Da sie einen relativ leichten Schlaf hatte, wusste Mika, dass Toma auch später in dieser Nacht nicht nach Hause gekommen und dann früh wieder gefahren war. Obwohl eine gewisse Sorge an ihr nagte, überwog doch wieder die Wut auf ihn, als sie nach erneuten unzählbaren Versuchen bis 10 Uhr wieder nur ein nicht endendes Freizeichen seines Handys bekam.

‚Dann eben den offiziellen Weg.'

Mika nahm sich ihr kleines Notizbuch und wählte die Nummer, die sie direkt in Tomas Vorzimmer durchstellte.

„Guten Morgen, Frau Arakawa.", grüßte sie die Frau am anderen Ende. „Mika Seguchi hier. Ich hätte gerne meinen Mann gesprochen."

„Tut mir leid, Frau Seguchi, aber der ist noch nicht hier."

„Sind Sie sicher?", fragte Mika nach. „Es könnte sein, dass er in seinem Büro geschlafen hat und vielleicht noch dort ist."

„Nein, tut mir leid, ich habe bereits nachgesehen. Der Chef ist nicht im Haus."

„Oh, in Ordnung. Vielen Dank. Auf Wiederhören."

Verwirrt legte Mika auf. Nun begann sie wirklich sich Sorgen zu machen. Toma war nicht in der Firma, nicht zu Hause und hatte sich auch nicht bei Yuki gemeldet, denn so angespannt das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Bruder auch war, er hätte sie in diesem Fall nicht angelogen. Ein Sturmklingeln an der Wohnungstür riss sie aus ihren Gedanken.

„Ja, ich komme ja!"

Eiligen Schrittes ging Mika zur Wohnungstür und öffnete, woraufhin ihr K vor die Füße fiel, der augenscheinlich die Tür hatte eintreten wollen.

„Wo ist er?", röchelte K, während er sich wieder auf die Beine brachte.

„Guten Morgen, Mister K. Danke, gut.", erwiderte Mika sarkastisch lächelnd. „Wovon bitte reden Sie?"

„Guten Morgen, Frau Seguchi. Verzeihen Sie bitte," kam es nun von Sakano, der etwas peinlich berührt von Ks unzivilisiertem Verhalten in der Tür stand, „aber ist Ihr Mann zu Hause?"

Ruckartig fuhr Mika zu Sakano herum.

„Warum fragen Sie?"

„Nun ja..."

Sakano druckste wie für ihn üblich herum.

„Eigentlich war für heute 9 Uhr ein Fotoshooting angesetzt, Nittle Grasper betreffend."

„Ja und Toma hat uns hängen lassen, das findet Kumagoro gar nicht gut!", krähte Ryuichi, wodurch Mika erst auf ihn, Noriko und Bad Luck, die hinter Sakano standen, aufmerksam wurde.

„Naja, diese Fotografen wollten in den nächsten Tagen auch noch eine Session mit Bad Luck machen, die wir jetzt vorgezogen, das ist nicht das Problem.", versuchte Sakano zu beschwichtigen. „Wir wollten uns nur erkundigen, ob der Chef vielleicht krank ist... naja, weil in der Firma ist er nicht und bei seinem Handy kriegt man nur..."

„...ein elend langes Freizeichen.", beendete Mika den Satz nachdenklich.

„Genau."

Verwirrt nickte Sakano.

„Kommt doch bitte erstmal... rein.", bot Mika an, wobei sie bei dem letzten Wort einen Blick auf K warf, der ja schon die ganze Zeit in der Wohnung stand.

Sie deutete der Gruppe an schon ins Wohnzimmer zu gehen, während sie den bereits aufgesetzten Tee holte, um dann auch ins Wohnzimmer zurückzukehren.

„Danke, Mika."

Noriko nahm eine Tasse entgegen.

„Sag mal, was ist denn nun mit Toma? Er ist doch nicht etwa wirklich krank?"

„Quatsch!"

Grinsend sah Ryuichi sie an.

„Du weißt doch, was Toma immer gesagt hat, wenn einer von uns Schnupfen hatte: Krankheit ist Luxus, den wir uns nicht leisten können."

Mika antwortete zunächst nicht, sondern trat ans Fenster.

„Sagt mal, wann habt ihr Toma das letzte Mal gesehen?"

Zunächst herrschte verwirrte Stille, dann meldete sich wieder Sakano zu Wort:

„Also, Nittle Grasper haben gestern noch nach uns..."

Dabei deutete er auf Shuichi, Hiro und Fujisaki.

„...geprobt. Ja."

„Und nach der Probe ist Toma noch hoch in sein Büro gegangen.", komplettierte Noriko den Bericht.

„Und danach?", fragte Mika. „Keiner mehr?"

Als keine Antwort kam, stand Fujisaki auf und ging auf Mika zu.

„Er ist verschwunden, oder?"

Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Mika nickte, dann drehte sie sich wieder zu den anderen um.

„Er hat mich gestern um kurz nach 9 noch aus der Firma angerufen und gesagt, er würde sich auf den Weg machen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört und an sein Handy geht er nicht, wie ihr wohl auch gemerkt habt. Bislang hab ich gedacht, er hätte vielleicht doch wieder mal durchgearbeitet, aber seine Sekretärin hat gesagt, er sei nicht da und wenn er nicht bei diesem Termin aufgetaucht ist..."

Sie atmete kurz durch.

„Toma hat bis jetzt nur zweimal, seit ich ihn kenne, Termine einfach Termine sein lassen: Das eine Mal war mein Zusammenbruch, das zweite war Ayumis Geburt."

Wie auf ihr Kommando fing diese an, sich in ihrem Korbbettchen zu regen. Mika trat an das Bettchen heran und nahm ihre Tochter auf den Arm.

„Ist ja gut, mein Schatz. Schhhhh!"

Beruhigend wiegte Mika ihr Baby im Arm und sah nur aus dem Augenwinkel, wie Shuichi und Ryuichi um die Wette grinsten. Es war immer eine solche Reaktion, wenn Leute die kleine Tochter von Mika und Toma zu sehen bekamen. Ayumi war zwar erst 4 Monate alt, aber schon jetzt hatte sie einen derartig weißblonden Schopf, das es keinen Zweifel gab, dass sie Tomas Tochter war.

„Was willst du jetzt tun?", unterbrach Fujisaki diese Stimmung. „Die Polizei rufen?"

„Was soll das bringen?", fragte Mika. „Erstens ist er noch keine 24 Stunden verschwunden, vorher fangen die sowieso nicht an zu suchen, und zweitens ist er erwachsen. Prinzipiell kann er hingehen, wo immer er will. Die würden mich auslachen und wieder nach Hause schicken."

Gerade wollte der Cousin ihres Mannes zum Protest ansetzen, als es wieder an der Tür klingelte.

„Oh... äh, Noriko, könntest du kurz..."

„Klar."

Hilfsbereit nahm Noriko ihr Ayumi ab und Mika ging zur Tür.

„Ein Eilpaket für Frau Mika Seguchi.", erklärte der vor der Tür stehende Bote sein Kommen und hielt ihr das Päckchen entgegen. „Bitte hier quittieren."

Mika tat das, nahm das Päckchen entgegen und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Verwirrt stellte sie die Sendung auf dem Tisch ab.

„Seltsam. Ich erwarte gar nichts."

Mit einer auf dem Tisch liegenden Schere durchtrennte sie die Klebestreifen und öffnete das Paket. Zum Vorschein kam ein schwarzer Mantel mit einem dunkelgrauen Kunstpelzbesatz an Kragen, Saum und Ärmeln.

„Das ist Tomas."

Mika erkannte das Kleidungsstück aus dem extravaganten Stil ihres Mannes sofort.

„Ja und den hat er gestern noch angehabt.", fügte Noriko hinzu, die Mika mit Ayumi auf dem Arm über die Schulter sah. „Schau mal, da liegt noch was!"

Mika griff in das Päckchen und holte noch ein beigelegtes Foto heraus, auf dem Toma zu sehen war.

„Was soll das?", fragte sie, doch dann sah sie sich das Bild genauer an.

Links oben in die Ecke war mit schwarzer Farbe ein dickes Kreuz gezeichnet. Als Mika das Bild dann umdrehte, las sie laut einen Text, der auf der Rückseite stand:

„Ich würde Lilien empfehlen. Schlicht, aber sehr passend."

Schockiert sah sie in die Runde, erblickte aber ebenso fassungslose Gesichter. Einzig Hiro gab leise etwas von sich:

„Ich denke, jetzt könnt ihr zur Polizei fahren, oder?"