Achtung Spoiler Band 7!
Sterben
Mit geschlossenen Augen saß er da. Heute war es soweit. Endlich! Sein Schicksal hatte sich erfüllt. Er hatte alles getan was der alte Mann von ihm verlangt hatte. Endlich durfte auch er gehen. Er hatte sich alles genau überlegt. Er würde zur Heulenden Hütte gehen. Er kannte den Weg. Bei Gott, er kannte ihn.
„Severus!" herrisch rief ihn eine Stimme.
Er wollte sie ignorieren. Als wenn das so einfach wäre. Tief atmete er durch die Nase ein und öffnete langsam die Augen. Lass dir nichts anmerken, Severus! Ermahnte er sich streng. Völlig gleichgültig blickte er auf das Bild von Albus Dumbledore.
„Albus?" fragte er. Er war stolz auf sich, seiner Stimme war wie immer nicht das Geringste anzuhören.
„Severus hast du an alles gedacht?"
Er senkte die Lider, leicht verächtlich schnaubte er durch die Nase. Er hatte noch nie etwas vergessen.
„Es tut mir leid Severus, natürlich hast du an alles gedacht! Versprich mir vorsichtig zu sein, hörst du?"
Severus hob ruckartig den Kopf. War es möglich? Machte sich Dumbledore Sorgen um ihn?
„Und achte mir gut auf den Jungen!"
Bitter würgte er die aufkeimende Wut hinunter. Natürlich der Junge. Wer sonst. Severus du bist so albern. Schalt er sich selber.
„Ich werde gut auf den Jungen achten, so wie ich es dir versprochen habe und so wie ich es das ganzen Jahre über bereits getan habe." erwiderte er bestimmt.
Severus erhob sich aus dem Stuhl, der einstmals Albus Dumbledore gehörte. Nun war er seit einem knappen Jahr der Direktor der Schule von Hogwarts und er konnte mit Recht und Fug behaupten der Unbeliebteste und meist gehasste Mensch an dieser Schule zu sein. Das kümmerte ihn kaum.
Er hatte einen Auftrag zu erfüllen und daran würde er sich halten. Er würde sich um die schmutzigen Dinge kümmern, die um die sich Dumbledore nicht kümmern wollte. Wieder sog er heftig und doch kaum merklich die Luft über die Nase ein. Diesen Zorn trug er erst seit einem Jahr in sich.
Mit der Welle der Verachtung die ihn hier jeden Tag aufs Neue traf, kehrten auch die Wut und der Schmerz zurück. Er war manchmal so wütend auf Albus Dumbledore dass er diese nur schwer unter Kontrolle brachte. Manchmal half es etwas kurz und klein zu schlagen, manchmal Alkohol in großen Mengen und manchmal braute er sich einen starken Trank um sich zu beruhigen.
Die große Gefahr bei solchen Tränke war das man sich selbst darin verlor und als Dummkopf zurück blieb, aber das ignorierte er geflissentlich. Severus trat an das Fenster und blickte hinab in die Tiefe. Er war bis auf die Bilder der ehemaligen Schulleiter alleine. Niemand kam und besuchte ihn "in seinem Büro".
Hätte es jemand getan, wäre er verblüfft gewesen. Es hatte sich seit Dumbleodrs Tod nichts verändert. Alles war so wie er es verlassen hatte. Severus sah dieses Büro niemals als seines an. Sah die Räume nicht als die seinigen an. Lediglich seine Bücher stapelten sich ordentlich in einer Ecke.
Lieblos standen sie am Boden, aber er hatte es nicht gewagt einen der Schränke auszuräumen um Platz für sie zu schaffen.
Sie!
Er hatte alles für sie getan. Sie war schon solange tot. Lily Evans, Harrys Mutter, seine große Liebe. Immer noch. Es musste ein Ende haben. Ohne es zu wissen, hatte ihm Dumbledore ihm die Möglichkeit dem ganzen zu entfliehen in die Hand gespielt.
Die Unterhaltung mit Voldemort hatte nicht lange gedauert. Er hätte gedacht noch etwas Zeit zu haben, für das was getan werden musste, aber da hatte er sich geirrt. Nun lag er hier in seinem eignen Blut. Nangini hatte ihn auf Befehl ihres Herrn umschlungen und ihm eine tiefe klaffende Wunde in seinen Hals gerissen.
Unermüdlich pumpte sein Herz sein Blut heraus. Schon bald würde nicht mehr viel von seinem Lebenssaft übrig sein und er würde sterben. Aber hatte er das nicht sowieso vorgehabt? Sein Ende kam eben früher als er dachte.
Er blinzelte gegen die aufsteigende Müdigkeit an und erblickt aus seinen schwarzen Augen drei Gestalten. Harry Potter und seine Freunde waren gekommen. So etwas wie Freude stieg ihn im auf. Nun schließt sich der Kreis. Schnell faste er Harry an seiner Kleidung und zog ihn zu sich.
Er musste ihm dringend etwas sagen, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr. Die Schlange hatte ihm an seinem Hals so tiefe Wunden zugefügt und dabei auch seine Stimmbänder verletzt. Aber er wäre nicht Severus Snape wenn er sich nicht zu helfen wüsste.
Schnell konzentrierte er sich, es fiel ihm so schwer, so unendlich schwer, er hatte kaum noch genug Kraft dafür und entließ seine Erinnerungen, die sich in einem langen Silberfaden aus seinem Mund entwichen. Mit den Augen befahl er Harry sie aufzufangen.
Müde ließ er seine Hand sinken. Nun war es vollbracht. Harry besaß nun den letzten für ihn von Dumbledore vorgesehenen Puzzlestein. Er wurde nicht mehr gebraucht. Sterben. Er lag im sterben. Verächtlich verzog sich sein schöner Mund. Er dachte an seine letzte Unterhaltung mit dem ehemaligen Schulleiter.
Auch Harry musste sterben, damit Voldemort vernichtet werden konnte. Was hatte alles was er getan hatte für einen Sinn gehabt? Keinen! Keinen einzigen. Er hatte alles umsonst getan. Nein nicht ganz. Er hatte alles für sie getan. Leise raschelte es in seiner Tasche, als er mit schwindender Kraft darüber strich.
Seit er ihn entdeckt hatte, trug er ihn beständig bei sich. Lilys Brief! Sie hatte ihn nicht an ihn geschrieben. Warum auch! Sie konnte ihn schon lange nicht mehr leiden, sie waren keine Freunde mehr. Zu gern hätte er noch einmal den zerknitterten Zettel den er über seinem Herzen trug in seine Hände genommen und die schon verblasste Schrift darauf gelesen.
Die drei schlichten Worte, die ihm die Welt bedeuteten. In Liebe Lily
Es waren ihre letzten Worte. Schmerz durchflutete ihn aufs Neue. Bitter presste er die Lippen aufeinander. Nie hatte er aufgehört sie zu lieben. Niemals. Tränen brannten ihm hinter den Lidern. Tränen die er wieder nicht weinen würde. Entschlossen ballte er die Hände zur Faust.
Schon bald würde das alles hinter ihm liegen und ihn nicht mehr kümmern. Dann war er endlich frei. Im rasenden Tempo sah er sein ganzes Leben vor sich. Nein nicht sein ganzes Leben, nur das was ihm wichtig war.
Die Schaukel. So hoch das sie mit den Füßen beinahe den Himmel berühren konnte. Ihr Lachen wie die Strahlen der aufgehenden Sonne die sein Herz erwärmten. Ihre erste Fahrt nach Hogwarts. Sie an seiner Seite. Wie begierigt war er gewesen ihr alles über die magische Welt zu erzählen. Freunde für immer? Nein!
Der Tag an dem er sie Schlammblut nannte. Sie hatte ihm nie verziehen. Er hatte sie angefleht, aber es war zu spät. Die Prophezeiung. Wie er diesen Tag hasste. Er hatte Dumbledore um Hilfe gebeten, ihn angefleht. Umsonst. Das Monster hatte sie erwischt und getötet.
Der Junge lebt! Warum? Sie war fort für immer! Sein Herz schlug unermüdlich und pumpte seinen Lebenssaft aus seinem Körper. Er war so schwach, dass ihm das Denken schwer fiel. Wenige Atemzüge trennten ihn noch vor der Ewigkeit. Nicht mehr lange und alles lag hinter ihm. Aufseufzend ließ er sich fallen, hinab in die Dunkelheit.
Hermione weinte innerlich tausend Tränen. Severus Snape war tot. Noch ein Opfer dieses schrecklichen Krieges. Sie sah hinab auf ihren ehemaligen Lehrer. Bleich lag er in seinem eigenen Blut und bewegte sich nicht mehr. Nie mehr.
Alle ihre Freunde hassten ihn und sie wünschte sie könnte es auch, aber es ging nicht. Ein klitzekleiner Teil von ihrem Herzen konnte, wollte nicht glauben, dass er ein böser Mann war. Hermione war klar, dass er Dumbledore getötet hat, aber ein Teil von ihr suchte immer noch nach dem Grund.
Er war kein kaltblütiger Mörder, kein Monster. Von innerlichem Kummer zerfressen wandte sie sich rasch ab, ehe ihre Freunde entdeckten was in ihr vorging. Sie kehrte Severus Snape den Rücken zu, schwor sich aber zurück zu kehren, sollte sie den heutigen Tag überleben um ihn noch ein letztes Mal sehen zu können und um ihn trauern zu können.
In den tiefen des Tunnels sahen weder Harry noch Ron ihre von Tränen verschleierten Augen. Stolpernd fand sie ihren Weg zurück ins Schloss, wo eine unnatürliche Ruhe eingekehrt war. Voldemort gab Harry eine Stunde Zeit sich im verbotenen Wald einzufinden, ansonsten würde er alle töten. Harry trennte sich von seinen Freunden um in Ruhe die Erinnerungen, die ihm Snape gegeben hatte anzusehen.
Hermione wäre am liebsten mit ihm gegangen. Severus Snape wohlbehalten und am Leben zu sehen. Alles würde sie dafür geben. Auch wenn es nur seine Erinnerungen waren, die er Harry geschenkt hatte. Hermione zog sich traurig in eine dunkle Ecke zurück. Sie wollte alleine sein mit ihren Gedanken. Ron fiel es gar nicht auf. Wie auch. Der Krieg forderte von allen Opfer.
Es war vorbei. Voldemort war gefallen. Harry hatte ihn getötet. Im Jubeltaumel, begleitet von der Trauer über den Verlust der geliebten Menschen, verschwand sie unbemerkt. Leise schlich sie durch die Gänge. Überall waren die Spuren des Krieges. Wie schrecklich er gewütet hatte.
Hermione wusste nicht um wenn sie zuerst trauern sollte. Die liebe Tonks und ihre schrullige Art, Remus der netteste Werwolf den sie je kennen gelernt hatte, oder Freds Tod? Es gab einfach zuviel, zu viele Verluste. Doch um sie alle wurde getrauert. Nur um einen nicht.
Severus Snape. Sie konnte nicht anders, sie musste zu ihm. Ihm ein letztes Mal nahe sein. Sie lief durch den Tunnel bei der peitschenden Weide und schon bald stand sie wieder in der heulenden Hütte. Da lag er. Einsam und verlassen. Vergessen.
Aber nicht von ihr. Niemals. Hermione kniete nieder an seiner Seite. Stumm rannen ihr die Tränen über ihr Gesicht. Stockend erzählte sie ihm, dass sie gewonnen hatten. Berichtete ihm wer alles es nicht geschafft hatte. Nur einen Namen ließ sie bewusst aus. Seinen. Das wusste er sicher schon.
Seit wann liebte sie ihn eigentlich? Bewusst wurde es ihr erst seit heute. In seinem Tod offenbarten sich ihr ihre Gefühle. Das Leben war ungerecht. Er hätte mehr verdient. Wie gerne hätte sie noch einmal mit ihm gesprochen. Alles würde sie dafür geben um noch einmal den Klang seiner Stimme zu hören.
Müde sank sie an seine Seite und verbarg ihr Gesicht in den Falten seines Umhanges. Traurig dachte sie daran wie wenig sie eigentlich über ihn wusste. Voldemort war so bestimmend in ihrer Welt gewesen, dass sie gar keine Zeit fand sich mit ihren Mitmenschen genügend auseinander zusetzen und jetzt war es zu spät. Zu spät um ihn verstehen zu lernen. Die Zeit stand still hier.
Stand still bei ihm.Hermione schloss ihre Augen und wünschte sich sie hätte es auch nicht geschafft. Was nutze ihr das Leben wenn es ihn nicht mehr gab. Öd und leer erschien ihr alles. Fröstelnd rollte sie sich zusammen und lag ihm den Rücken zu gewandt an seiner Seite da. Dieser Sieg schmeckte nicht süß wie sie gedacht hatte, sondern bitter. Sie fühlte sich nicht befreit und glücklich, sondern einsam und verlassen. Alleine gelassen.
Lange würde sie nicht mehr bleiben können, nur noch einen Augenblick noch wollte sie sich gönnen. Am liebsten wäre sie für immer an seiner Seite geblieben, aber es ging nicht, sie musste zurück. Einmal. Einmal nur! In ihr keimte ein verbotener Wunsch. Sie erhob sich und blickte hinab in sein fahles lebloses Gesicht.
Ein einziges Mal nur. Vorsichtig näherte sie sich seinem Gesicht, suchte es mit den Augen ab und prägte es sich in ihrem Herzen ein. Ein einziges Mal nur. Dann schloss sie die Augen und beugte sich herab. Sanft und leicht berührte sie seine Lippen und gab ihm einen letzen Kuss.
