Vielen Dank für Deinen Review, Lmea!
Und jetzt geht's weiter mit Marry Schlotter, viel Spaß ...
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Kapitel 2: Wer suchet, der findet
In den nächsten Tagen beobachten unsere Freunde aufmerksam und unauffällig ihre Professoren. Doch alles scheint normal. Prof. Quasimodo Grollmann schleicht wie immer finster grinsend durch die verwinkelten Gänge, Prof. Metzger traktiert sie weiterhin mit unlösbaren magischen Gleichungen und Herr Breimann projeziert Hexenkräuter aus aller Welt an die Hörsaalwände. Nur Frau Prof. Schlange scheint nervöser als gewöhnlich. Frau Wöhrwurm überwacht die Einhaltung des Zauberverbotz auf das Strengste, Neuigkeiten über den Diebstahl bekommen die Studenten von ihr aber nicht zu hören. Auch daß Prof Schweinel am Freitagmorgen mit hochrotem Kopf in den Hörsaal schnauft und händeringend ausruft:
"Kinderchen, Kinderchen, ich muß ganz dringend zum Zaubereiminister! Harry, hol den Wagen!", ist nicht ungewöhnlich. Tatsächlich fallen die Vorlesungen des (ge)wichtigen Professors für Fabeltiere - unter besonderer Berücksichtigung der Tagespolitik - häufiger aus als sie stattfinden. Eigentlich sieht man Prof Schweinel öfter in der Zeitung als im Hörsaal. Letzte Woche erst posierte er mit einem unter größten Strapazen und Gefahren eigenhändig erbeuteten Exemplar einer zwei Meter langen Riesenperlmuschel auf der Titelseite des Kesseler Tagespropheten; in der Woche zuvor war ein haarsträubender Bericht über seine letzte Dschungelexpedition zu lesen, auf der er mit seiner Gattin nicht nur in die Hände menschenfressender Neger gefallen war (heldenhaft konnte er sich samt Begleiterin im allerletzten Moment befreien), sondern er entdeckte und erbeutete auch das weltweit erste und einzige Exemplar eines Südamerikanischen Tieflandyetis. Zusammen mit dem verschrobenen Prof. Quälker führt er nun umfangreiche und streng geheime Untersuchungen des sensationellen Fundes durch.
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An einem besonders schönen Sommerabend ist die Magische Bande zu einem konspiratorischen Picknick am See verabredet. Sogar Quarkus ist schon dort, als Marry Schlotter auf dem geliehenen Fahrrad um die Ecke düst. Mit rauchenden Bremsen bringt sie das Rad nur wenige cm vor der Salatschüssel zum stehen.
"Das Schwein ist weg!" ruft sie keuchend aus.
"Aber Marry, das wissen wir doch schon lange," entgegnet Alf grinsend.
"Nein, nein, es ist den Entführern entwischt!"
"Wirklich? Woher weißt du das?" fragt Urtica erstaunt.
"Ich mußte vorhin noch mal in die Uni," erklärt Marry, "weil das Fahrrad noch dort stand. Aber jemand hatte das Ventil herausgeschraubt. Bis ich das Ventil gefunden und das Fahrrad wieder flott gemacht hatte, war es schon fast dunkel. Ich wollte mir noch schnell die Hände waschen und dann gleich hierher fahren. Auf der Toilette hörte ich von weitem aufgeregte Stimmen, aber sie waren zu leise. Plötzlich wurden sie lauter und eine Stimme donnerte: "Du Versager hast alles vermasselt! Warum hast du das Schwein entwischen lassen? Schaff es wieder her, hörst Du! Sonst zerreiß ich dich in der Luft!" Dann knallte eine Tür, und es war nichts mehr zu hören."
Eine atemlose Stille tritt ein.
"Wer könnte das gewesen sein? Hast du die Stimme erkannt?" fragt Andrine aufgeregt.
"Nein, leider nicht," bedauert Marry.
"Ob es einer der Professoren war?"
"Bestimmt der Metzger, dem traue ich alles zu!" mutmaßt Babette.
"Vorsicht mit voreiligen Schlüssen, es könnten auch Studenten gewesen sein," gibt Petrella zu bedenken.
"Aber wir haben doch einen Rettungssuchhund, wir können doch einfach das verflixte Schwein suchen!" schlägt Marry Schlotter vor.
"Genau!" stimmt Quarkus zu. "Motte findet immer alle möglichen Tiere, und so ein ausgewachsenes Schwein sollte irgendwie zu finden sein, sag ich mal so einfach."
"Wir können doch gleich hier anfangen, wenn ich ein Schwein wäre, würde ich mich auf alle Fälle in der Aue verstecken," meint Babette.
Mit Fackeln bewaffnet schwärmen sie aus und durchkämmen die Seeufer. Sogar zu Wasser sucht Spürhund Motte, das Schwein könnte sich ja auch auf eine der kleinen Inseln geflüchtet haben. Aber sie jagen nur eine Schar Enten aus dem Schlaf auf, von einem Schwein weit und breit keine Spur.
Das ganze Wochenende verbringt die Magische Bande bei der Suche (und zahlreichen Arbeitsessen). Mit Sir Kraul als Chaffeur fahren sie die halbe B7 rauf und runter und bringen ihn sogar einmal dazu, links abzubiegen. Schniko und Marry arbeiten umfangreiche Pläne aus, Alf sinniert, inspiriert vom Geist des Weines, über den Tathergang und Urtica und Andrine begeben sich auf die Suche in die gefährlichen Teufelssümpfe. Dort treffen sie unerwartet auf Prof Breitag, der mit einigen Studenten seltene magische Moorpflanzen sammeln will. Aber als sie ihm etwas vom Schwein erzählen wollen, winkt er ab.
"Schauen Sie lieber auf diese köstlichen Armleuchteralgen, eine wahre Rarität, bedienen Sie sich, bedienen Sie sich...!" Und schon ist er, von keuchenden, ihm hinterher hastenden Studenten gefolgt, im Moor verschwunden.Auch von einem Schwein ist nichts zu sehen, nur ein paar aufgeschreckte Moorhühner gackern und flattern dort, wo die Studentengruppe verschwunden ist.
Am Sonntag abend beim unvermeidlichen Essen gibt es also keine neuen Erkenntnisse, nur einen neuen Mitbewohner. Motte hatte bei der Suche ein entlaufenes Kaninchen aufgestöbert, und Quarkus bringt es Andrine als Gesellschaft für ihr Pünktchen mit.
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Die nächsten Wochen verlaufen vollkommen ereignislos. Doch dann beginnen unheimliche Dinge zu geschehen. Immer wieder verschwinden wertvolle Bücher aus der geheimen Abteilung der Bibliothek, seltene Zaubereigerätschaften, -zutaten und magische Geschöpfe sind wie vom Erdboden verschluckt. Die Zaubereipolizei tappt völlig im Dunkeln. Schließlich werden mehrere Studenten vermißt. Niemand kann sich die Geschehnisse erklären. Kein Zweifel, es muß schwarze Magie dahinter stecken. Prof. Wöhrwurm mahnt zu äußerster Wachsamkeit. Inzwischen ist sogar der ZND (Zauberei-Nachrichtendienst) eingeschaltet und über Aktenzeichen XYZ wird landesweit nach den verschwundenen Studenten gefahndet. Aber es gehen keinerlei sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung ein. Und es verschwinden immer mehr Personen. Langsam breitet sich Panik an der Zauberei-Universität in Kessel aus. Eine Sondersitzung nach der anderen beruft Präsident Blinkmann ein. Schließlich macht das Gerücht die Runde, das Institut solle geschlossen werden.
Auch unsere Freunde von der Magischen Bande sind mit ihren Ermittlungen nicht weitergekommen. Aber sie haben glücklicherweise auch noch keine Verluste zu beklagen. Dennoch, ihre Stimmung ist gedrückt. Der einzige Lichtblick in dieser dunklen Zeit ist das spurlose Verschwinden Prof. Metzgers.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.
Eines Wochenendes reist Andrine Stranger nach Hause zu ihrer Familie und läßt ihre beiden Kaninchen in der Obhut ihrer Freundin Marry zurück. Es kommt, wie es kommen mußte, die Kaninchen überwältigen den Verschlußmechanismus ihres Käfigs und brechen über Andrines Zimmer herein mit einer Zerstörungskraft, die man diesen posierlichen Tierchen gar nicht zutrauen mag. In Sekundenschnelle gleicht das Zimmer einem Schlachtfeld. Umgeworfene Blumentöpfe ergießen ihren abgefressenen Inhalt über angeknabberte Bücher, Hasenköttel häufen sich in angenagten Ikea-Regalen und feuchte, dunkle Flecken breiten sich auf dem durchlöcherten Bettüberwurf aus.
"Ach, Menno!" ruft Marry entsetzt, als sie, alarmiert durch das laute Rumpeln im Nebenzimmer, die Tür aufreißt. "Ihr Hasenschweine!"
Vergeblich versucht sie, die Kaninchen in den Käfig zu locken.
"Da kann nur noch einer helfen, Quarkus Schluribus!" denkt Marry bei sich, eilt zum Telefon und wählt die Nummer des Freundes.
"Tut-tut-tut-tut"- Marry versucht es wieder und wieder, aber es bleibt beim vertrauten Besetztzeichen. Hatte etwa wieder eine der Katzen mit dem Telefonkabel gespielt und den Hörer heruntergeworfen? Endlich, nach Stunden, erklingt das erlösende Freizeichen, und Quarkus nimmt den Hörer ab.
"Tja, ähm, die Nymphensittiche haben es irgendwie geschafft, einen Blumentopf auf das Telefon zu werfen und dabei den Hörer herunterzuschmeißen...", meldet er sich.
"Du mußt unbedingt schnell herkommen und die Kaninchen einfangen," ruft Marry ins knallorange Telefon. "Diese Hasenschweine machen alles kaputt!"
Hasenschweine - wie ein Blitz schießt ein Gedanke durch Marrys Bewußtsein. Wenn nun das neue Kaninchen gar kein Kaninchen ist, sondern ein Schwein, das Schwein der Weisen?! Vielleicht hatten die Entführer es zur Tarnung verwandelt? Ohne ein weiteres Wort legt sie den Hörer auf, springt die Treppe hinauf, reißt die Tür zu Andrines Zimmer auf und ruft, ohne sich noch einmal zu besinnen:
"Finite Incantatem!"
Ihr gezückter Zauberstab zeigt auf das zugelaufene Kaninchen, das gerade eine von Andrines heißgeliebten magischen Spielkarten vertilgt. Rosa Funken stieben aus der Spitze des Stabes, und vor Marrys staunenden Augen vollzieht sich eine verblüffende Wandlung. Das Kaninchen schwillt an, die Ohren schrumpfen zusammen, das Fell verschwindet und macht dünnen Borsten Platz, das Näschen wird zum rosa Rüssel und der Puschelschwanz beginnt sich zu ringeln! Kein Zweifel, aus dem kleinen Kaninchen ist ein ausgewachsenes Schwein geworden, das gedankenverloren auf der Spielkarte herumkaut.
"Menno, was mach ich denn jetzt?" fragt sich die von ihrem eigenen Erfolg völlig verblüffte Marry Schlotter. "Wenn das der Immerdoof sieht!"
Schnell schließt sie die Zimmertür und sucht sich dann einen trockenen Fleck auf dem Bett, wo sie sich erst mal setzen kann. Doch da klingelt es auch schon an der Haustür. Wenn es um Tiere geht, ist Quarkus schneller als die Polizei. Und auch Andrine kommt gerade von der Bushaltestelle hergelaufen. Marry lotst beide ins Zimmer und erzählt leise, was sich zugetragen hat.
"Irgendwie müssen wir das Schwein hier herauskriegen, ohne daß Herr Immerdoof etwas bemerkt," meint Andrine.
"Das Schwein kann erst mal zu mir, ein Schwein wollte ich immer schon mal haben," schlägt Quarkus vor.
Er fährt sein altes Auto so dicht wie möglich zum Haus, während Andrine das Schwein in den ohnehin ruinierten Bettüberwurf wickelt. Marry opfert sich und verstrickt Herrn Immerdoof in ein Gespräch über Tutti-Frutti, damit er nur ja nicht auf die Idee kommt, in den Flur zu schauen und auf die merkwürdigen Geräusche dort zu achten. Mit vereinten Kräften bugsieren Quarkus und Andrine das notdürftig getarnte Schwein die Treppe hinunter und in den Kofferraum der Klapperkiste. Soweit haben sie es geschafft!
In Quarkus Wohnung fühlt sich das Schwein gleich heimisch, grunzt zufrieden und schläft, eng an Motte und zwei echte Kaninchen gekuschelt, auf Quarkus Bett ein.
