Kapitel 1
Die Neue - Jack
Schon während ich durch die Gänge gelaufen war, hatten meine Mitschüler von „Xaviers Schule für Hochbegabte" getuschelt und waren in Grüppchen zusammen gestanden.
Als ich jetzt in den Speisesaal kam, schlug mir eine Welle Lärm entgegen. Die Leute saßen quatschend an ihren Tischen und hatten größtenteils das Essen, das vor ihnen stand, vollkommen vergessen, weil sie lautstark über den Neuankömmling diskutierten, der heute Nacht aufgetaucht sein sollte.
Noch Niemand hatte mit ihm gesprochen, geschweige denn überhaupt ein neues Gesicht an der Schule gesehen. Dennoch hatte sich heute seit den Morgenstunden die Nachricht über einen neuen Schüler, der mitten in der Nacht, mitten im Schuljahr hier aufgetaucht war, wie ein Lauffeuer verbreitet und war jetzt Gesprächsthema Nummer 1.
Ein Neuer war normalerweise nichts besonderes, aber die Umstände seines Auftauchens –beinahe fünf Monate nach Schulbeginn, das war schon lange nicht mehr vorgekommen, auf jeden Fall noch nie, seit ich hier bin- machten uns alle neugierig.
Heute früh war ein etwas jüngeres Mädchen zu uns in das Zimmer gestürzt, um von einem Gerücht zu berichten, dem zufolge jemand am frühen Morgen den Boden in der Eingangshalle blutverschmiert vorgefunden hatte. Ich und mein Mitbewohner Ray waren uns einig, dass das eine frei erfundene Geschichte war und wir schenkten dem keinen Glauben. Außerdem war ich der Meinung, dass sie die Geschichte nur als Vorwand genutzt hatte, um uns beide in Boxershorts zu sehen, es war kein Geheimnis, dass sie schon eine Zeit auf Ray stand.
Auch an dem Stammtisch meiner Freunde wurde über den Neuen spekuliert. Als ich jetzt dazu stieß und mich gelangweilt auf meinen Stuhl fallen ließ, schnappte ich mir ein Brötchen von Ray, weil ich zu faul gewesen war an der ewig langen Schlange vor der Essensausgabe anzustehen und biss zufrieden hinein. Er quittierte das mit einem genervten Blick, schwieg aber, als ich nur zurückgrinste.
„Ich bin ja wirklich sehr gespannt, ob sich irgendwelche Storys über diesen Typen bewahrheiten. Ich habe heute schon so haarsträubende Geschichten über ihn gehört, das er ein echtes Wunderkind sein müsste.", erzählte Nico und griff währenddessen nach der Flasche Wasser in der Mitte des Tisches, wobei sich sein Arm unnatürlich verlängerte.
Eine Zeit lang tauschten die Jungs nur die Gerüchte aus, die sie aufgeschnappt hatten und begannen dann darüber zu diskutieren, welche Fähigkeit der Neue wohl hatte.
Es war immer das Gleiche, man hoffte, dass die Mutation des anderen so langweilig und sinnlos war, dass man sich selbst besser fühlen konnte.
Der vierte und letzte am Tisch, Miles, zum Beispiel, konnte wahnsinnig gut hören. Er lauschte liebend gern den vielen Gesprächen im ganzen Haus und daher war es kein Wunder, dass wir einige kleine Geheimnisse unserer Mitschüler kannten, von denen sie bestimmt nicht wollten, dass sie an die Schul-Öffentlichkeit gelangten. Wenn wir aber einmal ehrlich waren, ist das eine richtig beschissene Gabe, die außer ein paar Druckmitteln keinen wirklichen Nutzen hatte. Nur das sollte man dem lieben Miles auf keinen Fall so sagen, denn er versuchte bei jeder Gelegenheit sein Können und damit auch die Besonderheit seiner Gabe unter Beweis zu stellen.
Ich hing gelangweilt meinen Gedanken nach, während ich aus den Resten meiner Semmel kleine Kugeln formte, mit denen ich die Rücken unserer Tischnachbarn beschoss und zunächst bemerkte ich gar nicht, dass die meisten Gespräche plötzlich abbrachen und eine gespannte Stille eintrat. Als Ray neben mir sich aber wie viele andere, die mit dem Rücken zum Eingang der Kantine saßen, umdrehte, wandte ich ebenfalls neugierig den Kopf.
Storm, eine unserer Lehrerinnen, war gerade hereingekommen. Doch nicht sie war es, die jetzt die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Sondern das Mädchen, das hinter ihr eingetreten war.
Ich zog langsam die Augenbrauen nach oben und frohlockte innerlich, während sich ein Grinsen auf meinem Gesicht ausbreite. „Der" Neue war ein Mädchen!
Denn diese junge Frau war eindeutig der geheimnisvolle Neuankömmling. So ein Gesicht wäre mir in dieser Schule auf keinen Fall entgangen!
Sie war weder groß noch klein und war ungewöhnlich breitschulterig für eine Frau – was aber nicht im Geringsten störte, ihre Proportionen stimmten. Da wir in der Nähe der Tür saßen konnte ich ihre Gesichtzüge gut erkennen. Sie hatte extrem blasse Haut, die von den schwarzen Haaren noch betont wurde. Ihre Lippen hatte sie zu einem spöttischen Lächeln verzogen, während sie den Blick ihrer grauen Augen über die Menge der ihr zugewandten Gesichter gleiten ließ. Ich stand eigentlich überhaupt nicht auf kurze Haare, doch ich musste zugeben, dass ihre verwuschelte Frisur ihr wirklich sehr gut stand.
Alles in allem war mein Interesse auf jeden Fall geweckt. Nebenbei bemerkt waren daran auch ihre Klamotten nicht ganz unschuldig, die ihre Reize mehr als nur gut betonten.
„Seht euch mal Jacks Blick an!", kicherte Nico plötzlich leise und trat mir unter dem Tisch gegen das Schienbein. „Stellst du sie dir etwa gerade nackt vor? Deine Augen sind plötzlich so glasig." Die anderen konnten sich ebenfalls nicht mehr zurückhalten und begannen nach und nach zu prusten, bis -abgesehen von mir- alle am Tisch kicherten.
Der Blick des Mädchens huschte sofort zum Ursprung des Gelächters und unsere Blicke trafen sich kurz. Dann klatschte Storm leise in die Hände, was die meisten aus ihrer Erstarrung erwachen ließ und diese sich wieder ihrem Essen zuwandten.
„Das darf doch nicht wahr sein!", stöhnte ich entsetzt auf, als sich Storm zwischen den Tischen hindurchschlängelte, direkt zu dem Einzigen im Raum, an dem nur ein Stuhl besetzt war.
„Sie setzt sie doch glatt zu dem größten Loser der Schule!", stellte Ray neben mir perplex fest. Der Typ, an dessen Tisch sich die Neue gerade setzte, war Alexej. Vor ein paar Jahren war er noch ganz cool drauf gewesen, auch wenn er schon damals seine Eigenarten gehabt hatte. Doch irgendwann wollte er plötzlich mit niemandem mehr etwas zu tun haben (woran wir vier wohl nicht ganz unschuldig waren, das musste ich zugeben) und schien seither in seiner eigenen, griesgrämigen Welt zu leben. Selber Schuld, wenn er sich ausgrenzte!
„Wir können sie doch nicht bei dem sitzen lassen!", meinte Nico, während er einen Knoten in einen seiner Finger machte.
Ich schwieg und beobachtete die beiden eine Zeit lang, doch sie sprachen kein Wort miteinander. Was für ein Idiot! Ihm saß solch eine Frau gegenüber und er blickte nicht einmal zu ihr auf. Als ich es nicht mehr aushielt und gerade keine Aufsichtsperson in der Nähe war, packte ich die Gelegenheit beim Schopf, zwinkerte meinen Freunden kurz zu und verschwand von meinem Platz.
Nur um einen Sekundenbruchteil später direkt neben der Kleinen auf einem Stuhl aufzutauchen.
Sie drehte den Kopf, ließ ihren Blick an mir herunter gleiten und zog die Augenbrauen nach oben, während sie mir fest in die Augen sah.
„Cool!", stellte sie kalt fest und dabei zuckten ihre Mundwinkel einen Moment nach oben.
Ich hoffte inständig, dass ich mir den Hohn in diesem einen Wort nur eingebildet hatte.
