Trotz McGonagalls Versicherung verschwand Harrys innere Unruhe in den nächsten Wochen nicht ganz. Kaum waren die Prüfungen hinter ihnen, verflogen die Tage viel zu schnell. Im Unterricht wurde nur noch wiederholt, aber weder Lehrer noch Schüler schienen so ganz bei der Sache zu sein und so verbrachten die Gryffindors den größten Teil der Woche draußen in der Sonne. Trotzdem bekamen sie am letzten Tag jede Menge Hausaufgaben für die Ferien, was ihrer Sommerlaune einen ziemlichen Dämpfer verpasste.

„Ich verstehe einfach nicht was das soll", beschwerte sich Ron im Hogwarts Express. „Das ganze Jahr rackern wir uns ab, dann könnten sie uns zumindest die Ferien lassen."

Hermine sah aus, als würde sie etwas sagen wollen, ließ es dann aber und vertiefte sich wieder in eines ihrer Bücher. Harry gab Ron im Stillen recht. Allerdings hätte er lieber das dreifache an Hausaufgaben, wenn er dafür nicht zu den Dursleys zurück müsste. Sie würden ihm nie erlauben auch nur eines seiner Bücher aufzuschlagen.

Obwohl sie im strahlenden Sonnenschein losgefahren waren, war London von tief hängenden Wolken verdeckt. Sie passten zu Harrys Stimmung, die immer dunkler wurde, je näher sie Kings Cross kamen. Der Zug blieb ratternd stehen und das übliche Chaos brach aus. Als sie es endlich mit ihrem Gepäck bis auf den Bahnsteig geschafft hatten, blieben sie einen Moment unschlüssig stehen. In der Ferne erblickte er Onkel Vernon, wie immer mit dunkelrotem Gesicht. Frustriert seufzte Harry einmal und verabschiedetet sich dann von den Anderen.

„Denk dran, Harry, es ist nur für eine kurze Zeit!", sagte Hermine eindringlich, konnte die Besorgnis um ihn jedoch nicht völlig unterdrücken.

„Klar", antwortete er tonlos und zwang sich zu einem Lächeln. „Genießt die Ferien, ich schreibe...wenn ich kann!"

Seine Freunde blieben zurück und sahen ihm nach, während er in Richtung Dursleys ging.

„Wurde aber auch Zeit, Bursche", schnauzte Vernon ihn an, drehte sich um und schritt zum Wagen, ohne darauf zu achten, ob sein Neffe hinterher kam oder nicht. Harry verdrehte die Augen und versuchte seinen schweren Koffer so schnell wie möglich hinter sich her zu schleifen. Die Fahrt verlief schweigend. Harry saß auf der Rückbank und starrte aus dem Fenster.

Alles war wie immer. Egal was Dumbledore und McGonagall gesagt hatten, jetzt war er doch wieder allein bei den Dursleys und hatte zwei Monate voller Schinderei und Beleidigungen vor sich. Wie konnte er auch nur so dumm gewesen sein und ihnen glauben? Er versuchte nicht all zu enttäuscht zu sein, doch es fiel ihm schwer. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Vertrauen gehabt, aber wie immer war es umsonst gewesen.

Viel zu schnell erreichten sie den Ligusterweg. Er schaffte es kaum den Koffer aus dem Wagen zu heben und schließlich trat Vernon zu ihm und nahm ihm das Gepäckstück ab. Völlig fassungslos ob dieser Freundlichkeit, folgte er seinem Onkel ins Haus. Dies dauerte jedoch nur so lange an, bis Vernon mit einem fiesen Grinsen den Schrank unter der Treppe öffnete, den Koffer dort hineinwarf und ihn dann abschloss.

„Bitte, Onkel Vernon, ich brauche die Sachen", flehte Harry. Schnell wich er einen Schritt zurück, als Vernon auf ihn zu kam. Sein riesiger Schnurrbart blieb nur Zentimeter vor Harrys Nase zitternd stehen.

„Jetzt hör mir genau zu Junge", knurrte Vernon und bespuckte ihn dabei ein wenig „Wenn ich dich auch nur in der nähe von diesem Dämonenzeug erwische kommst du an ihrer Stelle in den Schrank, bis die Ferien vorbei sind! Haben wir uns verstanden?"

„Ja", antwortete Harry und ballte die Hände zu Fäusten.

„Gut", sagte Vernon gefährlich und schubste ihn in Richtung Küche. „Und jetzt mach Essen. Petunia und Dudley müssen jeden Moment vom Einkaufen zurück sein."

Wütend stapfte Harry in die Küche und gab als erstes der Küchenzeile einen saftigen Tritt. Oh wie gerne würde er ein paar der Zauber, die er sich im letzten Jahr selber beigebracht hatte an seinem Onkel ausprobieren. Aber es half alles nichts und er konnte nicht riskieren aus Hogwarts raus zufliegen. Also blieb ihm nichts weiter übrig als seine Wut an dem Gemüse auszulassen, das er jetzt kleinschnitt. Er wusste was Dudley am meisten verabscheute und so bemühte er sich zumindest das Essen so ungenießbar für seinen Cousin zu machen wie möglich.

Als Dudley und Petunia nach Hause kamen verschlechterte sich seine Laune noch mehr. Seine Tante warf ihm nur einen kurzen Blick zu und rümpfte dann die Nase. Dudley ließ es sich nicht nehmen ihm als Willkommensgeschenk schmerzhaft auf den Arm zu hauen. Danach ging das Geschrei los, als sein Walross an Vetter sah was es zu essen gab.

„Mama! Das kann ich nicht essen!", heulte er laut los und sofort war Petunia an seiner Seite. Harry bemerkte durchaus, dass seine Tante überhaupt nichts gegen seinen Gemüseauflauf einzuwenden hatte. Nichtsdestotrotz befahl sie ihm etwas anderes zu kochen.

Das war´s dann also mit seinem schönen Plan Dudley beim Gemüse essen zu zu gucken. Nach einer weiteren Stunde war er durch geschwitzt. Die schwüle Hitze war am Herd fast unerträglich. Als er endlich fertig war, musste er jedoch den Preis für das zu gesunde Essen zahlen. Vernon war der festen Überzeugung (und er hatte damit ja auch nicht wirklich unrecht), dass Harry seinen Sohn nur ärgern wollte. Deswegen wurde er mit knurrendem Magen aus der Küche gejagt, während die Dursleys sich über Backkartoffeln und Steak hermachten.

Harry wollte gerade auf sein Zimmer gehen, als es an der Haustür klingelte.

„Mach die Tür auf Bursche", dröhnte Vernons schmatzende Stimme aus der Küche. Wieder verdrehte Harry die Augen. Was auch sonst? Er ließ sich extra etwas Zeit, sodass es ein zweites Mal klingelte und er grinsend das Fluchen aus der Küche hörte. Er überlegte kurz ob er es auf ein drittes Klingeln ankommen lassen sollte, beschloss dann aber, dass er seinen Onkel nicht direkt am ersten Tag zur Weißglut bringen wollte.

Als er die Tür aufmachte, stand dort der merkwürdigste Mann, den er jemals gesehen hatte. Ihm klappte der Mund auf während er die Erscheinung anstarrte. Der Mann war groß, schlaksig und hatte ähnlich blaue Augen wie Dumbledore. Auch er trug einen langen, aber schwarzen Bart und seine Haare waren jedoch kurz geschnitten. Die lange Narbe auf seiner Wange und die goldenen Ohrringe ließen ihn fast wie einen alten Rocker aussehen und fast erwartete Harry eine Harley auf der Straße zu sehen. Jedoch vermieste die knall orangene Badehose mit weißen Blümchen und das eklige grüne Hemd ein wenig die Stimmung. Er sah so albern in dem Aufzug aus, dass Harry eine ganze Minute brauchte, bis er sich halbwegs unter Kontrolle hatte um ein „Ja, bitte?", heraus zu bringen.

„Moin, Junge", sagte der Mann, mit einem schweren Akzent, den Harry nicht zu ordnen konnte. „Bin ich der Erste?"

„Der Erste?", fragte Harry perplex.

„Deinem Gesichtsausdruck zu schließen, bin ich´s. Das riecht aber gut hier!"

Bevor Harry es verhindern konnte war der Mann an ihm vorbei und in Richtung Küche unterwegs. Leicht panisch knallte er die Tür zu und folgte ihm, doch da konnte er schon Vernon brüllen hören:

„Was zum Teufel soll das?"

Der Anblick der sich Harry bot, als er um die Ecke kam, war ein wenig beängstigend, trotzdem musste er sich das Lachen verkneifen. Der Unbekannte saß auf dem vierten Stuhl und hatte sich bereits eine große Portion Kartoffeln aufgetischt, als wäre er eingeladen worden. Petunia und Dudley standen mit ängstlichem Gesichtsausdruck am Herd, Vernon mit knall rotem Kopf stand vor ihnen.

„Wer sind Sie und was machen Sie in meinem Haus?", brüllte er den Unbekannten an, der sich ohne auf ihn zu achten genüsslich eine Kartoffel in den Mund schob.

„Oh Mann", stöhnte er erleichtert „Ich hab echt ne weite Reise hinter mir und da gab nie so was herrliches zu Essen!"

„WER SIND SIE?", brüllte Vernon wieder, so laut, dass selbst Harry die Ohren klingelten und er stand immerhin auf der anderen Seite des Raumes. Der Mann ignorierte ihn komplett und schnappte sich jetzt das halb gegessene Steak von Dudley. Eine dicke Ader pochte an Vernons Stirn und jetzt richtete er seinen fuchsteufelswilden Blick auf Harry. Der zuckte nur verständnislos mit den Schultern, als es wieder klingelte.

Es wäre wohl das normalste der Welt gewesen, nicht die Tür auf zu machen. Aber irgendwie hatte Harry das Gefühl, dass es besser wäre aus der Küche zu verschwinden. Wieder stand ein Mann dort, diesmal jedoch eindeutig besser angezogen. Er war vielleicht Mitte zwanzig und sah einfach nur cool aus. Die Jeans und das schwarze T-Shirt saßen ihm wie angegossen und man sah deutlich die ausgeprägten Muskeln darunter. Er war braun gebrannt und hatte eine moderne Sonnenbrille auf.

„Hi, Harry", grinste der Mann ihn an und ließ eine Reihe strahlend weißer Zähne sehen. Bevor Harry sich fragen konnte woher er ihn kannte, begann das Gebrüll hinter ihm von neuem. Das Grinsen des Mannes wurde breiter.

„Der Lautstärke nach zu urteilen, würde ich auf Onkel Abe tippen, richtig? Wenn der was zu essen kriegt, kann eine Bombe neben ihm einschlagen und es stört ihn nicht."

Zum zweiten Mal reagierte Harry viel zu spät und der Mann war ebenfalls schon in der Küche.

„Schmeckt´s Abe?", fragte der Mann und zwinkerte Petunia einmal zu, die sich zwar weiter nach hinten verdrückte, aber einen leichten rosa Schimmer auf den Wangen bekam. Vernon verschluckte sich an seiner eigenen Spucke, als Abe aufsah und dann den Jüngeren in eine knochenbrechende Umarmung zog.

„Nathan! Na, wie geht's meinem Lieblingsneffen?"

„Sehr gut! Und dir?"

„Oh, ich bin gerade aus Alaska zurück und..."

Ein lauter Knall unterbrach sie und plötzlich standen zwei weitere Leute in der Küche der Dursleys, die langsam etwas voll wurde. Harrys Vermutung bestätigte sich das dies magischer Besuch war, denn welcher Muggel konnte schon apparieren?! Die Dursleys schrien erschrocken auf und Vernon zerquetschte fast seine Frau in dem Versuch sie vor den Eindringlingen zu beschützen.

„Sind wir zu spät?", fragte die gerade erschienen Frau und blickte sich kurz verwirrt um.

„Meine Güte, was ist das denn hier so laut?", brummte der Mann neben ihr. Er kam Harry auf irgendeine Art und Weise bekannt vor, auch wenn er keine Ahnung hatte woher. Sie waren beide ungefähr in Abes Alter und trugen Zaubererumhänge, was bei Petunia Schnappatmung verursachte. Jetzt kam die Frau zielstrebig auf Harry zu, der immer noch wie gebannt im Türrahmen stand, und umarmte ihn, als wäre er ein langjähriger Freund.

Er lief rot an und stand Stock steif da, während er über ihre Schulter Vernons Blick auffing. Er war ja so was von tot!

„Harry mein Lieber. Endlich treffen wir uns! Ich bin Alison und das ist mein Mann Gregor."

„Wer immer Sie sind, verlassen Sie SOFORT mein Haus!"

Vernon hatte seine Stimme wieder gefunden, doch Niemand schenkte ihm Beachtung.

„Wie geht's den Kindern?", fragte jetzt Abe Gregor, der lächelnd Fotos aus der Tasche zog und sie den Beiden stolz zeigte.

„Ethan kann jetzt laufen!", verkündetet er, als wäre dies eines der Weltwunder.

„Greg als Großvater! Mann, ihr werdet alt!", lachte Nathan. Alison schob Harry ein Stück von sich, der immer noch rot im Gesicht war und lächelte auf ihn hinab.

„Kommen die Kids auch?"

„Nein, sie sind in Spanien im Urlaub..."

Die Klingel ging ein drittes Mal. Harry fing albern an zu grinsen. Abgesehen davon das die Dursley einem Herzinfarkt nahe waren, war die Situation irrsinnig komisch.

„Ich geh schon", sagte Harry in Richtung seines Onkels.

„Das tust du nicht! Es kommt Niemand mehr in dieses Haus! Und ihr Freaks verlässt auf der Stelle meine Küche!", schrie Vernon in dem Versuch wieder Herr der Lage zu werden.

„Er hat recht", sagte Nathan und sah sich in der Küche um. „Hier wird es langsam voll. Kommt wir gehen ins Wohnzimmer."

„NEIN!"

„Seien Sie ja froh, dass mein Onkel noch nicht da ist", richtete Nathan das erste Mal ein Wort an Vernon. „Der würde Ihnen was anderes erzählen, als hier herum zu schreien."

Damit wandte er sich um und führte die Anderen ins Wohnzimmer. Harry ging schnell zur Tür, doch was ihn da erwartete verschlug ihm endgültig die Sprache.

„Hast du vor mich den ganzen Tag lang an zu starren, Potter, oder kann ich rein?", schnarrte Professor Snape ihn an. Wie immer trug er seine schwarzen, weiten Roben und den üblichen spöttischen Gesichtsausdruck. Harry hatte keine Ahnung, was sein Zaubertranklehrer hier zu suche hatte, aber er trat automatisch zur Seite und ließ ihn ein. Snape ging unbeirrt ins Wohnzimmer, wo es mittlerweile sehr lebhaft war.

Als er an der Küche vorbei kam, erwartete er immer noch die Dursleys in der Ecke zu sehen, aber sie waren verschwunden. Dafür hatte irgendwer ein paar gezielte Zauber los gelassen. Wie von Geisterhand bewegten sich Töpfe, Pfannen und Wasserkocher und bereiteten Essen für alle vor. Harry musste kurz im Flur warten, während eine lange Schlange an Wassergläsern und Teekannen an ihm vorbei zogen. Mit glänzenden Augen folgte er dem Geschirr.

Das Wohnzimmer hatte sich ganz schön verändert. Es war jetzt drei Mal so groß wie vorher und überall standen neue (und unpassende) Sofas und Sessel herum. Die Dursleys saßen auf ihrer eigenen Couch zusammen gequetscht am hinteren Ende. Stumm vor Angst und panisch umherblickend, während die Zauberer es sich um sie herum gemütlich machten. Während er Snape herein gelassen hatte, wahren noch mehr Menschen eingetroffen. Ein Ehepaar, dass aussah wie Nathans Eltern sahen sich begeistert Gregors Fotos an, während Alison überschwänglich Snape begrüßte, der das mit einem sauren Gesichtsausdruck über sich ergehen ließ. Nathan stand neben einer Frau, die unverkennbar seine Schwester war und redete offenbar mit ihrem Mann.

Sie schienen sich alle zu kennen und ganz nebenbei ihn ebenfalls. Um ehrlich zu sein, war das wieso und warum Harry im Moment herzlich egal. Er genoss die unerwartete Wendung seiner Ferien. Abermals ertönte ein lauter Knall und alle drehten sich in dessen Richtung. Tief in sich hatte Harry gewusst, wer für den ganzen Aufruhr verantwortlich war und deshalb war er kaum überrascht seinen Schulleiter und dessen Stellvertretung Hand in Hand auf dem Teppich erscheinen zu sehen.

„Ah, wie ich sehe sind alle schon da", sagte Dumbledore lächelnd und zwinkerte Harry einmal zu, der nur zurück strahlte. Wie hatte er nur je daran zweifeln können, dass der Mann sein Wort hielt? Trotzdem war er unglaublich erleichtert ihn jetzt hier zu sehen.

„Natürlich sind wir schon da. Kann ja nicht jeder immer zu spät kommen", murrte Abe, umarmte Dumbledore dann aber herzlich.

„Ehrlich Aberforth, wieso musst du immer diese Hose tragen?", fragte Dumbledore und zeigte auf das Blumenmuster.

„Mir gefällt es", gab Abe nur leichthin zurück und ließ den Anderen Platz, die Dumbledore begrüßen wollten. Harry blieb immer noch im Türrahmen stehen und beobachtete das Schauspiel. Sie schienen alle irgendwie mit einander verwand zu sein, aber so eine kuriose Familie hatte er noch nie erlebt. Selbst die Weasleys schienen dagegen ordentlich und still zu sein.

„Gefällt es dir, mein Junge?", fragte Dumbledore leise, als er bei Harry angekommen war. Der grinste nur noch breiter und sah ihn dankbar und treuherzig an.

„Es ist klasse, Sir", gab er zurück und ließ sich von seinem Schulleiter zu einem der Sessel führen und darauf platzieren. Als alle es sich bequem gemacht hatten und einigermaßen still waren, klatschte Dumbledore einmal kurz in die Hände und strahlte in die Runde.

„Also dann. Willkommen beim Familientreffen! Danke das ihr alle gekommen seit, auch wenn es diesmal ein wenig... ungewöhnlicher ist."

„Ich find´s hier echt gemütlich", warf Nathan ein und zwinkerte wieder Petunia zu, die einer Ohnmacht nahe stand. Nathan war Harry auf Anhieb sympathisch.

„Also, fangen wir am Besten damit an..."

„Ich will, dass Sie alle mein Haus verlassen!", schaltete sich Vernon wieder in das Geschehen ein. Er war zwar gewohnt laut, aber seine Stimme hatte eher etwas von einem bockenden Kind, als von dem cholerischen Mann, der er sonst war. Wahrscheinlich traute er sich, umgeben von elf waschechten Zauberern, dann doch nicht zu aufbrausend zu sein.

„Das kann ich wirklich gut verstehen, Mr Dursley, aber leider ist das nicht möglich", antwortete Dumbledore butterweich, ohne dem dicken Muggel auch nur einen Blick zu schenken. „Wie ich gerade sagte, denke ich, wir sollten uns zumindest kurz..."

„Wieso ist das nicht möglich?", brauste Vernon, diesmal energischer, dazwischen.

„Harry vorstellen", fuhr Dumbledore unbeirrt weiter. Vernon machte eine Miene, als hätte er eine Ananas im Hals. Petunia legte ihm eine Hand auf den Arm und schüttelte energisch den Kopf. Wahrscheinlich ahnte sie wer da vor ihnen stand und hatte Angst um das Leben ihres Gatten.

„Also wir hätte da meinen kleinen Bruder Aberforth"

„Ich hasse diesen Namen", murrte Abe, während Nathan bei dem Wort `klein´ anfing zu grinsen.

„Der aber lieber nur Abe genannt wird", schmunzelte Dumbledore „und die Familie meiner Schwester. Adriana, James und ihre Kinder Nathan, Lina und ihr Mann Ian."

„Und die zwei da", fuhr McGonagall fort und zeigte auf Greg und Alison, die ihm beide zuwinkten „sind mein Bruder Gregor und meine Schwägerin Alison."

Gregor fummelte in seiner Tasche und zog einen ganzen Stapel Fotos heraus. „Ja und das sind unsere Tochter Fiona und unser Schwiegersohn Marc am Strand! Habe ich dir schon meine Enkel gezeigt? Ethan kann jetzt laufen! Und Davina..."

„Mein Gott, Greg", sagte James und verdrehte die Augen. „Das weiß mittlerweile halb England!"

Beleidigt hörte Gregor auf mit den Fotos herum zu wedeln. „Als Sarah kam musste ich mir deine Fotos auch ständig angucken!"

„Da hat er nicht ganz unrecht, Schatz", sagte Adriana grinsend „Stell dir vor Nathan würde endlich Kinder kriegen..."

Der Genannte stöhnte gequält auf.

„Mum, bitte, ich überlasse Lina das Kinderkriegen!"

„Mir würde es ja schon reichen, wenn du mal eine Freundin mit nach Hause bringst, die länger hält als eine Woche!"

Sie fuhren fort sich über Nathans unbeständigem Liebesleben zu unterhalten. Da auch die Anderen immer wieder kleine Kommentare einwarfen, musste dies ein häufiges Thema sein. Harry hörte interessiert zu und fand es herrlich wie ungezwungen sie alle miteinander redeten. Auch wenn er sich immer noch fragte, was die ganze Familie Dumbledore und McGonagall im Haus der Dursleys machte. Er warf einen kurzen Seitenblick zu Snape, der ihm gegenüber saß. Er hatte zwar seine übliche undurchdringliche Miene aufgesetzt, aber schien völlig entspannt zu sein. Wenn Harry es nicht besser wüsste, würde er sagen, dass Snape ebenfalls Teil dieser Familie war, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Zumindest bis McGonagall sich zu dem schwarzäugigen wandte.

„Oh bitte, fang du jetzt nicht auch noch an", sagte Snape und verzog das Gesicht. „Ob ich eine Partnerin und Kinder habe, ist allein meine Sache!"

„Ich stimme Severus vollkommen zu", sagte Nathan, froh einen Verbündeten zu haben.

„Jede Mutter wünscht sich Enkelkinder, Severus. Das wirst du dir noch länger anhören dürfen", grinste Abe.

Moment! Stopp! Pause! Hatte Abe McGonagall gerade als Snapes Mutter bezeichnet? Vor Schreck klappte Harry die Kinnlade herunter, während er zwischen den Beiden hin und her sah. Doch bevor er etwas fragen konnte, hörte er rechts von sich ein metallisches Klicken. Vernon war aufgestanden und hatte ein altes Gewehr in der Hand, dass er jetzt auf sie richtete. Harry hätte nicht gedacht, dass er sich das nach der Sache mit Hagrid vor zwei Jahren, noch einmal trauen würde.

„Ich verlange, dass Sie alle sofort unser Haus verlassen!", sagte Vernon , diesmal nicht schreiend, aber eindeutig davon überzeugt, dass er die Oberhand hatte. Jedoch schien sich Niemand wirklich für ihn zu interessieren. McGonagall schwang nur einmal ihren Zauberstab über die Schulter in seine Richtung und das Gewehr verwandelte sich in eine Gurke. Die Dursleys starrten die Gurke nur fassungslos an, bevor Vernon sie fallen ließ, als wäre sie vergiftet. Die Zauberer sprachen munter weiter. Harry erinnerte sich an McGonagalls Worte, dass die Dursleys mit ein paar mehr Zauberern zurecht kommen mussten. Und auch wenn er das alles sehr lustig fand, befürchtete er doch, dass die Situation bald eskalieren würde.

„Ich würde vorschlagen wir machen es uns erst einmal oben gemütlich und treffen uns dann zum Essen wieder", sagte Dumbledore irgendwann. „Minerva und ich haben eure Zimmer schon vorbereitet..."

„Welche Zimmer?", echote Vernon. Im Stillen bewunderte Harry seinen Onkel ein wenig dafür, dass er trotz allem nicht aufgab.

„Da Sie nur ein Gästezimmer haben, mussten wir natürlich ein paar hinzufügen, Mr Dursley", sagte Dumbledore leicht hin „schließlich können wir alle nicht zwei Wochen hier im Wohnzimmer schlafen."

Zwei Wochen?

„Zwei Wochen?", sprach Vernon entrüstet aus, was Harry erstaunt dachte. Wollten sie wirklich alle so lange hier bleiben?

„Aber...aber Sie können doch nicht alle so lange hier bleiben...", sagte jetzt Petunia das erste Mal etwas. Dumbledore sah sie immer noch nicht an, aber sein Ton wurde eine Spur kälter.

„Doch das können und werden wir. Ich werde Harry hier nicht alleine lassen."

Ein warmes Gefühl breitete sich in Harrys Brust aus, das bei Vernons nächsten Kommentar jedoch schnell wieder verschwand.

„Dann nehmen Sie den Jungen doch mit. Von mir aus nehmen Sie ihn ganz! Er macht eh nichts anderes als Ärger..."

Jetzt drehte sich Dumbledore das erste Mal zu ihnen um. Vernon schrumpfte auf dem Sofa zusammen wie eine Schnecke, die in ihr Haus verschwinden will. Bei dem Blick, den Dumbledore ihm zuwarf kein Wunder. Es war jedoch Snape der als Erster etwas sagte. Langsam zog er seinen Zauberstab aus der Tasche und spielte ein wenig damit herum.

„Wissen Sie was man hier mit alles machen kann, Dursley? Nein? Glauben Sie mir, dass wollen Sie auch nicht. Also wenn Sie nicht die nächsten zwei Wochen als Schirmständer enden wollen, dann halten Sie den Mund!"

Seine Stimme war tödlich ruhig, aber es war der Art Tonfall, den er sich für die besonders renitenten Gryffindors vorbehielt. Vernon wechselte von rot nach blass, während Dudley Snape mit riesigen Augen ansah und leise fiepte. Petunia schlang ihre dürren Arme um ihn, als könnte sie ihn dadurch vor Snape abschirmen.

So verblüfft Harry war, dass Snape ihn verteidigte, konnte er nicht umhin einen Stich zu fühlen, als er die Dursleys so dasitzen sah. Nicht weil sie ihm leid taten, sondern weil sie ihn nicht nur nie als Familienmitglied gesehen hatten, sondern ihn bei erster Gelegenheit bei dem nächstbesten Fremden lassen wollten. Dumbledore warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Harry, würdest du den Anderen bitte das obere Stockwerk zeigen? Ich komme dann gleich zu dir auf dein Zimmer."

„Aber..." Es war offensichtlich, dass Dumbledore mit den Dursleys reden wollte und um nichts in der Welt wollte Harry das verpassen. Außerdem ließ er sich doch nicht einfach auf sein Zimmer schicken.

„Bitte, Harry"

Sein Ton ließ keinen Raum für Diskussionen und so erhob Harry sich widerwillig. Der ganze Clan folgte seinem Beispiel und im Gänsemarsch verließen sie das Wohnzimmer. An der Tür drehte er sich noch einmal um, aber Dumbledore hatte seine volle Aufmerksamkeit auf die drei Muggel gerichtet, die jetzt tatsächlich gute Chancen hatten in einer Sofa Ritze zu verschwinden.

Im oberen Stockwerk fragte er sich, was er den anderen eigentlich zeigen sollte, denn er erkannte den Flur kaum wieder. Magie hatte ihn künstlich in die Länge gezogen und anstatt fünf Türen, gab es auf einmal zwölf. Jede von ihnen mit einem kleinen Namensschild.

„Ich liebe Magie", murmelte er, als Gregor die Tür mit seinem und Alisons Name öffnete. Dahinter befand sich ein riesiger Raum, mit Bett, Dekoration, sogar eigenem Badezimmer. Er sah aus, als wäre er schon immer da gewesen.

„Eins muss man ihm lassen, mein Bruder kann zaubern", brummte Abe und verschwand in seinem Zimmer. Bald standen nur noch Snape und Harry in dem Flur. Obwohl der dunkle Mann sich in den letzten Wochen zum besseren verändert und ihn unten sogar verteidigt hatte, fühlte Harry sich dennoch unwohl in seiner Präsenz. Sein Lehrer schien das jedoch vollkommen zu ignorieren.

„Überrascht, Potter?", fragte er und zog eine Augenbraue hoch.

„Ein wenig", gab Harry zu und stellte dann die Frage, die ihm am meisten auf dem Herzen brannte.

„Sir... Was machen Sie hier?"

„Ich dachte das wäre offensichtlich? Wir halten ein Familientreffen ab", sagte Snape höhnisch und verschwand in einem der Zimmer. Jetzt allein im Flur, brauchte Harry nur Sekunden, bevor die Neugier ihn wieder die Treppe hinunter zog. Die Wohnzimmertüre war zu, doch er konnte leise Stimme dahinter hören. Vorsichtig umging er die knarzende Treppenstufe und legte sein Ohr an das dünne Holz.