2. FRAGEN ÜBER FRAGEN

Ganz langsam öffne ich meine Augen und sehe, wie die ersten Sonnenstrahlen durch das kaputte Fenster auf den Fliesenboden fallen. Der Staub tanzt im Sonnenlicht und meine Nase fängt an zu kitzeln.

Noch immer völlig fertig schließe ich wieder meine Augen und bleibe noch wenige Minuten liegen, bevor ich mich dazu aufraffen kann endlich aufzustehen. Wie heißt es doch so schön: „Der frühe Vogel fängt den Wurm." Außerdem wollte ich die Sache von gestern, beziehungsweise heute Nacht, so bald als möglich geklärt haben.

Der Gedanke, dass Joel und ich noch immer zerstritten sind behagt mir nicht. Ich will mich nicht mit ihm streiten, aber zurzeit … geht es einfach nicht anders.

Ohne dass ich es eigentlich will fahre ich ihn an, übertrete bewusst einige Grenzen – und er genauso. – Was zur Hölle ist nur los mit mir!?

Ich bin einfach immer noch so enttäuscht von ihm. Aber … ich bring es einfach nicht übers Herz ihm das ins Gesicht zu sagen. Er hat mich angelogen. Und das, wo ich ihm die Chance gegeben habe alles ins Reine zu rücken. Ich habe ihn schwören lassen! Und er hat gelogen. Hätte er die Wahrheit gesagt, dann würde ich besser damit zurechtkommen. Das wäre mir hundertmal lieber gewesen. Ich wäre sauer gewesen, hätte all meine Wut an ihm ausgelassen. Aber danach wäre alles wieder ok gewesen. So wie immer. So ist es aber nicht mehr. Und das alles nur wegen einer beschissenen Lüge.

Ich richte mich auf und verfluche mich sogleich wieder, auf die blöde Idee gekommen zu sein, auf dem Boden zu schlafen. Hätte ich mich wenigstens in die Wanne gelegt. Aber in der Kindchenstellung auf dem Badezimmerboden vor der Türe zu kauern kann nicht bequem sein, wie es mir meine Muskeln jetzt auch danken.

Müde reibe ich mir über die rotgerändeten, trockenen Augen und tapse zum Spiegel.

Ich sehe fertig aus. – Ha, ‚fertig' ist wohl die Untertreibung des Monats. ‚Verdammt Scheiße' würde eher passen. Ja. Verdammt Scheiße. Und das war noch in Watte verpackt.

Joel hämmert dreimal fest gegen die Tür und ich springe erschrocken zur Seite. Dabei stoße ich mich am Waschbecken und fluche in mich hinein. Warum muss mich dieser Idiot auch immer so erschrecken?

„Es gibt Frühstück. Beweg deinen faulen Arsch in die Halle oder bleib hier und bock weiter rum, mir egal. Ich wollte dir nur Bescheid sagen." – Kurz, hart. Ohne Gefühl.

„Kein Frühstück bei uns?"

„Nein."

Das war also ein Zeichen dafür, dass die Sache von gestern ganz und gar nicht geregelt war. Er wollte nicht einmal mit mir alleine essen – vermutlich zu meinem eigenen Schutz.

Erschöpft spritze ich mir eiskaltes Wasser ins Gesicht, putze meine Zähne und kämme meine Haare bevor ich die Badezimmertüre öffne und in mein Zimmer husche um mich umzuziehen. Ein schwarzes – relativ sauberes – Top, ein kariertes Hemd und eine Jeans, die noch niegel-nagel-neu in einer Tüte verpackt war und trotzdem lauter abgenutzte Stellen hatte. Warum war mir ein Rätsel.

„Beeilst du dich vielleicht oder willst du, dass ich hier unten Wurzeln schlage?", kommt es genervt von Joel, der an der Treppe auf mich wartet. – Zumindest war er nicht so sauer auf mich, dass er ohne mich zum Frühstück los ist. Oder es waren einfach die guten Manieren aus dem Süden, die ihn dazu brachten auf die werte Dame zu warten.

„Einen Moment noch! Ich muss mich nur kurz umziehen!", schreie ich zurück und stolpere mit einem Bein in meiner Jeans aus der Tür. „Bin schon fertig!"

Ich nehme die letzten drei Stufen auf einmal und lande elegant vor Joel, welcher mich jedoch mit keinem Blick würdigte. – Arsch.

„Scheiße, immer noch so sauer?" Keine Antwort. Nicht einmal ein Blick.

Stur wie er ist geht er einfach durch die Tür, hält sie mir auf und schließt sie hinter mir wieder. Mit ein wenig zu viel Schwung, aber das alte Haus hielt das schon aus. Bis jetzt zumindest.

Stumm machen wir uns auf den Weg.

Bis wir an der Halle ankommen ist es nicht weit und dafür bin ich heilfroh. Hätte ich so länger als drei Minuten neben Joel gehen müssen ohne dass er auch nur ein Wort sagt wäre ich vermutlich in die Luft gegangen.

Ich weiß, dass Joel nicht der gesprächigste aller Gesellen ist, aber wenn er schweigt weil er wütend ist – oh Herr im Himmel, dieses Gefühl war alles andere als angenehm.

Sobald wir die Halle erreichen reiße ich die schwere Türe auf und gehe schnurstracks zu Tommy und Maria, die schon auf uns beide gewartet hatten.

Ohne ein weiteres Wort setze ich mich neben Tommy, greife nach einem Brötchen, schneide es auf, schmiere Butter drauf und beiße lustlos und mein Frühstück.

Auch Joel setzt sich, mir gegenüber, neben Maria, an den Tisch und fängt an zu essen, ohne mich auch nur eine Sekunde lang anzusehen. – Arschloch.

„Was zur Hölle ist jetzt schon wieder los? Wisst ihr eigentlich, dass ihr beiden mich verdammt nochmal richtig nervt? Als ihr das erste Mal hier wart, wart ihr fast wie ein Herz und eine Seele. Habt euch Sorgen um den jeweils anderen gemacht und wärt vermutlich für den anderen aus dem Fenster gesprungen. Und jetzt zickt ihr euch seit Wochen nur noch an!", schimpft Maria los und sieht abwechselnd von Joel zu mir und wieder zurück zu Joel.

Dieser beißt jedoch weiterhin stur in sein Brötchen womit ich das reden übernehme.

„Dieser verdammte Drecksack ist einfach nur so unglaublich stur, dass man nicht weiter kommt als mit ihm zu streiten!"

„Ach, ich bin der sture Drecksack? Pack dich doch erst einmal an der eigenen Nase. Du bist ein kleiner, nerviger Sturkopf, der mir seit Wochen das Leben zur Hölle machen will. Mit DIR kann man nicht reden. Nur streiten."

„Aber nicht mitten in der Nacht! Ihr habt schon wieder ein Haufen Leute aufgeweckt!"

„'tschuldigung", nuschle ich zwischen ein paar Bissen. „Aber … grr … ich weiß auch nicht. Ich wollte nicht streiten. Es ist dann aber einfach … eskaliert. Wegen ihm!" „Pff." „Ihr führt euch auf wie Kindergartenkinder. Joel, du bist ein erwachsener Mann, reiß dich gefälligst zusammen. Wenn die Kleine dich nervt, dann ist das nun mal so, daran kannst du nicht viel ändern. Sie ist in der Pubertät. Komm damit klar."

„Ich glaube, er ist derjenige, der in der Pubertät ist", meine ich und trinke von dem verdammt heißen Kaffee. – Ich kann das Gesöff nicht ausstehen, keine Ahnung warum Joel den Scheiß so vermisst hatte. Es ist ekelhaft. Aber es macht wach.

Die Stille am Tisch ist unerträglich. Joel sieht bockig auf sein Frühstück und stopft alles stumm in sich rein, Maria beäugt uns beide mit bösem Blick, Tommy scheint so, als würde er das alles für eine lächerliche Seifenoper halten und ich … ja ich bin einfach nur ... keine Ahnung. Ich weiß nicht, was ich denke oder fühle. Es ist einfach … keine Ahnung. Teenager zu sein ist echt scheiße.

„Hast du nicht auch etwas zu sagen, Joel?", erkundigt sich Maria. „Ich bin fertig mit essen und geh jetzt an meinen Posten", ist das einzige was er sagt. Steht auf. Geht. – Arschloch.

Wütend, traurig, verwirrt – alles zugleich – sehe ich ihm nach und ich spüre wie sich die ersten Tränen in meinen Augen sammeln. Verdammte Kacke! Ich fang jetzt nicht wegen Joel zum heulen an. Nein, nein, nein. Mein Herz zieht sich bei dem Gedanken zusammen, dass vielleicht nichts mehr so wie früher sein wird. Das wir uns auseinanderleben. Hassen. Das darf nicht sein! Ich meine, wir waren Ellie und Joel. Joel und Ellie. Scheiße.

„Hey, Kleine. Jetzt erzähl mir doch endlich, was los ist. Ich meine, ihr kommt an manchen Tagen so gut miteinander aus, dass es ein Wunder ist, dass ihr beiden nicht die ganze Zeit aneinanderklebt, an anderen schreit ihr euch nur an und kostet mir die letzten Nerven. Was ist passiert? Liegt es an den Ereignissen zwischen dem letzten Besuch hier?"

„Ich weiß auch nicht", gebe ich ehrlich zu und lasse das angebissene Frühstück zurück auf den Teller fallen. Mir ist der Hunger vergangen – und zwar so richtig. „Wir … Ich … Er … Ach, Scheiße!", sind die einzigen Sachen die ich hervorbringe, bevor ich meinen Kopf in die Hände lege und mir fest auf die Lippen beiße um nicht doch zu heulen. Nein. Nicht wegen Joel. Nein!

„Und das heißt jetzt was?", fragt mich Tommy, der sich ansonsten immer aus den Streitereien von Joel und mir raushält.

„Wenn ich das wüsste. Es ist zurzeit einfach … Er hat … Er ist … pff … ein Arschloch." „Sag mir etwas das ich noch nicht weiß, Schätzchen", meint Maria und ich bemerke wie ich nur noch ein wenig trauriger werde.

Irgendwie schafft es diese Frau eigentlich immer wieder mich ein wenig glücklicher zu machen. Wie sie das macht ist mir ein Rätsel, aber sie schafft es. Und ihre schnittigen Kommentare versüßen mir manches Mal den Tag. Aber nicht heute. Heute macht mich ihr Kommentar – einfach nur traurig.

„Ich weiß, du bist gerade in einer schwierigen Phase und mit Joel wird das nicht unbedingt leichter, weil, weil es eben Joel ist." Ich nicke nur und esse dann doch mein angefangenes Brötchen zu ende. Zum Wegschmeißen war es dann doch einfach zu schade.

„Ich werde mal mit ihm reden", sagt Tommy als er aufsteht und seinen und Joels Teller wegräumen will. „Pass auf dich auf, Tommy! Ich glaube er hat seine Tage!", schreie ich ihm hinterher und er symbolisiert mir mit seinen Fingern ein „In Ordnung".

Jetzt sind Maria und ich alleine. Zwei Frauen, mit zwei mehr oder weniger komplizierten Männern und einem Haufen Problemen – naja, wobei ich weniger das Problem habe ein Kind zu wollen und keins zu bekommen oder mich um die Bewohner der Stadt kümmern muss, aber … ich habs auch nicht leicht. Ich meine, ich habe Joel. Das sagt schon so ziemlich alles.

„Worum ging es gestern?", reißt mich die Blondine aus meinen Gedanken und ich schütte vor Schreck meine Kaffeetasse aus. „Ach Shit!" „Egal. Mach ich später sauber. Also?" „Mh? Was?" „Warum habt ihr heute um aller herrgottsfrüh gestritten?" Ich zucke mit den Schultern und sehe in die Tasse. – Ja, warum haben wir eigentlich schon wieder gestritten? Diese Streitereien gingen mir so was von auf die Eierstöcke! Nicht zum Aushalten.

„Was heißt hier ‚keine Ahnung'?" „Ich weiß auch nicht. Wir streiten uns zurzeit wegen jeder Kleinigkeit." „Und gestern?" „Herrje, ist das denn so wichtig!?", fahr ich Maria an und ein paar Leute in nächster Umgebung drehen sich zu uns um. „Ja ist es", zischt mich die hübsche Frau genau so scharf, aber um einiges leiser an. „Die Leute haben schon Beschwerden bei mir eingereicht, weil Joel und du den Gemeinschaftsfrieden bedrohen. Mit eurem Rumgeschreie nervt ihr nicht nur mich sondern auch alle anderen Anwesenden hier. Also will ich versuchen zwischen euch beiden zu vermitteln und schlichten. Deshalb muss ich wissen worum es ging." „Ist. Doch. Egal." „Um. Was. Ging. Es!?", betont sie jedes Wort extra scharf und mir bleibt somit keine andere Wahl als ihr von unserem Streit zu erzählen.


Meinen Kopf in die Hände gestützt sitze ich im Gras und muss mich davon abhalten, meinen Kopf nicht gegen die nächstbeste Wand zu schlagen.

Was war zurzeit nur mit mir los? Wegen jedem Mist bekommen Ellie und ich uns in die Haare. Das ist nicht mehr zum Aushalten. – Darüber sollten wir reden. Aber … um ehrlich zu sein will ich nicht reden. Ich will einfach nicht.

Seufzend lege ich meinen Kopf in den Nacken und spüre die Sonne auf meinem Gesicht brennen.

Obwohl es erst Anfang Frühling war hatten wir schon ein paar sehr heiße Tage hinter uns und so wie es aussieht würde es nicht besser werden – eher im Gegenteil.

„Hey, Großer", höre ich Tommys Stimme. Meine Augen lasse ich geschlossen und ignoriere ihn wie so oft. Vielleicht geht er dann einfach. Früher hat das zumindest immer funktioniert. Früher …

Doch dieses Mal scheint es nicht zu funktionieren. Er setzt sich neben mich ins Gras und beginnt zu reden.

„Was ist los mit dir? Ellie meinte, du hast deine Tag-", abrupt stoppt er, weil ihm anscheinend aufgefallen ist, dass er das nicht unbedingt hätte laut sagen sollen. Aus zusammengekniffenen Augen mustere ich meinen kleinen Bruder. „ICH hab also meine Tage? Sagt die richtige. Verdammte Zicke." „Du bist aber nicht viel besser." „Wie bitte?" „Du zickst sie genauso an." „Ich hab ja wohl auch das Recht-" „Du hast absolut NICHT das Recht, Ellie an zu zicken. Das hat nur sie. Weil sie gerade in der Pubertät ist. Weil sie ein kleiner störrischer Teenager ist, der sich nicht richtig ausleben kann – der schon jetzt einen auf Erwachsen machen muss. Sie ist mitten in der Trotzphase und dann bringt es gar nichts, wenn du einen auf Sturkopf machst. Du musst offen sein. Und ihr müsst reden." „Wir reden doch." „Nein, ihr schreit." „Aber wir versuchen zu klären." „Ja, aber mit euren ‚Versuchen' scheint es ja nicht so zu klappen. Wo liegt eigentlich das Problem?"

Ich lasse mich nach hinten ins Gras fallen und schlage meine Arme über die Augen um nicht von der Sonne geblendet zu werden. – Wo liegt das Problem? Tja, da haben wir schon mal eins. Ich hab nämlich keine Ahnung. Es ist einfach …

„Zurzeit ist die Luft eben etwas gespannt." „Geile Erklärung, Joel. Von dir hatte ich besseres erwartet. Warst nicht du es, der mir das Lügen beigebracht hat? Verdammt gutes Lügen. Und dann kommt eine so schwache Aussage?" „Wenn es nun mal so ist", brumme ich ihn an und beschließe ihm einfach nicht mehr zuzuhören. Ich hatte genug andere Sorgen.

Zum Beispiel Ellie.

Ellie. Diese verdammte, kleine Zicke. Kinder, konnte das Mädchen anstrengend sein.

Aber sie konnte auch so ein süßes Kind sein – Ellie eben.

Sie war wie … sie war zu einem Teil wie Tess: geladen, schnippisch, hoch expolosiv und gefährlich, und hart im Nehmen, zum anderen ein klein wenig wie Sarah: lieb, hilfsbedürftig und sie hatte ihr Herz am rechten Fleck. Auch konnte ich einen Teil von Monica* in ihr erkennen. Dieses wilde, aufbrausende. Und der Rest war Ellie. Einfach Ellie.

Vielleicht sollten wir wirklich reden. Aber reden funktioniert nicht.

Soll ich warten bis sich alles wieder von selbst in Ordnung gebracht hat? Geht das überhaupt noch?

Scheiße, warum sind wir überhaupt nach Salt Lake gegangen? Das war der größte Fehler unseres kompletten beschissenen Lebens. Es war fast so schlimm wie der Tag des Ausbruchs. Als Sarah …

Der Kloss in meinem Hals wird dicker und ich muss schwer Schlucken.

„…naja und da dachte ich, dass es vielleicht hilfreich wäre wenn… Alles in Ordnung?", endete Tommy, dem ich schon seit einer geraumen Weile nicht mehr zugehört habe. Ich nicke stumm und öffne meine Augen. „Ich muss wieder an die Arbeit." „Zuerst will ich, dass du mir sagst was du von…" „Jaja, super Idee", unterbreche ich ihn und stehe auf, klopfe mir den Staub von der eh schon dreckigen Jeans und gehe rüber zur Mauer.

Irgendwas muss sich ändern. Und das am besten so bald wie möglich.


Der Tag vergeht langsam und schleppend, aber trotzdem schaffe ich es irgendwie ihn hinter mich zu bringen. Die Arbeit bei den Hühnern und Kühen lenkt mich ab. Ich bin froh etwas zu tun zu haben, sonst würde ich vermutlich komplett durchdrehen.

„Und? Was hältst du von der Idee?" „Entschuldige, wie war das?", frage ich Mike, der neben mir die Straße entlang geht. Ein hochgewachsener, schlaksiger Typ mit braunen Locken und stechend blauen Augen. – Eigentlich ganz hübsch. Aber nicht mein Typ er ist nicht … einfach nicht mein Typ.

„Ich hab dir nicht zugehört. Tut mir Leid. Ich war nur gerade so in Gedanken", entschuldige ich mich bei ihm, was er mit einer Handbewegung abtut. „Kein Problem. Ich hab gefragt, wie du die Idee findest, mit mir einen neuen Hühnerstall zu bauen. Ich glaube nämlich, dass der alte bald zu klein wird – außerdem ist er ziemlich kaputt und hässlich." „Ja, klar. Wird bestimmt lustig", gebe ich zurück, obwohl meine Stimmlage nicht gerade begeistert klingt. „Alles in Ordnung bei dir?" „Geht's dich etwas an?", fahre ich den Jungen ungwollt an, der erschrocken zurückweicht.

„Hey, hey. Ganz ruhig mit den jungen Pferden. War ja nicht so gemeint", meint er und fährt sich mit der Hand durch seine wuscheligen Haare.

„Ich … ich weiß. Tut mir Leid." „Kein Ding. Hier, die sind für euch. Eigentlich bekommt jeder pro Tag nur eins, aber das muss ja niemand wissen", grinst er mich an und steckt mir drei rohe Eier entgegen. „Fürs Frühstück." „Danke", kommt es immer noch monoton von mir und ich stecke sie mir in die Tasche.

„Naja, ich muss jetzt gehen. Hab noch was zu erledigen", will ich mich von Mike verabschieden und gehe schon die erste Stufe der Veranda hoch, als sich eine Hand um mein Handgelenk schließt. Ich werde die Treppe wieder herunter gezogen und bevor ich überhaupt realisieren kann, was das soll, habe ich auch schon seine Lippen auf meinen.

Erschrocken ziehe ich meinen Kopf weg, drücke Mike mit aller Kraft von mir und – KLATSCH.

„Sag mal, hast du sie noch alle!?", schreie ich ihn an und die Tür zu unserem Haus geht auf. „Alles in Ordnung?", höre ich Joels Stimme, die einen besorgten Unterton nicht verbergen kann. „Er hat … er hat einfach … er … ha …" „Alles in Ordnung, Mister. Entschuldige. Ich glaube ich sollte gehen. Schönen Abend noch, Ellie. Sir." So schnell wie ich noch nie einen Jungen habe laufen sehen ist Mike auch schon wieder weg. – Er hat mich geküsst. Ich habe meinen ersten Kuss von … urgh.

Schritte erklingen und als ich mich umdrehe steht Joel vor mir. „Hat er irgendetwas schlimmes gemacht?", fragt er mich und die schlechte Stimmung wegen unseres Streits scheint kurz vergessen. „Er … er hat mich geküsst. Einfach so." „Geküsst? So richtig?" Stumm nicke ich zur Antwort und gehe in unser Haus. „So richtig. Einfach so. Ich meine, wie kommt dieser Idiot eigentlich auf die Idee, mich einfach so zu küssen!?" „Er mag dich eben." „Aber ich mag ihn nicht! Zumindest nicht so!" „Tja, das mit der Liebe ist so eine Sache. Und jetzt zieh dich um. Ich mach essen."

Von einen Moment auf den anderen schlägt die Stimmung wieder um und Joel ist … Joel.


Die Nudeln waren ok. Naja, nach 20 Jahren konnte man auch nicht mehr viel erwarten. Sie waren zwar eher eine klumpige Masse, die man auseinanderschneiden musste, aber mit genug Soße waren sie essbar – zumindest reichte es zum Überleben und das war schon mal besser als nichts.

„Besser als die letzten", kommentierte Ellie als sie sich eine neue Gabel in den Mund steckte. Ich nickte und musste daran denken, wie gern Sarah Spagetti mit Tomatensoße gegessen hatte. Mindestens einmal die Woche musste ich welche machen, damit sie zum Jammern aufhörte. Und jetzt sitze ich hier und esse Spagetti mit Tomatensoße – ohne meine Tochter. Die Welt konnte so grausam sein.

„Tut mir Leid", reißt mich Ellie ohne jede Vorwarnung aus meinen Gedanken. „Was tut dir Leid?" „Alles. Alles was ich gestern gesagt habe. Und auch die anderen schlimmen Dinge die ich jemals gesagt oder getan habe. Ich weiß, das war nicht fair und richtig und … Es tut mir einfach Leid, okay?" „Okay." „Und du? Willst du nicht auch etwas dazu sagen?" Ich brumme sie an und bringe ein „Mir tut es auch Leid, zufrieden?" hervor, dass ihr ein ziemlich breites Grinsen ins Gesicht zaubert. „Jep, jetzt bin ich zufrieden. Hätte ich mehr Salz in meinem Essen wäre es noch besser." Diese Anspielung verstand ich natürlich sofort, aber wenn das Fräulein etwas wollte, dann konnte sie es sich auch selbst holen. „Schön für dich. Mir ist es salzig genug", obwohl das eine reine Lüge war.

„Also?", fragte sie abwartend und zog das Wort unnötig in die Länge. „Also, wenn du Salz willst, dann hol dir welches." „Pff, du bist gemein", schnaubt sie und steht auf um sich aus einem der oberen Regale den Salzstreuer zu holen. „Fast leer." „Wir bekommen erst in einer Woche eine neue Ration." „Pff. Früher war es leichter." Ich ziehe eine Augenbraue nach oben und sehe sie fragend an. „Nur wir zwei. Was wir brauchten haben wir uns genommen. Konnten gehen wann wir wollten. Schlafen. Jetzt ist alles in einem geregelten Ablauf." „Das ist doch gut." „Findest du?" „Ja. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er braucht seinen geregelten Alltag." „Naja, wir hatten doch auch einen geregelten Alltag. Überleben, jagen, überleben, schlafen." Ich grinse sie an und nicke. „Ja, genau. So ungefähr."

Nachdem wir beide zusammengegessen haben spült Ellie ab und räumt die Küche ein wenig auf.

War jetzt alles wieder in Ordnung? – Zumindest scheint es so.

„Joel?" „Mh?" „Ich hab dich lieb. Und du musst mir versprechen mich niemals – NIEMALS – zu verlassen." Ich hebe den Blick und sehe von der Gitarre auf. „Ich dich auch, Babygirl. Und ja, ich versprechs. Ich bleibe bei dir." „Gut. Und jetzt zeig mir mal, wie ich das richtig mache." Sie nimmt die Gitarre in ihre Hand und hockt sich auf dem Boden. Dort im Schneidersitz bringt sie das Instrument in Position und sieht sie fragend an.

„Ich versteh das nicht. Wie war das? Die letzte auf dem ersten und die vierte auf dem zweiten Bund?" „Jep." „Und das ist dann?" „A." „Okay. Und jetzt zweimal – ohw." „Nicht so fest! Warte ich helf dir."

Ich rutsche hinter Ellie, und nehme ihre rechte Hand in meine. Mit der linken Hand umfasse ich die Hand, die die Saiten nach unten drückt und richte sie richtig hin. „Guck mal her. Dein Handgelenk muss viel weiter nach vor-" „Bist du verrückt!? Wenn ich die Gitarre so halte breche ich mir ja alle Knochen!" „Aber nur so ist es richtig", grinse ich sie an und positioniere ihre Hand noch einmal. Dann drücke ich ihre Finger fester nach unten. „Fester auf die Saiten drücken. Sonst wird der Ton schief und hört sich einfach nur schrecklich an. „Klar, Boss."

Sie versucht es noch einmal, doch auch dieses Mal kommt ein grausiger Ton hervor und ich verziehe mein Gesicht zu einer Grimasse. – Grausam.

„Du musst viel lockerer-. Verkrampf deine Hand nicht so!" „Tut mir Leid. Aber das ist total schwer!" „Komm locker mal die Hand ein bisschen und jetzt-. Siehst du? Hört sich doch gleich viel besser an." Ich streiche langsam mit ihrer Hand über die Saiten und ein sanfter Ton kommt aus dem Bauch der Gitarre. „Jey! Und wie war das? Einmal – dann kurze Pause – zweimal hintereinander nach unten, und dann zweimal von unten nach ob- oh man." „Du verkrampfst deine Hand viel zu sehr, kiddo. Du musst locker bleiben. Schau – so."

Nach einigen Versuchen klingt der Anfang des Stückes schon wesentlich besser, aber hin und wieder schleichen sich ein paar schiefe Töne ein. „Ich glaube du bist der Plektrum-Typ." „Ein Was-Typ?" „Plektrum. Das sind so … mh, wie soll ich das erklären? So kleine Teile damit man die Saiten besser spielen kann." „Haben wir so was?" „Nope." „Dann muss es so auch gehen. Also noch einmal von vorne. Runter – Pause – Runter, runter, hoch, hoch."

Nach einer halben Stunde gibt mir Ellie die Gitarre zurück. „Verdammt. Meine Finger brennen wie Hölle! Das tut sau weh! Warum muss man die Saiten auch so fest nach unten drücken?" „Ich weiß." „Maaaan. Wie blöd." Sie begutachtete ihre Fingerspitzen die den genauen Abdruck der Saiten wiedergeben.

„Joel?" „Mh?" Ich zupfe langsam an den Saiten und beginne mit einem der wenigen Lieder die mir noch einfallen. Es ist einfach viel zu lange her, seitdem ich eine Gitarre in meinen Händen hielt. „Kannst du mir morgen etwas Leichteres beibringen? Etwas wo man zupft statt streicht?" „Da fällt mir nur ‚Smoke on the water' ein. Was so ziemlich jeder Idiot spielen kann, weil es nur ein paar verschiedene Griffe sind."

Ohne darauf gefasst gewesen zu sein bekomme ich einen Schlag auf den Hinterkopf. „Du Arsch! Und mich lässt du hier eine halbe Stunde irgendwas spielen, wo ich auch das hätte lernen können." „Du hast nicht nach etwas anderem gefragt!" Sie streckt mir die Zunge raus und legt sich auf den Bauch. „Und jetzt spiel!" „Was denn?" „Weiß nicht. Irgendwas halt."

Und so beginne ich mit den ersten paar Tönen des Liedes …