2.
Mit trübseliger Miene trottete Meliane neben Cho her, die sie mal in diesen, mal in jenen Laden zerrte.
Schließlich, als sie bei einem Butterbier in den "Drei Besen" saßen, begann Cho:
"Hör mal, was ist eigentlich los?
Seit McGonagalls Ansprache ziehst du ein Gesicht... du freust dich ja gar nicht, Anie!"
Meliane seufzte.
"Ach, dieser blöde Ball... ich hab da eigentlich gar keine Lust drauf."
Cho sah sie mit aufgerissenen Augen an.
"Wie bitte? Aber... Anie, das wird doch super!
Schöne Kleider, festliche Dekoration, romantisches Licht...", sagte sie erstaunt.
Meliane wollte antworten; da öffnete sich die Tür, und herein kamen - Cedric Diggory, Lee Jordan... und Fred und George Weasley.
Beide Mädchen sahen zu ihnen hin - Cho grinste heimlich, als sie Melianes Gesicht sah.
Anie stand auf Fred, auch wenn Cho nie hatte herausfinden können, wie sie ihn so sicher von seinem identisch aussehenden Zwillingsbruder George unterscheiden konnte.
Jetzt hatten sie die Mädchen in der- wie meistens, wenn Hogsmeade-Ausflugsttag war- zum Brechen vollen Schänke erblickt und grinsten in ihre Richtung.
"Hey Mädels!" rief Lee, und bevor sie wirklich reagieren konnten, standen sie bei ihnen.
"Dürfen wir euch Gesellschaft leisten, Ladies?" fragte einer der Zwillinge.
Cho nickte lächelnd.
Meliane murmelte irgendwas und griff nach ihrem Butterbier.
Die Jungs setzten sich um sie herum.
Cedric bestellte eine Runde Butterbiere, und einer der Zwillinge, der jetzt neben Meliane saß, sagte grinsend:
"Ich hoffe, wir stören euch nicht bei irgendwelchen Frauengesprächen oder so..."
Cho sagte schnell:
"Nein, nein... ist schon okay... äh... Fred?"
Die Gewinnchance lag ja bei 50%.
"Das ist George...", entfuhr es Meliane automatisch, und sofort bereute sie es.
Denn alle, vor allem die Zwillinge, sahen sie erstaunt an.
Bisher hatte Meliane mit beiden gleich viel, also gleich wenig zu tun gehabt, und schließlich waren selbst ihre Freunde nicht immer in der Lage, sie zu unterscheiden.
"Bist du sicher?" fragte der andere Zwilling grinsend und neugierig.
"Ja... Fred...", murmelte sie und hoffte, nicht zu erröten.
"Interessant... und beunruhigend!" sagte Fred und lächelte sie an.
"Wo wir doch heute noch sogar unsere Eltern verunsichern können... wie machst du das?"
Meliane fühlte sich zunehmend unwohl... hätte sie doch nur nichts gesagt...
Sie nuschelte:
"Ich kann gut raten..."
Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie Cho sich ein Grinsen verkneifen mußte... und dann kam die Rettung.
In Form von Harry Potter, Hermine Granger und Ron Weasley, den Viertklässlern aus Gryffindor.
"Hey Leute!" rief Lee durch die ganze Kneipe, die Blicke der anderen Gäste völlig ungerührt mißachtend.
"Hierher!"
Die drei näherten sich, und Meliane hätte schwören können, daß Harry beim Anblick von Cho leicht errötete und schnell wegsah... genau wie Cho.
"Äh... das würde wohl ein bißchen sehr eng werden...", sagte Hermine zweifelnd.
"Ach was, dann rücken wir eben alle ein bißchen enger zusammen... ist doch viel kuschliger!" grinste Fred.
"Ich besorg´ ein paar Stühle!" - "Ich helf´ dir!" sagte George.
Beide standen auf, und als sie zurück kamen, begann ein chaotisches Stühlerücken, bis alle saßen.
Sie saßen im Wesentlichen wie vorher, nur daß Cho nun auf wundersame Weise neben Harry saß.
Madam Rosmerta brachte einen riesigen Krug Butterbier zum Tisch und weitere Gläser.
Als jeder ein gefülltes Glas vor sich stehen hatte, stießen sie an, und kurz vor der zweiten Runde spürte Meliane, wie sie sich allmählich wieder etwas entspannte.... trotz der Anwesenheit von Fred Weasley und dem allseits umschwärmten Cedric Diggory, der ihr gegenübersaß und mit dem sie sich unterhielt.
"Herrje, schon wieder leer...", seufzte Cho, die offenbar ebenso nervös war wie Harry neben ihr.
Es war ein unglaublich süßes Bild... ein hinreißendes Paar, und beide schienen innerlich zu strahlen.
"Eine Lady mit einem leeren Glas.. das ist verboten!" sagte der Zwilling neben Meliane und füllte Chos Glas.
"Danke, George!" sagte Cho lächelnd.
In einem unbeobachteten Moment, als Cedric mit Lee sprach, raunte Meliane ihrer Freundin zu:
"Sie haben die Plätze getauscht!"
Cho sah sie verständnislos an, und Meliane nickte so unauffällig es ging neben sich und formte lautlos das Wort "Fred" mit ihren Lippen, woraufhin Cho sie aus ihren schönen Mandelaugen groß ansah.
Wie machte die das bloß??
Sie selbst hatte zwar nichts davon bemerkt, daß die Zwillingen die Plätze getauscht hatten - es mußte gewesen sein, als sie die Stühle besorgt hatten - aber wenn ihre Freundin das sagte, mußte es wohl so sein.
Meliane nahm gerade einen Schluck Bier, als ihr, ganz dicht an ihrem Ohr, eine Stimme zuflüsterte:
""Was ist dein Geheimnis?"
Sie wandte sich nach links, er war ganz nah... ihr Herz raste, als Fred sie angrinste.
"Sag schon!"
"Ich...", flüsterte sie mit klopfendem Herzen, "... ich weiß nicht... was meinst du damit, Fred?"
Freds grüne Augen funkelten auf.
"Da - genau das meine ich! Wieso kannst du uns so sicher unterscheiden?"
Keiner der anderen beobachtete die beiden... und sie spürte den starken Drang, Fred einfach zu küssen.
Seine Augen sahen offen in ihre, so nah war sie ihm noch nie gewesen... sein Bein unter dem Tisch berührte ihres, sein frischer, aufregender Duft stieg ihr in die Nase, und dann diese grünen Augen... und dieses schelmische Zwinkern darin... dieses Lächeln...
"Ich... habe keine Ahnung... eure Stimmen sind nicht dieselben... ist einfach nur so ein Gefühl...", sagte sie schwach.
Fred sah sie skeptisch, aber grinsend an.
"Interessant... daß du Gefühle für mich hast... äh für uns...", er zwinkerte, "... wo wir doch bisher nicht mal wirklich miteinander geredet haben..."
Ihr Herz machte einen unkoordinierten Hüpfer... bildete sie sich das nur ein... oder war es möglich, daß er sie... nett fand?
Sie lächelte vorsichtig und erwiderte:
""Oh, ich glaube, jeder in Hogwarts hat irgendwelche... Gefühle für euch...das geht von Sympathie und Bewunderung über Respekt bis hin zu tiefstem Ärger - soweit es die Lehrer betrifft.
Ihr habt schließlich einen gewissen Ruf... und eine eigene Fangemeinde."
Fred begann, zu strahlen, flüsterte dann, sie verschmitzt ansehend:
"Und du... bist du auch ein Fan?"
Ihr Lächeln wurde breiter, und sie antwortete:
"Kriege ich Rabatt, wenn ich ja sage?"
Es war ein offenes Geheimnis, daß Fred und George begonnen hatten, selbst entwickelte Zauberscherzartikel an der Schule zu vertreiben.
Fred lachte leise.
"Mindestens das!" erwiderte er.
Meliane betete stumm, daß sie jetzt unter seinem inzwischen eindeutig interessierten Blick nicht rot wurde...
Der restliche Abend verlief wunderbar, und trotz ihrer Aufregung war es total leicht und erstaunlích unkompliziert, mit Fred zu reden... und viel zu früh mußten sie sich schließlich auf den Rückweg nach Hogwarts machen.
Es schneite flauschige, sanfte Flocken, und obwohl der dicke, knirschende Schnee auf dem Boden jegliche Rutschgefahr verhinderte, bot Fred ihr entzückend gentleman-like seinen Arm an, unter den sie sich, ein albernes Kichern gerade noch verhindernd, glücklich einhakte.
Sie hatte das Gefühl, zu schweben...
Als sie und Cho später im Ravenclaw-Aufenthaltsraum beim Kamin saßen, hatten beide einen verträumten Gesichtsausdruck.
Schließlich sagte Cho, entrückt seufzend:
""So toll war es in Hogsmeade noch nie, oder?"
"Hmmm...", Meliane nickte mit geschlossenen Augen.
"Und?" grinste Cho.
"Was meinst du... bahnt sich da womöglich endlich etwas an?
Ich meine... du und Fred... er schien nicht gerade abgeneigt, wenn du mich fragst..."
"Meinst du?" fragte Meliane zögernd, aber innerlich strahlend.
"Ach, jetzt komm aber!" lachte Cho kopfschüttelnd.
""... ich meine - das schreit geradezu danach, daß er dich als Ballpartnerin in Erwägung zieht... in ernsthafte Erwägung!"
Der Ball.
Mit einem Mal war das herrlich warme Gefühl in Melianes Brust wie weggewischt.
Der Ball... und Draco Malfoy.
Cho sah, daß ihr Gesicht plötzlich erstarrt war.
"Was ist denn los?
Glaubst du, er fragt eine andere?
Hey, ich bin mir ganz sicher, du hast gute Chancen!
Und... du könntest ihn doch auch einfach selbst fragen, er sagt bestimmt ja, ganz bestimmt!
Ich bin fest davon überzeugt, er mag dich!
Und er..."
Doch Meliane sprang auf und unterbrach Cho halb wütend, halb verzweifelt:
"Es spielt nur überhaupt keine Rolle, ob er mich fragt!
Um ehrlich zu sein... ich hoffe, er tut es nicht!"
Cho starrte sie mir offenem Mund an.
"Aber...was... Anie - was soll denn das?
Wieso bei Merlin willst du nicht, daß er dich fragt?"
Meliane spürte, wie ihr vor Frust fast Tränen in die Augen stiegen.
Wie hätte sie es auch verstehen können... nach allem, was sie Cho immer wieder von Fred vorgschwärmt hatte, mußte sie sie nun für komplett verrückt halten.
Und sie sagte mühevoll beherrscht:
"Weil... weil ich ihm dann einen Korb geben müßte."
Sie kniff die Lippen zusammen und murmelte dann:
"Es ist ja nur ein Ball... eigentlich nichts von Bedeutung... aber spätestens nach diesem Abend wird er mich sowieso nicht mal mehr ansehen, egal, wie nett er mich jetzt noch finden mag."
Sie wandte sich rasch um und eilte in Richtung Schlafsaal, und Cho konnte nur äußerst irritiert zusehen, wie ihre Freundin verschwand.
* * *
