Hermine hielt das Nachrichtenmedium in der Hand und fuhr konzentriert mit dem Stab aus Weinrebenholz und Drachenherzfaser langsam über der Oberfläche hin und her. Dabei murmelte sie leise vor sich hin und nach jedem Satz, tippte sie mit der Spitze ihres Stabes kurz auf die Münze.

Ron und Harry hielten ein paar Schritte neben ihr Wache und sahen aus den Augenwinkeln wie der Taler in warmem Licht zu glühen begann, als der Spruch vollendet war.

Sie hatten keine Bewegung in ihrem Umfeld wahrgenommen, einzig das leise Trommeln der Pfoten warnte sie im letzten Moment vor dem herannahenden Feind. Die zwei Jungen starrten angestrengt in die Nacht, bereit die Angreifer zurückzuschlagen. Ihre Nerven lagen blank, als das Geräusch verstummte und doch nichts zu sehen war.

Im nächsten Moment flog ein Tier von der Größe eines Kalbes über die silbernen Flügel der Statue, genau auf die erschrockene Hermine zu. Diese schrie gellend auf, stürzte rücklings zu Boden und der Zauberstab fiel ihr aus der Hand. Die Überfallene lag nicht weit von ihren Freunden im Schnee und sah sich Auge in Auge mit dem geifernden, zähnefletschenden Untier. Das Trio hatte nicht damit gerechnet, dass Grayback mit genügend Anlauf es schaffen würde, über die Statue zu springen. Der Wolf lag auf Hermines Beinen und sein Atem stank so bestialisch nach verwesendem Aas, dass es ihr fast den Magen umdrehte.

Harry und Ron waren herumgewirbelt, sahen wie der Angreifer nach ihrer Freundin schnappte und sie nur knapp verfehlte. Synchron schwangen sie ihre Zauberstäbe und warfen ihre magischen Beschwörungen wortlos nach dem Werwolf.

Irgendwie schienen sich ihre Zauber miteinander verbunden zu haben. Denn eine gewaltige Stichflamme schoss fauchend über Grayback hinweg und setzte sein Fell in Brand. Jaulend warf sich dieser auf den Rücken und wälzte sich im Schnee, um die Flammen zu ersticken.

Der helle Schein der Stichflamme hatte wie ein Signalfeuer die Lichtung taghell erleuchten lassen.

Den Nogschwänzen, die neugierig herangeschlichen waren, sträubten sich vor Schreck die langen Rückenhaare, so dass sie aussahen wie vierbeinige Schuhbürsten. Ängstlich fiepend raste das ganze Rudel in den Wald zurück und ließ sich nicht mehr blicken.

Die zwei Burschen hatten Hermine auf die Beine geholfen und alle drei entfernten sich ein Stück von ihrem Gegner.

„Danke für die Rettung. ... Aber was hattet ihr denn jetzt zusammengezaubert? Diese immense Hitze hat auch mir beinahe die Haare versengt." Hermine schaute zwischen ihren Freunden und dem Werwolf hin und her. Grayback war gerade dabei, den Schaden zu begutachten und seine Brandwunden zu lecken.

„Keine Ahnung, ich empfand in dem Moment nur feurige Wut und du Ron?"

Der Rotschopf antwortete Harry: „Ja, ähm . . . Ich denke Abschießen dürfte meinem Vorhaben am nächsten kommen. . . . . ACHTUNG! Das Viech greift wieder an!"

Wie wahr, blind vor Wut und Schmerz kam das „Viech" über den Schnee gestürmt. Jetzt hieß es rennen, wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt waren. Und zwar immer im Kreis, weil Hermine partout nicht in den Wald wollte.

„Bleibt hier draußen, geht nicht mehr unter die Bäume", rief das Mädchen und zauberte drei dicke Holzstöcke herbei.

Harry keuchte: „Bist du verrückt hier kann uns niemand helfen, das Monster zerfleischt uns gleich." Der Junge rannte zu nah um den Hippogreif und blieb an einem hervorstehenden Teil hängen. Seine Freunde zerrten ihn weiter, dabei verlor Harry seinen Umhang und auch in seinem Pullover klaffte nun ein grosses Loch. Der kalte Wind traf empfindlich auf seinen verschwitzten Körper und ließ ihn erschauern.

Hermine beharrte aber auf ihrem Plan: „Vertraut mir, wir müssen ihn gegenseitig mit Fackeln von uns ablenken und auf der offenen Fläche halten. Es geht nicht mehr lange." Während der Wolf einen kurzen Moment von dem flatternden Umhang abgelenkt wurde, entzündete Hermine die Holzstöcke und verteilte die Fackeln an ihre Freunde.

Ron wollte wissen: „Nicht mehr lange bis was? Bis wir tot sind?"

„Nein, bis das Firmament uns zu Hilfe kommt. Das Datum stimmt und wenn die alten Bücher recht haben, wird heute Nacht etwas eintreten, was uns rettet." Hermine bedeute ihnen, sich im Dreieck aufzustellen. Wenn der Verfolger einen der Dreien von hinten angreifen wollte, hätte er immer zwei Gegner mit Brandfackeln im Rücken. So gelang es ihnen tatsächlich, den wütenden Lykanthrop eine ganze Weile hinzuhalten. Der konnte nicht angreifen und gleichzeitig sein ramponiertes Fell schützen. Also trabte er immer um die Gruppe herum und startete einige Scheinattacken. Das bedrohliche Hecheln des Tieres in seiner Nähe machte Ron fast wahnsinnig und er schoss manchmal Flüche ab, bevor das Ziel überhaupt in Reichweite war. Harry fragte sich, auf was seine Mitschülerin eigentlich wartete. Gerade hatte er das Monster knapp einen Meter vor sich stoppen können. Da schrie Hermine plötzlich: „JETZT! Jetzt ist es soweit! Schnell, löscht die Fackel und rennt außer Reichweite."

Harry und Ron zuckten bei ihrem Schrei zusammen, drückten die Fackeln im Schnee aus und stolperten in der stockdunklen Nacht zu ihrer Freundin. Die versuchte sich irgendwie unter die Statue zu zwängen und zog die Jungen ebenfalls unter den Bauch des aufbäumenden Hippogreifs.

Es war plötzlich so dunkel, dass selbst das Untier nicht mehr sah, wohin es die Pfoten setzte.

Das kann doch gar nicht sein, da fehlt etwas. Fenrir starrte zum Himmel und suchte den Vollmond. Er sah gerade noch das letzte Stückchen Mond hinter dem Schatten der Erde verschwinden, dann war er weg. Eine Mondfinsternis, na so was! Die sind im Dezember äußerst selten. Eisige Kälte begann sich in seinem Köper auszubreiten und er spürte mit Entsetzen, wie sein Blut langsam gefror. Grayback hob den Kopf und ein letztes, verzweifeltes Heulen durchschnitt die Nacht, bevor der Körper des Werwolfs zu Eis erstarrte. Seine Opfer konnten es erst gar nicht fassen, doch Fenrir war tot.

Langsam kamen die jungen Zauberer unter ihrer Deckung hervorgekrochen. Ron zündete seine Fackel wieder an und begaffte ungläubig den regungslosen Wolfskörper.

„W...was i...ist passiert?" stammelte der schwarzhaarige Junge, der schlotternd neben Ron stand.

Hermine stellte sich vor Fenrir Graybacks Leiche und zitierte leise die uralten Verse aus einem Buch:

„Wird der Mond vom Schatten der Erde verdeckt,

hält sich ein Werwolf am besten gut versteckt.

Falls er zu dieser Zeit den Blick zum Himmel erhebt,

der Lykanthrop den nächsten Tag nicht mehr erlebt.

Denn wenn der Wolf die Finsternis erblick,

sich sein Blut zu Eis verdickt."

Die Drei standen immer noch zwischen Silberstatue und Werwolf, als im Zeitlupentempo der Mond wieder erschien. Im Licht des hellen Gestirns bemerkte Ron eine Bewegung am Waldrand seitlich von ihnen. Oh nein, jetzt haben wir durch den ganzen Lärm noch etwas anderes herbeigelockt. Er stieß Hermine an und sie beobachteten, wie eine indigoblau gefiederte Schlange mit weißem Kopfschmuck aus dem Unterholz kroch, sich aufrichtete und die jungen Menschen auf der Lichtung mit ihren geschlitzten Augen anstarrte.

Harry hatte noch nichts gemerkt. Seine feuchten, zerrissenen Kleider bot gegen die schneidende Kälte praktisch keinen Schutz mehr und der Junge zitterte so heftig, dass er kaum noch stehen konnte. Seine Freunde nahmen ihn in die Mitte und zogen ihn von der Schlange fort.

Jetzt hatte auch Harry sie gesehen und deutete auf das unheimliche Wesen. Ron stellte für ihn die Frage: „Was ist denn das? Die ist ja fast vier Meter lang und hat ganz glatte Federn."

Hermine zog ein Taschentuch aus ihrem Umhang und sagte: „Bewegt euch langsam rückwärts und versucht mit irgendetwas eure Augen zu schützen. Wenn es, wie ich vermute, wirklich NAJANGU ist, dann kann er sein Gift drei Meter weit zielgenau dem Gegner in die Augen speien, damit sein Opfer erblindet. Außerdem halten die seidenen Federn alle direkten magischen Sprüche ab."

Zur gleichen Zeit flogen hoch über dem Wald sechs Gestalten heran und kreisten über der großen Lichtung. Kaum hatte er die Situation erfasst, wandte sich Dawlish an den Rest seiner fliegenden Rettungstruppe: „Savage, Proudfoot und Tonks, ihr haltet die Federschlange in Schach. Aber achtet auf eure Augen und passt auf, dass er euch nicht erwischt. Najangu liebt menschliches Blut, besonders das von Männern. – Neville, Ginny und ich werden die drei vermissten Schüler einsammeln. Sobald wir sie haben, ziehen wir uns sofort zurück. – Los jetzt und keine gewagten Heldentaten. Es ist zu gefährlich, sich mit der Schlange auf einen Kampf einzulassen."

Der Mann gab ein Zeichen und Federflügel sauste mit dem Auror im Sturzflug in die Tiefe. Kurz darauf landeten die Retter neben dem bedrängten Trio. Sofort begann der Schlangenkörper zu wippen und mit einem Zischen setzte er sich in Bewegung. Die Auroren sprengten einen kleinen Graben in den Boden, damit Najangu wegen den herumfliegenden Steinbrocken wieder zurückweichen musste. Verletzt hatte er sich nicht, kam aber im Augenblick nicht mehr näher.

Dawlish war zu Hermine, Ron und Harry geeilt und hatte sich vergewissert, dass niemand gebissen oder verletzt war.

„I...ihr s...seit mmitgekommen um uns zu re...retten?" Harry brachte fast kein Wort mehr heraus, so bitterkalt war ihm.

„Klar sind wir mitgekommen. Als wir den Notruf auf unseren Talern sahen, konnte uns nichts mehr aufhalten. Auch der Protest von Dawlish nicht!" Ginny warf einen trotzigen Blick in Richtung des Gruppenführers.

„Ja, ich war zuerst dagegen, aber dann habe ich es ihnen dann doch erlaubt. Besser sie kommen mit uns, als alleine eine Aktion zu starten. Zum Glück hat mir Hagrid seinen Hippogreif mitgegeben. Federflügel hat euer Lichtsignal von weitem gesehen und wir haben euch schneller gefunden. – Anscheinend gerade rechtzeitig, bevor noch jemand zu Eis erstarrt." Der Auror öffnete seinen Umhang und zog den frierenden Jungen unter seinen Wollmantel um ihn zu wärmen. „Wir haben keine Zeit für weitere Erklärungen. Schnell auf die Besen mit euch. Die Federschlange lässt sich bestimmt nicht mehr lange aufhalten."

Sie sahen wie Proudfoot gerade wieder seinen Umhang vors Gesicht zog, um den Giftstrahl abzuwehren. Auch Tonks war schon etliche Male angespuckt, aber nicht getroffen worden. Nur Mr. Savage wurde nicht angespieen. Der junge Auror hatte jedoch schon zum fünften Mal rasch ausweichen müssen, weil die zusammengerollte Schlange hochgeschnellt war und versuchte hatte ihm an den Hals zu springen.

„Savage, ziehen Sie sich zurück! Najangu scheint ja ganz begeistert von Ihnen zu sein und seine Umarmung überlebt keiner."

Dawlish verbeugte sich vor Federflügel und zog Harry dann mit sich auf den Rücken des Hippogreifs. Auch die vier Schüler schwangen sich eilig auf die beiden Besen und hoben ein Stück vom Boden ab.

„Er ist weg, hat sich einfach in Luft aufgelöst." Savage schüttelte verwundert den Kopf und wollte sich seine langen, braunen Haar wieder zusammenbinden.

„Nein! Das heimtückische Tier hat nur die Farbe gewechselt und greift an. Runter Savage! Schnell!" Tonks rannte mit dem Flug-Besen auf ihren Kollegen zu und fuchtelte in der Luft herum. Der braunhaarige Auror zog erschrocken den Kopf ein und spürte, wie etwas spitziges seinen erhobenen Arm streifte. Dann hörte er hinter sich etwas in den Schnee plumpsen. Er schaute aber nicht, was die schneeweiße Schlange als nächstes unternahm, sondern rannte hastig zu seinem Besen hinüber. Sein Arm brannte furchtbar und der blutige Kratzer verfärbte sich schwarz-violett. Alle waren schon in der Luft und hielten die Schlange mit Explosions-Flüchen davon ab, dem Mann zu folgen. Doch kurz bevor Savage auf seinen Besen steigen konnte, gaben seine Beine unter ihm nach und er stürzte gelähmt zu Boden.

„Neeiin! Verdammt, er wurde gebissen. Wir müssen im helfen!" Ron sprang von Nevilles Besen und flitzte zu dem jungen Auror im Schnee. Nymphadora Tonks war ebenfalls gelandet und prüfte rasch Puls und Atmung des Opfers. „Er lebt noch, kann sich aber nicht mehr bewegen. – Ron, hilf mir. Wir nehmen ihn zwischen uns, halten einander fest und ich appariere direkt ins St. Mungos. Die Heiler haben sicher ein Serum um den armen Kerl zu retten."

Ron stemmte Mr. Savages Köper in eine sitzende Position und Nymphadora stützte den Kopf des hilflosen Mannes, als die beiden ihn in ihre Mitte nahmen. Die Federschlange peitschte zornig mit dem Schwanz, als sie sich ihrer Beute beraubt sah. Vor Ärger wechselte sie ihre Farbe ständig von violett zu grün und wollte sich mit einem giftigen Fauchen auf Ron, Tonks und den Auror stürzen. Sie kam aber zu spät, mit einem Knall waren die drei Menschen vor ihrer Nase verschwunden. Zurück blieb ein frustrierter, blutdurstiger Najangu, der tatenlos zusehen musste, wie auch der Rest der Gruppe hoch über die Baumwipfel flog und in der Nacht verschwand.

The End