Kapitel 2: Eine Spur


Eric schien ein wenig enttäuscht darüber zu sein, nicht der erste vor Ort zu sein. Seinen Gesichtsausdruck als unterkühlt zu bezeichnen, wäre noch untertrieben gewesen, als er Sam neben der zierlichen Kellnerin erblickte.

Der Formwandler nickte dem blonden Hünen bloß abwesend zu. In seinen Augen spiegelte sich kaum weniger Verachtung für sein Gegenüber wider als in denen Erics. Sie wussten beide, dass sie nur aus einem einzigen Grund hier waren- Sookie. Doch diese Gemeinsamkeit machte diese Begegnung auf keine Weise weniger unangenehm. Im Gegenteil.

„Ihr kennt euch?" Sookie war ehrlich überrascht. Bei welcher Gelegenheit waren sich diese beiden grundverschiedenen Typen über den Weg gelaufen?

„Ja. Wir hatten bereits das Vergnügen", brummte Sam.

Er war auf dem Boden gehockt, eine der Servietten, welche vom Tisch gefallen war, in der Hand haltend, als Eric das Restaurant betreten hatte. Pam, in einem unwerfenden Glencheck- Kleid mit schwarzen Lackleder Pumps folgte ihm kaugummikauend.

Eric ließ seine Augen kurz durch den Raum schweifen. Sein Blick glitt fast gelangweilt über die umgeworfenen Möbelstücke und das Chaos am Boden.

„Ich sehe, dein Spürhund nimmt bereits Fährte auf. Wozu brauchst du also mich noch?"

Sam seufzte und hielt ihm die Serviette hin. Seine Stimme troff vor Abneigung, als er sprach: „Hier. Ich…habe keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben."

„Das scheint ein Dauerzustand bei ihm zu sein", bemerkte Eric in Pams Richtung. Die Vampirlady musterte den Formwandler mit einer Mischung aus Verachtung und jener Art von Neugier, welcher man einer exotischen Tierart entgegen bringt.

Eric schien nicht daran zu denken, Sam die Serviette abzunehmen, sondern bückte sich und hob die blaue Schmuckschatulle auf. Er roch an dem Kästchen, seine durchdringenden blauen Augen hafteten dabei an Sookie. Sie blickte ihn abwartend an.

„Riecht nach Kitsch", befand er schließlich, ohne eine Miene zu verziehen.

„Eric!" Sookie`s Stimme zitterte vor Ungeduld. Sie trat näher an ihn heran „Was ist es? Was riechst du?"

In der Ferne war Sirenengeheul zu vernehmen.

„Du hast doch nicht ernsthaft die Cops gerufen?"

„Natürlich habe ich das", erwiderte Sookie bestimmt, „man hat meinen Verlobten entführt, aus einem Restaurant mitten in der Stadt."

Unbewusst strich sie bei diesen Worten über den Ringfinger ihrer linken Hand. Mein Verlobter.

„Glaubst du etwa, ich würde nicht jede Hilfe in Anspruch nehmen, die ich kriegen kann? Und jetzt sag endlich, wer oder was das hier getan hat! Kennst du ihn?" Sie machte eine kurze, von unbestimmten, bösen Vorahnungen geschwängerte Pause.

„Kenne ICH ihn?"

Eric schüttelte den Kopf. „Ich glaube kaum. Und eure Cops werden euch in der Sache wohl auch herzlich wenig nützen. Es sei denn, sie haben bereits Erfahrungen mit Werwölfen vorzuweisen."


Nachdem die Beamten den Tatort gesichert hatten, hatten sie begonnen, Sookie und allen anderen Anwesenden Fragen zu stellen.

Sookie hatte relativ schnell gemerkt, dass Eric die Aufmerksamkeit der Polizei geradezu magisch auf sich zu ziehen schien, was wohl daran lag, dass er und seine Bar einen gewissen Ruf bei der Exekutive genossen.

Es dauerte nicht lange, und die Frage danach, welche Bewandtnis es mit seiner Anwesenheit hatte, begann wesentlich präsenter zu werden als jene, wo ihr Verlobter abgeblieben war.

Sookie strich gedankenverloren über den Ring an ihrem Finger. Hätte sie den Raum nicht verlassen, hätte sie nur eine Sekunde weniger gezögert… sie würde es sich nie verzeihen, wenn Bill etwas zugestoßen wäre.

Ein geradezu jämmerliches Jaulen und Winseln riss sie aus ihrer momentanen Apathie.

Sie lief nach draußen auf den Bürgersteig, wo einige Officers mit ihren Spürhunden gerade versucht hatten, die noch frische Fährte der Entführer aufzunehmen. Ein groteskes Bild bot sich ihr dar: Zwei kräftige Schäferhunde zerrten mit eingezogenen Schwänzen mit aller Gewalt an ihren Leinen und gebärdeten sich in panischer Angst.

„Was…?!" Sookie blickte einen jungen Officer neben sich fragend an, doch dieser zuckte bloß mit den Schultern. In den Köpfen der Anwesenden herrschte Verwirrung.

Sookies Geduldsfaden riss nun endgültig. Das hatte doch alles keinen Sinn!

Zornig biss sie sich auf die Unterlippe, drehte sich um und ging schnurstracks auf Sam, Eric und Pam zu, die sich unter den misstrauischen Blicken der Ermittler in eine Ecke des Restaurants zurückgezogen hatten.

„Tickets nach Vermont…ein funkelnagelneuer Verlobungsring…das Ganze nimmt eindeutig tragische Züge an", spottete Eric.

Sookie ignorierte diese Spitze und wandte sich zunächst an Sam. „Sam, die Hunde können…wollen keine Fährte aufnehmen. Könntest du…"

Ein warnender Blick Sams ließ sie ihre Lautstärke reduzieren. „…könntest du es bitte probieren?"

Sam nickte. Sie konnte in seinem Gesicht lesen, dass er reichlich wenig Lust hatte, sich mitten in der Nacht auf die Suche nach einem Vampir zur machen, den er nicht einmal ausstehen konnte, und dabei womöglich noch sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Doch sie wusste auch, dass sie auf seine Loyalität zählen konnte. Er verließ das Lokal schnell und unauffällig.

„Er wirkt irgendwie ein wenig dauerfrustriert…aber er scheint Geschmack zu haben", bemerkte Eric mit einem anzüglichen Lächeln.

„Halt die Klappe, Eric", zischte Sookie, und fügte dann etwas gefasster hinzu: „Wir müssen hier raus. Jetzt. Solange die Spur noch frisch ist."

Doch Eric setzte sich nicht in Bewegung, sondern blieb weiter ruhig gegen die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Eric, ich weiß, du und Bill, ihr habt eure Probleme, aber…" Sie verstummte und begriff, dass Eric dieses Mal andere Gründe für sein Verhalten hatte.

„Es ist besser, wir verschieben unsere Suche", antwortete er ruhig auf Sookies unausgesprochene Frage. „Heute ist Vollmond."

„Und das heißt…?"

„Das heißt, dass wir uns in zu große Gefahr begeben. Werwölfe sind Rudeltiere. Und bei Vollmond am Zenit ihrer Kräfte. Soweit ich es beurteilen kann, haben wir es mit einem größeren Rudel zu tun, und einem sehr alten Alphatier. Ihnen zu zweit gegenüber zu treten wäre mehr als nur gefährlich. Und so sehr ich Bill auch schätze…"- er rang sich ein scheinbar entschuldigendes Lächeln ab, gab sich aber keine Mühe, besonders überzeugend zu wirken- „…wir sollten auf morgen Abend warten, es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang."

Sookie starrte den Hünen ungläubig an. „Du würdest Sam einfach losgehen lassen, ohne ein Wort darüber zu sagen!"

Eric lächelte humorlos. „Ich helfe dir. Was dein Freund macht, oder glaubt, machen zu müssen, fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich".

Sookies Augen funkelten zornig. Dieses arrogante, selbstsüchtige Arschloch!

Sie lief nach draußen, um Sam zurückzurufen.

Eric blickte ihr schweigend nach.

„Ein größeres Rudel?"

Pam sah in skeptisch an. „Ich hätte schwören können, dass es bloß ein einzelner war. Und der war noch fast ein Baby."

„Ich habe nicht vor, mir wegen Bill Compton die Hände schmutzig zu machen."

„Du weißt, wer ihn entführt hat?"

„Nein. Aber ich weiß, dass Bill Compton dazu neigt, die Dinge zu überstürzen". Der Vampir starrte auf die Schmuckschatulle in seiner Hand. „Und wir sollten nicht denselben Fehler machen".

Hinzu kommt, dachte Eric, und ein dünnes Lächeln umspielte seine blassen Lippen, dass es nun wichtiger ist, dass sich jemand um Sookie kümmert.


Nachwort:


Ich mag Eric. Ich mag ihn sehr. Sein Charakter ist unheimlich vielschichtig, und ich hoffe, er kommt nicht ganz so roh und arrogant rüber, wie ich befürchte ^^. Wir arbeiten bereits gemeinsam an seinem Image :)

kuss, conna