Mittlerweile war es tiefste Nacht. Die Sterne funkelten wie Diamanten und der Mond wirkte wie eine riesige milchweiße Perle auf einem schwarzen Tuch. Gern hätte die junge Frau diesen Himmel gesehen, doch der Smog verhinderte es, wie immer. Für immer.
Dass sie mit ihren gerade mal 20 Jahren überhaupt wusste, wie der Himmel wirklich aussah, oder aussehen sollte, verdanke sie nur Makino, die ihr davon erzählt hatte. An ihre Kindheit außerhalb von Downtown erinnerte sie sich nur schemenhaft und überhaupt sehr ungern. Auch wenn sie hinter der Grenze gelebt hatte, waren Großteile ihrer Vergangenheit weder gut noch glücklich gewesen. Zwar nicht tragisch, aber auch nicht schön.
Müde stand sie auf und schlurfte zur Tür. Mit der Dunkelheit waren die Sorgen um ihre Brüder zurück gekehrt. Tagsüber, wenn alles schlief, war es das Eine einfach zu verschwinden, aber nachts, wenn die rohe Gewalt, die Drogen und alles damit verbundene die Stadt regierten, war es etwas gänzlich anderes.
Sicher, ihre Brüder waren alt genug und eigentlich wussten sie auch, vom wem sie sich besser fern hielten, aber die Sorgen um sie verschwanden einfach nicht.
Gedankenverloren sah sie in den blauschwarzen Dunstnebel über sich. Sie wusste nicht woher er kam, das einzige was sie über ihn wusste, war, dass er sicher nicht gesund war. Trotzdem stand sie draußen, im Nebel, und atmete tief durch. Was sollte sie sonst auch machen?
Sie lebte hier nun einmal in Downtown. Zusammen mit allem Abschaum, den man hinter der Grenze nicht haben wollte, zusammen mit ihren Brüdern als Verstoßene, Flüchtige ohne ein Zuhause.
Ihr Lächeln wurde wehmütig und ihre nachtschwarzen Augen glitzerten leicht beim Gedanken, dass sie jetzt hinter der Grenze leben könnte. Und es eigentlich auch sollte.
Zumindest rein von ihrer Blutlinie her gesehen, denn sonst verband sie nichts mit dem Leben hinter der Grenze. Nur ihr Blut und verschwommene Kindheitserinnerungen.
Mit halb geschlossenen Augen sah sie träumend in den Himmel. Nachts konnte sie draußen immer besonders gut träumen. Ob der Smog dabei eine Rolle spielte?
Vielleicht waren ja Drogen drin. Bei dem Gedanken musste sie ungewollt kichert, auch wenn es an sich nicht mal ansatzweise komisch war. Vielleicht waren es ja wirklich Drogen.
Sie lächelte und schloss ihre Augen.
Schritte. Rascheln.
Augenblicklich waren alle ihre Sinne hellwach. Sie war nicht mehr länger allein mit sich und der Welt. Das Messer von ihrem Gürtel in der linken Hand ging sie in Lauerstellung. Die Schmerzen in ihrer Schulter blendete sie weitestgehend aus. Das Rascheln wurde lauter, die Schritte kamen näher. Ihr Griff um das Messer festigte sich. Mit geschlossenen Augen lauschte sie.
Sie kamen von vorn, von der Stadt. Und es waren mehrere. Drei... Nein zwei, es waren zwei. Und vermutlich Männer. Oder Frauen mit einer sehr festen Gangart. So wie Bonney in etwa. Wieder kicherte sie leise.
Die Schritte kamen immer näher und sie konnte langsam die Silhouetten der zwei Personen erkennen. Sie wollte gerade auf die kleinere der beiden losstürmen, als sie stockte. Die beiden kamen ihr bekannt vor, sogar erschreckend bekannt.
Sie zögerte kurz, rief dann aber mit gedämpfter Stimme: „Ace...Ruffy... Seid ihr das?"
„Avenal? Ist was passiert?", erklang Ace´ Stimme aus der Dunkelheit, ehe er zusammen mit Ruffy vor ihr stehen blieb. Die junge Frau sah die Brüder verärgert an. „Wo wart ihr so lange? Ich hab mir Sorgen um euch gemacht! Ihr wisst doch, dass ihr nachts nicht in die Stadt gehen sollt! Das ist einfach verdammt gefährlich! Reicht es nicht wenn ich mich in Lebensgefahr be-" Sie hatte sich immer weiter hineingesteigert, doch dann stoppte sie plötzlich mitten im Wort. Das hatte sie jetzt nicht sagen wollen. Weder Ace, noch Ruffy sollten wissen, dass sie hinter der Grenze war.
„Was meinst du damit, Avenal?", fragte Ruffy in seinem kindlich-naiven Ton und sah sie mit großen Augen an. Die junge Frau war immer wieder überrascht, dass der 16-jährige sich, trotz das er hier leben musste, so verhielt. Er war immer noch wie der kleine Junge damals, der naiv wie er war, an das Gute im Menschen glaubte und seinen Träumen hinterher jagte.
Jetzt schaltete sich auch Ace ein. „Stimmt, was meinst du damit?" In seinem Blick lag Misstrauen, etwas was sie bei ihm selten sah. Normalerweise war sie immer diejenige, die anderen Menschen misstraute. Aber wenn Ace Verdacht geschöpft hatte, dann war es meist schon zu spät, jetzt würde lügen nichts mehr bringen. Da konnte sie auch gleich die Wahrheit sagen.
Sie atmete tief ein und erklärte leise: „Ich war hinter der Grenze." Bevor einer der beiden etwas erwidern konnte, unterband sie das. „Lasst mich erst mal ausreden, dann kannst du dich meinetwegen über mein Unvermögen aufregen, Ace. Nun, ich war bei Makino. Ein paar Sachen holen. Medikamente, ein paar Verbände, ein wenig Geld, Tabletten, Suppenpulver. So was eben. Es wird hier immer schlimmer, ich hab eingesehen, dass ich, ...wir, hier nicht mehr allein durchkommen, wenn es so weiter geht, wie bisher."
Sie verstummte und blickte auf den Boden. Jetzt fühlte sie sich schuldig. Was hatte sie getan? Das Risiko dabei umgebracht zu werden, war von Anfang an viel zu hoch gewesen. Was wäre gewesen, wenn sie geschnappt worden wäre? Sie wäre tot gewesen.
Und wer hätte sich dann um Ruffy und Ace gekümmert? Niemand, die beiden wären hier allein gewesen. Sicher, Ruffy war 16 und Ace war 19, aber sie konnte ihre Brüder einfach nicht allein lassen. Das konnte sie nicht verantworten.
Sie war doch ihre große Schwester.
Plötzlich spürte sie wie eine Hand auf ihre Schulter gelegt wurde und sie blickt überrascht auf. Ace stand vor ihr. Vorwurf lag in seinen schwarzen Augen, doch sein Lächeln war warm. „Avi." Ihr Spitzname aus Kindheitstagen, als sie Welt noch einfach und in Ordnung war. Als sie noch nicht tot war. „Wie kommst denn auf solchen Schwachsinn? Wenn du draufgehst kannst du uns auch nicht mehr helfen, also lass den Mist, ja?"
Er lächelte noch immer, doch der Vorwurf war deutlich in seiner Stimme zu hören. In dem Moment fühlte sich Avenal wie ein kleines, dummes Kind, nicht wie eine 20-jährige.
„Versprochen", antwortete sie simpel und lächelte.
Das war der Moment in dem sich Ruffy einschaltete. „Hast du noch was zu essen? Bitte!" Er sah sie bittend mit großen Augen von unten her an, auch wenn er eigentlich genauso groß wie seine Schwester war.
Diese lachte jetzt leise und strich sich durch die Haare. „Ob du´s glaubst oder nicht, aber ja. Ich hab noch Suppe für euch übrig." Kaum hatte sie das gesagt, war er ihr schon um den Hals gefallen. „Ja, Essen!"
Ace begann zu lachen und Avenal stimmte mit ein, während sie ihm den Strohhut vom Kopf nahm und ihm leicht durch die unordentlichen schwarzen Haare strich. Ja, das war ihr kleiner Bruder.
„Na, dann worauf wartet ihr noch?", fragte Ace, der schon im Türrahmen stand. Schnell folgten seine Geschwister ihm. Die ohnehin morsche Tür wurde mit ungeheurem Schwung zugeknallt.
Rums. Stille. „Verdammt Ace! Lass unsere Wohnung ganz!"
Schlaftrunken blinzelte Avenal. Mit einer Hand fuhr sie sich durch ihr schulterlanges Haar. Es hatte die selbe Farbe wie das ihrer Brüder. Lag wohl in der Familie. Sie lächelte leicht.
Ein Blick zum halb geöffneten Fenster verriet, dass es noch Nacht war. Vielleicht auch schon früher morgen. Wahrscheinlich sogar. Sie waren ja erst nach Mitternacht schlafen gegangen und das war sicher schon mehr als ein oder zwei Stunden her. Und selbst wenn, es war doch egal. Sie konnten schlafen solange sie wollten. Sie hatten einen Job, keinen Stress, keine Verpflichtungen. Es gab Zeiten in denen sie ihr Leben hier liebte, in denen sie all das Leid und alles Schlechte hier im Slum vergaß. Dann war sie einfach glücklich.
Wie jetzt.
Müde, aber verschlafen grinsend, legte sie sich wieder zurück und kuschelte sich näher an Ace. Sie hatte sich seit sie hier lebte den Schlafplatz, denn Bett konnte man es wirklich nicht nennen, mit ihm geteilt. Ruffy hatte einen eigenen.
Sicher, eigentlich hätten sich die beiden Jungs ein Bett teilen können, aber Ruffy hatte schon immer sehr lebhafte Träume und trat dabei nicht selten auch um sich. Und da war es eher kontraproduktiv neben ihm zu liegen. Außerdem hasste es Avenal allein zu sein, besonders nachts, denn nachts kam die Kälte.
Bei diesem Gedanken rutschte sie unbewusst noch näher an ihren Bruder heran. Er war immer so wunderbar warm. Warum verstand sie bis heute nicht. Es war einfach so, war es schon immer gewesen. Sie war in dem Punkt das exakte Gegenstück zu ihm, ihr wurde unglaublich schnell kalt und sie kühlte extrem rasch aus. Auch ihre normale Körpertemperatur lag unter der normaler Menschen, nicht viel, vielleicht 0,5 Grad, vielleicht auch etwas mehr.
Der Wind wehte leise heulend durch die Löcher im Dach. Avenal zog die dünne Decke weiter zu sich und rückte so nah es ging zu ihrem Bruder. Es zeigte Wirkung, ihr wurde merklich wärmer. Im Halbschlaf legte Ace einen Arm um ihre Schulter und zog sie unbewusst zu sich. Das kam nicht gerade selten vor, doch die junge Frau hatte keinerlei Probleme damit, im Gegenteil, sie fühlte sich sicher und geborgen. Zufrieden lächelnd legte sie ihrem Kopf leicht an seine Schulter und sank schon bald in einen tiefen Schlaf.
