Nimmerland 02
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Disclaimer: Die Lost Boys gehören leider nicht mir. Alle Rechte verbleiben bei ihren Inhabern.
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Irgendwann erbarmte sich Dwayne und warf den zitternden Jungen Decken über. Es war kalt und zugig in der Höhle, vor allem jetzt, wo es Abend wurde. Die Vampire spürten es nicht, aber Star und Laddie hatten ständig gefroren.
David warf Dwayne einen kritischen Blick zu, verzichtete aber darauf, ihn zu tadeln. Es war nicht so, dass Kinder oder Jugendliche Beschützerinstinkte in ihnen wachgerufen hätten – eher aktivierten sie Killerinstinkte, weil sie besonders leichte Beute waren. Normalerweise nahmen Vampire auch keine Kinder oder junge Jugendliche in ihre Gemeinschaften auf. Laddie war eine Ausnahme, die auf Dwaynes Neigungen beruhte – diese Neigungen waren vermutlich auch der Grund dafür, dass er den drei kleinen Ratten so etwas Ähnliches wie Fürsorge zukommen ließ –, und sowohl David als auch Max verärgert hatte, weil sie nicht mit ihnen abgesprochen gewesen war.
Da der Junge half, Star im Zaum zu halten und das Mädchen an sie zu binden, wurde er momentan geduldet, aber David hatte noch nicht entschieden, ob er Laddie eine komplette Wandlung erlauben oder ihn doch lieber aus der Welt schaffen sollte. Letzteres allerdings würde vermutlich sowohl Dwayne als auch Star das Herz brechen. Nun, in Bezug auf Star hatte David auch noch keinen Entschluss getroffen.
Draußen versank die Sonne und färbte die Welt rot. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis Michael auftauchte und begann, Krawall zu schlagen.
David stand auf und ging zum schlafenden Marko hinüber, berührte ihn behutsam an der Schulter.
Marko schlug übergangslos die Augen auf.
„Wie fühlst du dich?", fragte David mit gedämpfter Stimme.
Sein Bruder setzte sich auf und betastete vorsichtig seine Brust. Nur eine leichte Delle und eine ungefähr sternförmige, faustgroße rote Narbe wiesen auf die schreckliche Verletzung hin, die er vor wenigen Stunden erlitten hatte, und auch diese bösen Andenken würden bald verschwunden sein.
David legte sachte zwei Finger in die Vertiefung auf Markos Brustkorb. Er sagte nichts, aber er wusste, dass Marko seine Erleichterung spüren konnte.
„Es zieht noch ein bisschen", gab Marko zu, „aber ich denke, ich bin soweit fit."
Er schwang die Beine über die Bettkante, stand vorsichtig auf, machte ein paar prüfende Verrenkungen, deren Ergebnis ihn offenbar zufriedenstellte, und schlenderte lässig zu Dwayne und Paul hinüber, die sich das Sofa mit Blick auf die Gefangenen teilten.
Die drei Lost Boys begrüßten sich mit Handschlag.
Dwayne nickte Marko zu. Dabei umspielte ein feines Lächeln seine Mundwinkel. „Willkommen zurück, Bruder", sagte er fest.
Paul ergriff Markos Hand und hielt sie einen Moment lang in der seinen. „Mann, Kumpel, ich bin froh, dass du wieder auf den Beinen bist!", rief er und grinste schief. Marko erwiderte kurz den Druck seiner Finger, ehe sie sich losließen und er sich zu den Jungen umwandte.
Eine lange Zeit starrte er einfach nur auf sie herab. Alan war vor Erschöpfung an seinen Bruder gelehnt eingeschlafen. Sein Gesicht war leichenblass. Der andere Frosch, Edgar, sah trotzig zu Marko auf. Die verletzte Hand hielt er dicht an seinem Körper; sie knickte am Gelenk in einem ungesunden Winkel ab.
Marko wusste, dass er das Loch in seiner Brust diesem miesen kleinen Burschen zu verdanken hatte. Er lächelte dem Jungen böse verheißungsvoll zu und ließ dabei kurz sein Vampirgesicht aufscheinen. Der Frosch kroch in sich zusammen, kämpfte aber erfolgreich dagegen, den Blick abzuwenden, und starrte Marko weiterhin halb herausfordernd, halb angsterfüllt an.
Neben Edgar hockte Michaels kleiner Bruder und machte erst gar keinen Versuch, mutig zu wirken. In sein schmutziges, mit Markos Blut verschmiertes Gesicht hatten Tränen helle Spuren gezeichnet.
Marko streckte die Hand nach ihm aus. Der Junge wich zurück, bis ihm der Brunnenrand in seinem Rücken Einhalt gebot, und zuckte zusammen, als Markos kalte Finger seine Haut berührten, um eine der Linien nachzuzeichnen. Er hielt den Atem an und saß völlig bewegungslos, während Marko ihn durchdringend musterte. Endlich zog der Vampir seine Hand zurück, richtete sich auf und setzte sich auf die Kiste, die ihnen meist als Tisch diente. Sam stieß hörbar die Luft aus.
„Jetzt habt ihr Angst, was?", bemerkte Paul vergnügt, fläzte sich quer über die Armlehne und ließ die Beine baumeln. Nun, wo Marko wieder hergestellt war, stieg seine Laune minütlich. „Einfach hier reinspazieren und denken, ihr könnt uns platt machen, ohne euch 'nen Kratzer zu holen – aber jetzt geht euch der Arsch auf Grundeis, wie?" Er begann, sich einen Joint zu drehen. „Auch einen?", fragte er David, als das gute Stück fertig war.
„Jetzt nicht", erwiderte David, der inzwischen zu ihnen herübergekommen war und zwischen Sofa und Brunnen stand. „Michael wird bald hier sein. Und dann …"
Sein Ton sorgte dafür, dass er die volle Aufmerksamkeit nicht nur seiner Brüder, sondern auch der drei Jungen hatte. Selbst Alan war aufgewacht oder von seinem Bruder geweckt worden, so dass sie nun von drei mit Furcht erfüllten Augenpaaren beobachtet wurden.
Die Vampire teilten einen Moment des stummen Einverständnisses. Es war für sie nicht notwendig, zu sprechen, um sich untereinander abzustimmen. Sie konnten auf mentaler Ebene kommunizieren, konnten fühlen, was die anderen fühlten, ihre Absichten erkennen, sich darauf einstellen und entsprechend handeln. Es war kein geistiges Gespräch und erforderte keine gedachten Worte. Der Vorgang ähnelte eher der Feinabstimmung eines Wolfsrudels auf der Jagd.
Kurz darauf nahmen sie ihn wahr. Er konnte sich schon sehr leise bewegen, aber noch war er zum Teil menschlich, musste atmen, roch nach Nahrung …
Sie ließen ihn ungehindert in die Höhle kommen, stellten sich schweigend nebeneinander, alle vier verwandelt, vor den Brunnen, an dessen Rand die drei Jungen kauerten und bemüht waren, sich vor dem Anblick ihres wahren Wesens so klein wie möglich zu machen.
„Ein Laut und ihr seid tot!", zischte David ihnen zu und zeigte zur Verdeutlichung seine Reißzähne.
Wieder sah er sich für einen Moment so, wie ihn die Jungen sahen. In seinen mordlustigen Augen tanzten kleine Flammen. Sie schienen die Feuer aus den Öltonnen zu spiegeln, die alles in der Höhle in ein unruhiges, flackerndes Licht tauchten.
Dann meldete sich Michael zu Wort. „Wo ist mein Bruder, David?", knurrte er vom Eingang her. Weise verzichtete er darauf, weiter in das Herz ihres Reiches vorzudringen. Doch das würde ihm auch nicht helfen.
„Dwayne … Marko … Paul …", redete Michael sie einen nach dem anderen an. „Wo ist Sam? Was habt ihr mit ihm gemacht?"
David gab einen spöttischen Laut von sich, halb Lachen, halb Schnauben. „Was wir mit ihm gemacht haben? Willst du uns verarschen?!", gab er heftig zurück. David wurde nur selten wütend und noch seltener laut. Sein Zorn war meist kontrolliert, kalt und leise. Aber nicht jetzt. Seine persönliche Toleranzgrenze war bei Weitem überschritten.
„Michael … Dein armer, hilfloser kleiner Bruder hat uns mit diesen dreckigen Comic-Fröschen überfallen und versucht, uns umzubringen! Sie haben Marko gepfählt!"
David löste sich von der Gruppe seiner Brüder, ging mit weiten, raschen Schritten durch die Höhle und baute sich drohend vor Michael auf. „Und erzähl mir nicht", zischte er bitter, „dass du nichts gewusst hast! Du steckst da mit drin! Verräter!"
Michael zögerte kurz. „Wo ist Sam, David?", erwiderte er dann leise und wesentlich zurückhaltender als zuvor. „Das ist alles, was ich wissen will. Gib mir meinen Bruder, und ich verschwinde von hier. Du hast mein Wort, dass du mich nie wieder sehen wirst. Wir verlassen Santa Carla." Auf seinem Gesicht lag ein bittender, fast verzweifelter Ausdruck.
Jetzt lachte David wirklich – böse und drohend. „Du willst den Schwanz einziehen, was? Und du glaubst, dass ich dir das erlaube?!"
David trat unmittelbar vor Michael und packte ihn am Hemdkragen. „Wir könnten jetzt alle tot sein!" Er verpasste Michael einen Stoß, der den jungen Mann zurücktaumeln ließ.
„Du hat uns verraten, nach allem, was wir dir gegeben haben." David packte ihn erneut, diesmal an den Schultern, und durchbohrte Michael mit seinem Blick. „Wir haben dich in unsere Gang aufgenommen … in unsere Bruderschaft …"
Seine Stimme ging eine Oktave nach unten, wurde hypnotisch. „Du hast mein Blut getrunken, Michael …", sagte er, leise und eindringlich. „Das ist nicht wie bei einem Weihnachtsgeschenk, das man bei Nichtgefallen im Laden umtauschen kann, kapierst du das?!" Seine Stimme war immer lauter geworden, bis er zuletzt schrie: „Aus dieser Sache kommst du nicht mehr raus!", und Michael mit einem erneuten Stoß zu Boden warf.
Als er den letzten Satz aussprach, waren Dwayne und Paul wie Schatten hinter Michael geglitten, so dass sie ihm nun den Ausweg versperrten. Marko hingegen huschte an ihnen vorbei nach draußen, um Star und Laddie zu holen, deren Gegenwart sie jetzt alle fühlen konnten.
Während Michael damit beschäftigt war, sich aufzurappeln, ging David zurück zum Brunnen, packte Sam am Kragen und zog ihn hoch, so dass alle ihn sehen konnten.
„Du willst deinen Bruder, Michael? Hier hast du meine Antwort!"
Bevor Sam oder Michael begriffen, was er vorhatte, schlug David seine Zähne in Sams Hals. Der Junge keuchte, fiepte und zappelte – schreien konnte er nicht, weil David ihm die Hand auf den Mund presste. Dafür brüllte Michael aus voller Kehle, aber Dwayne und Paul hielten ihn eisern fest, so dass er nicht zu Sam gelangen konnte, wie sehr er auch kämpfte.
David ließ von Sam ab, gerade ehe der Junge das Bewusstsein verlor. Er leckte sich die Lippen. Junges Blut schmeckte so süß … genauso wie Rache.
„Riechst du es, Michael? Das Blut?", lockte er mit seiner verführerischsten Stimme, die Michael durch alle Sinne fuhr. „Komm her, Michael. Komm zu mir … Komm zu deinem Bruder …"
Michael focht einen harten Kampf mit sich aus, das war für alle zu sehen – auch für seinen kleinen Bruder, der kraftlos in Davids Armen hing. David schirmte sich nicht ab, und durch die Verbindung, die das Blut geschaffen hatte, vermischte sich seine Wahrnehmung mit der das Jungen.
Um Sam her schien sich alles zu drehen. Schmerz pulsierte wie eine weiße Flamme an seinem Hals. Auf seiner Zunge breitete sich ein bitterer, metallischer Geschmack aus. Er schluckte und schmeckte Blut.
David frohlockte.
„Mike", flüsterte Sam mit schwacher Stimme. Er hatte solche Angst, dass er kaum sprechen konnte. Wie eine schwarze Decke senkte sie sich auf ihn herab. „Mike, nicht …", flehte er hilflos. „Bitte … Mikey …"
David grinste spöttisch auf ihn herab.
Sams Worte erstarben auf seiner Zunge. Er verlor sich in Davids glühenden Augen. Sie waren wie Seen aus flüssigem Metall, oder wie Bernstein, hinter den jemand eine flackernde Kerze hielt …
Michael stand da und schüttelte den Kopf, schloss die Augen, schüttelte wieder den Kopf … Dann ließen Dwayne und Paul ihn plötzlich los, und als er aufblickte, war sein Gesicht das eines Vampirs.
Paul stieß einen Triumphschrei aus, was Sam veranlasste, sich von Davids Blick loszureißen und hastig zu ihnen hinüber zu spähen. Eine Sekunde später drehte er den Kopf weg und verbarg sein Gesicht in Davids Ärmel, um nichts sehen zu müssen. David ließ ihn gewähren.
Michael näherte sich rasch. Sein hungriges Grollen klang wie das eines tollwütigen Hundes. Dann war Michael über seinem Bruder, packte so fest zu, dass seine scharfen Fingernägel in Sams Fleisch drangen, und biss zu, an der gleichen Stelle, an der sich eben noch Davids Zähne in Sams Hals gebohrt hatten.
David konnte Sams Schmerz sehen. Er war wie eine rote Blume, und die Angst wie ein schwarzer Fleck in ihrer Mitte; eine blutrote Mohnblume aus Angst und Schmerz, die sich zu drehen begann, zu einem zweifarbigen Wirbel wurde, bis das Schwarz aus dem Zentrum herausfloss und das Rot ertränkte.
Als es so weit war, packte David Michael an den Schultern und versuchte, ihn zurückzuziehen, doch Michael schlug nach ihm und verbiss sich noch fester in Sams Hals. Verärgert griff David den neu geborenen Vampir im Genick und drückte zu, bis Michael sich ihm wütend zuwandte und seinen leblosen Bruder fallen ließ. Knurrend sprang er auf David los und schlug mit seinen Krallen nach dessen Augen.
David wich mühelos aus und lachte. „Hat er dir geschmeckt, dein kleiner Bruder, ja?", höhnte er. Was für ein wunderbarer Moment des Triumphes!
Michael stieß David zurück und rammte ihn gegen die Wand, ehe er von hinten gepackt wurde und David loslassen musste, um sich mit Dwayne und Paul auseinanderzusetzen. Als er fauchend herumfuhr, fiel sein Blick auf Sams still am Boden liegenden Körper. Entsetzen trat in seinen Blick. Sein Gesicht verzerrte sich und wurde von einer Sekunde auf die andere wieder menschlich. Fassungslos starrte er auf das, was er getan hatte, unfähig, einen Schritt auf seinen Bruder zu zu tun.
„Du bist ein feiner Hüter deines Bruders!"
David trat an Michaels Seite, Gesicht und Stimme voll Häme. Sein Siegeszug hatte gerade erst begonnen. „Wir sollten dich Kain nennen …" Seine Worte troffen von Bosheit und Spott. „Du hast uns verraten … ihn verraten …" Er nickte zu Sams Körper hinüber. „Wer kommt wohl als nächstes an die Reihe? Deine Mutter? Oder vielleicht …" Er blickte zum Eingangsbereich der Höhle hinüber, wo Star seit geraumer Zeit und bislang von Michael unbemerkt neben Marko stand, den unruhigen Laddie an der Hand hielt und das tat, was sie am besten konnte: hilflos aus großen, wehen Augen auf die Szenerie starren. „… Star?"
Michael schluchzte auf, schlug die Hände vor's Gesicht und brach in die Knie – ein wahrhaftiges Bild der Verzweiflung. „Sam, oh Gott, Sam … Was hab ich getan …?!", heulte Michael entsetzt.
„Das, was in deiner Natur liegt, Michael", erwiderte David kalt. „Du bist einer von uns … ein Killer … Begreifst du das jetzt endlich?"
Michael schüttelte wild den Kopf, dann nickte er, genauso wild und hilflos. „Ich … oh Gott … ich … ja … Ich hab ihn umgebracht!"
Marko, Paul und Dwayne pfiffen, klatschten und johlten spöttisch zu dieser Erkenntnis. In Stars Augen glitzerten Tränen, während Laddie an ihrer Hand hin und her tanzte und sich zu befreien versuchte. Es war der Geruch von Blut, der ihn aufregte, obwohl er sich bisher nicht verwandelt hatte.
David wandte sich an Star. „Schluss mit den Spielchen!", knurrte er, wie seine Brüder immer noch in seiner einschüchternden Vampirgestalt. „Ich hab's satt, mir dein Gejammer anzuhören. Heute Nacht bist du an der Reihe – und Laddie auch."
Plötzlich fuhr er wie der Blitz herum, machte einen mehrere Meter weiten Satz und stieß auf die Frog-Brüder hinunter, die das Drama um Sam und Michael genutzt hatten, um Richtung Ausgang zu kriechen.
„Ah … Wo wollt ihr denn hin?", fragte David gespielt überrascht, während er die beiden am Schlafittchen in der Luft baumeln ließ. „Die Party hat doch gerade erst angefangen …"
Dann stieß er Alan mit Wucht zu Star hinüber, wo der Junge kraftlos zu Boden fiel.
„Das ist deiner. Er hat heute schon reichlich Blut verloren; du solltest ihn also gerade so eben bewältigen können", sagte er spöttisch zu ihr.
Hilfe suchend drehte die junge Frau sich zu den anderen um.
Marko zog eine entschuldigende Grimasse, die auf seinem Vampirgesicht nicht sehr überzeugend wirkte.
Paul zuckte grinsend die Achseln. „Es wird nunmal Zeit, Star-Baby. Du kannst es nicht ewig vor dir herschieben …"
Dwayne sagte gar nichts und hob nur die Hände, um zu zeigen, dass er sich nicht einmischen wollte.
„Ich mach es dir leichter, Star", sagte David und beugte sich über den zitternden und stammelnden Alan, während er den protestierenden und ihn wild beschimpfenden Edgar zu Paul hinüber stieß, damit der nervtötende Frosch nicht eingreifen konnte.
„Komm, stell dich nicht so an", befahl David grob, als er in einem fließenden Bewegungsablauf neben Alan niederkniete, den Jungen um die Brust fasste, hochzog und gegen seinen eigenen Körper presste, ihm den Kopf zur Seite bog und mit einem messerscharfen Fingernagel Alans Halsschlagader öffnete. Alan schrie auf und versuchte, sich David zu entziehen, aber gegen die Kraft eines Vampirs hatte er keine Chance. David legte seinen Mund auf die blutende Wunde. Alan erstarrte.
Im Hintergrund wurden Edgars Flüche immer wüster, während Paul sich lautstark über ihn lustig machte.
David trank nur zwei oder drei Schlucke, dann ließ er das Blut des Jungen nutzlos dessen Hals hinab rinnen, wohl wissend, dass der Geruch Star wahnsinnig machen würde.
Auch seine Brüder wurden immer unruhiger. Schließlich hatten Dwayne und Paul Marko viel von ihrem Blut gegeben und waren nun entsprechend hungrig, und auch Marko gierte nach dem, was sein Körper hatte durchmachen müssen, noch mehr als sonst nach Nahrung.
Laddie wand sich plötzlich grollend aus Stars Griff und stürzte auf David und Alan zu, wurde aber von Dwayne eingefangen und hochgehoben.
Nur Michael war zu sehr mit seinem eigenen Elend beschäftigt, um vom Blutgeruch angezogen zu werden. Im Übrigen hatte er ja auch schon gegessen.
„Komm, Star", lockte David mit seiner tiefen, hypnotischen Stimme. „Komm und trink … Wehr dich nicht dagegen … Es ist, wofür du geschaffen wurdest."
„Dreggibe Vamp-hmph-schlam-hmph!", keuchte Edgar mühsam. „Lass -hmph- Finber vom -hmph- Bruber …!" Paul hatte ihm das rote Kopftuch heruntergerissen und in den Mund gestopft, um ihn zum Schweigen zu bringen, und hielt ihn sicherheitshalber kopfüber an den Füßen fest, nachdem er zuvor mehrmals von ihm getreten worden war.
Star war sichtlich hin und her gerissen. Sie warf einen Blick über ihre Schulter, in Richtung Ausgang, und schien eine Flucht zu erwägen. Dann sah sie zurück zu David und dem apathischen Jungen in seinen Armen, dem das Blut in einer glänzenden Spur über den Hals rann.
Etwas brach in ihrem Blick. Endlich gab sie nach. Sie verwandelte sich. Dennoch wurde sie nicht so wild wie Michael, sondern kam mit langsamen, zögerlichen Schritten zu David hinüber.
Er hielt ihr den Jungen hin, der kurz davor war, in die Bewusstlosigkeit zu kippen.
Star beugte sich über Alan, hob ihn aus Davids Armen in ihre eigenen und begann, fast zärtlich das Blut aufzulecken, das ihm den Hals hinabgelaufen war.
Der Junge hatte Glück. Star war behutsam und hatte viel Erfahrung damit, ihre blutrünstige Natur zu bändigen. Vor ihr brauchte man sich nicht zu fürchten, selbst wenn sie den Tod brachte.
Doch da war noch etwas, das David tun musste. Als Star sanft ihre Lippen über der Wunde an Alans Hals schloss, um ihm den mageren Rest Leben auszusaugen, der noch in ihm steckte, fasste David den Jungen am Kinn. Ein leichter Druck auf die Kiefergelenke reichte aus, damit Alan, geschwächt und weggetreten, wie er war, den Mund öffnete.
Als der Junge endlich begriff, was da auf seine Zunge tropfte, versuchte er mit letzter Kraft, seinen Kopf aus Davids Griff zu befreien. David legte ihm eine Hand auf den Mund und hielt ihm mit der anderen die Nase zu. „Schhh", machte er, als Alans Augen groß und panisch wurden. „Kämpfen hat keinen Sinn mehr. Schluck's runter, dann lass' ich dich atmen, und dann kannst du schlafen."
Er sah die Verzweiflung im Blick des Jungen und fühlte seine Angst. Alans Angst war nicht rot, sondern blau, blau wie Wasser, das über seinem Kopf zusammenschlug und ihn erstickte. Er schluckte würgend das Blut. David ließ ihn atmen, und Alan schluckte die Angst. Dann wurde es schwarz um ihn.
Als Star mit dem Jungen fertig war und ihn behutsam auf den Boden gelegt, sogar seine Kleider geordnet und sein schweißnasses Haar glatt gestrichen hatte, flüchtete sie sich auf ihr Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
David verdrehte innerlich die Augen. Nun, sie würde schon darüber hinwegkommen.
Jetzt war nur noch Edgar übrig – der kleine Mistkerl, der versucht hatte, Marko umzubringen.
„Edgar Frog, oberster Vampirjäger von Santa Carla …", sagte David spöttisch. „Es ist mir eine besondere Freude. – Ich bin David. Willkommen in meinem bescheidenen Zuhause." Er verbeugte sich vor dem Jungen, der inzwischen wieder auf seinen Füßen stand, aber Pauls Hand an der Kehle hatte. Der Frosch bemühte sich sichtlich, nicht zu seinem reglosen Bruder hinüber zu sehen, und kämpfte erfolgreich dagegen an, die Tränen, die in seinen Augen glänzten, freizulassen.
„Paul", sagte Paul und paffte dem Jungen süßlichen Rauch ins Gesicht. Marko hatte ihm einen Joint gedreht, während Paul selbst als Froschbändiger beschäftigt gewesen war. Nun teilten sie ihn redlich mit Dwayne und David. Den Joint, nicht den Frosch – zumindest noch nicht. Paul bot die Tüte David an, und diesmal nahm er einen Zug.
„Dwayne", stellte derselbe sich vor und neigte in ironischer Höflichkeit den Kopf, während er ohne hinzusehen den zappelnden und hungrig knurrenden Laddie in Schach hielt.
Marko ging direkt zu David und Edgar hinüber, ergriff das Kinn des Jungen, dem er das widerliche Loch in seiner Brust zu verdanken hatte, und spuckte ihm aus kürzester Entfernung ins Gesicht. Edgar fluchte angewidert und wischte sich sofort den Speichel aus seinem Auge und von seiner Wange, als er kurz darauf von Paul losgelassen wurde.
„Marko", sagte Marko und grinste hämisch. „Willkommen auf unserer Party, Vampirkiller …"
Im Gegensatz zu Alan und Sam, die sich mit verhältnismäßig wenig Theater in ihr Schicksal ergeben hatten, hatte Edgar offenbar vor, eine große Show zu veranstalten. David war das durchaus recht – schließlich gehörte zu einer Party auch ein ordentliches Unterhaltungsprogramm.
„Brüder – Zeit fürs Abendessen!", verkündete er laut und sah Edgar dabei fest in die Augen.
Doch im selben Moment, als David seinen Satz beendete, fuhr Edgar zu Paul herum und rammte ihm das Knie zwischen die Beine. Paul heulte wütend und schmerzerfüllt auf, während Edgar losraste und auf den Ausgang der Höhle zuhielt.
Dwayne ließ Laddie fallen, der geschickt wie eine Katze auf allen vieren landete und sofort die Verfolgung aufnahm. Lachend beobachteten sie, wie der kleine Bursche in Sekunden aufholte, den Frosch von hinten ansprang und zu Boden riss.
Edgars entsetztem Keuchen und dem durchdringenden Blutgeruch entnahm David, dass das kleine Ungeheuer schon seine Zähne in den Frosch gebohrt hatte. Er gab den anderen einen Wink, und sie fielen gemeinsam über Edgar her, packten ihn an Armen und Beinen, während Laddie sich um seinen Hals kümmerte. Edgar wehrte sich mit der Kraft der Verzweiflung, konnte aber nicht verhindern, dass sich die vier erwachsenen Vampire wie Zecken an ihm festsaugten und ihn innerhalb von Sekunden leer tranken. Die letzten Schlucke überließen sie Laddie, damit auch er in dieser Nacht zu einem Vollvampir gewandelt wurde.
David saugte nicht nur Edgars Blut, sondern auch seine tiefschwarze Angst in sich ein. Als der Junge an der Schwelle des Todes stand, presste David ihm das Handgelenk an die Lippen und zwang ihn, etwas von dem vermischten Blut zu schlucken, das durch seine vampirischen Adern pulsierte: Sams, Alans und Edgars eigenes, gemeinsam mit dem Davids, das sich aus dem unzähliger Opfer zusammensetzte.
Obwohl er nur noch mit einem Faden am Leben hing, kämpfte der Frosch noch immer, um nichts davon in sich aufnehmen zu müssen. Doch sein Körper, der zwischen Schlucken und Ersticken wählen musste, ließ ihn im Stich. Als Edgar endlich die Augen schloss und das Blut hinunterwürgte, liefen ihm die Tränen, die er zuvor stundenlang erfolgreich zurückgehalten hatte, die Wangen hinab. Sekunden später erschlaffte sein Körper, und sein Herz hörte auf zu schlagen.
David lächelte, als er in Laddies glänzende Augen sah.
