Kapitel 2: Verloren in der Welt
Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allererfreuliche Licht - mit seinen Farben, seinem Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag.
Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut.
Abwärts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht.
Fernab liegt die Welt - in eine tiefe Gruft versenkt - wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut.
In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. -Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang.
Novalis "Hymnen an die Nacht", 1800.
Snape hatte wieder seit Stunden neue Bücher studiert, die er in schäbigen alten Buchläden in den Highlands und in angesehenen Antiquariaten in London aufgestöbert und erstanden hatte.
Viele Tränkebrauanleitungen hatte er in mühevoller Kleinarbeit nachvollzogen. Das Besorgen und Sammeln sowie Vorbereiten der Trankzutaten war nicht weniger aufwändig gewesen.
Aber er war dem Ziel noch kein Stück näher gekommen. Jetzt war es bereits nach Mitternacht und er hatte sich erschöpft in einen Sessel seines Büros in den Kerkern von Hogwarts niedergelassen.
Er schloss die Augen und versuchte, frei zu werden von den bohrenden quälenden Gedanken, die ihn stets begleiteten.
Es fiel ihm immer schwerer, innere Entspannung und Momente des Loslassens zu finden.
Die Ruhelosigkeit seiner Seele und das Empfinden der Sinnlosigkeit seines Seins vergrub er unter unermüdlicher Arbeit in den Kerkern, bis lange nachdem die letzten Stimmen in den Geschossen über ihm verklungen waren.
Trotz der langen anstrengenden Tage fand der Meister der Tränke selten erholenden Schlaf und so war er seit dem letzten Schuljahr deutlich gezeichnet von der Last, die auf ihm ruhte.
Er hatte seinen Nacken an dem hohen Sessel angelegt und besah sich mit Interesse seine auf den Armlehnen ruhenden Hände.
Sie erschienen ihm, da er an Gewicht verloren hatte, gealtert und durch stärker hervortretende Gelenke und Knochen, fremd.
Er seufzte leise und genoss die Genugtuung, dass er zumindest seinen Körper vernachlässigen und bestrafen konnte, als Überlegenheit seines Geistes.
Er lehnte sich tiefer in den weichen Sessel und allmählich breitete sich in ihm eine wohltuende Leere aus.
Snape war bewusst, dass er dieses Gefühl der absoluten Einheit mit allen Dingen des Kosmos, der Schwerelosigkeit, nur begrenzt halten konnte.
Nur einmal in seinem Dasein war er so nahe an diesem endgültigen Zustand der Einswerdung mit dem Universum und der Ausschaltung aller Empfindungen gewesen.
Er war hinabgesunken in freundlichen Wassern, letzte Strahlen des Sonnenlichts hatten die Trübnis der fremden Welt durchzogen, strudelnde Luftblasen seinen Körper umkreist.
Tiefer und tiefer war er in die wohltuende Schwerelosigkeit des Wassers gesunken, selbst ein Teil dieser Materie geworden. Gedanken und Existenz ausgelöscht ...
Snape seufzte nochmals kraftlos. Dieser letzte Tag war noch nicht gekommen.
Man hatte ihn aus dieser stillen Welt wieder herausgerissen. Ihm dieses grenzenlose Gefühl der Freude verwehrt.
Ihn zurückgeworfen in sein Leben der Schuld und Sühne.
Es war 3 Uhr nachts als Snape endlich in einen traumlosen Schlaf hinüber dämmerte.
