Teil 2

Er brannte, verbrannte und konnte sich nicht bewegen. Er war in Ketten gelegt, das Feuer fraß sich an dem Pfahl hinter seinem Rücken hoch und verschlang ihn langsam. Seine Haut warf Blasen und wurde schwarz, während er schrie. Wieso war es so dunkel? Hatten sie ihn geblendet? Oder vielleicht hatten sie ihm die Augen herausgerissen? Ein Raunen ging durch die Masse, die das Spektakel des brennenden Zauberers bewunderte. Sie hatten Angst, johlten aber auch, als sie mehr Holz und Heu auf den Scheiterhaufen warfen „Hexe!", schrieen sie. „Dämon!" Und größer als der Schmerz seines zu Asche verbrennenden Körpers war Dracos tiefer Hass auf die Muggel, nein, Bastarde, die ihm das angetan hatten.

Seine Augen flogen auf, als er erwachte. Für einen kurzen Moment dachte er noch, er würde brennen, aber das waren nur seine schmerzenden Muskeln und die heiße Bettdecke, die über ihm lag. Er seufzte erleichtert auf und schloss seine Augen wieder. Er hatte diesen Traum schon seit Monaten nicht mehr gehabt, aber er war so real gewesen wie immer. Wahrscheinlich ausgelöst durch den Wärmezauber, der auf der Decke lag, dachte er sich. Er begann seine rechte Hand zu bewegen, um die Decke hochzuschlagen, hielt aber inne, als ein schmerzhafter Krampf seine Hand durchschoss. Er zuckte zusammen, legte sie zurück und benutzte seine linke Hand, um sich von der Decke zu befreien. Jemand hatte ihm seine Kleidung ausgezogen, nur eine Unterhose hatten sie ihm gelassen, aber die warme Luft um ihn herum war ausreichend angenehm.

Der bekannte Geruch der medizinischen Tränke in Pomfreys Krankenflügel, früher leicht ekelerregend, wirkte nun wie ein Segen auf ihn. Er setzte sich auf und stützte sich auf seinen linken Arm. Seine Schultern brannten, seine Beine pochten und sein Rücken fühlte sich steif an, aber insgesamt fühlte er sich besser als kurz bevor er bewusstlos geworden war. Seine rechte Hand war verbunden und er konnte die Finger leicht krümmen. Wie lange hatte er geschlafen? Die Fenster waren noch dunkel, also konnte es nicht mehr als ein paar Stunden gewesen sein. Auf dem Fenstersims sammelte sich der Schnee, während immer mehr fiel. Falls Voldemort vorhatte, sie alle unter Schnee zu begraben, war er offenbar recht erfolgreich, aber Draco war es egal. Sein Zuhause war zerstört, seine Familie und Freunde in alle Winde verstreut und auf seinen Kopf war wahrscheinlich eine beachtliche Summe ausgesetzt worden, aber wenigstens war er nicht mehr dem Schneesturm ausgesetzt.

Ein plötzlich aufkommender Gedanke erschreckte ihn. Wenn seine Kleider weg waren, wo waren dann seine Bücher? Er schaute wild um sich, sah aber nichts auf dem Nachtisch liegen. Keine Kleider, kein Teufelssack, kein Besen.

„Nein, nein, nein", flüsterte er und Schauer, kälter als der Wind, liefen ihm den Rücken runter. Er war quer durch das Land, durch einen Schneesturm und gegen zwei Todesser geflogen, war dem Dunklen Lord nur knapp entkommen, aber keine fünf Minuten in Hogwarts und er hatte alles verloren. Er setzte sich gerade hin, sammelte seine Kräfte, um zu versuchen aufzustehen.

„Was denken Sie, wohin Sie gehen?", schrie Pomfrey von der Tür aus. Er schaute auf und trotz ihres finsteren Gesichtes, seufzte er erleichtert auf. Auf ihrem Arm hatte sie seine Kleidung.

„Die Bücher", sagte er, weigerte sich aber sich wieder hinzulegen, bis er Antworten erhalten hatte. „Haben Sie sie gefunden? Sie waren in einem kleinen Sack, vielleicht haben Sie die Bücher übersehen?"

„Wenn Sie diesen kleinen schwarzen Trickbeutel meinen", sagte sie. „Ja, der ist in meinem Arbeitszimmer zusammen mit ihrem Besmo*." „Besmo?", fragte er verwirrt, bis er sich an das Wort aus seinen Gesprächen mit seiner Ur-, Ur-, Ur-Großmutter Morgana erinnerte. „Der Besen?"

„Wenn Sie das einen Besen nennen wollen", meinte Pomfrey und stellte ihr Tablett voller Zaubertränke auf dem Tisch ab und legte die Kleider daneben, bevor sie sich neben ihn setzte. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie auf diesem Ding den ganzen Weg hierher geflogen sind. Jetzt aber wieder ab mit Ihnen unter die Decke!"

„Sie ist brennend heiß!", beschwerte er sich und machte keine Anstalten sich zu bewegen.

„Nein, Sie frieren immer noch", sagte sie, tippte aber nichtsdestotrotz mit ihrem Zauberstab auf die Decke. Sofort kühlte diese auf eine erträgliche Temperatur herunter und grollend legte er sich wieder hin. „Es kann sein, dass ich mit dem Wärmezauber etwas übertrieben habe. Ist es nun besser?"

Er nickte. Er hatte mehrere Fragen – war Severus heil hier angekommen? Wusste dieser, wo sich seine Eltern befanden? Hatte Pansy eine Eule geschickt? – aber er hatte keine Ahnung, wie viel genau sie wusste und er konnte es sich nicht leisten, Informationen preiszugeben. Eine Frage konnte er jedoch stellen, als er beobachtete, wie sie die Decke vorsichtig zurückschlug und seine Hand hielt, den hastig angelegten Verband entfernte, um sich den Schaden anzuschauen.

„Denken Sie, ich werde diese Hand je wieder benutzen können?"

Pomfrey zögerte, und nahm dann eine Flasche mit violetter Flüssigkeit von ihrem Tablett und tröpfelte etwas davon in einen Mörser. Dann gab sie ein paar schwarze Steine aus einem Glas hinzu und pulverisierte diese, mischte alles zusammen und drehte sich dann wieder zu ihm.

„Ich weiß es nicht", antwortete sie ruhig. „Die Wunde hatte Zeit sich zu entzünden und der Schaden ... was ist passiert?"

„Ich habe sie vor etwa zwei Tagen auf einem Kerzenständer aufgespießt." Er erwähnte nicht die Dunkle Magie, die zu diesem Zeitpunkt wild wurde und schaute zu, wie sie den letzten Verband abnahm. „Es hat vor einer Weile aufgehört wehzutun."

Sie nickte. „Der Schnee hat den Schmerz wahrscheinlich betäubt."

Sie festigte den Griff um sein Handgelenk und trug das vorher zusammengemischte Pulver auf seine Wunde auf, hielt ihn fest, als er aufzischte und versuchte, seine Hand aus ihrem Griff zu befreien. Das Pulver fühlte sich einige Sekunden lang an wie Wespenstiche, bevor der Schmerz zu einem dumpfen Pochen wurde. Er stöhnte und drückte sein Gesicht in das Kissen. Sie hielt ihn weiter fest, berührte ihn an der Schulter, beugte sich zu ihm und sprach sanft.

„Draco, es tut mir leid, dass ich das fragen muss, aber ... Die Blutergüsse an Ihren Beinen. Hat Ihnen das jemand angetan?"

„Blutergüsse?" Er runzelte verwirrt die Stirn, verstand dann aber schnell, was sie meinte. „Nein, nein, niemand war das." Er warf einen Blick zu ihrem Arbeitszimmer, in der Hoffnung, einen Blick auf seine Sachen zu erhaschen. „Das ist von dem Besen. Ich meine dem Besmo. Er hat keinen Polsterungszauber."

Pomfrey wurde bleich und starrte ihn an. „Merlin, ich dachte mir schon, dass er alt ist, aber ... Sie sind auf einem besseren Ast ohne irgendwelche Zauber geflogen?"

Draco zuckte mit den Schultern und wollte gerade antworten, als die Tür ziemlich grob aufgestoßen wurde. Pomfrey schoss hoch, als würde sie einen Angriff erwarten und Draco langte nach seinem Zauberstab, und fluchte, als ihm einfiel, dass er ihn nicht da hatte. Snape stürmte mit gezücktem Zauberstab in den Krankenflügel.

„Erbitte Zuflucht, jetzt!", befahl er Draco ohne Zeit für Erklärungen zu verlieren.

„Ich ... ersuche um Zuflucht in der Schule von Hogwarts", gehorchte Draco und blickte zu Pomfrey, die aber genauso verwirrt wie er aussah. „Severus, was ..."

Eine Sekunde später betraten drei Männer den Raum. Draco erkannte zwei von ihnen nicht, aber selbst wenn Cornelius Fudge diese nicht angeführt hätte, sagten ihm ihre ernsten Gesichter, ihre autoritäre Haltung und wie sie ihn ansahen, als hätte er eine Todesser-Robe an, dass sie aus dem Ministerium kamen. Sie kamen mit gezogenen Zauberstäben auf Draco zu, wurden aber gezwungen anzuhalten, als sich ihnen sowohl Pomfrey als auch Snape in den Weg stellten.

Fudge starrte alle drei finster an. „Dieser Junge ist ein gesuchter Krimineller. Treten Sie bei Seite!"

„Sie haben keine Befugnis...", begann Snape.

„Ich bin vielleicht nicht mehr Minister", fauchte Fudge. „aber ich habe die offizielle Bestätigung des jetzigen Ministers in dieser Sache. Dieser Junge steht unter Arrest!"

„Wegen was?", fragte Pomfrey. „Er hat nichts Falsches getan."

„Hat nichts ...", stotterte Fudge. „Er hat zwei Zauberer mit schwarzen Flüchen inmitten einer Muggelsiedlung getötet. Sein Besen ist illegal, in seinem Besitz finden sich dunkle Artefakte und er steht im Bunde mit Du-weißt-schon-wem. Und er …"

„Hat offiziell um Zuflucht in dieser Schule gebeten", überging Snape ihn. „Sie kennen die alten Gesetze genauso gut wie ich."

Der ehemalige Minister wurde so rot, dass Draco dachte, er würde gleich in Flammen aufgehen. „Zuflucht kann nur in Zeiten des Krieges angewendet werden ..."

„Der Krieg ist bereits über uns hereingebrochen."

Alle schauten auf, als der Schulleiter hereinkam, der gleichzeitig ausgezehrt, aber auch verjüngt aussah, wie ein kampfgeschüttelter General, der soeben gute Nachrichten erhalten hatte. Dracos Miene verfinsterte sich, als er sah, dass der Schulleiter nicht alleine gekommen war. Rechts hinter ihm ging Harry Potter und starrte finster zurück.

„Ob Sie es nun zugeben wollen oder nicht", fuhr Dumbledore fort und richtete ruhig seinen Blick auf Fudge. „Voldemort hat uns den Krieg erklärt. Im ganzen Land werden Schlachten ausgetragen, die Sie versuchen als Einzelattacken darzustellen, genauso wie die Anschuldigen, die sie gegen den jungen Malfoy hier vorgetragen haben. Seine Familie hat uns zu einem unerwarteten Vorteil verholfen; im Gegenzug für sehr große persönliche Verluste, möchte ich noch hinzufügen. Gerne biete ich ihm Zuflucht vor seinen Feinden an."

„Das wird keinen Bestand haben", sagte Fudge. „Der Junge ist voller Tricks, die er von seinem Vater gelernt hat und der Zaubergamot..."

„... hat Wichtigeres zu tun", unterbrach Snape wieder, „als einen Schüler zu befragen, der zu spät zum Schulbeginn kam und auf einem alten Besen geflogen ist, der wahrscheinlich in einer Zeit hergestellt worden ist, in der es das Ministerium überhaupt noch nicht gab."

Fudge schwieg und für einen Augenblick dachte Draco, dass es das war. Und dann starrte der ehemalige Minister den Schulleiter mit blitzenden Augen an. „Sie wissen genauso gut wie ich, was er ist. Was alle Malfoys sind. Sie können nicht über seine Affinität zu Dunkler Magie hinwegsehen. Wenn Sie ihm Zuflucht gewähren, beherbergen Sie eine Viper unter Unschuldigen!"

„Ja", antwortete Dumbledore. „Ich weiß genau, was er ist und ich weiß, dass er seine Giftzähne eingezogen hat, seit er Hogwarts besucht. Ich nehme an, das wird weiterhin der Fall sein?"

Draco schaute weg, bevor Dumbledore ihm in die Augen blicken konnte. Es spielte keine Rolle, dass seine Familie ihr Schicksal nun mit dem alten Zauberer verbunden hatte oder dass er um Schutz hatte flehen müssen, denn sein Vater hatte ihn des Öfteren gewarnt, Dumbledore direkt in die Augen zu schauen. Der Dunkle Lord war ein Legilimens und jeder Todesser wusste, dass Dumbledore dieselbe Gabe besaß.

Draco wollte unter keinen Umständen nochmals den geistigen Schmerz erleiden müssen, den er gespürt hatte, als seine Erinnerungen aus ihm herausgerissen worden waren. Er nickte deshalb nur kurz und anscheinend war das allen Antwort genug.

„Ausgezeichnet", sagte Dumbledore und sah Fudge an. „Nun, da sich alle Ihre Anschuldigungen als haltlos erwiesen haben und Zuflucht gewährt wurde, nehme ich an, dass Sie den Weg nach draußen ohne Hilfe finden werden?"

„Das ist noch nicht das Ende", meinte Fudge, steckte seinen Zauberstab aber dennoch weg. Sobald die Beamten hocherhobenen Hauptes den Krankenflügel verlassen hatten, um wenigstens den Rest ihrer Ehre zu retten, wandte sich Snape Draco zu.

„Ich bin froh, dass du es geschafft hast."

Trotz der gluckenhaften Proteste von Pomfrey, setzte er sich auf. „Gib es etwas Neues?"

Snape schüttelte den Kopf. „Nichts, aber es sind erst zwei Tage vergangen. Es könnten mehrere Wochen vergehen, bevor wir etwas von ihnen hören."

Stimmt, dachte Draco, aber die Ungewissheit stach wie ein Dorn. Er schaute zu den anderen drei Anwesenden. „Wie viel wissen sie?", fragte er.

„Ich habe ihnen alles erzählt", antwortete Snape.

Draco starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Alles? Sogar das über dich und meinen ...?"

„Alles Wichtige", verbesserte Snape schnell und blickte ihn finster an. „Und ich werde den Rest erklären, wenn du dich etwas erholt hast."

„Ich kann nicht schlafen", meinte Draco und setzte sich noch etwas aufrechter hin. „Ich bin zu müde. Vielleicht in einer Stunde oder so ..."

„In diesem Fall", mischte sich Dumbledore ein und trat an das Bettende, „möchte ich Sie um einen Gefallen bitten."

„Und was", fragte Draco, hielt den Blick aber starr auf die Roben des Schulleiters gerichtet, „könnten Sie von mir wollen?"

„Den Grund, warum Sie so eifrig versuchen, meinem Blick nicht zu begegnen", antwortete der Direktor. „Mr Malfoy, meinen Glückwunsch für den wundervollen Streich, den Ihre Familie Voldemort gespielt hat. Dies sind die ersten guten Neuigkeiten seit Monaten und sie geben unserer Seite den so benötigten Funken der Hoffnung. Aber, wie auch immer, wir sind uns alle des Risikos bewusst, das ich eingehe, indem ich Ihnen hier Schutz gewähre und ich beziehe mich damit nicht nur auf die Missbilligung durch das Ministerium. Ich muss wissen, ob ich Ihnen vertrauen kann."

„Niemand bei klarem Verstand traut einem dunklen Zauberer", murmelte Draco, dem die Idee, dass Dumbledore dachte, sie stünden auf seiner Seite, überhaupt nicht gefiel. „Sie werden mir nie vertrauen."

„Dann ist es also wahr", warf Harry ein, trat einen Schritt vor und starrte Draco wie etwas aus Hagrids Unterricht an. „Dobby hatte Recht. Er hat gesagt, ihr seid alle dunkle Zauberer."

„Ja, den kleinen Verräter interessiert es nicht mehr unsere Geheimnisse zu wahren", zischte Draco. „Undankbarer kleiner Mistkerl ..."

„Dürfte ich bitte fortfahren", unterbrach Dumbledore und legte Harry beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Ich kenne nicht alle Einzelheiten der Freilassung ihres Vaters oder ihrer Flucht vor Voldemort. Mit der Welt am Abgrund kann ich nicht riskieren, dass dies alles eine raffinierte Falle ist. Ich kann über die Motive und Pläne Ihres Vaters nur spekulieren und, wie Professor Snape mir so gerne erzählt, als Gryffindor kann ich nicht hoffen, die Ränke eines Slytherins jemals zu verstehen."

Das Krankenhausbett wurde wieder ungemütlich, der große Raum klein und stickig. Voldemorts gewaltsames Eindringen in seinen Geist hatte tiefe Wunden hinterlassen, die nicht heilen wollten und Draco fragte sich, fragte sich, ob ihn ein erneutes Eindringen in seinen Geist den Verstand kosten und alle seine Gedanken ungewollt dem Zauberer preisgeben würde. Wenn in Hogwarts bleiben bedeutete, die Kontrolle so abgeben zu müssen, dann würde er sein Glück lieber wieder mit dem Schneesturm versuchen.

„Es dauert nicht lange", meinte Dumbledore sanft. „Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, nicht nach Erinnerungen zu suchen, die Sie mir nicht freiwillig zugänglich machen."

Wenn es nur so einfach wäre, dachte Draco. Wenn er einfach woandershin hätte fliehen können, aber der Sturm tobte immer noch mit voller Kraft und er hatte auch keinen Platz, wo er vor den Todesser und dem Ministerium sicher gewesen wäre. „Wird es sehr wehtun?", fragte er deshalb.

„Es wird überhaupt nicht wehtun."

„Sie lügen", schnappte Draco und hielt seinen Blick immer noch fest auf Dumbledores Robe gerichtet. „Mein Geist wurde schon einmal auseinandergerissen, danke schön, ich möchte das nicht noch einmal erleben!"

„Auseinandergerissen?"; fragte Pomfrey und sprach damit allen aus der Seele. Sie setzte sich neben ihn und begann einen weiteren Trank zu mischen. „Wann? Haben Sie noch Schmerzen? Ich hätte daran denken und sie daraufhin untersuchen müssen ..."

„Der Dunkle Lord kann auch den Geist lesen", murmelte Draco. „Nur war er nicht so höflich, vorher um Erlaubnis zu bitten. Er ... es war." Er verfluchte sich dafür so zu stottern, aber die Erinnerung brannte immer noch so sehr als ob es gerade geschehen würde.

Zu seiner Überraschung legte Snape ihm eine Hand auf die Schulter. Draco schaute die Hand genau an, um sich zu vergewissern, dass diese wirklich dem Meister der Zaubertränke gehörte und wagte es erst dann, den Blick zu heben. In all den Jahren, in denen er Severus schon kannte, hatte dieser es immer schon gehasst vor anderen, außer Lucius, Schwäche zu zeigen.

„Der Schulleiter ist nicht der Dunkle Lord", sagte Snape leise. „Er wird dir nicht wehtun. Und, wenn noch irgendetwas von dem, was ich dich gelehrt habe, in deinem faulen Kopf steckt, dann kannst du die privaten Gedanken leicht für dich behalten."

Draco zögerte, schaute zwischen Severus und Dumbledore hin und her, bevor er nickte. Er holte tief Luft und schaute Dumbledore dann wortlos in die Augen. Sofort tauchten Erinnerungen in seinem Kopf auf, nicht wild durcheinander wie zuvor, sondern als konstanter Fluss, der ihn weiter und weiter zurücktrug, in die Zeit vor der Flucht und bevor die Malfoys ihren Plan in die Tat umsetzten. Zurück zu dem Moment, als Draco Askaban betrat.

Mehr ein Irrenhaus als ein Gefängnis. Schreie und Heulen hallten durch die steinernen Gänge und wurden von den dicken Mauern verschluckt. Draco ging aufrecht, hatte aber die Kapuze seiner Robe tief in das Gesicht gezogen, um es zu verstecken. In einer Hand trug er ein fest verschnürtes Bündel, in der anderen seinen Zauberstab. Vorne war die Robe fest verschlossen, sodass sie nicht zufällig aufging und versehentlich die Gegenstände in seinen Händen enthüllte. Jedoch erwartete niemand Ärger, da er die offiziellen Freilassungspapiere für seinen Vater dabei hatte. Alles, was er tun musste, war den Wachen diese zu zeigen und sie würden nur seine in Verruf geratenen Familiennamen verhöhnen und ihn passieren lassen.

Der Schatten und die Schreie störten ihn nicht. Er hatte sein ganzes Leben im Schatten verbracht, hatte seinen Vater beobachtet, wie dieser komplizierte Magie aus dunklen Artefakten gewann und hatte Snape als Lehrling geholfen und dabei Zutaten verwendet, die vom Ministerium schon lange verboten worden waren. Schreie, so hatte es ihm sein Vater gelehrt, waren nichts wovor man sich fürchten musste, sondern Warnungen vor möglichen Gefahren. Hier waren die Wachen die einzige Gefahr.

Zwei folgten ihm in angemessenem Abstand, angelockt von dem Neuankömmling, der noch nicht wie alle anderen, Wächter und Gefangene gleichermaßen, von der Dunkelheit verschlungen worden war. Sogar die Wächter im abgeschotteten Teil von Askaban musste von den Gerüchten um seine Familie gehört haben und der jüngste Spross einer solchen Familie, die verdächtigt wurde aus dunklen Zauberern zu bestehen, stellte ein verlockendes Ziel dar. Bei einem Angriff hätte er sich nicht verteidigen und erwarten können, dass die magische Gesellschaft ihm glauben würde. Im Moment wünschte er sich, seine Mutter hätte ihn begleitet. Er beruhigte sich, indem er sich sagte, dass sie jemanden, der kein Gefangener war, nicht angreifen würden.

Er schluckte reflexartig und zwang sich, sich nicht umzudrehen, auch wenn er ihre Anwesenheit dicht hinter sich spüren konnte.

Er folgte einigen Treppen nach oben und ging einen langen fensterlosen Korridor hinunter und hielt schließlich bei der letzten Zelle auf dieser Ebene an. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, dass die Wachen bei der Treppe stehen geblieben waren, außer Hörweite. Er stellte sich vor die Zelle. Das wenige Licht des Korridors reichte nicht bis in die Zelle, sodass diese in vollkommener Dunkelheit lag. Er scheute sich, hineinzusehen; zu sehen, was aus seinem Vater geworden war. Er riss sich zusammen, stellte sich seitlich zu den Gittern und blickte zu den Wachen.

„Vater", sagte er und drückte die Freilassungspapiere gegen das Schloss. Das Pergament begann zu zischeln und ließ die Zellentür schließlich mit einem „Klick" aufspringen. „Ich konnte deine Freilassung erreichen. Es wird Zeit nach Hause zu kommen."

Keine Antwort, aber er hörte, wie sich etwas in der Zelle bewegte. Er zog das Bündel unter seinem Umhang hervor und hielt es in die Zelle. Einen Moment später wurde es ihm mit schwacher Hand abgenommen und er hörte wie das Papier zerrissen wurde. Kleidung war das Einzige, was man mit herein bringen durfte, aber Draco hatte seinem Vater nicht nur diese mitgebracht, sondern auch dessen Zauberstab und einige Zaubertränke.

Einige Reinigungszauber wurden gesprochen. Draco hörte erstaunt, wie sein Vater Zauber flüsterte, von denen er niemals erwartet hätte, dass jemand so nobles wie Lucius Malfoy sie kennen würde. Normalerweise wurden diese von Bauern und Reisenden verwendet, um sich zu reinigen, wenn kein Wasser in der Nähe war. Daher waren sie sowohl unbequem als auch nutzlos für den modernen Zauberer, der sich nie weit von einem Gasthaus entfernen würde.

Glasphiolen zerschellten auf dem Boden, lösten sich auf und zerstörten somit jeglichen Beweis für die konzentrierten Stärkungstränke. Anstatt nur Alraune zu verwenden, hatte Draco ihre ätherische Essenz extrahiert, den Lebensfunken, der nach ihrem Tod wieder der Natur hätte übergeben werden müssen. Es grenzte an Nekromanie, diese Essenz zu verwenden und dann noch deren Wirkung mit seinem Blut als eine Art Katalysator zu verstärken. Wäre er entdeckt worden, hätte ihm dies eine saftige Geldbuße, soziale Ächtung und vielleicht sogar seine eigene Zelle eingebracht.

Schließlich trat Lucius ins Licht. Sich mehr als üblich auf seinen Gehstock stützend, machte er einige unsichere Schritte, um sich wieder an das Gehen zu gewöhnen.

Seine Kleidung hing lose an seinem Körper und zeigte, wie viel Gewicht er verloren hatte. Sein Haar, obwohl es nun sauber war, war schlaff.

„Wie lange?", flüsterte er und zog seine Kapuze über den Kopf, um sein Gesicht zu verbergen.

„Fast sechs Monate", antwortete Draco geschäftsmäßig. „Krieg ist ausgebrochen, nur Scharmützel, da beide Seiten noch ihre Kräfte sammeln. Das Ministerium weigert sich zwar zuzugeben, dass Krieg herrscht, aber Linien wurden gezogen und Stellungen eingenommen."

„Ich verstehe." Lucius ging einige Schritte neben ihm her, seine Füße schleiften leicht. Sein Atem kam stoßweise und er starrte auf den Boden. Er sah aus, als ob er jeden Moment umfallen würde. Draco runzelte die Stirn, als er sah, dass die Wachen über seinen Vater lachten. Ihn so tief gefallen zu sehen...

„Lucius", blaffte Draco und schlug den Ton an, den seine Eltern verwendeten, wenn sie ihn rügten, „du bist ein Malfoy! Benimm dich wie einer!"

Lucius erstarrte als hätte man ihm ins Gesicht geschlagen. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er seinen Sohn an und der Griff um seinen Gehstock festigte sich. Er hatte seinen Sohn niemals damit geschlagen, tatsächlich hatte er niemals die Hand gegen ihn erhoben, aber nun stand er kurz davor. So arrogant! Seinen Namen so kühl von seinem eigenen Fleisch und Blut zu hören und das, nachdem er so lange unter diesen Umständen gelebt hatte. In seiner Wut antwortete er nicht, sondern richtete sich auf, als sie weitergingen. Zwar etwas zittrig, aber er schaffte es aufrecht an den Wachen vorbeizugehen.

Im Moment diente ihnen ihr Ruf, als sie nebeneinander her schritten. Der ehemalige Gefangene ging augenscheinlich unbeeinflusst von seiner Gefangenschaft, ein bewundernswertes Kunststück, sogar ohne umherfliegende Dementoren. Die Wachen wichen zurück und ließen sie passieren. Im ganzen Gefängnis erstarb das Murmeln der Wachen, sobald die beiden dunklen Zauberer an ihnen vorbeigingen. Schließlich verließen sie das Gefängnis und traten ins Mondlicht.

Ihre Kutsche stand am Eingang. Zwei Rappen warteten geduldig, als Draco seinem Vater die Tür aufhielt. Sobald Lucius Platz genommen hatte, ging Draco zu den Pferden und flüsterte ihnen zu, sie nach Hause zu bringen. Dann kehrte er schnell zu seinem Vater zurück und schloss die Tür, während sie sich in Bewegung setzten. Sie wurden etwas durchgeschüttelt, als sie über den steinigen Boden fuhren. Ein paar Sekunden später hob die Kutsche ab und wurde von den Pferden durch die Luft gezogen, deren Hufgetrappel weiter zu hören war. Die Kutsche selbst hörte auf zu schwanken und wurde sanft vom Wind getragen.

Einige Minuten vergingen. Lucius starrte aus dem Fenster so intensiv auf das Meer, als ob eine Seeschlange sie verfolgen würde, aber Draco kannte seinen Vater gut genug. Er zog seine Kapuze zurück, sah seinen Vater an und wünschte sich, dieser würde etwas sagen. Als die Stille unerträglich wurde, platzte es aus Draco heraus: „Verzeih mir, Vater, bitte! Ich konnte es doch nur nicht ertragen, wie diese Monster uns angestarrt und sich über uns lustig gemacht haben. Ich wollte nicht anmaßend sein ... Ich meine ... Du weißt, ich würde es nie wagen ..."

Dracos Mund klappte zu, als sein Vater seufzte und sich zu ihm drehte. Obwohl sein Vater ihn niemals geschlagen hatte, wünschte er sich manchmal, dass dieser es tun würde. Lucius Groll und Enttäuschung waren viel schwerer zu ertragen als eine Ohrfeige. Um seinen Willen zu bekommen, konnte Draco schmeicheln wie keiner, ein Talent, das er in den letzten Monaten zu Genüge ausschöpfen hatte müssen, aber aus irgendeinem Grund konnte er unter dem Blick seines Vaters nur stottern.

„Wieso bist du hier, anstatt unsere Sache voranzutreiben?", fragte Lucius gleichgültig. „Hast du dem Dunklen Lord keine Treue geschworen?"

„Nein", antwortete Draco und wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. „Ich wurde noch nicht gefragt. Mutter kümmert sich um die Todesser, wenn sie ab und an im Herrenhaus sind, aber sie können mit mir nichts anfangen, da ich noch nicht volljährig bin."

„Ich verstehe." Lucius nickte sich selbst zu und starrte dann wieder aus dem Fenster.

„Nein, tust du nicht!", flüsterte Draco. Er blickte auf den Boden der Kutsche und zwang sich weiterzureden, ohne seinem Vater in die Augen zu blicken, aus Angst, die Nerven zu verlieren. „Ich werde ihnen nicht beitreten. Niemals. Nicht nach dem hier. Nicht, nachdem, was sie uns angetan haben."

„Draco ..."

„Mutter steht auf meiner Seite, sowie der Rest der Familie, ich meine, diejenigen in den Portraits. Ich weiß, dass du dem Dunklen Lord Treue geschworen hast, aber ..."

„Draco!", blaffte Lucius. „Die Malfoys gehören an seine rechte Seite, du weißt das! Nur weil wir ihm gedient haben, sind wir noch am Leben."

„Ihm zu dienen hat uns ein Mal gerettet, aber nun wird es uns zerstören", sagte Draco. „Ich werde ihm nicht dienen!"

„Wie kannst du es wagen, dich mir zu widersetzen?", flüsterte Lucius. „Wenn ich glauben würde, dass du wirklich so darüber denkst, würde ich dir Verstand einprügeln!"

„Aber es ist mein Ernst ..."

„Genug!", zischte Lucius und schlug mit seinem Gehstock so hart auf den Sitz, dass Draco zusammenzuckte. „Genug von diesen Prüfungen! Habe ich meine Treue nicht schon genügend bewiesen?" Mit einer Mischung aus Verrat und Enttäuschung blickte er Draco an. „Muss sogar mein eigener Sohn versuchen, mich in eine Falle zu locken?"

„Prüfung?", wiederholte Draco und ihm kam in den Sinn, dass sein Vater ihn so sehr vor den Ränkeschmieden des Inneren Kreises beschützt hatte, dass er keine Ahnung hatte, was in Voldemorts Umgebung vor sich ging, wie dieser die Loyalität seiner Anhänger prüfte. „Nein, Vater, das ... das ist keine Prüfung. Wenn der Dunkle Lord es herausfindet, dann nur, weil du es ihm sagst."

„Ich habe nicht so lange überlebt, weil ich naiv war", sagte Lucius mit zusammengekniffenen Augen. „Dass mein eigener Sohn sich gegen mich wendet, ist nicht sehr weit hergeholt."

„Ich habe mich nicht von dir abgewandt", erklärte Draco. „Du hast immer gesagt „Familie über alles". Ich bin ein Malfoy, kein Todesser!"

Lucius starrte ihn einige Augenblicke an, sein Blick verlor die Wut und wurde misstrauisch. „Zeig mir deine Arme!", befahl er dann.

Draco knöpfte seine Robe auf und krempelte seine Ärmel hoch, um unversehrte Haut zu entblößen. Sein Vater lehnte sich dann vor und schob seinen losen Kragen zur Seite. Draco hielt still und neigte seinen Kopf etwas zur Seite, um ihm zu zeigen, dass er weder auf dem Rücken noch auf den Schultern markiert worden war. Lucius packte ihn grob, zog ihn zu sich und hielt ihn mit beiden Armen fest. Seine Umarmung war schwach, aber Draco erwiderte sie und schloss die Augen. Nur ein Mal zuvor hatte ihn sein Vater so gehalten. Es war beinahe ein Wunder.

„Ich hatte solche Angst um dich", wisperte Lucius. „Ich war mir so sicher, dass du für mein Versagen würdest büßen müssen."

Draco antwortete zuerst nicht. Er wollte nicht loslassen. Aber als er nichts sagte, verstand Lucius, was das Schweigen seines Sohnes zu bedeuten hatte. Er hielt ihn etwas von sich und schaute ihn an. „Was ist passiert?"

Draco weigerte sich ihm in die Augen zu sehen, stattdessen vergrub er sein Gesicht im Hemd seines Vaters. „Ich weiß nicht. Mutter meinte, der Dunkle Lord sei wütend und will unsere Familie bestrafen, aber sie weiß nicht wie."

Eine Zeit lang sprach keiner der beiden ein Wort. Lucius kam der Gedanke, seine Frau und seinen Sohn fortzuschicken, aber das war nun ebenso unmöglich, wie zu der Zeit als er diesen Gedanken zum ersten Mal gehabt hatte, kurz nach der Rückkehr des Dunklen Lords. Es gab keinen sicheren Ort, keine Zufluchtstätte für dunkle Zauberer. „Es gibt kein Entkommen", sagte er sanft. „Nicht für uns."

„Doch, gibt es", widersprach Draco und setzte sich etwas auf. „ Es gibt einen Weg. Es wird nicht einfach werden und verdammt schwierig, es vor ihm zu verbergen, aber es ist möglich." Langsam erklärte er seinen Plan, der Portschlüssel und List beinhaltete. Er zählte die Todesser auf, die zur Flucht bereit schienen und erklärte, wie er die älteren Schüler in einer eigenen, streng organisierten Gruppe vereint hatte, die bereit war, die Kinder im richtigen Augenblick in Sicherheit zu bringen. Er erzählte, dass Severus Hogwarts als eine sichere Anlaufstelle versprochen hatte, wenn es nötig werden würde und dass dieser auch seine Hilfe angeboten hatte. Als er geendet hatte, blickte er seinen Vater an, bereit seinen ganzen Plan aufzugeben, wenn dieser ihn missbilligte.

„Sehr clever", meinte Lucius, offensichtlich darüber nachdenkend. „Das war die Idee deiner Mutter?"

„Nein", antwortete Draco, „es war meine."

„Dieser Plan ist außerordentlich einfach und grenzt an Wahnsinn", sagte Lucius so in Gedanken versunken, dass er das enttäuschte Gesicht seines Sohnes nicht bemerkte. „Aber vage inspiriert. Er könnte tatsächlich funktionieren, wenn wir verhindern können, dass der Dunkle Lord Wind davon bekommt. Je früher wir ihn durchziehen, desto besser." Während er redete, entließ er seinen Sohn aus der Umarmung und setzte ihn sanft wieder hin.

„Ich habe nach einem Ort gesucht, an dem wir alle verstecken können", sagte Draco. Nur widerstrebend zog er sich zurück und setzte sich seinem Vater gegenüber. „Bisher habe ich nichts Geeignetes gefunden."

„Einen solchen Ort müssen wir erst erschaffen", erklärte Lucius. „Das braucht jedoch Zeit und eine Menge Aufwand. Ich bin noch nicht stark genug, um euch dabei zu helfen.

Im Mondlicht konnte man seine Erschöpfung nun wieder gut erkennen und Draco verspürte Gewissensbisse. „Vater ... es tut mir leid, was ich da drinnen gesagt habe. Ich wollte dich nicht anfahren oder ..."

Lucius schenkte ihm ein leichtes Lächeln. „Verdammte Wachen, am liebsten hätte ich dich erwürgt. Aber nicht deine Respektlosigkeit hat mich so verärgert... Ich fühlte mich wieder wie ein Kind vor meinem Vater. Verdammt bitteres Gefühl."

„Du hast deinen Vater verärgert?", fragte Draco.

„Nicht so sehr wie es mein eigener Sohn tut", antwortete Lucius.

Den Rest des Weges schwiegen sie. Als sein Vater einschlief, blieb Draco wachsam und achtete darauf, dass die Pferde nicht vom Kurs abkamen und ihnen niemand auf einem Besen folgte. Er hatte seinen Vater, so kurz nach seiner Entlassung aus Askaban, nicht mit so vielen Informationen überschütten wollen, aber es war besser, wenn er gleich von ihrem geplanten Verrat erfuhr, als zu denken, er müsse weiterhin dem Dunklen Lord dienen.

Gerade als die Sonne aufging, kam die Kutsche vor dem Herrenhaus zum Stehen. Narcissa trat heraus und nahm Lucius am Arm, um ihm ins Innere zu helfen, während Draco den Hauselfen befahl, die Pferde zu versorgen, die Kutsche wegzubringen und vor allen Dingen niemandem zu erzählen, dass der Herr des Hauses wieder zurückgekehrt war. Er folgte seinen Eltern nicht, überließ seinen Vater der Obhut seiner Mutter und ging in sein Zimmer.

Während seiner Abwesenheit waren die Hauselfen fleißig gewesen, hatten das Chaos aus Pergamenten und Federn auf seinem Schreibtisch aufgeräumt und es sogar geschafft, den aus Versehen entstandenen Tintenfleck auf dem Teppichboden zu entfernen. Nun, da sein Vater frei war, konnte er sich dem Tisch wieder ohne Widerstreben nähern. Die letzten Monate hatte er hart daran gearbeitet, jeden einzelnen Gefallen einzufordern, jedes dreckige Geheimnis zu benutzen, hatte seine eigene Magie bei den Beamten spielen lassen und so die Freilassung seines Vaters erreicht. Die Ermordung von Amelia Bones durch die Todesser hatte es einfacher gemacht, den Zaubergamot zu manipulieren. Aber da sein Vater im Gefängnis saß, musste er seinen eigenen Ruf aufbauen, der ebenso bedrohlich und grausam war wie der seines Vaters, bis Draco Malfoy gleichermaßen gefürchtet war wie Lucius Malfoy.

Vielleicht sogar mehr. Lucius, der immer darauf bedacht war, seine Einschüchterungsmethoden geheim zu halten, verwendete subtile Drohungen, um nicht entdeckt zu werden. Draco wurde zu einem blonden Dämon, verbreitete Gerüchte über Erpressung, Korruption und Inkompetenz im Ministerium, bis alle so eingeschüchtert waren, dass die leiseste Andeutung von ihm genügte, um sie in eine Welle der Hilfsbereitschaft ausbrechen zu lassen. Bei manchen Beamten war es unmöglich sie zu manipulieren. Arthur Weasley zur Kooperation zu zwingen wäre auf Grund seines geringen Einflusses nutzlos gewesen, aber unbezahlbar für die persönliche Befriedigung. Jedoch wussten schon alle über seinen laschen Umgang mit verzauberten Muggel-Gegenständen Bescheid, sodass es ihn weniger einschüchtern würde, wenn man ihm Inkompetenz vorwarf als manch anderen. Wie auch immer: Diese Familie brachte ihm keinen Nutzen und er sah jedes Mal Rot, wenn er an sie dachte.

Auf dem Weg ins angrenzende Badezimmer schälte er sich aus seiner Kleidung und ging zu der im Boden eingelassenen Badewanne. Filly hatte ihm das Bad schon eingelassen. So setzte er sich vorsichtig in das heiße Wasser und zuckte leicht zusammen. Das Wasser ging ihm bis zum Hals und anders als in Hogwarts, waren in die Wände der Badewannen im Herrenhaus unterschiedliche Symbole eingraviert. Baden war nicht nur zum Waschen und Entspannen gedacht. Für die Malfoys bedeute Baden sich von jedem Rest an Dunkler Magie zu befreien, der noch an ihnen haftete. Würde er diese Reste nicht loswerden, würden sie mit Zaubern reagieren, dunkle Kreaturen anlocken und sich schließlich an seiner Seele laben.

Er brachte die Handflächen zusammen, holte tief Luft und begann einen leisen Singsang. Der Spruch reimte sich, damit er sich ihn besser merken konnte. Es verging eine Minute, dann zwei. Dann legte er sich zurück und tauchte vollständig unter. Als er sich wieder aufgesetzt hatte, drehte er sich, wischte das Wasser aus den Augen und sah dann seinen Schatten, der auf der Wasseroberfläche schwamm. Dieser trieb dort ein paar Sekunden und löste sich dann auf.

Als das getan war, drehte er sich wieder um und lehnte sich zurück. Einer der Vorteile dunkler Magie war, dass sie ihm eine Ausrede für ein tägliches, ausgiebiges Bad gab. Später würde er Pansy kontaktieren und sie auf den neusten Stand bringen, aber das eilte nicht. Die Todesser würden erst in ein paar Wochen wieder im Manor auftauchen, da sie mit Morden und Zerstören beschäftigt waren. Der Dunkle Lord war wie immer weg und koordinierte alles von seinem eigenen geheimen Versteck aus. Im Augenblick konnte sich Draco eine Pause leisten.

Erst viel später, drei Wochen nach der Rückkehr seines Vaters und nachdem er sich erholt hatte, erfuhr Draco die Geschichte der Walpurgis-Ritter, was für eine Rolle er bei ihrer Flucht spielen würde und worauf er sich vorzubereiten hatte. Severus stellte sich bei der Planung als unersetzbar heraus und schien das Manor nicht mehr zu verlassen und sein Vater...

Draco schüttelte den Kopf. Nein, das war genug, eine Familienangelegenheit, die den Krieg nicht betraf. Er schüttelte nochmals den Kopf, um ihn frei zu bekommen und schaute zu Dumbledore hoch, der mit einem breiten Lächeln vor ihm stand.

„Es scheint, als hätte ich Sie unterschätzt", sagte der Schulleiter. „Manchmal findet die Frische der Jugend Mittel, die Jahre der Erfahrung als unmöglich abgelehnt hätten. Ich muss ihnen nochmals gratulieren. Sie haben es sich verdient!"

Glückwünsche dafür, ein besserer Ränkeschmied als der Dunkle Lord zu sein? Von einem Slytherin konnte er diese akzeptieren. Von einem Gryffindor war es ein zweifelhaftes Kompliment. Draco nickte nur unbehaglich und schaute zu Severus. „Wie lange hat es gedauert?"

„Ein paar Minuten", antwortete Snape. „Nun da wir hier fertig sind, solltest du noch etwas schlafen. Ich werde dir etwas Angebrachteres für deine Hand bringen als dieses schwache Schlangenöl ..." Er ignorierte Pomfreys beleidigtes Schnauben. „Und morgen, nein, heute etwas später werden wir dich nach Slytherin bringen."

„Warte", sagte Draco, der sich weigerte, sich schon hinzulegen. „Die Bücher, sind sie in Sicherheit?"

„Du meinst deinen Teufelssack?", fragte Snape nach. „Ja, sie sind sicher. Ich werde sie an mich nehmen und sie für dich aufbewahren."

Das war alles, was er Draco bewilligte. Alle verließen ihn und er legte sich hin. Draco lachte abschätzig, als er Dumbledores leiser werdende Stimme vernahm, die Potter erklärte, was ein Teufelssack und dunkle Bücher waren. Bei all seinen angeblichen Göttern, der Schulleiter wusste sicherlich eine Menge über Dunkle Magie und dafür, dass Potter den Dunklen Lord besiegen sollte, war dieser beklagenswert uninformiert über die Kultur der Zauberer.

Pomfrey blies die Kerzen aus und schloss leise die Tür hinter sich. Der Krankenflügel lag nun fast in völliger Dunkelheit. Bleiches Mondlicht schien durch die Fenster, der Wind heulte und die eisigen Schneeflocken tappten wie die knochigen Finger eines Skelettes an die Scheiben. Er zog die Decke höher und vergrub sein Gesicht im Kissen. Trotz des Frusts seines Vaters, der sanften Versicherung seiner Mutter und Snapes Spott, hatte Draco seine Angst vor der Nacht nie ablegen können. Eine dumme Sache vor der ein dunkler Zauberer Angst haben konnte, aber es war nicht die Dunkelheit selbst. Im Schatten zu arbeiten war seine zweite Natur und er zog eine ruhmreiche Hand dem Lumos vor. Nein, es war das, was in den Schatten lauerte, das ihm Furcht einflösste. Er rollte sich zusammen und redete sich ein, es sei wegen der Kälte. Der Raum fühlte sich eisig an und er hätte Madam Pomfrey gerufen, wenn er sich nicht so lächerlich vorgekommen wäre, da er sich zuvor noch beschwert hatte, ihm sei zu heiß. Er versuchte, sich zu entspannen und die schleichende Kälte zu ignorieren.

Als er endlich eingeschlafen war, träumte er davon, durch einen Schneesturm zu rennen, seine Roben dicht um sich geschlungen. Durch die hohen Schneewehen stolpernd, schaute er sich ständig um und hoffte, es durch den Wald und bis zur Hauptstraße zu schaffen, bevor der Muggel-Mob ihn erwischte. In dem Blizzard, der durch die dichten Wolken, die sich vor den Mond schoben, schwarz war, konnte er ihre Fackeln wie Leuchttürme ausmachen. Sein Zauberstab war bei seiner Flucht zerbrochen, die Kälte verschwand langsam, während er immer müder wurde. Als sie immer näher kamen, warf er seine Roben von sich und rannte so schnell er konnte. Wie ein Reh vor seinen Jägern, ließ er alle Vorsicht fallen und stürzte durch den Schnee, in dem verzweifelten Versuch, diesen blutrünstigen, hasserfüllten, dreckigen Tieren zu entkommen, die nach seinem Blut gierten...

TBC

A/Üb

*Besmo: Im Englischen verwendet die Autorin für diesen speziellen Besen von Draco den Begriff „Besom". Im Deutschen funktioniert diese Unterscheidung nicht, da sowohl besom als auch broom mit Besen übersetzt wird. Nach langem Überlegen und einiger Recherchearbeit bin ich auf den althochdeutschen Begriff „bes(e)mo" gestoßen, von dem sich sowohl „besom" als auch unser „Besen" ableitet. Somit hat Dracos Besen auch im Deutschen einen eigene Bezeichnung erhalten.