arbeit. Harry setzte sich eine Reihe weiter nach vorne, um gemeinsam mit Seamus Finnigan arbeiten zu können.

Während Ron sich in die Schlange vor den Zinnkesseln einreihte ging Hermine zum Vorratsraum, der verdeckt an der Rückseite des Klassenzimmers lag. Dort begann sie die benötigten Zutaten auf einem Tablett zu arrangieren. Als sie gerade nach der Baumschlangenhaut griff, deren Platz ihr aus ihrem zweiten Schuljahr noch wohl bekannt war, hörte sie hinter sich ein Rascheln.

Erschrocken fuhr sie herum, das Glas mit dem gerieben Pulver fiel ihr aus der Hand und kam klirrend auf dem Steinboden auf, wo es zersprang.

Sie stand mit dem Rücken zu dem hoch aufragend Holzregal und vor ihr stand – ebenfalls hoch aufragend- Professor Snape.

„Professor", haspelte sie, „tut mir leid, sie haben … ich habe mich erschreckt, Verzeihung."

Snape taxierte sie nur mit seinen schwarzen Augen.

Hermine holte etwas zittrig Luft und sog diese tief ein, um sich zu beruhigen.

Ein kurzer Blick versicherte ihr, dass sie mit dem Professor alleine war und genau wie gestern Nacht spürte sie, dass sich die Haare in ihrem Nacken aufrichteten.

Dennoch setzte sie erneut zum Sprechen an. Es entsprach nicht Hermines Art, ein Unrecht unkommentiert stehen zu lassen, und auch wenn ihr Professor sich gestern zweifellos falsch verhalten hatte, so konnte sie auch von sich selbst nicht behaupten nach der feinen englischen Art gehandelt zu haben.

„Ich wollte ohnehin mit Ihnen sprechen, Sir.", sagte sie, darauf hoffend, dass die respektvolle Anrede seinen Zorn ein wenig besänftigen würde.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, mein Verhalten gestern Abend war alles andere als angemessen und es …. Es tut mir leid.", schloss sie.

Snape starrte sie noch einen Moment unbewegt an, bevor er antwortete: „Ihnen sei vergeben, Miss Granger."

Hermine atmete vor Überraschung scharf ein. Dass Snape derartig versöhnlich reagierte, hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Einen Moment fragte sie sich, ob ihn ebenfalls Schuldgefühle plagten. Vielleicht war ihm ja bewusst, wie unprofessionell und übergriffig sein Verhalten gewesen war.

Doch wie genau sie ihn auch musterte, seine steinerne Miene blieb unbewegt. Gerade wollte sie sich mit einem Nicken von ihm abwenden, da trat er ruckartig noch einen Schritt auf sie zu. Wie gestern kam er ihr dabei viel zu nahe, infiltrierte ihren persönlichen Raum. So nah kamen ihr nur enge Freunde und ihre Eltern.

Snape betrachtete sie über seine lange Nase von oben herab und instinktiv wich Hermine einen Schritt zurück, wurde jedoch von dem Vorratsregal in ihrem Rücken aufgehalten.

Snapes Nasenflügel bewegten sich und seine Brust hob sich, als er scharf einatmete.

„Kein Wort über den gestrigen … Vorfall … zu irgendjemand, Miss Granger", stieß er in der ihm eigenen, akzentuierten Aussprache hervor, jede Silbe betont.

Hermine erschauerte und spürte, wie sich die feinen Haare in ihrem Nacken aufrichteten.

„Ja, Sir.", antwortete sie ihm erstickt.

Snape drehte sich auf dem Absatz herum und verließ den Raum mit schnellem Schritt.

Hermine lies ihren Oberkörper erleichtert gegen den Schrank sacken, als alle Kraft ihre Beine verließ.

Was war es nur an diesem Mann, was ihr seit neuestem solch eine Furcht einjagte? Etwas stimmte nicht, da war sie sich sicher.

Und sie würde herausfinden, was das war.