That's what people DOOO! (Herbst 2002)

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Im Herbst 2002 verlor Jim nicht nur das Objekt seiner immensen Sehnsucht aus den Augen – er verlor auch seine Eltern.
Professor James Hawkins und seine Frau starben bei einem Autounfall.

Jim empfand eine seltsame Mischung aus Leere und zugleich ungeheurer Freiheit. Das machte es viel unkomplizierter für Richard Brook und auch einfacher für seine geheimen Aktivitäten!
Keine wöchentlichen Anrufe mehr: „Besuchst du uns an diesem Wochenende endlich mal wieder, Jimmy-Boy?", keine monatliche Anfrage seiner Mum: „Und Schatz? Immer noch keine nette, intelligente Doktorandin gefunden? Du musst weniger arbeiten! …müsstest öfter mal raus. Es gibt mehr als bloß Bits und Bites!"
„Wenn ich so weit bin, finde ich schon eine übers Internet", hatte er sie zu vertrösten gepflegt. Dad hatte sogar einmal versucht, ihn mit der Nichte eines Kollegen zusammenzubringen! Nur um seinen alten Herrn nicht zu verärgern, hatte Jim diese langweilige Trulle wenigstens noch zwei weitere Male treffen müssen, um seinen guten Willen zu bekunden!
Was für ein Aufwand!

Aber all das lag nun hinter ihm.

Das heißt nicht ganz.

Zuerst musste er natürlich die lästige Pflicht erfüllen, sich um ihre Beisetzung zu kümmern. Dabei würde er früher oder später auch auf die ganze langweilige Verwandtschaft treffen.

Na, schön! sagte er sich: Ich fasse das als Gelegenheit auf, um zu studieren, wie Mienen und Gesten von Trauernden aussehen müssen, wie aufrichtige und verlogene Stimmen klingen. Ich nehme es als Schauspiellektion.

Da war nur eine Person, eine einzige, auf die er sich freute, doch er würde wohl keine Gelegenheit haben, sich mit ihr auszutauschen. Nicht nur, weil sie kaum Zeit alleine haben würden, sondern auch weil er unsicher war, wie sie diese Todesfälle verkraftete. Vor allem aber durfte er ja nicht aus der Rolle fallen – und sie, wenn sie noch so war, wie sie ihn verlassen hatte und wie er hoffte, dass sie noch sein werde würde, erst recht nicht.

Und diese eine besondere Person war Jims Halbschwester Janine. Sie war eine außereheliche Tochter seines Vaters, aber 1991 nach dem Tod ihrer Mutter, einem Flüchtling aus Pakistan, hatten die Hawkins sie aufgenommen und bald auch adoptiert. Anfangs war Jim entsetzt gewesen, dass er nun mit fünfzehn Jahren eine neunjährige Schwester in sein Leben lassen sollte, doch die Kleine liebte ihn vom ersten Moment an und bald vergötterte sie ihn geradezu. Allerdings lernte Jim auch von ihr. Ihr verdankte er, dass er trotz seines grundsätzlichen Desinteresses am anderen Geschlecht, inzwischen über die Fähigkeit verfügte, Frauen zu verstehen, zu manipulieren und sie optimal zu nutzen. Janine war zwar kein Genie, aber sie besaß Charme, und war eine glaubwürdige Schauspielerin und routinierte Lügnerin. Aber vor allem hatte sie keine Skrupel und das schätzte Jim am meisten.
Also tauschten die Halbgeschwister nur verstohlene Blicke, fast wie ein heimliches Liebespaar und Jim las in ihren braunen Augen, dass wohl auch sie kaum mehr als ein leises Bedauern empfand und ihre Tränen nicht echt waren.

Die Trauerfeier, diesen unfassbaren katholischen Firlefanz um Kadaver von Menschen, Kadaver von großen Worten und Kadaver von Blumen, hielt Jims Onkel, der Pfaffe ab. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, aber es war eine ganz dumme Idee gewesen, denn er kam selbst aus dem Heulen kaum heraus, was seine pathetischen Phrasen von Auferstehung und ewigem Leben Lügen strafte.

Jim hatte Mühe, nicht die Augen zu rollen. Normale Menschen waren mitunter schon sehr nervig, aber so einen komischen Heiligen in der Familie zu haben, war unsagbar peinlich!
Doch auch die pompöseste Zeremonie besitzt die Gnade, irgendwann einmal zu enden.

Artig stand Jim am Doppelgrab seiner Eltern und dachte: Ihr habt eure Sache gut gemacht. Aber inzwischen seid ihr hinderlich geworden. Es ist überaus praktisch, dass ihr geht, ehe ihr angefangen habt, so richtig lästige Ansprüche an mich zu stellen. Im Übrigen muss es doch großartig für euch sein, dass ihr keine Alterskrankheiten mehr erleben müsst – ja, noch nicht einmal so richtig die Angst davor.

Ja, Jim war absolut zufrieden mit dieser Situation.
Es war an der Zeit gewesen.
Einfach richtig.

Er horchte in sich hinein, in seinen mächtigen Geist und gewann im Angesicht dieser sinnentleerten Feier, der klagenden Menschen und all dieser Grabsteine und Engelstatuen mit einem Mal die klare Gewissheit: Ich nicht! Sterben ist was für gemeine Menschen. Das ist es, was sie nun einmal tun.
Nun, sonst wäre die Welt ja auch längst übergelaufen!
Aber ich nicht! Dieser allem überlegene Geist wird leben!

Gebeugt und schweren Schrittes – aber federleichten Herzens und mit hochfliegenden Plänen – verließ Prof. James Hawkins junior den Friedhof seiner Heimatstadt, um nie wieder dorthin zurückzukehren.

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Der Name des Zaubererkönigs (2002-2005)

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In den folgenden Jahren verschwand der geniale Informatik-Professor James Hawkins zusehends von der akademischen Bühne. Angeblich wegen seiner schwachen Gesundheit. Oder machte ihm der plötzliche Tod seiner Eltern zu schaffen? Vielleicht, weil er ihm seine eigene Vergänglichkeit vor Augen geführt hatte? Oder war er einfach zu so viel Geld gekommen, dass er in aller Abgeschiedenheit dem Müßiggang frönte? Das Interesse der Öffentlichkeit oder auch nur seiner Studenten an dieser Frage, war nicht sonderlich groß. Jim hatte stets darauf geachtet, nicht allzu sehr aufzufallen.
Was niemand auch nur ahnte: Er spaltete sich in zwei Persönlichkeiten auf.
Ein bisschen wie Dr Jekyll und Mr Hyde, nur dass er es im Griff hatte.

Eine ganze Weile hatte er sich einfach als Anonymous tituliert, wenn es darum ging, in der Unterwelt sein Terrain zu markieren und seine Werke zu signieren und er war bekannt für seine wüsten Folterdrohungen, doch nun sann er auf etwas…Kreativeres…Poetischeres! …doch es sollte auch normal und unverdächtig wirken.
Nach einem besonders großen und besonders gelungenen Coup, den, nachdem er sich einiger Komplizen äußerst elegant entledigt hatte, auch niemand zu ihm würde zurückverfolgen können, präsentierte ihm sein Unterbewusstsein stolz, woran es so lange unermüdlich gearbeitet hatte: Jims neuen Namen!

Moriarty!

Oh, ja…! jubelte er innerlich, dieser Name ist genial! So tiefsinnig und vielschichtig!
Man kann es als eine Art Lehenwort aus dem Lateinischen sehen, mori artis, das Sterben der Kunst (, denn ich übe ein aussterbendes Metier, das Denken, aus). Oder man liest es als Sterben durch Kunst (, denn meine Kunst ist tödlich und mächtig wie der Tod…)
Aber eigentlich ist es die englische Version eines alten irischen Namens und bedeutet Steuermann, Navigator – und das bin ich! Ich allein kenne den Kurs, den eigentlichen Zielhafen all unserer großen Fahrten und Raubzüge: Sherlock Holmes!

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Engel mit Fehlern (2005)

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Es dauerte über zwei Jahre bis Jim wieder eine Spur des Angebeteten fand – und sie führte in den Drogensumpf von London!
Das war Musik in Jims Ohren! Sherlock Holmes tat Dinge, die illegal waren! Und er würde aller Wahrscheinlichkeit nach kaputt genug sein, sich von ihm formen zu lassen, soweit das noch nötig wäre!

Doch während Jim noch darüber nachdachte, Sherlock auf eine neue Designerdroge zu bringen und ihn dann vielleicht mit einer Art Liebestrank an sich zu binden, sobald ein solcher erfunden wäre, musste er auch schon wieder feststellen, dass er sich zu früh gefreut hatte, denn er kam erneut zu spät! Sherlock Holmes versuchte, von den Drogen wieder wegzukommen, hatte sein Chemiestudium wieder aufgenommen – und was noch weitaus schlimmer war: Er begann Scotland Yard zu beraten! Er schlug sich auf die Seite der Engel...!
Wie niederschmetternd!
Dennoch gab es immer noch Lichtblicke: Da war Sherlocks Einsamkeit, seine Arroganz und sein offenkundiges Desinteresse an Frauen!

Also gab Jim die Hoffnung nicht auf, sondern stürzte sich in das, was er im Stillen sein "Werk" zu nennen pflegte: Er baute sein Netz aus und spann es immer enger um den Geliebten.

Eines herrlichen Tages entdeckte er, dass sich Sherlock Holmes eine Website eingerichtet hatte!

Ich beobachte alles, stand da und:
Aus meinen Beobachtungen deduziere ich alles.

Jim lachte lauthals.

Diese geradezu blasphemische Selbstgefälligkeit gefiel ihm über alle Maßen.

Soso, der liebe Sherlock sieht alles! schmunzelte er.
Mein Onkel hat immer behauptet, das träfe auf Gott zu...
Hörst du auch alles? Und was noch wichtiger ist: Verstehst du auch alles?
Wir werden sehen!

Alles sehr clever, was da zu lesen war – nur, dass er noch immer auf der falschen Seite stand! Aber die Dummheit der Engel und sein eigener Stolz würden Sherlock schon zum Verhängnis werden, dafür würde er, James Moriarty, schon sorgen!

Soso, Sherlock, du bringst also Licht in jedes Dunkel, hm?
Kennst du die Legende vom schönsten und stolzesten unter allen Engeln Gottes?
Man nannte ihn auch Bringer des Lichts.

Lucifer.

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Hoffnung (Herbst 2009)

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Eines Tages nahm ein Mann zu Moriarty Kontakt auf, der ihm seine Dienste als Killer anbot. Er trug den Namen Hope und das nahm Jim als gutes Omen. Er hörte sich den merkwürdigen Plan des Taxifahrers an: Dieser erbot sich, Jims Feinde zu beseitigen, wenn sie den Fehler machen sollten, in sein Taxi zu steigen. Diesem Fehler müsste man natürlich hier und da ein wenig nachhelfen.
Jim überlegte und ließ Jefferson Hope dann ausrichten, dass er eine ganz besondere Aufgabe für ihn habe und ihn auch fürstlich entlohnen werde, doch er müsse sich dazu bereitfinden, Zufallsopfer zu töten. Und zwar nachdem er sich mit ihnen unterhalten habe – sie also keine Fremden mehr für ihn seien. Genauer gesagt: Er solle sie in den Selbstmord treiben. Ob er wohl die Kaltblütigkeit besäße, dies zu tun?
Nach einer kurzen Bedenkzeit, meldete Jim sich bei ihm. Hope ließ sich die Einzelheiten darlegen und clever, wie er war, begriff er gleich, dass alle Pillen tödlich waren: Die Kunst bestand nur darin, sie wenn irgend möglich einfach in die Backentasche oder unter die Zunge zu schieben und sie schnell genug wieder auszuspucken.

Jim warnte sein Protegé vor Sherlock Holmes: „Dieser Bursche", sagte er und bemühte sich, nicht in einen schwärmerischen Ton zu verfallen. „gehört zu der seltenen Art der richtigen Genies, er ist in der Lage, anständig zu denken!" Und dann, als gehe ihm gerade ein Licht auf, setzte er hinzu: „Ganz so wie Sie, Hope! Sehen Sie sich nur seine Website an! Ich schicke Ihnen den Link. Die Polizei wird nicht den leisesten Schimmer haben, worauf Sie aus sind mit all diesen Zufallsopfern. Aber er, er liebt solche Rätsel und er wäre vielleicht im Stande, Ihnen auf die Schliche zu kommen. Sehen Sie sich vor…!"

Dann beendete Jim das Telefonat.
Er wollte er sich nur noch zurücklehnen und das Spiel genießen.

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Das Schloss des klugen Prinzen (Spätherbst 2009)

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Natürlich versuchte Jim, Sherlocks Hintergrund zu erforschen.
Aber so selten ist der Name Holmes auch wieder nicht und niemand dieses Namens, der ein Facebook-Account oder ähnliches hatte, schien mit ihm in Verbindung zu stehen.
Seltsam! Sollte er wirklich ganz alleine auf der Welt sein?

Nicht mehr lange, mein süßer Prinz...!

Eines Tages schaute Jim mal wieder auf Sherlocks Homepage vorbei und stellte erfreut fest, dass dieser nun auch ein Forum eingerichtet hatte!
Das war doch mehr als nur eine Einladung, Kontakt aufzunehmen. Vielleicht sogar weit, weit mehr als das, vielleicht ein heimlicher, stummer Schrei aus unbewusster Einsamkeit…?

Und bis jetzt war es noch gänzlich leer.

Gewiss bekam Sherlock Mails; geschäftliche Anfragen wie:
Ich suche jemanden, der meine Frau beschattet, denn ich glaube, dass sie mich betrügt…
oder:
Bitte, finden Sie meinen Mann, ich glaube nicht, dass er mich verlassen hat – können Sie mir einen Kostenvoranschlag machen?

Aber ein Forum ist etwas gänzlich anderes: Es fordert Fremde auf, mit dem Gastgeber in einen öffentlichen Disput einzutreten, ihm Sympathie zu bekunden oder generell eine Position gegenüber seiner Lehrmeinung zu beziehen – allein schon, indem man sich einen Account anlegt. Ein Forum ist schon fast so etwas wie eine Art passiver Freundschaftsanfrage an Unbekannt.

Sherlocks Site war auf den ersten Blick düster und schroff wie eine Festung auf einem hohen, allzeit schneebedeckten Felsen.
Doch nun hatte der Prinz die Zugbrücke heruntergelassen.

Jim hatte zwar noch jede Menge anderes zu tun, aber er beobachtete Sherlocks Site gewissenhaft weiter. Das war für ihn morgens der erste und abends der letzte Klick.

Das Forum blieb leer!
Jungfräulich gewissermaßen…

Dieser Umstand erfüllte Jim mit Stolz und Freude; befremdlich war aber dieser leise Anflug von Bedauern, der sich in diese hehren Gefühle mischte. Doch Jim konnte auch diese Stimmung leicht analysieren. Er selbst kannte die Einsamkeit von klein auf. Er war einsam gewesen, als er noch seine Umgebung an seinen Gedanken hatte teilhaben lassen und er war es im tiefsten Innern immer geblieben: Professor James Hawkins hatte Rivalen und Neider gehabt, dazu mittelmäßige Kollegen und Studenten, die sich nicht an ihn herangetraut hatten. Moriarty hatte Geschäftspartner und Handlanger und vor allem Leute, die ihn fürchteten – und das zu Recht! Einzig Rich Brook hatte neben Konkurrenten, Fans und Leuten aus der Branche, die seine Arbeit und sein angenehmes Wesen am Set oder auf der Probebühne schätzten, auch so etwas wie Freunde.
Doch das waren Richards Freunde. Nicht Jims.

Sherlock dagegen prahlte auf seiner Site mit seiner Genialität, indirekt bezeichnete er sich als unfehlbar und es kam noch erschwerend hinzu, dass er sein Angebot, alle Probleme lösen zu können, fast schon als Drohung formuliert und auch nicht versucht hatte, sein Anliegen als eine Form von Hilfsbereitschaft zu bemänteln.
(Er hätte einen Werbefachmann fragen sollen…)

Kein Wunder, dass sich niemand auf dieses Forum wagte!
Oh, wie brannte Jim doch darauf, der Erste zu sein!
Es wäre leicht gewesen. So leicht!
Doch damit hätte er auch das Eis gebrochen und das wollte er nicht.

Friere ruhig noch eine Weile, mein süßer Prinz! dachte er.

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tbc