»Hier liegt der Abgrund, aller Seelen Quell'.
Von diesen smaragdenen Gewässern gebärt sich Leben neu.
Komm zu mir, Kind, ich begrüße dich.
In meinen Armen liegt die Unendlichkeit.«
—Lobgesang von Andraste 14:11
KAPITEL 01
—9:30 Zeitalter der Drachen
Heißer Schmerz pflügte sich durch ihren Kopf, verbrannte jeden Gedanken, der hätte da sein können. Er stieg ihre Wirbelsäule hinab, bestimmt und unnachgiebig, zerrte an ihrem Herzen und explodierte in schmerzhaft schillernde Fetzen ihrer selbst, spülte ihr Bewusstsein in einer reißerischen Welle fort von ihrem Körper, weit weg in eine tiefe, endlose Leere. Von weitem spürte sie ihre Seele mit ihrem Körper diskutieren.
Wir müssen gehen. – Müssen wir nicht!
Dann verlor sie den physischen Halt. Der Boden gab nach – oder ihre Beine – und sie fiel, fiel, fiel in einem tosenden Wirbel aus Schwarz und Schmerz und dem Bewusstsein, dass alles vorbei war.
Noch nicht jetzt, aber bald.
Der Aufprall kam plötzlich, unverhofft in der Finsternis. Er ließ Funken vor dem Inneren ihrer Augenlider aufplatzen, die sich zu einer Woge von Kopfschmerzen intensivierten. Der Aufschlag musste hart genug gewesen sein, um sie aus ihrem eigenen Körper zu katapultieren. Kein Finger, kein Bein war zu spüren. Eine verletzte, dematerialisierte Existenz, lose in der Luft hängend bis zu dem Moment, an dem die Übelkeit einschlug. Plötzlich waren Arme da, die sie stützten, als sich ihr Oberkörper aufbäumte und vornüberkippte, um eine aufkommende Quantität an Erbrochenem durch die raue Speiseröhre hinaus zu befördern. Ihr Inneres brannte. Knochen, Muskeln, Organe. Alles stand in wütenden Flammen voll grausamer Bereitschaft, sie zu quälen. Sie musste geschrien haben, stundenlang mindestens.
Nach der Übelkeit kam die Erschöpfung. Sie brach zusammen wie ein jämmerlicher Haufen organischen Materials, das bis zum tiefsten Kern abgenutzt worden war. Die Erschöpfung dimmte die Empfindung der Schmerzen, und brachte schließlich unruhigen, fiebrigen Schlaf.
Nach dem Schlaf kam der Schmerz zurück, und mit ihm die Übelkeit. Bald hielt ihr Magen nichts mehr, das erbrochen werden konnte. Statt Unverdautem zwängte sich ätzende Magensäure hinauf, dann holte sie der Schlaf zurück, hüllte ihre Sinne in weiche Watte, und lotste sie weg vom Brennen, hinein in einen Traum längst vergangener Tage. In ihm funkelte ein Tor verheißungsvoll in tiefster Dunkelheit. Ein Wunsch ging in Erfüllung, Diskussionen brachen aus. Ein Mann trat vor die anderen, legte seine flachen Hände gegen das Tor. Weigerungen wurden gebrüllt.
Verräter!
Die Verweigerer stolperten zurück, halb zur Flucht umgedreht. In ihren Augen: Angst. Es war zu spät. Sie waren verloren. Alles war verloren. Noch nicht jetzt, aber bald.
Narr.
Sie riss die Augen auf, gebeutelt von einem neuen Anfall der Übelkeit. Instinktiv schlug ihre Hand vor ihre fest aufeinander gepressten Lippen, kompromisslos bereit, nichts nach außen dringen zu lassen. Ihr Magen fühlte sich an wie ein schwarzes Loch. Dem kurzen Ruck ihren Brustkorb hinauf folgte nichts außer unermessliche Ermüdung und sie sank zurück in die willkommene Umarmung traumloser Trance.
Das nächste Öffnen ihrer Lider war begleitet vom Geruch kochenden Fleisches. Durch die engen Schlitze drang ungewohnt gleißendes Licht. Stöhnend kniff sie die Augen wieder zusammen. Auf die gallige Leere ihres Magens war der köstliche Duft von Nahrung gleichsam betörend und widerwertig. In ihrem Mund hatten die Rückstände von Magensäure einen abgestandenen Geschmack hinterlassen. Vorsichtig tastete sie auf die andere Seite ihres Bettes. Nach feuchtfröhlichen Abenden fand sie schon manchmal einen nackten Mann neben sich.
Statt auf eine bare Brust schlug ihre Hand ins Leere. Die andere fasste an ihren brummenden Kopf. »Nie wieder Alkohol«, raunte sie. »Ich schwöre bei Gott, nie wieder. Diesmal wirklich.«
»Du bist endlich wach.«
Die Stimme ließ sie aufschrecken, das Laken instinktiv vor ihren Oberkörper gepresst. Auch spontane Kommunikation mit unbekannten Stimmen war nach durchzechten Nächten nicht unüblich. Allerdings nicht mit weiblichen Stimmen. Schon gar nicht mit weiblichen alten Stimmen. Ihr Blick schweifte durch den kleinen Raum, in dem sie sich befand. Er war definitiv nicht ihr Schlafzimmer. Dicke Balken hielten ein dünnes Dach über vier rechteckig angeordneten Wänden aus Holz. Die Einrichtung war spartanisch, um nicht zu sagen urtümlich. Das Aufregendste war die grauhaarige Frau, die ein wenig gebückt im köchelnden Inhalt eines Kessels rührte.
»Brauchst du einen neuen Eimer?«
»Wie bitte?«
»Einen Eimer. Es stört mich ein wenig, wenn Gäste sich auf meinen Boden übergeben. Aber wenn du den Mund zum Sprechen öffnen kannst, ist das Schlimmste wohl vorbei. Wie nennst du dich?«
»Kae … ähm … la … n … ähm … dri … en?«, antwortete sie zögerlich, fragend. Es war nicht ihr richtiger Name, natürlich nicht. Die alte Frau hatte auch nicht danach gefragt. Langsam regenerierte sich ihr Fokus und die Gesichtszüge der Alten wurden klar. Sie hatten, wenngleich nichts Vertrautes, so wenigstens etwas Bekanntes. Die dünnen, faltigen Lippen, das unordentliche Haar auf einem spitzen Gesicht und eine Hakennase über eingefallenen Wangen. »Flemeth.«
»Da wir das geklärt haben, freut es dich bestimmt zu hören, dass es deiner Freundin nicht wesentlich schlechter geht als dir.«
»Meiner …« Kaelandriens Blick flackerte zurück zu dem Bündel im zweiten Bett, das sie bei ihrer visuellen Wanderung zuvor als aufgetürmte Decken vernachlässigt hatte. Ein kehliger Schrei brach aus ihrem trockenen Mund. Sofort war sie auf den Beinen, nur um vor dem Bündel auf die Knie zu fallen. In einer Vielzahl von Stoffschichten eingebettet lagen oft gesehene, blasse Gesichtszüge. Sie waren mehr fahl als blass, ein wenig grün, ansonsten schien ihre Freundin heil zu sein.
Sie fuhr herum, verwirrt und wütend und ausgelaugt von einer simplen Bewegung. Ihre Körperhaltung sackte in sich zusammen, als sie zu Flemeth aufsah. Der Bettrahmen gab ihrem Rücken gerade so viel Halt, um nicht zu Boden zu fallen. Das konnte nicht wahr sein. Es durfte nicht wahr sein.
»Was hast du getan, Flemeth?«
»Im Idealfall Ferelden gerettet. Kaelandrien. Das ist ein furchtbarer Name.«
Kaelandrien hob ihre Augenbrauen. Zumindest versuchte sie es. Ihre ganze Kraft verwandte sie auf die unmöglich erscheinende Aufgabe, sich selbst aufrecht zu halten. Der Versuch, in den Stand zu kommen, scheiterte vor seiner Initiierung. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte sie schließlich.
»Du möchtest Spielchen spielen? In Ordnung. Wie nennst du deine Freundin?«
Die Frage war in harmlosem Tonfall vorgebracht, doch nichts an der Hexe der Wildnis war jemals harmlos. Die Antwort kam langsam. Reale Namen zu verwenden erschien ihr unklug in einer Welt, die fiktiv sein sollte. Zudem hatte sie sich selbst bereits einen neuen gegeben. »Lyra.«
Flemeths Nicken war zustimmend, wieso auch immer, ehe sie sich wieder ihrem Kessel zuwandte. »Die Welt, aus der ihr kommt, scheint mir eigentümlich zu sein. Eure Habseligkeiten stehen in der Ecke. Ich konnte Morrigan davon abhalten, sie zu durchwühlen.«
Seufzend wandte Kaelandrien sich den beiden Rucksäcken zu, auf die Flemeth verwiesen hatte. Sie waren ein wenig verknittert. Es dauerte eine schweigsame Weile, bis sie sich zu ihnen schleppen konnte, um den Inhalt nach etwas Nützlichem zu durchforsten. Ihre Suche wäre vielleicht erfolgreich gewesen, hätte sie gewusst, was in einer Situation wie dieser nützlich war. Sie hätte mehr frische Socken mitgenommen, hätte sie geahnt, dass ein Wanderausflug in den österreichischen Alpen einen Zwischenstopp in einem beschissenen Ferelden beinhaltete! Eine neue Woge der Übelkeit überrollte sie, diesmal absteigend von ihrem Kopf, bedingt durch beginnende Realisation.
Das war Ferelden.
Kleine Krämpfe zogen ihr Herz zusammen, verengten ihre Kehle auf ein lebensnotwendiges Minimum, sodass sie nach Luft schnappen musste. Das durfte nicht wahr sein und doch war es definitiv kein Traum. Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln. Sie spülte sie weg mit einem Schluck aus ihrem mitgebrachten Flachmann, dessen hochprozentigen Inhalt sie für die Ankunft am Gipfel aufgespart hatte.
Ein schwaches Stöhnen lenkte sie von ihrer eigenen Panik ab. Aus den glasigen Augenwinkeln konnte Kaelandrien ein zufriedenes Zucken über Flemeths schmalen Mund huschen sehen. Sie ignorierte es zugunsten ihrer eigenen Erleichterung. »Lyra«, wisperte sie.
Die Erwiderung war verzögert und schwach. »Wer?«
»Das ist für eine Weile dein Name, okay?«
»Bist du betrunken?«, murmelte Lyra gähnend. Sie schien sich ähnlich erschlagen wie Kaelandrien zu fühlen. Die Irritation in den blassblauen Augen war skeptischer Natur. Kaelandrien beobachtete sie beim vorsichtigen Aufsetzen. Wie ihre eigenen, wanderten Lyras Handflächen erst über ihren Mund, dann an ihre Schläfen. »Urgh. Hab ich mitgetrunken?«
Ein knappes Auflachen schälte sich aus Kaelandriens Lippen, obwohl ihr alles andere als nach Lachen zumute war. Gleichzeitig fand eine Träne ihren Weg über ihre linke Wange. Sie wischte sie mit dem Handrücken weg. »Flipp nicht aus, ja?«
»Bin ich schon jemals ausgeflippt?«
»Die Möglichkeit besteht definitiv.«
Die Szenerie enthob die Worte ihrer Notwendigkeit. Mit wachsender Besorgnis verfolgte Kaelandrien Lyras wechselnde Mimik, während diese den trüben Schleier aus ihrem Gesichtsfeld blinzelte. Er wechselte in einem ungesunden Tempo von tiefgreifender Müdigkeit über irritierten Unglauben zu deutlicher Beunruhigung, von wo aus er sich zu stummem Horror verfestigte. Kein Ton kam über Lyras Lippen, trotzdem konnte Kaelandrien die Angst hinter den erstarrten Zügen ausmachen. Zaghaft nahm sie Lyras Hand auf, die wie ein abgestorbener Ast in deren Schoß gefallen war.
Hilflose Minuten vergingen. In ihrem rhetorischen Repertoire fand Kaelandrien nichts Tröstliches. Wie hätte sie auch? Ihr selbst war nichts klar, außer dass Wutausbrüche keine Lösung waren. Im Gegensatz zu Lyras grundlegender Zurückhaltung lag ihr eigener Charakter sehr viel näher an den Extremen von emotionalen Ausdrücken. Dass sogar sie – die bei offenem Fenster kreativste Schimpfworte spie, wenn sie in einem Computerspiel starb – vollständig in der Luft hing, war Beweis genug für die Absurdität, mit der Lyra zu kämpfen hatte. Für ihren Bedarf hatte Kaelandrien heute genug gespien.
Flemeth begnügte sich damit, oberflächlich gedanken-abwesend in ihrem Kessel zu rühren. Erst als Lyra den Mund öffnete, wandte sie sich ihr zu, als habe sie die beiden unfreiwilligen Gäste völlig vergessen. Kaelandrien wusste es besser. Die Hexe hatte vor der ersten gesprochenen Silbe reagiert.
»Das ist unmöglich Dragon Age.« Es klang mehr nach einer willentlichen Entscheidung denn einer Entdeckung.
»Der Kalender sagt Anderweitiges«, meinte Flemeth. Das subtile Amüsement in ihrer Stimme verlieh ihrer Antwort einen Hauch Boshaftigkeit. Zu schwach, um eindeutig als solcher identifiziert zu werden, aber stark genug, um ihn zu vermuten. »Wir schreiben das Jahr dreißig im neunten Zeitalter, dem Zeitalter des Drachen.«
»Dragon Age ist ein Spiel«, beharrte Lyra. Ihre Hand drückte Kaelandriens. »Fiktion kann nicht Realität werden.«
»Ist das so?« Endlich ließ Flemeth von ihrem Kessel ab. »Schließt eine Realität die andere zwangsläufig aus? Ist das Reale Fiktion einer anderen Realität? Über diese Dinge wissen einfache Existenzen wie wir nichts. Meinem simplen Geist scheint, als würden diverse Welten in einer beliebigen Realität als Fiktion erscheinen, während sich dieselbe beliebige Realität in denselben diversen Welten als eine ebensolche Fiktion erschließt.«
Die beiden Frauen sahen sich zeitgleich an, für einen ausgedehnten Moment des fehlenden Verständnisses überfordert. Lyra schüttelte kaum merklich den Kopf. »An der Realität ist nichts Relatives.«
»Nein«, stimmte Flemeth zu. »Zumindest nicht für die, die ihr Leben lang nur in einer wandeln. Ich bin sicher, irgendwo in Thedas fasst eine Bibliothek ein paar Romane über eine fremde Gesellschaft, die der deinen überraschend ähnlich ist, Lyra. Und du, Kaelandrien, hast nichts dazu zu sagen?«
Ausnahmsweise hatte sie das nicht. Hätte Kaelandrien vorhersagen müssen, wann sie sich in einer Situation sprachlos vorfinden würde, hätte sie sich kein skurrileres Szenario vorstellen können. Keine noch so sorgfältig gewählte Aussage konnte ihr einen Gefallen tun. Es war besser, nichts zu sagen. Flemeth hielt offenbar an der Vorstellung fest, dass die eine mehr wusste als die andere. Kaelandrien verengte bedrohlich die Augen.
»Ich dränge nicht weiter und erspare uns allen Zeit, indem ich zum Wesentlichen komme. Ferelden ist in Gefahr, Opfer einer neuen Verderbnis zu werden. Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr darüber informiert seid? Die Fiktionen haben ein außerordentliches Talent dafür, sich selbst aktuell zu halten.«
»Ich bin raus«, unterbrach Lyra plötzlich und schwang ihre Beine aus dem Bett. Ihr Stand war unstet, aber entschlossen. »Wir haben darüber gescherzt, aber das ist Irrsinn. Jemand spielt uns übel mit, N-«
»Kaelandrien. Nenn mich Kaelandrien. Und ich denke nicht, dass irgendetwas von alledem ein Scherz ist.«
»Ach ja? Erzähl mir nicht, du betrachtest das hier –« Sie gestikulierte einmal um sich herum. Ihre Stimme war nach wie vor leise und eben, erfüllt von banaler Verweigerung. »– als wahr? Das kann nicht passieren, weil es nicht möglich ist.«
»Ob es wahr ist oder nicht«, sprach Flemeth über sie hinweg, »spielt keine Rolle. Ihr wollt bestimmt wieder in diese andere Welt zurück. Der einzige mir bekannte Weg zur Erreichung dieses Ziels führt über den Erzdämon.«
»Logisch«, raunte Kaelandrien. Die Kopfschmerzen kamen zurück und sie musste sich auf das Bett hinter ihr sinken lassen, um nicht hinzufallen. Natürlich mussten sie den Erzdämon finden. Was hatte sie erwartet? Einen Rückweg über einen Regenbogen? Neben ihr beharrte Lyra auf Inakzeptanz. Ihr Schnauben wurde von Flemeths erhobener Hand unterbrochen.
»Jemand nähert sich der Hütte. Verhaltet euch ruhig. Es ist besser, vorerst unentdeckt zu bleiben.« Damit verschwand sie nach draußen, die Tür gerade so weit geöffnet, dass sie hindurch passte, bevor sie sie fest zu zog.
Kaelandrien hielt ihren Kopf in den Händen wie einen Fremdkörper, der nur zufällig auf dem schmalen Hals zwischen ihren Schultern saß. Ihre Zehen wippten unruhig in einem arbiträren Takt. Sie konnte die Spitzen von Lyras schwarzen Stiefeln vor ihr stehen sehen. Aufzusehen war unnötig. Kaelandrien wusste, dass ihre Freundin abwartend auf sie herabsah.
»Was soll das alles?«, hörte sie Lyra schließlich fragen. Die Stimmen von draußen drangen nur gedämpft in die stille Hütte. Sie waren männlich und schienen kurz mit Flemeth über etwas zu diskutieren. »Kaelandrien? Du glaubst nicht wirklich daran, in Ferelden zu sein. Oder?«
Kaelandrien ließ ihre Arme fallen und hob langsam ihren Kopf. Hunderte Gedanken machten ihn schwer. »Ich weiß es nicht. Verdammt.« Sie stand schwungvoll auf und durchmaß die beengte Hütte mehrmals. Immer wieder warf sie Lyra prüfende Blicke zu. Was hätte sie für eine Reaktion gegeben! Ein Wutanfall, ein Schreikrampf, etwas in dieser Art. Stattdessen warf Lyra ihr schwarzes Haar über ihre rechte Schulter und beobachtete Kaelandriens Runden. Diese äußerliche Gelassenheit war irritierend. Dann wiederum war Lyra seit ihrer ersten Begegnung so gewesen. Ein Gegenpol zu Kaelandriens Unruhe, auch wenn diese Gelassenheit nichts weiter als hilflose Starre war.
Es half nichts. Flemeth konnte ihre Spielchen mit jemand anderem spielen. Ehe die Hexe ihre Geschäfte mit den Besuchern beendet hatte, schwang Kaelandrien ihren Rucksack über die Schultern und warf Lyra den zweiten zu.
»Wir gehen«, entschied sie, ohne Zustimmung abzuwarten. Die Hütte war ebenerdig, das Fenster gegenüber der Tür ein akzeptabler Ausgang. Im Freien hörte sie die Stimmen deutlicher, wenngleich sie nach wie vor keine Worte differenzieren konnte. Der Inhalt der Unterhaltung interessierte sie nicht im Entferntesten.
In ihrem gesamten Leben – immerhin dreiundzwanzig Jahre – war sie weder bei den Pfadfindern gewesen noch hatte sie jemals gesondertes Interesse an der freien Natur gezeigt. Irgendwann in der Schule war sie Zelten gewesen und hatte es gehasst. Splitter von Zweigen in ihrem Schlafsack, kleine Steinchen unter ihrer Matte, Zähneputzen am eiskalten Bach und eine gemeinsame Latrine mit zwanzig anderen Schülern. Nie wieder, hatte sie sich damals geschworen. Ein Ast schlug ihr ins Gesicht und erinnerte sie daran, wieso sie befestigte Straßen der Wildnis vorzog. Kurze Sporttights und ein Tanktop waren keine adäquate Ausrüstung für Meere von Brennnesseln, Kletten und anderen organischen Unannehmlichkeiten. Ganz zu schweigen davon, dass das ihr geringstes Problem war. Kalte Frustration fraß sich durch ihre zum Zerreißen gespannten Nerven. Der fehlende Ausbruch schwelte in ihr, nur auf einen Funken wartend, der die Explosion auslösen würde.
Aber sie würde nicht schreien. Damit war niemandem geholfen. Ein weiterer Ast grub seine Dornen in das Fleisch ihres Oberarmes. Sie. Würde. Nicht. Schreien. Sie würde sich wie die erwachsene Studentin verhalten, die sie sich seit fünf Jahren abmühte zu sein. Sachlich, vernünftig, beherrscht. Egal was hier ablief, eine Handlung war in jedem Fall nützlicher als jedes Geschrei.
»Wohin gehen wir?«, rief Lyra zu ihr nach vorne. In dem dichten Unterholz war sie deutlich zurückgefallen. Kaelandrien blieb stehen. Es war eine hervorragende Frage, auf die sie keine Antwort wusste. Neue wütende Tränen drängten auf Freiheit. Nein. Wenn sie nicht schreien würde, würde sie auch nicht weinen. Bevor Lyra aufgeholt hatte, waren die verräterischen Spuren beseitigt.
»Wenn dieses Ferelden auch nur annähernd so ist wie das im Spiel, sammelt gerade ein Grauer Wächter mit drei Rekruten die alten Verträge von Flemeth ein. Ostagar kann nicht weit sein.« Am Ende des Satzes brach sie aus dem Dickicht heraus und der freie Blick entblößte eine Sumpflandschaft, an manchen Stellen gesäumt von den Leichen unmenschlicher Gestalten. Kaelandrien stieß eine von ihnen mit der Ferse ihrer Wanderschuhe an. »Genlocks. Wir folgen der Spur toter Dunkler Brut und sprechen mit dem Kommandanten der Grauen Wächter. Wenn uns jemand helfen kann, dann er.«
Für eine lange Minute schwieg Lyra. Ihre Aufmerksamkeit ruhte auf der vor ihr liegenden Genlockspur. »Du bist verrückt. Wir sind schutzlos – Kaelandrien.«
Weder das Stolpern über den ungewohnten Namen noch der damit einhergehende Vorwurf entgingen Kaelandrien. Sie wusste selbst zu gut, wie verrückt das Umherwandern in einem von Dunkler Brut verseuchten Gebiet war. Zuhause hätte sie das nie getan. Sie hätte wütend geheult, auf den Boden gestampft und die Arme in die Luft geworfen. ›So eine Scheiße!‹, hätte sie geschrien, nur um danach schmollend zu resignieren, weil sie ebenso wenig einen Plan hatte wie ihre Freundin. Doch das Mädchen, das nach einem Kübel Sangria in der Dusche eines Schulfreundes zusammengebrochen war, hatte sich aus Angst in die Entfernung geflüchtet, weit hinter die Maske von Entschlossenheit und der Vorgabe, zu wissen, was zu tun war. Sie war schon immer der Taktgeber der kleinen Clique gewesen, in guten wie in schlechten Zeiten. Sehr schlechte Zeiten fielen nicht minder unter ihre Zuständigkeit.
»Nehmen wir einfach mal die letzten zwei Stunden als Nullhypothese an.« Sie stieg über den Genlock hinweg, ohne ihn auf Nützliches zu durchsuchen. Das Klicken in einer aufscheinenden Inventarbox auf einem Bildschirm war etwas anderes als einen baldigen Kadaver zu durchwühlen. Lyra tat es ihr gleich.
»Fang nicht mit deinem Fachpsychologisch an.«
»Klar. Keine Fachsprache. Ich meine einfach: Tun wir so, als wäre das hier nicht komplett absurd. Wir haben offensichtlich keine Möglichkeit, irgendwie zurück in die Alpen zu gelangen.«
»Vielleicht sind wir auch ausgerutscht und sehr tief gefallen?«
»Dann wären wir tot. Inwiefern ist das besser?« Kaelandrien umrundete einen weiteren Genlock. Wer auch immer die Rekruten waren, sie hatten ordentlich aufgeräumt. Sie war vorsichtig mit Vermutungen. Ein Spiel war ein Spiel war ein Spiel. Nur weil ein NPC namens Flemeth sich als wahr erwiesen hatte, würde sie nicht nach Alistair schreiend durch den Sumpf pilgern. »Ich sage wir, spielen mit.«
»Wobei?!«, rief Lyra fahrig. Es war eindeutig nicht die ebene Wanderung, die ihr den Atem raubte. Sie blieb in dem wadenhohen Schilf stehen, das vom Sumpf etliche Meter über die Ufer aufs Festland wucherte, und hob ihre Arme zu einer demonstrativ fragenden Geste. »Wir haben keine Rüstung, keine Waffen, keine Kampferfahrung. Ich spreche Japanisch und du kannst mich therapieren, wenn ich einen Nervenzusammenbruch erlebe – beides nützt uns recht wenig in einer mittelalterlichen Spielwelt voller Magie, Schwerter und einer Verderbnis!«
Punkt für Lyra. Kaelandrien setzte zu einer Erwiderung an. Etwas Eloquentes, Sinnvolles. Ihr fiel nichts ein. »In Ordnung«, ermutigte sie mehr sich selbst als sie Lyra zustimmte. »Erinnerst du dich an unsere Unterhaltung über deine Tagträume, in denen genau das hier passiert? Du hast behauptet, mitspielen zu wollen. Uns bleibt nichts anderes übrig, oder hast du einen grandiosen Einfall?«
Wieder dehnte sich Schweigen zwischen ihnen aus. Kaelandrien konnte nicht sagen, welche Überlegungen hinter Lyras Stirn abliefen, mit welchen Versicherungen sie sich selbst überzeugte. Ein kaum zu sehendes Nicken war die einzige Bestätigung, die Kaelandrien am Ende erhielt.
Den toten Genlocks wie Brotkrumen zu folgen gestaltete sich schwieriger als erhofft. Die expansive Anhäufung endete hinter einer Brücke, die Kaelandrien zwar erkannte, jedoch hatte sie weder eine Ahnung, aus welcher Richtung sie gekommen waren, noch in welcher das Lager lag. Für die Größe von Ostagars Ruinen waren sie unverhältnismäßig schwer auszumachen. Nicht einmal ein abgebrochener Torbogen ragte in der Ferne nach oben. Es kam die Hoffnung auf, die Rekruten und ihren Begleiter anzutreffen. Eine halbe Stunde später war sie erloschen. Wenn überhaupt, führte Kaelandrien einen horrenden Umweg an. Graue Wächter würden den direkten Pfad zurück ins Lager nehmen.
Lyra schwieg. Weder machte sie Vorschläge noch beschwerte sie sich. Kaelandrien war das Kommunikationsloch nur recht. Ihr war alles andere als nach Reden zu Mute. Es kostete sie Mühe, ihren Fokus auf den Erhalt ihrer geistigen Gesundheit zu richten. Psychohygiene unter Extrembedingungen war kein Pappenstiel. Sie würde nicht ausflippen; sie würde sich zusammenreißen; sie würde eine Lösung finden. Das und noch viel mehr betete sie sich in Gedanken wie ein Mantra vor, immer und immer wieder.
Nach gut einer Stunde oder vielleicht auch zweien fanden sie einen neuen Hort getöteter Dunkler Brut. Die Truppe war bunt zusammengewürfelt aus Genlocks, Hurlocks und Verderbniswölfen. Zwei Stunden oder vielleicht auch drei herumzuirren hatte in Kaelandrien den Mut geweckt, aus praktischen Gründen die blutbesudelte Rüstung eines Hurlocks nach ein wenig Kupfer abzugrasen. Beim Anblick des entstellten Gesichts verließ sie der Mut augenblicklich. Es gab einen Grund für ihre Entscheidung gegen das Medizinstudium. Tote Tiere im Biologieunterricht aufschneiden? Kein Problem. Tote Körper aufschneiden? Nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Menschenähnliche Leichen fleddern? Nein danke. Irgendwo war Schluss.
Während Lyra zwischen zwei weniger stark zugerichteten Genlocks niederkniete, offenbar mit derselben Aufgabe der Selbstüberwindung beschäftigt, wandte Kaelandrien ihre Aufmerksamkeit wieder der Umgebung zu. Sie erkannte rein gar nichts wieder. Diverse Gegebenheiten mochten, so wie Flemeth gesagt hatte, mit den oft durchgenommenen Spielinhalten übereinstimmen. Die Karte gehörte nicht dazu.
»Möglicherweise ist Ostagar gar nicht in der Nähe«, überlegte sie laut. »Wir laufen hier seit drei oder vier Stunden ohne Anhaltspunkt herum. Langsam befürchte ich, dass der Plan schlecht ist.«
Lyra wandte sich, ohne Hand angelegt zu haben, von den Genlocks ab. In der Mittagshitze stank das tote Fleisch bestialisch. »Hör auf zu übertreiben. Es ist höchstens eine Stunde. Hast du einen besseren Plan?« Sie wartete keine Verneinung ab. »Dann sollten wir diesen verfolgen.«
»Du hast recht.«
»Das sagst du nur, weil ich dir damit recht gebe.«
»Möglich«, seufzte Kaelandrien. Es war heiß und schwül und feine Schweißperlen hatten sich wegen der hohen Luftfeuchtigkeit auf ihrer Haut gebildet. Lyras Wangen waren rot vom schnellen Marschschritt. Auch darüber hatte sie kein Wort verloren. Kaelandriens Mitleid wurde von ihrer nervösen Angst überschattet. Es blieb keine Zeit für Pausen. Bald würden sie Hunger bekommen. Die Vorräte in ihren Rucksäcken reichten für nicht mehr als einen Tag. Wieso auch? Planmäßig hätten sie etwa jetzt die Aussichtsplattform erreicht, dort ihre Mahlzeit genossen und wären abends im Tal in einem Wirtshaus eingekehrt.
Zu einem unbestimmten Zeitpunkt wechselte die Führung. Lyra führte einen langsameren Schritt, dafür ging sie die Umgebung systematisch ab. Zumindest nahmen sie beide das an. Jeder Baum sah aus wie der andere, jeder Tümpel hatte dieselben ausgefransten Ufer. Als sie erneut die Steinbrücke überquerten, musste Kaelandrien einen Schreikrampf niederdrücken. Sie waren im Kreis gelaufen! Mit einer Hand fuhr sie durch ihren hellbraunen Zopf, der sich unter Schwüle und Schweiß halb aufgelöst hatte, und krallte sich in die ersten Strähnen, die sie erwischte.
»Da«, hörte sie Lyra neben sich sagen. Lyra streckte ihren Arm aus, den Zeigefinger als einzigen nicht abgebogen. Auf was sie deutete, war das Schönste, das Kaelandrien sich in diesem Moment vorstellen konnte. Ruinen. Hohe, abgeschlagene, von Moos überwucherte Steinbauten, modrig und feucht und schattig!
»Ostagar«, vermutet sie – hoffte sie. Beim genaueren Hinsehen erkannte sie die Unterschiede von dieser Brücke zur letzten. Der darunter laufende Bach schlängelte sich in steileren Kurven durch das Land, das Geländer war intakt und es lag weniger Dunkle Brut herum. Erneut spielte sie mit dem Gedanken, ein wenig Kupfer aufzusammeln. Münzen schadeten nie. Andererseits … nein. Ostagar war höchstens einen Kilometer entfernt. Sie rechnete nicht damit, Passiergebühr zahlen zu müssen.
Mit dem Ziel vor Augen beschleunigten sich ihre Schritte in unausgesprochener Übereinstimmung. Ein paar Abschnitte des offenen Pfades kamen Kaelandrien bekannt vor, allerdings war sie nicht sicher, ob sie sich diverse Ähnlichkeiten zum Computerferelden nicht nur einredete, um sich selbst mit eingebildeter Vertrautheit zu täuschen. Der überfallene Spähtrupp der königlichen Armee am Fuß des Hügels fehlte, ebenso waren die steinernen Überbleibsel am Wegrand erheblich größer als jene, die sie auf ihrem Monitor gesehen hatte.
»Geht es dir gut?«, fragte Lyra
Kaelandrien warf ihr einen kurzen Blick zu, ehe sie ihn wieder starr nach vorne auf Ostagar richtete. Nur mehr den Hügel hinauf, dann konnte sie sich ausruhen. Kleine Wellen der Übelkeit, angelockt durch die erschöpfende physische Anstrengung, wallten in regelmäßigen Abständen vom Magen aufwärts, ihr Rücken schmerzte, ihre Beinmuskulatur hatte sich verkrampft und über ihrem Schläfenlappen spielte ein Mariachi-Ensemble viel zu laut im falschen Takt. Überdies war sie in einer Welt ohne Toilettenspülung gefangen und konnte nur über einen korrumpierten Alten Gott zurück in ihr komfortables Leben. Ihr ging es nicht gut. Lyra allerdings befand sich keineswegs in besseren Umständen. Beschwerden waren nicht zielführend.
Kaelandrien zuckte die Schultern. »Könnte nicht besser sein.«
»Dieses Ferelden ist ein anderes als das im Spiel«, sprach Lyra genau das Problem an, das Kaelandrien vor sich hergeschoben hatte. »Was ist, wenn nicht der intelligente, freundliche, faire Duncan Kommandant der Grauen Wächter ist?«
»Oder wenn er in Wahrheit weder intelligent noch freundlich oder fair ist?« Kaelandrien drückte das aufkommende Raunen nieder. »Lass uns optimistisch sein. Einfach, weil wir ziemlich am Arsch sind, wenn die Pessimistin in dir recht hat.«
Lyra konnte ihr leises Raunen nicht so leicht unterdrücken, oder sie legte es gar nicht erst darauf an. »Wir sollten unsere Sprache anpassen. ›Am Arsch sein‹ ist vermutlich kein gängiger Ausdruck hier.«
»Was? Ich darf also nicht meine übliche Tiraden über behinderte Krüppelpratzen loslassen, wenn ich von einem Mob Dunkler Brut ins untere Zehntel meiner Lebensanzeige geschlachtet werde?«, zischte sie sarkastisch. Weit weniger sarkastisch fügte sie hinzu, »Verdammt.«
Weiter als bis zur Mitte des flachen Hügels kamen sie nicht. Zwei Soldaten in schwerer Rüstung hielten sie mit einer Handbewegung auf, die sie weniger zum Stoppen brachte als die bedrohliche Miene unter den tief in die Stirn gezogenen Soldatenhelmen. Die Männer waren weniger groß als imposant mit dem geformten Metall um ihre stämmigen Körper. Die nach oben hin spitz zulaufenden Helme ließen die Soldaten zudem hochgewachsener wirken als sie waren – ganz zu schweigen von ihrer Position ein paar Schritte weiter den Hügel hinauf.
Selbstverständlich fielen Kaelandrien erst jetzt eine Vielzahl von Schwierigkeiten ein, die sie unter Umständen würden meistern müssen, um mit Duncan zu sprechen. Es war derselbe Moment, in dem ihr klar wurde, dass sie keine Ahnung hatte, wie dieses plötzlich äußerst hypothetisch erscheinende Gespräch ablaufen sollte.
Die Soldaten hielten vor ihnen, das Scheppern und Klappern der Rüstung verstummte. Fast synchron senkten sie die Arme. »Nennt euer Begehren, Fremde!«, befahl der Linke laut. Sein Geschrei war unnötig; der Abstand zu den Angesprochenen betrug kaum zwei Meter.
»Ähm …«, war das Intelligenteste, das Kaelandrien spontan über die Lippen kam. Ihr hilfesuchender Blick wurde von Lyra mit doppelter Intensität retourniert. Was hatte sie erwartet? Lyra sprach in entspannten Stunden schon nicht allzu viel. »Ähm …«, wiederholte sie, räusperte sich und machte eine ausladende Geste. »Meine Kameradin und ich sind Reisende. Wir hörten von … den Grauen Wächtern in Ostagar und … wollten unsere Hilfe gegen die Dunkle Burt anbieten.«
»Reisende?«, hakte der andere Soldat hochgradig skeptisch nach. Er musterte die Kleidung der beiden Frauen, ihre Schuhe, ihre Rucksäcke, ihre Frisuren. Kaelandrien widerstand dem Impuls, sich abzuwenden. Niemand wurde gerne angestarrt, schon gar nicht in schreiend unpassendem Aufzug. Vorhin hatte sie schwarze Schatten unter Lyras blutunterlaufenen Augen gesehen. Sie hegte keine Zweifel, ein adäquates Paar Augenringe zu tragen. Ihr Haar stand wirr in alle Richtungen ab, ihre Beine waren dreckig vom Sumpf und sie trug enge, kurze Hosen. Letzteres schien die Soldaten am meisten zu irritieren. Frauen in Hosen, die keinem Rüstungszweck dienten, waren offenbar nicht weithin bekannt.
Der eine Soldat lehnte sich zum anderen, »Sollten wir jemanden der Oberen holen? Ich traue den beiden nicht.«
Wären Kaelandriens Nerven nicht zum Zerreißen gespannt, hätte sie mit den Augen gerollt. Welchen Sinn hatte die Annäherung an den Gesprächspartner, wenn der Flüsterton für die andere Seite sehr gut zu hören war? Der geringe Abstand hatte sich in den letzten dreißig Sekunden nicht vergrößert.
Auch der Zweite flüsterte, »Am Tag vor der Schlacht wird niemand Zeit für verdächtige Personen finden. Wir bringen sie ins Lager.« Er wandte sich wieder den beiden zu. »Folgt uns, Reisende.«
Kaelandriens Stirn legte sich in tiefe, zweifelnde Falten. Sollte es tatsächlich so einfach sein? Ihr Zögern hielt nur kurz an, ehe sie Lyra mit sich nach vorne den Hügel hinauf zog, direkt in Richtung Eingang. Auf welchem Level mussten ihre Überredungskünste sein, um so zu überzeugen?
»Dort drüben sind die alten Aussichtsplattformen«, sagte der Soldat, der ihnen voranging. Sein Arm wies vage auf ein riesiges Steinpodest, das von dicht beieinanderstehenden Säulen umsäumt war. »Die ganzen Teyrns und Kommandanten und anderen wichtigen Leute planen dort. Da hinten sind die Trainingsplätze der Magier. Dort sind die Zwinger. Das dort vorne, das große, ist Kommandant Duncans Zelt. Und das –« Er blieb vor einer hohen, stellenweise abgebröckelten Wand stehen. Ein anderer Soldat in ähnlicher Montur stand wie ein Zinnsoldat zwischen den daran gestellten Käfigen. »– das ist euer Platz.«
Kaelandrien hatte keine Zeit zu schreien. Mit einem kräftigen Ruck wurde sie mit dem Gesicht voran in einen der freien Käfige geworfen, begleitet vom schallenden Gelächter des Soldaten.
»Hey!«, keuchte sie, noch bevor sie sich aufrichten konnte. Neben ihr war Lyra nur geringfügig glücklicher gefallen. Sie hielt beide Hände auf ihre Schulter gepresst, den schmalen Mund zu einer harten Linie verzogen. Kaelandrien ignorierte den Schmerz. Ihr Pensum an Leid war für diesen Tag gefüllt. Sie warf sich gegen das Gitter, einen Arm zwischen den Stäben dem wegstapfenden Soldaten entgegen gestreckt. Sie wusste nicht, ob sie ihn aufhalten oder schlagen wollte. Im Idealfall beides. »Wir müssen mit Duncan sprechen!«, rief sie. »Es ist wichtig! Holt Duncan!«
Der Soldat drehte sich um, ohne sein Tempo zu verlangsamen. Er lachte immer noch. Unvorteilhafterweise waren seine Worte an seinen Kollegen gerichtet, der die Geschehnisse wenig beeindruckt verfolgt hatte. »Beim nächsten Mucks bringst du sie zum Schweigen. Teyrn Loghain duldet keinen Aufstand im Lager.« Damit drehte er ihnen wieder den Rücken zu, »Reisende! Pah!«
Ächzend sank Kaelandrien zurück zu Boden. Als wäre dieser Tag nicht schon schlimm genug gewesen. Der Abdruck des dicken Eisengitters würde spätestens in ein paar Stunden unschöne blaue Flecken in ihrem Gesicht hinterlassen. Aus den Augenwinkeln fing sie Lyras gläsernen Blick auf. Vielleicht war sie weniger schmerzfrei gefallen als gedacht. Ihre Schulter schien ihr starke Probleme zu bereiten. Mit einem Mal erschien ihr Flemeth die bessere Alternative gewesen zu sein. Sie hätte es besser wissen müssen. Klassischer Rückschaufehler. Oder auch nicht. Wer hätte damit rechnen können, in einem Käfig zu landen?
Sie zuckte die Schultern. »Immerhin sind wir im Lager.«
