Spanien sagt nichts mehr zu Romanos Explosion.
Er hat in all den Jahren offenbar schon so viel Geschrei und Gezeter ertragen, dass er taub für den Ärger geworden ist und bloß noch auf geglättete Fronten wartet. Anders kann sich Romano das nicht erklären; einen Streit ist er Spanien jedenfalls so gut wie nie wert. Höchstens verzweifelnde Worte oder ein abtuendes Gelächter. Spanien findet ihn zuweilen sogar niedlich, wenn er aus der Haut fährt. Niedlich. Das ist doch keine angemessene Beschreibung! Er ist immerhin kein Kind mehr! Womöglich ist Spanien das nur noch nicht aufgefallen...

Romano glaubt, ihn an diesem Tag noch einmal kurz auf die Terrasse lauern zu sehen – als eine neugierige Spiegelung im Glas –, doch davon abgesehen kreuzen sich ihre Wege nicht mehr vor dem Abend. Mitunter, da Romano es vorzieht, sich in sein Zimmer zurückzuziehen.
Warum soll er auch im Haus arbeiten? Er ist eh schlecht darin, selbst wenn er sich gelegentlich bemüht zu fegen, zu putzen oder Staub zu wischen. Er kann bzw. will meistens nicht kochen und von den Fenstern hält er sich auch tunlichst fern. Der Frust über Streifen auf dem Glas nach dem Putzen hat ihn dies gelehrt. Romano kann den Frust – egal worüber – nicht ertragen. Dieses Gefühl setzt ihn so dermaßen unter inneren Druck, dass er manchmal einfach die Kiste braucht...

Mit einer wirschen Geste schiebt er besagten Gegenstand bei der Rückkehr in sein Zimmer wieder in die verkommene Ecke, den Drang unterjauchend. Nicht heute, nicht hier, nicht jetzt. Es ist ohnehin nur eine schlechte Angewohnheit, die er über die Jahre hinweg nicht mehr recht loswerden konnte.

Romano kann sich wirklich nicht erklären, warum er es immer noch tut. In seiner Erinnerung ist das verschwommene Bild seines jüngeren Ichs, das von Spanien mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt worden war. Die große Nation war eines Tages einfach fort und hatte ihn allein im Haus zurückgelassen. Nicht für immer, er würde wiederkommen. So hieß es zumindest und Romano spuckte bei den Worten vor Wut auf den Boden und stampfte anschließend mit den kleinen Füßen. Völlig umsonst natürlich, da ihn keiner mehr hörte.

Ihn herzerren, ihn hier behalten, ihn zur Hausarbeit verdonnern, ihn unterrichten und dann einfach in der Luft hängen lassen – das alles konnte Spanien. Doch je mehr Spanien realisierte, das untalentiertere Stück Italiens zu besitzen, desto einfacher wurde es für Romano. Die Erwartungen an ihn schrumpften von Tag zu Tag; und jedes Mal hatte er es äußerlich als Triumph gefeiert, seinen ‚Boss' verhöhnt und sich an etwas Essbarem gelabt, während sein Inneres bestürzt war. Denn Spanien traute ihm nichts zu. Spanien sah nichts Zukunftsreiches in ihm. Wollte nicht in ihn investieren.

Spanien wollte lieber Veneziano.

Natürlich ließ sich der Tausch nicht arrangieren, aber Romano hätte es auch nicht gewundert, wenn doch. Wenn man ihn ins nächste Haus gesteckt und dort seinen inneren Frust abermals Wund gescheuert hätte. Es mochte keinem auffallen, aber sein Herz lag unlängst offen und es tat weh, wenn die Umwelt noch zusätzlich Salz in die Wunde streute.

Dann war es passiert.
Es war ein Versehen gewesen. Etwas, das in einem Rausch aus aufbäumendem Hass und alles verschlingender Wut geschah. Auf einem Hocker hatte Romano gestanden, um groß genug zu sein die Anrichte in der Küche zu erreichen. Den Mund voller Flüche, die sich ewiglich zu vermehren schienen und die Augen getrübt von Zornestränen, die ihn seit Tagen immer und immer wieder überfielen, hatte Romano Obst geschnitten, um zumindest irgendetwas Essbares zwischen die Zähne zu bekommen. Kochen konnte er nicht gescheit und Spanien war wieder fort; seit viel zu vielen Tagen.

Wo war er? Wann kam er wieder? Würde er überhaupt wieder kommen und was, wenn er dann jemand anderen, jemand besseren mitbrachte? Wenn er Romano aussortieren würde, so wie andere es schon getan hatten, weil er nicht so gut, nicht so talentiert, nicht so tüchtig, nicht so ansehnlich, nicht so brav, nicht so–

Romanos Gedankenkette riss abrupt ab, als ihm plötzlich ein Schmerzimpuls dazwischen funkte und seine Aufmerksamkeit auf seinen linken Zeigefinger verlagerte. Die scharfe Klinge hatte sich einmal schwungvoll über die Fingerkuppe gezogen und einen tiefen Schnitzer hinterlassen. Kein Blut.
Nur der dünne, feine Strich.

Für einen unbestimmten Moment war Romano alleine mit sich, dem blutlosen Schnitt in seinem Finger und der Stille. Keine dahergemurmelten Flüche mehr und keine rastlosen Gedanken, die ihn von einer Aggressionsflut in die nächste stürzten. Sein Gesicht war feucht, aber seine Augen sandten keine neuen Tränen.

Seine Gefühle schwiegen.

Dann trat langsam Rotes aus dem Schnitt hervor, verbündete sich mit der Luft zu einem zähen Rinnsal und lief unspektakulär über seinen Finger. Romano ließ das Messer fallen, womöglich vor Schreck. Sein Finger begann brennend zu pochen, indessen noch mehr Blut austrat. Im Affekt warf Romano einen alarmierten Blick über seine Schulter, so als stünde dort jemand und würde mit ihm schimpfen, weil er schon wieder etwas falsch gemacht hatte.

Aber es war niemand da.
Er war immer noch mit sich alleine...

Den Finger näher ans Gesicht führend und den Schnitt inspizierend, musste Romano betroffen schniefen. Seine Lunge war kalt und tat weh, sein Hals kratzte von all der Stimme und all den Tränen, die er im Laufe der letzten Tage verschwendet hatte.
„Dummes Spanien! Ich hab mich geschnitten und du bist Schuld! Du allein bist Schuld!" Er hätte gerne gewusst, warum ihm neben Fluchen immer nur nach Weinen zumute war. Warum das eine meist mit dem anderen einherging bei ihm. Und warum er Spanien am liebsten zum Mond schießen würde, aber gleichzeitig die verzehrende Sehnsucht nach Trost von ihm verspürte...

Von seinem inneren Zwiespalt überfordert, biss sich Romano auf die Lippe und stieg langsam von dem Höckerchen hinunter, wischte den blutenden Finger an seiner ohnehin schon schmutzigen Schürze ab und watete wie auf Watte. Alles war noch immer verblüffend ruhig, nicht mal der Unmut in ihm besaß noch eine laute Stimme.

Mit baumelnden Beinen hatte Romano den Rest des Tages auf dem Sofa verbracht, weggetreten und in sich versunken. Gelegentlich den Schnitt betrachtend und sich erstmalig seit vielen, vielen Tagen besser fühlend. Nicht mehr so außer sich, obwohl alle Gefühle noch da waren, denn theoretisch hatte sich nichts an seiner misslichen Lage geändert. Doch diese verlorenen Bluttropfen, dieser kurze Schmerz, dieser Einschnitt in seinen Emotionsüberfluss – all das hatte gut getan, wie er unterbewusst abgespeichert hatte, ohne es bewusst zu begreifen.

Bewusst geworden war ihm nur die nagende Müdigkeit, auf deren Geheißen hin er sich am frühen Abend auf dem Sofa eingemurmelt hatte. Das Gesicht in Richtung Haustüre gewandt, nur für den Fall, dass doch noch jemals jemand zu ihm zurückkehrte...

Als ihn nachts dieser jemand hochhob und der Schlaf holprig von Romanos Schultern bröckelte, war er nicht mehr sauer genug, um die heimgekehrte Nation wüst anzufahren. Der Schnitt im Finger strahlte nachhaltig ein präzises Pochen aus und forderte mehr Konzentration als das gesamte Sammelsurium an gärenden Wutstürmen.

Der große Mann, der ihn mit sanften spanischen Begrüßungsfloskeln regelrecht übergoss, sein Haar küsste und, nachdem er einen schweren Lederhandschuh abgestreift hatte, Romanos Wange streichelte, roch nach Unterwerfung, nach fremden Weiten, unerwarteten Schätzen und blutverklebten Kostbarkeiten. In dem Ohr, was Romano am nächsten war, glänzten zwei tropfenförmige Goldhänger, die sich königlich von dem dunklen Haar abhoben, welches wiederum lang genug geworden war, um unter dem Einfluss von stechender Sonne und salziger Meerluft wilde Locken zu werfen.

Romano kniff Spanien verbittert in den Oberarm, doch dieser schien es nicht mal zur Kenntnis zu nehmen, obwohl die Stelle noch drei Tage später eine verräterische Färbung aufwies.

tbc