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Die Suche beginnt
Als er wieder erwachte, lag sie in seinen Armen und atmete ruhig. Ihr Körper schmiegte sich an seinen, als wären sie unzertrennlich. Sie schlief. Wie friedlich sie aussah. Doch er vernahm schon Bewegungen auf der Lichtung und beschloss, sich zu den anderen zu gesellen. Sanft küsste er ihre Stirn, legte sie zur Seite ins Gras und stand auf. Es war noch genauso dunkel, wie zuvor und die Sterne schienen auf sie hinab. Doch der silberne Schein der Elbenväter und Mütter, welcher dünn über die Lichtung zog, gab ihm eine ungefähre Richtung. Er bewegte sich langsam drauf zu, streckte seine Glieder und schüttelte die Müdigkeit von sich ab. Er wurde erwartet.
Imin saß mit drei weiteren Elben auf Baumstämmen, die zu einem Kreis gelegt wurden.
„Bruder, komm zu uns", rief einer von ihnen und winkte ihn zu sich. Imin schaute auf und lächelte. Als Alarion näher kam, stand er auf und legte seine Hand aufs Herz. Alarion tat es ihm gleich.
„Wie ich sehe, hast du schon dazugelernt.", sagte Imin mit einem Lächeln, zwinkerte ihm zu und zeigte auf einen freien Platz. Seine Unnahbarkeit die er vor ein paar Stunden noch ausstrahlte, schien verflogen.
„Setz dich und nimm von den Beeren hier. Greif zu, es ist genügend da.", sagte ein etwas kleinerer Elb unter ihnen, reichte ihm einige davon und legte den Rest neben ihm. Er hatte etwas Spitzbübisches, etwas Listiges im Gesicht, jedoch ohne boshaft zu wirken, gleich einem kleinen Jungen, der tagtäglich zu neuen Streichen auferlegt war. Sein Haar war, anders als das der anderen, nur schulterlang, aber dennoch golden und seidig.
Die Beeren verteilten einen angenehm süßen Geschmack im Mund, der ihm sofort nach mehr verlangen ließ.
„Sie schmecken, wie der Kuss deiner Gattin, richtig?", sagte der Elb. „Man kann kaum genug von ihnen kriegen."
„Es ist kaum zu glauben, welches Glück uns widerfahren ist. Warum wurden gerade wir auserwählt? Wieso nicht andere?", fragte Alarion in die Runde und griff noch einmal nach den Beeren, neben sich.
„Dies sind Fragen, die selbst ich nicht beantworten kann. Im Prinzip bin ich genauso ahnungslos erwacht, wie ihr, jedoch von der Berührung Illuvatars selbst, der mir somit einiges Wissen über uns und diese Welt mitgab. Alles, was ich weiß ist, dass wir ausziehen sollen, um weitere unseres Volkes zu finden, die ebenfalls hier in der Nähe der Wasser vom Cuivinien liegen sollen. Mit meiner Berührung ist dieses Wissen an euch übergegangen, weshalb ihr nun Dinge benennen und Handlungen definieren könnt. Ihr wisst um ein eigenes Verhalten, sowie um einen eigenen Willen. Unwissend kann eine Schöpfung schwerlich in einer neuen Welt leben.", sagte Imin und steckte sich auch eine Beere in den Mund.
Alarion hielt inne. Ja, er erinnerte sich noch, wie ratlos er einige Geräusche wahrnahm, als er noch im Gras lag, doch als Imin ihn berührte und weckte, schien ihm alles selbstverständlich, daher hat er sich bis zum jetzigen Moment auch nicht darüber gewundert. Er horchte in die Stille der Umgebung und hörte das vertraute Rascheln und Säuseln des Windes, der die Blätter der Bäume bewegte. Er vernahm die Schritte seiner Gefährten, die barfüßig über das Gras gingen. Er wusste um die Unendlichkeit des Himmels und der Sterne in ihm. Sein Körper war ihm vertraut, als kenne er ihn schon ewig, dabei waren es erst ein paar Stunden. Er wusste, was Beeren sind und wusste auch, dass sie süß schmeckten. Die ganzen Möglichkeiten der Welt standen ihm offen und er wusste sie zu nutzen. Doch Wissen muss durch Erfahrung belebt werden und deshalb steckte er sich noch zwei Beeren in den Mund und genoss ihren Geschmack in vollen Zügen.
„Dies sind Ingwe, seine Schwester Indis - ", Imin wurde abrupt unterbrochen
„Und ich bin Cian, sehr erfreut", sagte der Elb, der ihm die Beeren gereicht hatte und lächelte.
„Sehr erfreut, euch alle kennenzulernen", erwiderte Alarion förmlich und legte seine Hand ans Herz.
„Wo sind deine restlichen Gefährten, mit denen du aufgebrochen bist?", fragte er an Imin gewandt.
„Sie sind zum Fluss und besorgen Wasser für unseren Weg in den Süden"
„Richtig. Du erachtest also bald zur Suche aufzubrechen?", mischte sich Ingwe mit ernster Miene ein. Eine nicht sehr frohe Natur, wie Alarion schien.
„Ich wollte zumindest nicht mehr allzu lange warten. Wir machen genug Rast, sodass ihr euch nicht überanstrengen müsst. Wir orientieren uns an dem Fluss, der hier vom Orocarni in den Cuiviénen fließt, sodass wir immer genügend Trinkwasser in unserer Nähe haben."
Jetzt fiel es ihm wieder ein, er war auch der erste, der Imin seine Gefolgschaft zusagte. Warum gab es Grund, solch ernste Persönlichkeit an den Tag zu legen? Er selbst hatte die unglaublichsten Stunden hinter sich und konnte es noch eine Weile länger hier aushalten. Hier fühlte er sich zuhause, hier gehörte er. Hier ist seine Geburtsstätte, warum sollte er gehen?
Würde es nicht reichen, wenn nur einige ausziehen? Wieso –
„Alarion?" Alle schauten ihn erwartungsvoll an.
„Was? Oh verzeiht, ich war gerade in Gedanken."
„Soso, wir haben hier einen kleinen Träumer was?", sagte Cian. Indis lächelte ihn an.
„Wir wollten wissen, ob du mit mir und Ingwe die Spitze unserer kleinen Schar übernimmst? Immerhin warst du der Zweite, der mir seine Gefolgschaft zugesichert hatte. Es wäre mir eine Ehre." sagte Imin mit gütiger und ruhiger Stimme und schaute ihn erwartungsvoll an.
Alarion stutzte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist mir eine Ehre mit Euch und Ingwe an der Spitze zu gehen. Aber…"
„Du fragst dich, was derweil mit Lariel geschieht.", vervollständigte Indis seinen Satz. „Aber mache dir da mal keine Sorgen, ich und die anderen werden sie unter unsere Fittiche nehmen und uns um sie kümmern." Sie lächelte gütig.
„Auch Iminye wird da sein. Sie ist in bester Obhut.", beschwichtigte ihn Imin.
„Immerhin sind wir nur sechzehn, es wäre eine Kunst, jemanden da zu verlieren.", sagte Cian belustigt.
„Da hat unser Freund gar nicht so unrecht.", lächelte Imin und fuhr fort
„Ich werde dann in nächster Zeit zum Aufbruch rufen, also macht euch fertig und bereitet euch vor. Alarion, ich erwarte dich dann an unserer Seite."
„Mit größtem Vergnügen, Herr." Alarion legte die Hand ans Herz und verbeugte sich.
„Bitte, genug der Förmlichkeiten, nenne mich, wie die anderen, Imin. Ich bin einer von euch." Er legte sich die letzten Beeren in den Mund, klopfte sich die Hände ab und die kleine Versammlung löste sich auf.
Außer Cian: „Fürchtest du dich?", fragte er vorsichtig und lief Alarion nach.
„Fürchten? Wovor?"
„Ich habe es in deinen Augen gesehen, als du kurz weggetreten warst. Da war etwas in deinen Augen, was mir sagte, dass dir Imins Plan irgendwie nicht gefällt."
„Ich weiß nicht, was du gesehen hast, aber es ist eine Ehre für mich, an der Führung teilzuhaben." Alarion war das höchst unangenehm, er beschleunigte seinen Gang etwas, doch Cian hielt in abrupt am Arm fest, drehte ihn zu sich und war wie verändert. Aus dem lächelnden, gutgelaunten Cian war nichts übrig, außer Angst und Besorgnis. Er sprach leise, so leise, dass er Alarion an sich heranzog. Er spürte, dass er zitterte:
„Du brauchst mir nichts vorzumachen. Du hast es gespürt. Wir alle spüren es. Aber niemand traut sich etwas zu sagen. Hinter dieser Lichtung, diesem Wald, diesen Bergen dort ist etwas. Auf der gesamten Welt lastet etwas. Etwas Furchtbares. Imin erwähnt es nicht, aber auch er wird es spüren. Er macht uns glauben, dass wir alles wüssten, aber wir wissen längst nicht alles. Du übernimmst mit ihnen die Führung und ich möchte einen unter ihnen wissen, dem ich vertrauen kann, dem ich mein Leben und das meiner Gattin anvertrauen kann. Seid vorsichtig, Alarion. Ihr habt das Schicksal unseres Volkes in der Hand."
In seinen letzten Worten schwang seine ganze Furcht mit. Furcht vor etwas Unbekanntem. Alarion war paralysiert, doch dann war ihm klar, dass es Cian sehr ernst war. Und wenn Cian sein Vertrauen in ihn setze, dann könne er sicher gehen, dass er auch seines hätte.
„Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um euch sicher durch dieses Land zu führen, Cian.", gelobte er und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Cian seufzte, nickte mit einem besorgten Lächeln und machte sich auf zu gehen.
„Cian?", rief ihm Alarion nach. Er blieb stehen und drehte den Kopf zu ihm, als Zeichen, dass er zuhörte. „Wenn ich dein Vertrauen habe, so will ich dir auch meins geben. Ich möchte mein Gattin Lariel in deiner Obhut wissen. Hab ein Auge auf sie und sollte ihr etwas zustoßen, so berichte mir sofort."
„Wie ich bereits sagte: es wäre eine Kunststück, sie zu verlieren.", sagte Cian, lächelte ihm zu und brachte sein gewohntes Zwinkern. Dies festigte Alarion in seiner Überzeugung und er wusste, dass Lariel nirgendwo sicherer sein könnte, außer bei ihm selbst vielleicht.
„Ein Kunststück, wen zu verlieren?", sagte auf einmal eine Stimme und er wurde stürmisch umarmt. Er spürte einen sanften Kuss auf den Lippen und es schmeckte vertraut.
„Lariel", brachte er nur erstaunt hervor. „Ich wusste nicht, dass du schon wach bist."
„Ich bin schon früher aufgewacht und habe die Sterne und ihre gemächliche Wanderung über den Himmel beobachtet. Aber du kamst und kamst nicht wieder, da wollte ich dich suchen. Wo warst du überhaupt?"
„Ich war bei Imin und habe dort drei weitere unserer Sippe kennengelernt, Ingwe, Indis und Cian. Der, den du gerade hast weggehen sehen, ist Cian. Imin sagte, wir würden bald aufbrechen, die anderen zu suchen."
„Was? So früh schon? Ich habe gehofft, wir könnten noch länger an diesen wunderschönen Ort bleiben. Woher sollen wir wissen, ob da draußen noch welche von uns sind?"
„ER hat Imin selbst erweckt und ihn damit beauftragt, Lariel. Zweifle nicht am Anfang unserer Tage an deinem Volk. Wir haben ihn als Führer auserwählt, auch du und wir müssen ihm vertrauen.", sagte Alarion und fasste sie dabei an den Schulter. Er schaute ihr tief in die Augen.
„Wo ich es anspreche, er bat mich an der Spitze unserer Kolonne mit ihm und Ingwe zu ziehen." Sie wollte was erwidern, aber Alarion ließ sie erst gar nicht zu Wort kommen: „Lariel, ich lass dich nicht allein. Wir sind eine kleine Gruppe, wir werden ein Auge aufeinander haben, aber wir werden manchmal um einige Entfernung vorausgehen müssen, um die Gegend zu erkundschaften, damit wir uns nicht verlaufen. Eine solche Ehre darf ich nicht wegwerfen."
„Aber…", wollte sie sagen.
„Iminye und die anderen werden sich um dich kümmern. Das haben sie mir selber angeboten. Du wirst bei ihnen gut aufgehoben sein. Das verspreche ich dir." Noch ehe sie etwas sagen konnte, war auf der Lichtung Aufregung zu vernehmen. Tata, Tatye, Enel und Enelye waren vom Fluss wieder zurückgekehrt mit mehreren kleineren Ledersäcken voll Wasser, die sie jetzt verteilten. Das war das Zeichen für Imin, zum Aufbruch zu rufen.
„Brüder und Schwestern, es ist so weit! Lasst uns aufbrechen, auf dass wir unsere Sippe vergrößern mögen." Die restlichen Elben kamen aus ihren Winkeln und schlossen sich ihnen an. Auch Alarion und Lariel kamen hinzu. Noch bevor sich Alarion von ihr lossagen konnte, kam Indis schon auf sie zu: „Lariel, nehme ich an? Ich bin Indis, die Schwester von Ingwe und wir würden uns herzlich freuen, wenn du dich uns anschließen würdest." Dabei zeigte sie auf die restlichen Elbinnen.
„Vielen Dank, gib mir noch ein bisschen Zeit und ich stoße gleich zu euch.", sagte Lariel und legte ihre Hand ans Herz. Indis tat es ihr nach und gesellte sich zu den anderen. Währenddessen wandte sich Lariel wieder Alarion zu: „Pass auf dich auf, elen1.", sagte sie und küsste ihn.
„Ich werde da sein, wenn du mich brauchst, meleth2.", und sie trennten sich wider Willen.
Alarion ging zu Imin und Ingwe, doch auf dem Weg dorthin erhaschte er noch einen Blick auf Cian, der ihm ernst zunickte. Alarion legte die Hand auf sein Herz und ging weiter zu Imin, der ihm einen Lederschlauch voll Wasser reichte.
„Tata und Enel werden am Ende der Gruppe gehen, um von dort zu sehen, das keiner abhandenkommt.", dabei wies er auf die beiden hochgewachsenen Elben.
„Gut, wenn alle versammelt sind, dann können wir aufbrechen in die Weiten dieser Welt!", richtete er sich an alle und ging voran mit Alarion und Ingwe im Schlepptau. Der Rest der Gruppe ging hinterher. Als Alarion den Wald betrat und er hinauf zu den vertrauten Sternen sah, die ihm Mut geben sollten, sah er nur Schwärze und dichtes Laubwerk. Es war ihm, als hätte sie das schützende Licht der Sterne verlassen. Sein Herz pochte stark.
1Stern
2Liebe
