Severus Lucifer Snape winkte mit dem Zauberstab, und die Fackeln entlang der Wände der Eingangshalle entzündeten sich. Seine Schritte hallten auf dem Marmorboden, und Schutt knirschte unter seinen Sohlen.

Er blickte hinauf zur pfauenblauen Decke, in der wie in den Wänden kreisrunde Dellen und Löcher klafften und einem flüchtigen Blick von einem heftigen Kampf erzählten. Schaute man aber genauer hin, so hatten die Dellen den Durchmesser von Klatschern, und der goldene Schnatz, der mit gebrochenem linkem Flügel an den kalten Kaminen vorbeitrudelte, bestätigte diesen Eindruck.

Quidditch, dachte Snape, überlegte kurz wie stark man einen Klatscher wohl schlagen musste um eine solche Verwüstung anzurichten und wandte sich dann dem Brunnen zu. Einen Moment betrachtete er das frivole Trio aus Harry Potter, Sirius Black und Lucius Malfoy, das sich um einen marmornen dunklen Lord gruppierte und lüstern dreinschaute. Wenn sein Herr das zu sehen bekäme, würde es für alle Beteiligten äusserst unangenehm werden. Drarum hob er den Zauberstab und schoss dem obszön grinsenden Voldemort den Kopf von den Schultern; Fluch um Fluch zerlegte er das Standbild, bis nichts als Geröll übrig blieb und grinste dann zufrieden.

Sein Herr geriet schon in Rage, wenn er sich eine Auszeit mit einer Hermine Granger nahm – Snape hatte schon drei von ihnen verloren; ein Glück, dass es so viele gab.

Trotzdem: Es war nicht gerecht. Immerhin hatte der dunkle Lord in ihm einen wahren Verfechter seiner Sache. Snape glaubte fest daran, dass Voldemort völlig missverstanden wurde und alles nur, weil er Luzifers Sohn war, und der war wohl der missverstandendste Herr aller Zeiten. Snape erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem Voldemort ihn vor diesen heimtückischen Engeln gerettet hatte, auch wenn der dunkle Lord nie darüber sprach – Snape trug seinen zweiten, ehrenhalber verliehenen Namen mit Stolz. Nein, Voldemort war ein feiner Kerl – wer sonst hätte sich eines armen Halbelf-Halbdämons angenommen, den sonst alle nur mit Verachtung straften? Niemand, genau und da machte es nichts, wenn Voldemort ihn aus schmalen Augen fixierte, wenn Snape seine schwarzen Schwingen nicht schnell genug verbarg oder unbedacht über seine Kindheit in der Welt der Elfen sprach. Er hatte sicher seine Gründe, schliesslich war er Luzifers Sohn! Snape stiess die Luft aus und kratzte sich mit dem Zauberstab am Rücken.

Er verstand nicht so ganz, was vor sich ging. Natürlich war es verwirrend, dass es neben ihm noch fünf weitere Snapes in Voldemorts Nähe gab, ganz zu schweigen von den Dutzenden, die sich in der Zaubererwelt herumtrieben, aber bis auf den einen mit den langen bunten Haaren, der über nichts anderes als Haarkuren und Gesichtsmasken redete, waren sie ganz in Ordnung. Und selbst der war im Vergleich mit den Luciussen erträglich. Snape hatte ihnen schon oft erklärt, dass all ihre Mühen umsonst waren, weil Godric Gryffindor Voldemorts Seelenpartner war – aber sie wollten ja nicht hören.

Hinter ihm machte es zweimal "Plopp", gefolgt von durchdringendem Kreischen.

„Was machst du hier?" Snape verdrehte die Augen und wandte sich langsam um. Wenn man vom Oger spricht…

„Der dunkle Lord hat mich beauftragt Informationen zu sammeln", keifte Lucius zurück und baute sich vor Bellatrix auf. Snape brachte sich wohlweislich hinter den Trümmern des Brunnens in Sicherheit.

„Mich!" brüllte Lucius weiter. „Du kannst also gleich wieder verschwinden."

„Das hättest du wohl gerne", schrie Bellatrix und fuchtelte mit ihrem Zauberstab vor Lucius' Gesicht herum. „Aber mir hat er gesagt, dass ich die Aurorenzentrale nach Hinweisen durchsuchen soll, und im Gegensatz zu dir werde ich auch etwas finden!" Sie starten sich an; Snape zählte bis drei.

„Er mag mich viel lieber als dich", fauchte Lucius und stampfte mit dem Fuss auf.

„Denskte!" schnappte sie.

„Haltet die Klappe!"

Alecto Carrows Stimme klang niemals angenehm, aber wenn sie wütend war, erklomm sie Höhen, die selbst eine Fledermaus hätten abstürzen lassen: Es fühlte sich an, als kratze jemand mit spitzen Fingernägeln übers Trommelfell. Snape fummelte an seinen Ohren, während Alecto an ihm vorbeirauschte und die beiden Streithähne ins Gebet nahm. Ihr Bruder apparierte in einer Ecke, das hässliche Gesicht in schiefem Grinsen noch unansehnlicher verzerrt, und wuchtete seinen plumpen Körper in Richtung des schwesterlichen Schimpfens.

„Ihr seid das letzte", zeterte Alecto. „Wenn ihr euch nicht immer zanken würdet, hätten wir die Lage schon lange unter Kontrolle. Erst gestern ist uns ein schwangerer Möchtegern-Dunkler-Lord entkommen, weil ihr euch unbedingt duellieren musstet, und der war nun wirklich nicht schnell!"

„Das war ich nicht", protestierte Lucius. „Das war Lucius 4. Ich habe damit gar nichts zu tun!" Bellatrix trommelte mit den Füssen auf den Boden.

„Der Kerl hatte es verdient", schrie sie. „Er hat gesagt, dass ich das falsche Geschlecht hätte!"

„Du bist die Allerschlimmste", keifte Alecto. „Ich habe dich noch nie ausstehen können: Bildest dir ein, du seiest wer, nur weil du die Longbottoms in den Wahnsinn gefoltert hast. Pah, als ob das so grossartig wäre." Sie blickte Bellatrix verächtlich an, die anscheinend nicht so ganz verstand, worum es eigentlich ging. Lucius nutzte die Gelegenheit und huschte davon.

„Früher hast du um deine Prioritäten gewusst", ätzte Alecto weiter. „Aber jetzt schleichst du nur noch um den dunklen Lord herum und himmelst ihn an. Du lässt nach."

„Liebestoll", grunzte Amycus und flog im nächsten Moment, durch einen Fluch von Bellatrix getroffen, gegen die Wand.

„Gar nicht wahr!" kreischte diese hochrot über das Bröckeln des Marmors hinweg.

„Lass meinen Bruder in Ruhe, du Luder!" heulte Alecto und schon stoben Flüche hin und her.

Snape seufzte, breitete seine schwarzen Schwingen aus und brachte sich nahe der Decke in Sicherheit. Der goldene Schnatz torkelte heran, prallte an Snapes rechtem Flügel ab und schoss schräg nach unten direkt in die feinsäuberlich gekämmte luciusische Haarpracht.

„Mach das weg!" plärrte Lucius veitstanzend und fingerte hektisch durch die Strähnen. Rockwood apparierte neben dem stöhnenden Amycus, warf einen Blick in die Runde und grinste boshaft, als er Snape entdeckte.

Warum, dachte Snape und fuhr gleich darauf zusammen.

„Seid ihr fertig?" Die Frage war nicht mehr als ein Raunen, doch der bedrohliche Ton trug sie bis in den hintersten Winkel der Halle und beendete das Spektakel schlagartig. Snape versuchte unbemerkt auf den Boden zurückzusinken, aber es war zu spät.

„Crucio", ertönte es, Snape krümmte sich unter Schmerzen zusammen und fiel die letzten zwei Meter hinab. Die Schmerzen hielten an, Schritte knirschten auf dem Schutt und Rockwood kicherte.

Lord Voldemort blieb zwei Schritte vor Snape stehen, brach endlich den Fluch und fragte trügerisch sanft:

„Was habe ich dir über das Fliegen gesagt?" Snape konnte seinen roten Blick förmlich auf sich fühlen.

„Dass ich es lassen soll", presste er mühsam hervor.

„In der Tat", sagte Voldemort, schickte einen weiteren Crutiatusfluch hinterher und wandte sich den anderen zu.

Bellatrix und Lucius hatten die Unterbrechung genutzt um ihre Frisuren zu richten und sprangen nun wie junge Hunde zu ihrem Herrn – die Rangelei um den besten Platz gaben sie erst auf, als sie den Abscheu im Gesicht des dunklen Lords bemerkten.

„Alecto", sagte dieser leise. „Les deinen Bruder auf, und dann nehmt ihr euch die Abteilung für internationale Beziehungen vor." Alecto nickte beflissen, zerrte den jammernden Amycus auf die Beine und schleppte ihn hinter sich her zu einem der Aufzüge, während Voldemort sich Rockwood zuwandte.

„Die Mysteriumsabteilung." Rockwood neigte den Kopf, trat den noch immer auf dem Boden liegenden Snape vors Schienbein und verschwand. Snape umklammerte sein Bein und biss die Zähne zusammen. Wenn sein geliebter Herr ihn bestrafte, ging das in Ordnung – er hatte jedes Recht dazu. Aber Rockwood, oh, der würde sich noch wundern. Wenn Remus ihn erst in die Finger bekam, oh ja; Snape würde schon dafür sorgen.

„Ich durchsuche die Aurorenzentrale", rief Bellatrix und hob die Hand wie eine übereifrige Schülerin. Snape dachte wehmütig an Hermine, an mehrere auf einmal, um genau zu sein.

„Nimm Lucius mit. Wenn ihr dort nichts findet, arbeitet euch nach unten durch." Bellatrix zog eine Schnute.

„Ich brauche Lucius nicht."

„Und ich brauche sie nicht", warf Lucius trotzig ein. Voldemort spielte beiläufig mit seinem Zauberstab.

„Tatsächlich?" fragte er, und die Sache war erledigt. Snape richtete sich langsam auf und wartete, dass die Reihe an ihn kam.

„Ich gehe davon aus, dass du dich erfolgreich um Informationen über den Zaubertrank bemühen wirst, nicht wahr Snape?" Snape nickte, pickte eine schwarze Feder von seinem Umhang und eilte aus der Halle, wild entschlossen seinen früheren Fehler wieder gut zu machen.

~0~

Als der Aufzug im ersten Stock ankam, trat Voldemort auf den Flur und blickte sich um. Wie er vermutet hatte, war es auch hier wie im ganzen Ministerium menschenleer. Die Wände zierten rosarote Plakate und aus einem der Büros schalte eklige Muggelmusik.

„You are not alone", plärrte eine geschlechtslose gegen Rauschen ankämpfende Stimme. Voldemort ging dem Geheule nach, trat in ein verwaistes Büro und zerschoss das Radio. Selbst fürs Zaubereiministerium war das unterste Schublade.

Kurz sah er die wenigen Papiere durch, dann verliess er das Büro wieder. Nein, wenn irgendwo Informationen zu bekommen waren, dann im Büro des Zaubereiministers – immerhin hatte Fudges Ausflug nach Hogwarts die Sache erst publik gemacht, wobei publik nicht hiess, dass jemand wusste, was wirklich vor sich ging.

Voldemort schritt schneller aus. Die Leute waren eben beschränkt: Ein Umstand, den er im Allgemeinen begrüsste, im letzen Monat aber verfluchen gelernt hatte; wenn er daran dachte, dass die sechs da unten seine brauchbarsten Anhänger waren – es war so frustrierend.

Noch vor einem Monat war die Welt ein schöner dunkler Ort gewesen, und er trotz der Niederlage im Ministerium das allgemeine Zentrum von Furcht und Verzweiflung. Jetzt malten die Leute Pamphlete mit Karikaturen seiner geflügelten Imitate und überschrieben sie mit „Das grosse Plärren" und ähnlichem. Manche sagten bereits, dass die kopulierenden Leiberberge in ihren Vorgärten viel schlimmer seien als er, und wegen der andauernden Jagd auf die Verballhornungen seiner Selbst, kam er zu nichts mehr. Sein Vorsatz, seine Wut auf später zu verschieben, hatte sich längst verflüchtigt – er war nur noch wütend, und das Schlimmste daran war, dass er kein Ventil für diese Wut fand.

Früher war es so leicht gewesen: Ein Crutiatus hier, ein Avada Kedavra da und schon ging es ihm besser. Nun wurde er nicht einmal mehr die Wut über Pseudosnapes Ausflug an die Decke los; dabei wusste der ganz genau, wie sehr Voldemort alles mit Flügeln dran verabscheute. Aber wo er früher dieses herrlich zerreissende Gefühl verspürt hatte, diese Flut aus Macht und eigener Bedeutsamkeit, wenn er jemanden tötete, fühlte er jetzt – nichts. Ein Avada Kedavra war nur eine Handbewegung, abgenutzt durch die vielen vielen Morde der letzen Wochen. Vielleicht lag es an den Objekten, welche es traf, die man nicht im Ansatz ernst nehmen konnte, und die sich oft genug derart in ihrer eigenen inneren Unlogik verfingen, dass sie wie kopflose Hühner im Kreis rannten. Es war wie das Schiessen auf Blechbüchsen – völlig reizlos.

Er stiess die Tür zum Büro des Zaubereiministers auf und begann damit, die Aktenschränke zu durchsuchen.

Einiges hatte er sich schon zusammengereimt: Zum Beispiel betrafen diese Erscheinungen nur bestimmte, meist attraktive oder im Imitat wesentlich aufgewertete Zauberer und Hexen, und es schienen nur Leute betroffen zu sein, die in einer Beziehung zu ihm selbst oder zu Hogwarts standen. Manche gab es in hundertfacher Ausführung: Harry Potter, die männlichen Malfoys, Sirius Black, Snape und, aus welchem Grund auch immer, ihn selbst. Die Weasleybande hatte sich ins tausendfache vermehrt, war aber im Vergleich zu anderen sexuell relativ uninteressiert und generell unangenehm. Nicht dass sie je angenehm gewesen wären oder Voldemort interessiert hätten, aber schon die Tatsache allein, dass er sich jetzt mit solchen Dingen beschäftigen musste, war ihm zuwider.

Und was auch immer diese Seuche oder Invasion war, sie schien ansteckend zu sein: Bellatrix wurde von Tag zu Tag seltsamer, obwohl sie den Zaubertrank täglich dreimal zu sich nahm, und Narzissa Malfoy hatte ständig versucht, Sohn und Gatte mit irgendwelchen Männern zu verkuppeln. Nun, jetzt nicht mehr, dachte Voldemort grimmig und griff nach der nächsten Akte.

Es war genug. Er brauchte einen Namen, er musste sich rächen – schnell. Sollte ihm noch ein Harry Potter freudestrahlend entgegenhüpfen und ihn „Papi" nennen, würde er losgehen, sämtliche Horcruxes einsammeln, sie sich wieder einverleiben und von der nächsten Klippe springen.

Da fand er den Bericht über Fudges Ausflug nach Hogwarts. Voldemort schrieb triumphierend auf, erhob sich und ging die Akte in Händen zum Schreibtisch, und schob den Sessel zurück. Er überflog die ersten Seiten, schauderte, als er zu den Briefen mit den explodierenden Herzchen kam, mit denen mittlerweilen das malfoysche Haus befeuert wurde, und stutzte als er endlich die so gut behütete Urheberschaft fand.

Muggel? Geschichten von Muggeln, die sich verselbstständigten? Er legte den Bericht auf den Tisch. Wie war das möglich? Nicht dass er an McGonagalls und Snapes Schlussfolgerungen zweifelte; Snape war ein kluger Mann gewesen. Und eigentlich spielte das ja keine Rolle. Seine Gedanken überschlugen sich. Kein Wunder hatte das Ministerium diese Information geheim gehalten: Alle Gesetze zum Schutz von Muggeln wären unnütz gewesen – in ganz England gäbe es heute keine Muggel mehr, hätten die Zauberer davon gewusst. Er lächelte zufrieden. Zumindest würde es demnächst keine Muggel mehr geben. Der Ausflug hierher hatte sich mehr als gelohnt. Im Geist entwarf er bereits einen Schlachtplan, überlegte, wie er genügend Leute zusammenbekommen konnte, um dieses zwar ambitionierte, aber nicht unerreichbare Ziel zu erreichen. Aber halt: Eigentlich musste er nichts weiter tun, als diese Information unter die Leute bringen – der Tagesprophet würde es sicher liebend gern verbreiten, wenn er einen anonymen Hinweis erhielt, geschrieben auf ein Pergament mit dem Briefkopf des Ministeriums. Voldemort lächelte noch breiter und setzte sich in den Sessel.

Die Magie schlug augenblicklich zu.

Kaum berührte sein Hintern das Polster, kaum lagen seine Arme auf den Lehnen, wanden sich unsichtbare Fesseln um seine Glieder und zurrten ihn am Sessel fest. Sofort kämpfte er dagegen an, wand sich sammelte seine Kräfte, versuchte es erneut – vergebens. Er sass inmitten einer Glocke aus uralter Magie und konnte nicht fort. Während er sich noch schalt, dass er diese enorme Kraft nicht gefühlt hatte, schrillte es in der Ferne, eilige Schritte erklangen auf dem Flur, und im Türrahmen erschien ein grauer hagerer Mann und betrachtete ihn aus bebrillten Augen mit einer Mischung aus Freude, Erstaunen und milder Enttäuschung. Voldemort mass den Mann und gab den Kampf gegen seine Fesseln auf. Dieser offensichtliche Beamte besass nicht die Fähigkeit derart alte Magie zu wirken; vermutlich wusste er nicht einmal, dass Voldemort gefangen war. Geduld, mahnte er sich, richtete sich auf und lächelte kalt.

„Hm, hm", machte der Beamte und neigte den Kopf zur Seite. „Das ist nun nicht gerade das, was ich erwartet habe."

„Wir kriegen nicht immer das, was wir wollen", entgegnete Voldemort unverbindlich und fügte im Stillen hinzu: Aber immer das, was wir verdienen. Der da würde einem Avada Kedavra sicher zu neuer Kraft verhelfen. Der Beamte beachtete ihn gar nicht.

„Das Aussehen ist ein Problem", murmelte er, „erinnert mich an eine Blindschleiche. Hm, da müssen wir was tun."

„Blindschleiche?" stiess Voldemort hervor.

„Haare braucht's. Und eine richtige Nase und vielleicht etwas Farbe, ja, das müsste gehen", überlegte der Mann weiter. Voldemort starrte ihn an. Da hatte er doch tatsächlich geglaubt, er habe einen echten Zauberer vor sich und nun war es doch nur eines dieser idiotischen Imitate. Welches kranke Muggelhirn hatte sich nur diesen faden Bürofloh ausgedacht?

„Weisst du, wer ich bin?" fragte er in einem Ton, den man Schwachsinnigen gegenüber anschlägt, ehe man sie umbringt. Der Beamte blinzelte.

„Sollte ich?" fragte er verwirrt und fügte entschuldigend hinzu: „Ich komme nur selten unter Leute."

Voldemort verschlug es für einen Moment die Sprache. Es war doch offensichtlich, wer er war.

„Ich bin Lord Voldemort", zischte er mühsam beherrscht. Für einen winzigen Moment verfinsterte sich das Gesicht des Mannes und erhellte sich gleich darauf in einem zerknitterten Lächeln.

„Oh", machte er. „Nun, in Anbetracht der Lage ist das vielleicht gar nicht schlecht, nicht wahr?"

„Welche Lage?" fauchte Voldemort. Wenn er doch nur diese Fesseln lösen könnte; er würde diesem Mann Qualen zufügen, die seine eigenen Vorstellungen bei Weitem übertrafen.

„Nun, der „abnorme Realitätszustand"", antwortete der Beamte. „Und seien Sie versichert: Ich werde Sie nach Kräften unterstützen, Sie brauchen nur nach mir zu rufen, mein Name ist Robert J. Parkinson."

„Wie freundlich", quetschte Voldemort hervor.

„Und keine Angst: Sobald Sie mit der Arbeit beginnen, wird sich der Bannspruch soweit lösen, dass sie arbeiten können." Voldemort erstarrte.

„Welcher Bannspruch?" fragte er so beiläufig wie möglich. Parkinson lächelte verbindlich.

„Der, der Sie an den Sessel fesselt – Sir. Er stammt aus dem dreizehnten Jahrhundert, und ich habe ihn reaktiviert, weil es ohne Minister keine Behörde gibt, nicht wahr?" Oh wie sehr würde Voldemort der Tod dieses Mannes befriedigen.

„Ein Bannspruch also. Komisch, ich habe gar nichts davon gemerkt." Er lehnte sich lässig zurück; Parkinson kicherte.

„Ah doch, das haben Sie", sagte er. „Er ist sehr stark, das musste er sein – ich meine, die rosarote Mütze…" Er kicherte noch mehr und räusperte sich dann.

„Entschuldigen Sie, die Vorstellung ist einfach zu amüsant." Das fand Voldemort nicht; jedes andere Wort wäre passender gewesen.

„Was ist das für ein Bannspruch?" herrschte er nun und gab die Mühe auf, seine Wut zu verbergen.

„Oh, der stammt aus der Zeit des ersten Trimagischen Turniers. Sie erinnern sich sicher." Voldemort schwieg, und so richtete sich Parkinson auf und erklärte in bemerkenswert monotonem Tonfall:

„Damals beschlossen die beteiligten Nationen, das Turnier mit einer Wette etwas interessanter zu gestalten. Das Oberhaupt der Partei, die verlor, sollte fünf Jahre lang eine rosarote Mütze mit Bommeln daran tragen und darüber hinaus sollte es allmorgendlich auf einem öffentlichen Platz „Alle Miffler sind schon da" singen und dabei auf einem Bein hüpfen. Nun, Durmstrang gewann, der Vertreter von Beauxbattons kam um, und da der damalige Ratsälteste Englands einen Schock erlitt und an Ort und Stelle verstarb, hätte sein Nachfolger die Wette einlösen müssen. Das aber führte zu einem prekären Machtvakuum, weil keiner den Posten haben wollte; verständlich, wenn man bedenkt, wofür die Farbe rosarot damals stand."

Parkinson unterbrach sich einen Moment wie einer, der einen fantastischen Witz gemacht hat und seinen Zuhörern die Gelegenheit zum Lachen geben will; doch seinem Publikum fehlte es völlig an Humor.

„Rosarot stand für Squibs", erklärte er säuerlich. „Für die Bürokratie war das jedenfalls ein harter Schlag."

„Warum?" warf Voldemort ein. „Es gab noch einen ganzen Rat. Man hätte das sicher regeln können." Parkinson schnappte nach Luft.

„Mitnichten!" stiess er hervor. „Das ist eine Frage des Prinzips! Die bürokratische Hierarchie muss eingehalten werden. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder seine eigenen Regeln machen würde? Das wäre katastrophal!" Parkinson keuchte vor Empörung.

„Nein", sagte er „und glücklicherweise sah Bertrand Drachenfeuer der Akkurate das genauso und entwickelte diesen Bannspruch. Es traf Alibert Sorglos, nun ja, im Leben rächt sich eben alles – und es ist nicht in Ordnung, dass der Drachenfeuer nach Ablauf der fünf Jahre dafür in einem Moor versenkt hat." Parkinsons Stirn war ein einziges missbilligendes Gebirge.

„Aber es gibt keinen Rat mehr, und die Wettschuld ist beglichen."

„Ah", rief Parkinson. „Aber das ist ja das Geniale an diesem Bannspruch: Er ist wie ein altes Gesetz, das ja auch nicht ungültig ist, nur weil es nicht mehr angewandt wird. Wie bei solchen Gesetzen braucht es nur eine Situation, welche den Einsatz erfordert, und eine Person, die ihn aktiviert."

„Wie dich", presste Voldemort hervor. Parkinson nickte selbstgefällig.

„Das heisst also", fuhr Voldemort fort, „dass ich jetzt Zaubereiminister bin?" Parkinson nickte erneut und Voldemort lehnte sich zurück. Er hatte nie darüber nachgedacht, was er tun würde, wenn er endlich triumphiert hätte – zumindest nicht ob er Zaubereiminister sein wollte oder nicht. Eher weniger, entschied er nun: Ein Leben als graue Eminenz, als Macht, die im Hintergrund die Fäden zog, wäre viel eher nach seinem Geschmack gewesen. Aber er musste Parkinson zustimmen: In der jetzigen Lage und angesichts der gewaltigen Aufgabe, die vor ihm lag, war es vielleicht gar nicht so schlecht.

„Und du wirst mich dabei unterstützen?" vergewisserte er sich.

„Natürlich, darum habe ich den Bannspruch ja reaktiviert", antwortete Parkinson.

„Gut", meinte Voldemort. „Dann wirst du jetzt gehen und einen Brief an den Tagespropheten schreiben, in dem du erklärst, dass die Muggel hinter dem „abnormen Realitätszustand" stecken, und dass der Zaubereiminister die sofortige Auslöschung der englischen Muggelpopulation wünscht."

Parkinsons Miene verhärtete sich.

„Das geht nicht", antwortete er leise.

„Und warum nicht? Ich habe Hinweise gefunden, dass die Muggel hinter allem stecken. Wir haben also jedes Recht sie zu vernichten." Als ob es dafür einen Grund bräuchte, dachte er, aber die Leute waren dieser Tage ja so rechtschaffen – wie blökende Schafe.

„Als Zaubereiminister sind Sie an die Gesetze gebunden, und die verbieten den Einsatz von Magie gegen Muggel", erwiderte Parkinson ungerührt. Voldemorts Oberkörper schnellte vor.

„Im dreizehnten Jahrhundert gab es keine Muggelgesetze", schnappte er. „Damals hat man Treibjagden auf Muggel veranstaltet und das Abfackeln von Muggeldörfern war Höhepunkt jedes anständigen Balls."

„In unzivilisierten Kreisen", entgegnete Parkinson streng. „Und das tut nichts zur Sache", fuhr er fort. „Der Bannspruch inkorporiert sämtliche Gesetze, die seit dem dreizehnten Jahrhundert erlassen worden sind. Wie ich schon sagte: Er ist bürokratischer Natur und verpflichtet Sie darum dazu, sich an die Gesetze zu halten – Sir."

„Wie?" krächzte Voldemort. Parkinson lächelte.

„Der Bannspruch erlegt Ihnen auf, sich an die Gesetze zu halten. Das bedeutet keine dunklen Künste, keine verbotenen Zaubertränke und natürlich keine unaussprechlichen Flüche."

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte Voldemort ganz deutlich, dass er ein Herz besass – es setzte einfach aus.

„Ich fürchte, Sie werden einen anderen Weg finden müssen mit der Situation fertig zu werden", hörte er Parkinson wie auf weiter Ferne sagen.

Popomm machte es, als Voldemorts Herz wieder zu schlagen begann.

„Wenn ich dich in die Finger kriege", zischte er. Parkinson nickte langsam.

„Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das für mich sehr unangenehm wäre", meinte er. „Aber bis dahin ist noch etwas Zeit, glaube ich. Immerhin hält der Bannspruch so lange an, bis die Arbeit getan ist und angesichts des mangelnden Personals, werden Sie einige Zeit Minister bleiben. So gesehen ist der Bannspruch beinahe schon ein Fluch." Er stockte, als könne er an der unbürokratischen Wahrheit ersticken. Voldemort rang noch immer um Fassung.

„Nun", fuhr Parkinson nach einer Weile fort. „Damit ist wohl alles geklärt. Wir wären dann soweit, nicht wahr – Sir?"

„Soweit wofür?" stiess Voldemort Böses ahnend aus und kämpfte verzweifelt gegen die Fesseln. Parkinson trat auf den Flur, klatschte in die Hände und rief:

„Memos!"

In der Ferne raschelte es, ein ohrenbetäubendes Inferno näherte sich mit ungeheurer Geschwindigkeit, Parkinson sprang zur Seite, und durch die Tür sauste ein gewaltiger Schwarm aufgeregter Memos, zielte auf den entsetzten Voldemort und begrub ihn unter sich.

Parkinson lächelte zufrieden und für einmal rief er keines der Memos zurück, um den Anflug nochmals korrekt zu vollziehen. Nein, er schloss einfach die Tür hinter sich und schlenderte pfeifend zu seinem Büro.

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