Das zweite Jahr
Dieses Jahr begann so ganz anders als das letzte. Thomas war nicht nervös oder ängstlich, so wie letztes Jahr um diese Zeit und so wie es wahrscheinlich den neuen Erstklässlern gerade erging. Dieses Jahr war er glücklich, wieder hier zu sein. Er freute sich, alle seine Freunde wieder zu sehen und noch mehr magische und zauberhafte Dinge lernen zu können. Denn diese ganze Schule war einfach nur magisch und zauberhaft und auch wenn er seine Eltern manchmal schmerzlich vermisste, das ernorme Wissen, das er hier vermittelt bekam, war es allemal wert.
Verträumt ließ er seinen Blick durch die Große Halle schweifen. Das Gemurmel an den langen Haustischen war groß, denn die meisten seiner Mitschüler hatten sich noch immer viel zu erzählen. Wie waren die Ferien? Hast du die Quidditch WM gesehen? Wo warst du im Urlaub? Hast du schon gehört, dass die große Ginny Potter jetzt für die Caerphilly Catapults spielt? Und so weiter und so fort.
Und dann war es Zeit für die Auswahlzeremonie.
Eine Seitentür öffnete sich und heraus strömte eine kleine Horde nervöser Erstklässler, die von Professor Snape angeführt wurde. Sie sahen genauso verängstigt drein, wie Thomas im letzten Jahr. Kein Wunder, dachte er, wenn man auch ausgerechnet von Professor Snape begrüßt wurde.
Thomas erste Vermutung aus dem letzten Jahr, als er Professor Snape gesehen hatte, hatte sich bestätigt. Der Professor war tatsächlich etwas unheimlich, griesgrämig, ungerecht und meistens schlecht, ansonsten sehr schlecht gelaunt. Die meisten Schüler, besonders in den unteren Jahrgängen, hatten Angst vor ihm, manche sogar so viel, dass sie regelmäßig vor den Zaubertränkestunden Panikattacken bekamen.
Thomas war bei weitem nicht so schlimm von dieser Angst befallen. Er war sich ziemlich sicher, dass Snape seinen Schülern nicht wirklich schaden würde, auch wenn er ihnen ständig drohte. Ja gut, auch er war schon ein, zwei Mal in seinem Unterricht in Tränen ausgebrochen, aber mal ehrlich, wenn man verbal so auseinander genommen wurde, da blieb einem doch als Erstklässler auch gar nichts anderes übrig.
Aber eins musste er dabei auch einsehen: diesen Fehler würde er niemals wieder machen! Es gab Dinge, die behielt man bis an sein Lebensende und dass man Stachelschweinpastillen in den Trank zur Heilung von Furunkeln erst hinzu gab, wenn man den Trank vom Feuer genommen hatte, DAS würde Thomas niemals vergessen.
Snapes Lehrmethoden waren definitiv gewöhnungsbedürftig, aber auf kuriose Weise auch effektiv. Thomas hatte erstaunlich viel bei ihm gelernt. Etwas, was er noch vor einem Jahr kaum für möglich gehalten hatte. Natürlich hieß das noch lange nicht, dass er den Professor mochte, denn das tat er ganz sicher nicht, aber sein Unterricht war wirklich lehrreich.
Kaum, dass der letzte Name verlesen war, setzte sich Snape wieder an seinen Platz neben der Schulleiterin. Wie im letzten Jahr erhob sich diese und hieß die Schüler in Hogwarts willkommen.
Mit Professor McGonagall hatte Thomas noch nie wirklich zu tun gehabt - nicht dass er das gerne ändern würde. Von dem, was er hörte und von weitem beobachtete machte sie zwar einen strengen, jedoch gerechten Eindruck und sie schien sich wirklich um die Schule und ihre Schüler zu kümmern. Doch sie war immer noch die Direktorin, und zu ihr gebeten zu werden, hieß meistens, dass man in großen Schwierigkeiten war.
So war es Thomas eindeutig lieber, sie auch weiterhin aus der Ferne zu beobachten.
Während des Festessens schielte Thomas unauffällig zu Snapes anderer Seite. Dort saß noch immer Professor Granger. Sie war bei weitem nicht mehr so nervös und ängstlich wie im letzten Jahr. Ganz im Gegenteil. Sie machte einen zuversichtlichen, fröhlichen, selbstbewussten, glücklichen Eindruck und schien voller Tatendrang.
Genauso war sie auch meistens im Unterricht. Zumindest nach den ersten paar Wochen. Aber das war nicht so schlimm gewesen, denn Thomas hatte sich damals genauso gefühlt.
Professor Granger war eine wirklich gute Lehrerin. Sie war sehr sanft und verständnisvoll, manchmal ein wenig zu sehr, denn ab und an tanzten ihr die Schüler auf der Nase herum. Sie hatte eine ruhige Art und sie konnte die Zauber, die sie lernten sehr gut und anschaulich erklären. Und sie wusste auch eindeutig wovon sie sprach. Sie kannte sich in der Theorie aus wie keine andere und sie lebte förmlich die praktischen Zauber.
Vielleicht war es diese absolute Hingabe für ihr Fach, die Thomas nur bei einem anderen Lehrer gesehen hatte, die diese beiden Menschen verband. Denn wenn Snape einen Trank braute, dann tat er das mit seinem ganzen Wesen.
Professor Granger war vom ersten Tag an die Lieblingslehrerin aller Schüler gewesen. Erst später hatte Thomas erfahren, dass das zum Teil auch an ihrer Freundschaft zu dem berühmten Harry Potter lag. Eine hervorragende Lehrerin war sie allerdings auch ohne diese Freundschaft.
Angespornt durch ihre Freundlichkeit, gab es nicht wenige Schüler, die sich in sie verliebt hatten. Besonders die Jungs in den höheren Jahrgängen schwärmten für sie. Und wie sollte es auch anders sein, kurz vor Weihnachten im letzten Jahr war einem dieser Schwärmer etwas herausgerutscht und die Katastrophe und Fassungslosigkeit nahm seinen Lauf.
Thomas war natürlich nicht dabei gewesen, doch die älteren Schüler hatten es brühwarm überall herumerzählt.
Ein Sechstklässler hatte wohl mitten im Unterricht begonnen mit ihr zu flirten und sie allen Ernstes zum Essen eingeladen. Professor Granger war den Erzählungen nach die Freundlichkeit selbst geblieben, wenn auch etwas errötet, und hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie bereits vergeben war. Der Schock, der sich unter allen männlichen Schülern ausbreitete, braucht wohl nicht extra beschrieben werden.
Noch in der gleichen Stunde wurde sie von ihren Schülern so dermaßen belagert und ausgefragt, wer denn der Mann an ihrer Seite sei, schließlich hatte noch kein Schüler einen fremden Mann im Schloss gesehen, dass sie irgendwann seufzend nachgab. Den Mädchen zufolge hätte sie ihre Schüler sogar vorgewarnt, dass sie es vielleicht gar nicht wissen wollten; und dann ließ sie die Bombe platzen.
Thomas konnte sich lebhaft vorstellen, wie seine Mitschüler reagiert hatten. Ihm wäre es wohl auch nicht anders ergangen. Sämtliche Schüler hatten sie mit offenem Mund und sprachlos angestarrt. Vermutlich alle hielten sie in diesem Moment für verrückt und völlig übergeschnappt. Absolut reif für die Geschlossene des St. Mungo.
Doch Professor Granger hatte bis heute noch keine Anstalten gemacht, diese eine Aussage zu dementieren.
Und so konnte noch immer niemand glauben, dass die Professoren Granger und Snape ein Paar waren.
Thomas hatte mehrfach versucht sie unauffällig zu beobachten, wann immer er die beiden zusammen sah. Vielleicht war da ja etwas, was sie sonst in der Öffentlichkeit nicht zeigten? Doch Snape saß noch immer griesgrämig und missgelaunt am Lehrertisch und starrte böse in der Gegend herum. Er schien weder die Frau an seiner Seit noch die Schüler besonders zu beachten. Professor Granger schien sich daran zwar nicht zu stören, doch wie alle anderen auch, konnte Thomas nicht ganz nachvollziehen, was sie an ihm fand. Sein Aussehen war nicht gerade umwerfend und sein Gemüt war es noch viel weniger. Gut, er war ein herausragender Zaubertränkebrauer und vermutlich genauso intelligent wie sie, doch reichte das wirklich für eine Liebesbeziehung?
Thomas hatte keine Ahnung. Er war erst zwölf und hatte in Sachen Liebe jetzt noch nicht so viel Erfahrung. Er konnte sie zwar wirklich nicht verstehen, doch Professor Granger machte nicht unbedingt einen unglücklich oder traurigen Eindruck und Snape wusste sich garantiert zur Wehr zu setzten.
Wer wusste schon, was die Zeit für die beiden noch bringen mochte. Thomas jedenfalls freute sich erst einmal auf sein Bett.
