Wenn es morgens um vier Uhr klingelte, gibt es nie gute Neuigkeiten. Zumindest war dies eine äußerst beunruhigende Begebenheit, welche Hermine Granger aus dem Schlaf weckte. Offen gesagt hatte sie keine Ahnung, wer um diese unheilige Uhrzeit an ihrer Tür klingeln würde. Das Buch, welches immer noch auf ihrem Bauch ruhte, legte sie beiseite, und stieg aus dem Bett.
Es war wahrscheinlich eine schlechte Angewohnheit, welche sie sich von Alastor Moody zu Eigen gemacht hatte, doch stieg sie mit dem Zauberstab im Anschlag die Treppen zur Eingangshalle herunter. Dass ihre Familie wohlhabend war, hatte sie ihren Freunden gegenüber nie erwähnt. Diese wussten wahrscheinlich nicht einmal, was Zahnärzte waren. Vielleicht bis auf Harry, nur wurde ihm wohl nie ein Besuch bei einem solchen erlaubt. Die Stufen knarrten nicht, leise schlich sie in Richtung der Haustür. Ihre Eltern waren über das Wochenende weg, da ihr Vater einen Termin hatte, bei dem es sich wohl um etwas Geschäftliches handeln musste.
Sie rief durch die Tür zur Quelle. „Wer ist da?"
Die Stimme, die Antwortete, was unmissverständlich Remus Lupin zuzuordnen. „Remus Lupin, Alastor Moody und Begleitung."
Eine weitere beunruhigende Angewohnheit ritt sie dazu, das Folgende zu verlangen. „Beweisen sie es."
Man hörte unterdrücktes lachen von einer unbekannten weiblichen Stimme. Eine tiefere, knurrige Stimme meinte, „Sie lernt, die Kleine."
Remus antwortete dazwischen, „Du warst letzten Sommer über den Zeitraum einiger Wochen im Grimmauldplatz. Du und Ron habt am dritten Tag nach eurer Ankunft über Tischmanieren gestritten. Darauf hast du ihn mit ‚Schleimbeutel' betitelt, und einigen anderen Wörtern, die ich in Präsenz einer Dame nicht erwähnen werde." Es war unterdrücktes Gelächter von einer der Unbekannten zu hören.
Eine sehr akkurate Information, welche wirklich nur Remus wissen konnte - immerhin war selbst Harry da noch nicht angekommen. Für Hermine reichte das aus, sie war schließlich nicht allzu paranoid. Nachdem sie sie hereinbat, knurrte Moody noch „Was war es, dass du in deinem dritten Jahr benutzt hast, um derart viele Fächer belegen zu können?"
Da sie wusste, dass seine Frage nur fair war, antwortete sie „Einen Zeitumkehrer. Professor McGonagall gab ihn mir, nachdem ich versprach, ihn nur persönlich zu nutzen und keinesfalls die Existenz eines solchen Artefakts in den Händen einer Schülerin preiszugeben."
Hermine war sowohl überrascht als auch verwirrt von der Ankunft der vier Personen, doch ihre Fragen blieben zunächst unbeantwortet. Moody begab sich in Richtung des Wohnzimmers, sein Holzbein machte keinen Laut auf den Boden, anders als bei dem Todesser während ihres vierten Schuljahres. Er schien ihrem Blick gefolgt zu sein, so knurrte er „Glaubst du etwa, ich hätte nicht gelernt, mit dem Bein umzugehen? Pah!"
Hermine richtete sich an Remus, welcher ihr nur bedeutete, sich zu setzen. Sie saßen in dem einfachen Wohnraum, welches ein großes Sofa und mehrere Sessel beherbergte. Hermine sah sich erstmals von ihrem Sessel aus die Ankömmlinge an. Remus Lupin sah älter aus als je zuvor. Hermine ahnte nichts Gutes. Alastor Moody hatte sich kaum verändert. Viel interessanter waren die zwei Unbekannten. Eine Frau mit dunkelbraunen Locken saß auf der Couch. Ihr Gesicht war weich und braune, beinahe schwarze Augen blickten betont ruhig in die Runde.
Der zweite Unbekannte war offenbar ein rauer Geselle. Er hatte schwarze Haare, welche einen unordentlichen Linksscheitel bildeten, als wäre er durch Regen gelaufen. Sein Gesicht war kantig und es spiegelten sich Jahre des Kampfes ab, nicht nur von den schwach zu sehenden Narben, auch von seinem Blick. Normalerweise spiegelte sich bei jedem Menschen etwas wieder, etwas vollkommen Normales, was Hermine dennoch nicht einordnen konnte, doch diesem Mann fehlte es. Er stand noch immer, offenbar in einer wachenden Grundhaltung. Jeder andere hätte sich zumindest an die Wand gelehnt, nicht aber dieser Mann. Sein berechnender Blick machte Hermine ein wenig Angst, so wendete sie ihren Blick ab und schaute ihren alten Professor Lupin an.
„Wünschen sie etwas, Professor…" setzte sie an, doch Lupin unterbrach sie.
„Ich bin lange nicht mehr dein Professor, Hermine. Nenn mich doch einfach Remus. Das gilt für alle anderen. Das ist Emilia", er verwies auf die Frau in dem Sessel, „und der Typ, welcher sich offenbar weigert, sich zu uns zu setzen, weil er noch paranoider als Moody zu sein scheint, ist Thomas. Und, ob wir etwas wollen, nun ja, ich brauche nichts, danke."
Einzig Emilia meldete sich zu Wort. Ihre Stimme klang sehr nett, in dem warmen Ton ihrer Stimme schwang eine sanfte Melodie mit, „Ich hätte gerne ein Glas Wasser, wenn es dir nichts ausmacht."
Hermine begab sich kurz in die Küche und holte das gewünschte Getränk. Sich selbst machte sie einen Kakao. So wie die Anwesenden aussahen, würde sie ihn brauchen.
Als sie sich wieder in das Wohnzimmer begeben hatte, ahnte sie noch nicht das Ausmaß der Nachricht, die sie erhalten würde.
Remus seufzte resigniert. „Hermine, ich kann mir vorstellen, dass das jetzt etwas überwältigend wird, aber wir haben die einige Dinge zu sagen."
Remus wurde von Moody unterbrochen, „Wofür wir offenbar zu viert kommen mussten."
Remus fuhr unbeirrt fort. „Nach eurem kleinen… Ausflug in die Mysteriumsabteilung sind mehrere beunruhigende Dinge geschehen. Ich versichere dir, dass wir alles tun, um es wieder in Ordnung zu bringen. Aber vorerst müssen einige Maßnahmen ergriffen werden."
Thomas hatte dann wohl entschieden, das Gespräch zu übernehmen. „Meine Güte, Remus, da kann ja jeder Anfänger besser auf den Punkt kommen. Relevante Ereignisse der letzten Tage: Die in der Mysteriumsabteilung gefangenen Todesser sind gestern um 8.00 Uhr verschwunden. Des Weiteren wurden zwei Schüler, welche in die Ereignisse im Ministerium verwickelt waren, gestern im Zeitraum von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr entführt. Hintergründe der Entführung sind unbekannt, Täter hingegen wohl Anhänger Voldemorts."
Remus unterbrach ihn wieder. „Du musst verstehen, dass wir davon ausgehen, dass bei letzterer Tat die Kinder der DA das Ziel sind. Deswegen bringen wir dich und die anderen Betreffenden in das neue Hauptquartier. Deine Eltern werden in Kürze folgen."
Hermine wurde kurz Zeit gegeben, um das Ganze zu Verarbeiten. Sie wusste bei bestem Gewissen nicht, was sie von der Situation halten sollte. Todesser verschwinden doch nicht so einfach. Als sie realisierte, was darauf gesagt wurde, versagten ihre Gehirnzellen simultan. Was? Jemand war verschwunden? Wer? Und vor allem: zu welchem Zweck?
Sie musste geschockt ausgesehen haben, da Remus versuchte, sie zu beruhigen. „Wir versichern dir, wir versuchen unser Bestes. Aber Genaueres besprechen wir doch lieber woanders. Komm, die anderen werden von ihren Eltern zum Hauptquartier gebracht. Auch wenn es bei den Weasleys sicherlich Überzeugungskraft benötigt, die Kinder in die Sitzung des Ordens zu lassen."
Das hob Hermines Interesse, und die Sorgen waren kurz vergessen. „Wir werden dabei sein, wenn der Orden sich trifft?"
Remus lächelte kurz. „Nicht der gesamte Orden, nur relevante Mitglieder, welche persönlich von dieser Sache betroffen sind. Das Treffen der führenden Mitglieder gab es schon zuvor."
Hermine hackte nochmal nach, „Wer sind die Entführten?" Sie hatte eine grausame Befürchtung.
Remus blickte sie nur an. Ein Blick, der sie zum Schweigen aufforderte. Moody holte etwas aus der Tasche. Remus und Hermine griffen nach dem Buch, dass wohl als Portschlüssel dienen sollte. Hermine blickte verwirrt zu Thomas und Emilia. Letztere lächelte sie an und erklärte, „Wir reisen etwas anders."
Moody meinte dazwischen, „Thomas bildet die Vorhut. Und Emilia wird uns nachreisen."
Wie auf das Stichwort verschwand der Mann. Doch Hermine hatte etwas derartiges noch nie gesehen, kein lautes Geräusch, wie es für eine Apparation typisch war. Der Mann schien sich extrem schnell aufzulösen. Die schwarzen Rauchschwaden verschwanden wenige Zentimeter von seinem Körper entfernt ins nichts. Doch ehe sie sich darüber wundern konnte, wurde sie von dem Ort weggesogen. Ein Feuerwerk an Lichtern zischte in Windeseile an ihnen vorbei, während sie versuchte, das Buch festzuhalten.
Der Trip dauerte ungewöhnlich lange. Sie reisten wohl sehr weit. Der Ort, an dem sie ankamen, beunruhigte Hermine ein wenig. Es war dunkel, und um sie herum waren große Bäume. Der Himmel wurde vom abnehmenden Mond erhellt. Kein Wunder, dass Remus derart alt aussah, vor kurzem war Vollmond. Die Ereignisse verstärkten den Effekt offenbar.
Remus und Moody zogen ihre Zauberstäbe und erhellten die Umgebung. Hermine war es mit sechzehn Jahren noch nicht erlaubt, zu zaubern. Was sie jedoch im Notfall nicht davon abhalten würde.
Doch das plötzliche Auftauchen einer Stimme erschreckte sie bis in das Mark. „Alles gesichert." Hallte die Stimme von Thomas durch den Wald. Sie schien von überall zu kommen. Der Wald schien zunehmend dunkler zu werden. Hermine war verunsichert. Auch, wenn sie die Identität ihrer Begleiter wusste, so war sie sich nicht sicher. Ein bedrückendes Gefühl machte sich breit, dass etwas nicht stimmte. Auch Moody schien es zu bemerken.
„Etwas stimmt hier nicht. Thomas? Auskundschaften. Remus, wir können erst den nächsten Portschlüssel verwenden, wenn alles sicher ist."
Der Himmel hatte ein sehr dunkles Blau, und durch die Bäume strahlte der Mond. Doch als sie den schwarzen Schatten erkannte, der sich ihnen näherte, stieß Remus sie auf den Boden „RUNTER!"
Sie wagte es, schwach den Kopf nach hinten zu wenden, als sie hinter einen Felsen hechtete. Moody begann, Flüche gegen den Schatten zu feuern. Ein weiterer Schatten flog auf die Gruppe zu, welchen Remus und Moody unbeachtet ließen. Als der Schatten sich auf Hermine zubewegte, schrie sie kurz auf. Doch sobald wenige Momente später Thomas neben ihr stand, beruhigte sie sich etwas.
Sie wandte den Kopf zu Remus, welcher in Deckung gehen musste. Ein wahres Sperrfeuer aus schwarzen Flüchen prasselte in seine Richtung. Hermine zuckte heftig zusammen, als ein ekelerregend grüner Lichtstrahl wenige Meter neben ihr einschlug. Normalerweise hätte sie versucht, sich zu verteidigen, doch dieser Kampf hatte sie starr vor Schreck werden lassen, so kauerte sie sich hinter einem Felsen zusammen.
Sie hörte in der Ferne Einschläge, Explosionen, Geräusche, die sie nie zu Ohren bekommen wollte. Sie hörte jemanden „Lupin! Aus meiner Schusslinie!" schreien, bevor Geräusche ertönten, welche sie dazu brachten, sich fest die Ohren zuzuhalten. Eine widerliche Explosion. Sie war nur dumpf zu hören. Hermine hielt sich die Ohren fester zu, nur, damit sie dieses nasse Aufklatschen auf den Waldboden nicht hören musste.
Wenige Augenblicke später war es dann vorbei. Die weiche Stimme Emilias ertönte neben ihr. „Komm, es ist alles wieder gut. Aber mach besser nicht die Augen auf." Sagte sie in einem beruhigenden Ton, in dem allerdings etwas Ekel mitschwang.
Hermine hielt sich daran. Mit geschlossenen Augen und Emilias Unterstützung wankte sie in eine unbekannte Richtung. Als sie sich entfernt hatten, sagte Emilia, „Du kannst jetzt die Augen aufmachen."
Ihre eigene Stimme klang so unglaublich schwach. „Was ist passiert?"
Emilia strich mit einer Hand über ihren Rücken. „Ein Angriff von einem Spähtrupp. Keine Sorge, allen geht es gut."
Hermine löste ihren Blick von dem Waldboden. Emilias Haare waren unordentlich, und sie sah ein wenig Müde aus. Remus hielt sich den Arm, wo eine Wunde klaffte. Hermine blickte ihn wohl besorgt an, da er erwiderte, „Keine Sorge, Hermine, das ist nichts."
Moody war unbeschadet, doch die Blutspritzer auf seinem Mantel ließen Hermine ihren Blick abwenden. Sie suchte nach Thomas. Er war hier nicht. Remus schien ihrem Blick zu folgen. „Thomas ist schon weiter zum Hauptquartier. Emilia, du kommst direkt mit uns, jetzt brauchen wir keine Nachhut."
Die Angesprochene nickte. Moody ließ sie einen großen Stein anfassen. Hermine zitterte noch immer. Sie wurden wieder von dem Ort weggesogen. Dieser Trip war bei weitem nicht so lange wie der erste, doch Hermine fiel das nicht auf. Ihr Gehirn hat ausgesetzt, als es versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Dumpf hörte sie den Knall, die Türen, die aufgestoßen wurden. Es war egal.
Wie in der Ferne hörte sie Stimmen. „Hermine? Was ist passiert?"
Die Wärme, die ihr die Hand bot, welche sich auf ihre Schulter legte, fegte den Schock weg. Hermine fing an zu weinen und klammerte sich an den unbekannten Körper.
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Es war nicht wirklich Rons Paradedisziplin, morgens aufzuwachen. Genau genommen war es ja gar nicht morgens, sondern noch mitten in der Nacht! Wieso störte man da seinen wohlverdienten Schlaf? Dumpf hörte er die Stimme von Fred, „Ron! Aufwachen! Wir müssen los!"
„Wred, wauf auf meimem Chimmer!"
Wäre er wach gewesen, hätte Fred wohl verstanden, was er meinte, aber natürlich musste sein Bruder ihn ja weiter stören. Er wollte nur noch die Decke über den Kopf ziehen und weiterschlafen. Doch ein kalter Schwall hielt ihn davon ab.
Dieser Arsch! Hatte er ihm doch tatsächlich kaltes Wasser über den Pelz geschüttet! Das ließ ihn die Decke zur Seite schmeißen. Er sprang auf, doch Fred war unlängst aus seinem Zimmer verschwunden. Mürrisch gestimmt zog er sich an, und stampfte schwach die Treppe hinunter. Doch seine Stimmung machte Sorge Platz als er das verweinte Gesicht seiner Mutter sah.
Sie diskutierte heftig mit Tonks und einem Mann, den Ron nicht kannte. Sein Vater stand hinter seiner Mutter und hielt sie. Sie sah aus, als würde sie gleich umkippen. Auch seinen Brüdern Bill und Charlie ging es offenbar nicht besser.
Die ganze Weasley-Sippe schien hier anwesend zu sein, was Rons Sorge in die Höhe schießen ließ. Sie bemerkten seine Ankunft. Fred und George bedachten ihn mit einem trüben Blick. Es musste etwas passiert sein, was selbst die Beiden traurig stimmte.
Ron befürchtete, seine Stimme würde versagen, dennoch fasste er seinen Mut zusammen und fragte, was los sei. Die Antwort würde ihm nicht gefallen, soviel wusste er schon.
Seine Mutter fing lauter an zu weinen. Sein Vater schien ebenso betrübt es nun aussprechen zu müssen. Die Erkenntnis traf Ron wie ein Schlag. Es fiel kaum auf, da die Sippschaft recht groß war, doch es fehlte jemand.
„Ginny? Wo ist sie?"
Sein Vater wirkte erneut den Tränen nah. „Wir wissen es nicht."
„Wie ihr wisst es nicht? Wo ist Ginny?" seine Stimme schien sich nicht zwischen einem hellen und einem dunklen Ton entscheiden zu können.
Tonks sah ihn traurig an. „Wir versuchen unser Bestes."
Das war ja wohl die Definition von nichtssagend. Ron wurde langsam wütend. „Euer Bestes ist offenbar nicht gut genug! Was ist passiert?"
Der Mann, den Ron nicht kannte, wandte sich ihm zu und entgegnete ruhig, „Sie wurde gestern von dem Anwesen der Lovegoods entführt."
Ron war starr vor Schreck. Entführt? Sein Vater räusperte sich. „Sie… Sie wollte kurz zu Besuch. Sie wollte einer Schulfreundin etwas vorbeibringen. Sie hat sich noch bei uns verabschiedet. Merlin, wieso habe ich nicht aufgepasst?"
„Es ist nicht ihre Schuld. Wir konnten es nicht ahnen." Versuchte Tonks sie zu beruhigen. Bill sah grimmig in die Runde. „Todesser?"
Der Unbekannte schien zu seufzen. „Kann man sagen, ja."
Nun schien auch bei seinem Vater die Ruhe zu brechen. „Was meinen Sie mit ‚Kann man sagen'? Waren es nun Todesser oder nicht? Wissen sie überhaupt etwas?"
Der Mann erwiderte wieder ruhig, „Es waren in jedem Fall Anhänger Voldemorts. Ich kann ihnen versichern, dass wir nichts unversucht lassen, um ihre Tochter und den anderen Entführten zu finden."
„Wer noch?" fragte Fred.
„Das besprechen wir im Hauptquartier. Ihr Haus hat eine Flohverbindung mit dem Orden, also ist es nicht schwierig, dorthin zu gelangen. Ich bitte sie, bis dahin Ruhe zu bewahren." Meinte der Unbekannte.
Ron schwieg. Zu schwer lag die Last des Erfahrenen. Ginny wollte die Nacht bei Luna verbringen, aus welchem Grund auch immer. Dass sie nicht mehr zurückkommen würde, war ein Schock.
Ron standen bereits Tränen in den Augen. Aber er durfte nicht schwach werden. Um seiner Schwester willen. So blickte er nochmals in die Runde. Der Mann, welcher neben Tonks stand, war relativ groß. Nicht so groß wie sein Bruder Charlie, er konnte sich jedoch mit ihm Messen. Er war sehr stattlich, offenbar trainiert. Das, was Rons Augenmerk traf waren die dunkelgrünen Haare. Doch er hakte nicht weiter nach. Der Blick des Mannes wirkte ruhig und gelassen, als würde er nichts an sich heranlassen.
Rons Gedanken schweiften wieder zu Ginny. Wo war sie? Ging es ihr gut? Blöde Frage, natürlich ging es ihr nicht gut, doch daran konnte Ron im Moment gar nicht denken. Wieso war sie entführt worden? Wieso niemand anderes? Wieso nicht er selbst?
Er wurde von Tonks aus einen Gedanken gerissen. „Wir bringen euch jetzt zum Hauptquartier. Zu eurer Sicherheit werdet ihr den Sommer dort bleiben."
Ron nickte nur schwach, er wusste bei Merlin nicht mehr weiter. Unsicher griff er nach dem Flohpulver, und sagte schwach „Hauptquartier des Ordens", bevor er durch das Flohsystem den richtigen Kamin fand.
Dumpf hörte er seinen Aufprall. Er war sauber hingefallen, doch das störte ihn nicht. Der Raum, in dem er sich befand, konnte man nur als königlich bezeichnen. Der Tisch, welcher in der Mitte des Raumes stand, war offenbar ein Tisch für Sitzungen des Ordens. Er war extrem lang und zog sich in einem fast geschlossenen Kreis um ein kleines Podest in der Mitte des Raumes. Am weitesten Entfernt saß der Schulleiter mit der Stellvertreterin. Daneben folgten einige Menschen, welche Ron nicht kannte.
Rechts am Tisch folgten dann die Eltern der anderen Kinder. Die alte Longbottom war ebenfalls anwesend, mit Neville. Ebenfalls erkannte Ron Luna Lovegood mit jemand, der ihr Vater sein musste.
Albus meldete sich zu Wort, nachdem alle Weasleys angekommen waren. „Nun, ich finde, wir sollten diese Runde in einer angenehmeren Umgebung fortsetzen." So standen alle Anwesenden auf, bevor Der Schulleiter in die Hände klatschte. Der große Tisch schien zu schrumpfen und gerade zu werden.
An der Wand ihnen gegenüber, welche eine beschauliche Holzvertäfelung zeigte, Erschienen mehrere Regale mit Büchern, davor entstand eine kleine Sitzecke. Offenbar war dies der Raum für private Treffen und das Esszimmer. Praktisch.
Viel mehr Ablenkung bot es Ron nicht, da seine Gedanken wieder zu dem Passierten schweiften. Seine Mutter weinte noch immer rückhaltlos. Der Tisch in der Mitte wurde schnell voll. Der Direktor setzte sich an die Spitze des Tisches.
Ron blickte sich kurz in dem Raum um. Er war relativ hoch, hoch genug wahrscheinlich für Hagrid. Die Wände, geziert mit einer roten Farbe, gaben einen warmen Ton in den Raum. Der Kronleuchter an der Decke gab mehr Licht ab als eigentlich möglich. Wahrscheinlich magisch verstärkt.
Als Ron sich setzte, dachte er erstmals über das Gehörte nach. Eine weitere Person fehlte. Er wusste nicht, ob es einer von den Schülern war, man hatte es ihm nicht gesagt. Tatsache war jedoch, dass Remus, Moody, Hermine und Harry fehlten, was ihn einen kalten Schauer den Rücken runterlaufen ließ.
Im Raum herrschte bedrückende Stille. Die anderen Anwesenden waren offenbar erleichtert, dass es niemand Bekanntes ihrerseits war. Die Weasleys jedoch waren in einer trüben Stimmung.
Endlich räusperte sich Albus. „Nun, Remus, Alastor und die junge Miss Granger müssten gleich mit ihrem Begleitschutz eintreffen."
Ron war erleichtert und zugleich sehr beunruhigt. Das ließ nur noch Harry als möglichen Schluss zu. Auf der anderen Seite war er ein wenig erleichtert, dass es nicht Hermine war. Wie aufs Stichwort hörte er ein dumpfes Knallen außerhalb des Raumes.
Der Direktor nickte bedächtig. „Sie sind angekommen."
Ron erhob sich schnell und riss fast die Tür auf, welche zu einem kleinen, einfachen Raum führte. Der Holzboden knarrte leicht unter seinen Füßen, wohl absichtlich. Doch was Ron dann sah, schockte ihn bis ins Mark. Remus Lupin stand schwach an eine Wand gelehnt. Blut tropfte von seinem Arm. Eine Wunde klaffte an dieser Stelle, auf die er mit der Hand ein Tuch presste.
Eine unbekannte Frau mit dunklen Locken ging auf Remus zu und verlangte nach seinem Arm. Sie heilte die Wunde mit einem Schlenker ihres Zauberstabes. Doch Ron konnte dem keine Beachtung schenken. An einem weiteren Unbekannten Mann vorbei, welcher ihn kurz mit einem kalten Blick bedachte, schritt er auf Hermine zu, welche Ausdrucklos in sich zusammen gesackt war.
Ihre Augen starrten vor sich hin, als wäre sie in Schock. Zögerlich legte Ron ihre die Hand auf die Schulter, und fragte vorsichtig, „Hermine? Was ist passiert?"
Dass sie sich an ihn klammern würde und anfangen würde bitterlich zu weinen, versetzte Ron einen Schlag in die Magengegend. Was war hier passiert?
Als hätte man seine Gedanken gelesen verlangte Professor McGonagall dieselbe Information. Er hatte Moody gar nicht bemerkt, erschrak daher leicht, als dieser knurrte, „Wir wurden angegriffen. Ein kleiner Spähtrupp. Eigentlich nichts ernstes, aber diese Mistkerle haben unglaubliche Salven geschossen. Ich wusste gar nicht, dass diese Viecher neuerdings für Voldemort arbeiten."
Der Direktor schien ihn beruhigen zu wollten. „Alastor, das ist nun ein anderes Thema. Da alle versorgt sind, Mister Weasley, bringen die die junge Miss Granger doch bitte in das Gästezimmer, hier ist es doch recht ungemütlich. Sie dürfte nach einem solchen Kampf unter Schock stehen."
Die Stimmen, die Ron umgaben klangen so ungewohnt. Der Direktor, welcher sonst so eine ruhige und kryptische Sprechweise hatte, gab nun routiniert Anweisungen. Erst jetzt bemerkte Ron, dass wirklich Krieg herrschte. Nicht, weil Hermine sich noch immer an ihn klammerte, sondern auch von den Mienen der Anwesenden. Es mussten andere Seiten aufgezogen werden.
Ron versuchte, Hermine zu beruhigen und richtete sie auf. Sie gingen zusammen in das Wohnzimmer. Dort setzte Ron Hermine auf einen freien Stuhl und sich selbst neben sie. Besorgt blickte er in die Runde. Die trüben Gesichter hatten auch Remus und Moody auf, soweit letzterer dazu fähig war.
Ron musterte Dumbledore. Der Mann sah älter aus als jemals zuvor. Es musste etwas Schreckliches passiert sein, nicht nur die Entführung. Der Schulleiter seufzte und fing an zu sprechen. „Nun, wie ihr informiert wurdet, gab es in der letzten Zeit einige beunruhigende Entwicklungen. Die Meisten Mitglieder des Ordens werden es schon wissen, jedoch wiederhole ich es nochmals für die Jüngsten anwesenden."
Rons Mutter sprach dazwischen. „Albus, ich finde, sie sind zu jung, um diese Dinge zu erfahren." Ihre Stimme hatte nicht diesen herrischen Ton. Er machte einer Spur von Trauer und Verzweiflung Platz.
Der Schulleiter hingegen ging diesmal nicht auf sie ein. „Die gefangenen Todesser sind aus Azkaban verschwunden. Die stationierten Auroren haben keine Ahnung, wieso. Des Weiteren laufen wir in die Gefahr, die Dementoren von Azkaban an Voldemort zu verlieren. Voldemort hat außerdem seine Streitkräfte ausgeweitet, sodass wir gezwungen waren, uns den Unsäglichen anzuschließen."
Hermine neben ihm sah Dumbledore in die Augen. Sie machte den Mund auf, doch ihre Stimme klang unglaublich schwach. Trotzdem sprach sie, „Unsägliche? Was haben die mit der Sache zu tun?"
Gegenüber von Ron saß am Tisch ein Mann mit einem kantigen Gesicht und muskulöser Statur. Er blickte Hermine ungerührt an, „Miss Granger, die Unsäglichen sind weit mehr als die Mitarbeiter in der Mysteriumsabteilung. Wir sind ein internationaler Verband mit vielen Abteilungen. Die nächste Zentrale wäre in Europa, in Straßburg. Sie müssen verstehen, dass ich ihnen aufgrund der Geheimhaltung nichts Näheres sagen darf, jedoch kann ich ihnen sagen, dass wir seit geraumer Zeit gegen die Bedrohung ankämpfen, welche uns bei Weitem nicht unbekannt ist."
Die Frau, welche neben Remus saß und seine Wunde behandelt hatte, blickte den Mann die ganze Zeit wütend an. „Du scheinst deinen Beruf aber mit dem eines Metzgers verwechselt zu haben. Meine Güte, die Kleine ist jetzt noch geschockt von dem, was du abgezogen hast!"
Der Mann blickte der Frau kurz in die Augen, welche darauf mürrisch die Arme verschränkte. Dumbledore fuhr unbeirrt fort. „Die Ereignisse, die die Anwesenden persönlich betreffen sind die Entführungen von Ginevra Weasley und Harry James Potter."
Ron nickte bedächtig. Das hatte er schon erwartet. Seine Schwester allerdings hatte nichts mit der Sache zu tun, und konnte sich weniger gut selbst verteidigen. Ron ballte die Hand zur Faust. Das würden sie Büßen. Neben ihm konnte Ron hören, wie Hermine schwach „Harry?" flüsterte. Er legte ihr erneut die Hand auf die Schulter. Der Abend verging in stiller Trauer. Die Eltern wurden getröstet, die anderen gaben sich still ihren Rachephantasien hin.
Der Krieg hatte nicht nur an ihre Haustüren geklopft, nein, er hatte die Türen eingetreten und begann ihre Einrichtung zu zerlegen.
Edit 2018-07-02: GRIM OLD PLACE
