Good'N'Evil
Undisclosed Desires | Man in the mirror | Closure
Kapitel 1 – Reunion
"Time is short, and unless the few of us who know the truth stand united,
there is no hope for any of us."
—Albus Dumbledore
Der Orden des Phönix existierte nicht mehr. Nach Lord Voldemorts Sturz im Oktober 1981 war er aufgelöst worden – wo kein schwarzmagischer Bösewicht mehr war, wurde auch kein Widerstandsorden gebraucht. Die übrigen noch lebenden Mitglieder - die, die von den Todessern noch nicht brutal ermordet worden waren - 14 an der Zahl, zwei davon dauerhaft fluchgeschädigt und einer lebenslänglich in Askaban, waren insgeheim erleichtert. Nach all dem Krieg, all den Verlusten und all der Angst, die während Voldemorts Schreckensherrschaft zum ständigen Begleiter geworden waren, erinnerte der Orden sie nur an Dinge, die sie lieber verdrängten.
Der Frieden dauerte nicht ganz 14 Jahre.
Vierzehn Jahre, in denen so mancher Todesser beteuerte, er hätte unter dem Imperiusfluch gestanden und wäre sich seiner Taten nicht bewusst gewesen; vierzehn Jahre, in denen sich die magische Welt von dem Schrecken und dem Grauen erholen konnte. Vierzehn Jahre, in denen der Orden des Phönix nicht mehr war als eine blasse Erinnerung an dunklere, verzweifelte Zeiten, in denen kein Platz gewesen war für Liebe, für Familie, für Freude oder Glück. Vierzehn Jahre, in denen man sich die Wunden lecken, Kraft tanken und sich nochmals wappnen konnte.
Für die zweite Runde.
Albus Dumbledore schritt angespannt in seinem Büro auf und ab; knapp eine Stunde war vergangen, seit ein verstörter Harry Potter mit der Leiche Cedric Diggorys im Arm in den Irrgarten zurückgekehrt war und seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt hatte. Wenn man es genau nahm, so hatte der Junge sogar seine unangenehmsten Erwartungen noch übertroffen. Der dunkle Lord war zurückgekehrt und wenn man den Worten Severus Snapes Glauben schenken konnte (und das war angesichts seiner prekären Lage doch anzunehmen)mächtiger und erbarmungsloser als zuvor. Nichts Geringeres als die Rückkehr eben dieses Mannes würde ihn dazu veranlassen, die in der Zwischenzeit zu den „alten Kämpfern" gewordenen, ehemaligen Ordensmitglieder so Hals über Kopf in seine Schule zu beordern. Nicht alle, selbstverständlich, der Orden war schließlich ein Geheimverband und ein derartiger Menschenauflauf in seinem Büro würde höchst verdächtig aussehen. Er hatte Sirius Black damit beauftragt, Arabella Figg, Mundungus Fletcher und Remus Lupin zu benachrichtigen. Mittels seines Patronus hatte er dem Rest die knappe Nachricht zukommen lassen, sich so schnell es ihnen nur irgend möglich war bei ihm einzufinden.
Es war Zeit, den Orden des Phönix erneut ins Leben zu rufen.
Im Kamin unweit des Schreibtisches tauchte mit einem leisen Wuuusch eine verschwommene, rotierende Silhouette auf. Rußbedeckt und hustend stolperte keine Sekunde darauf Emmeline Vance aus dem Kamin und nur einen Wimpernschlag später folgte auch der strohblonde Sturgis Podmore ihrem Beispiel.
„Was ist passiert, Albus?", fragte Emmeline sofort und klopfte sich die Asche vom Umhang. „Oh, Verzeihung, Sturgis, ich hab dich nicht kommen sehen…"
„Einen Moment Geduld noch, Emmeline, meine Liebe.", antwortete Dumbledore. Im nächsten Moment war Fußgetrappel auf den steinernen Treppenstufen zu vernehmen. Die Tür zum Schulleiterbüro wurde aufgestoßen und Professor McGonagall erschien, den Mund zu einem noch dünneren Strich verzogen als sonst und kalkweiß im Gesicht.
„Alastor wurde zur Überwachung ins St. Mungo gebracht – sein Zustand ist stabil, aber den Umständen entsprechend, er wird bis morgen dort bleiben müssen. Kein Wunder, monatelang in einem Koffer eingeschlossen, halb verhungert-''
„Moody?", fragte Sturgis ungläubig. „Alastor Moody?"
„Der Echte zur Abwechslung.", bestätigte Professor McGonagall Kopf nickend und schürzte die Lippen. „Nicht zu fassen was er durchmachen musste, eine halbe Ewigkeit im Dunkeln und das bei seiner Paranoia… Und dieser Crouch-'' Sie brach ab und schauderte bei dem Gedanken.
„Crouch?", fragte nun auch Vance verwirrt.
Plötzlich aufzüngelnde, grüne Flammen verkündeten die Ankunft von Hestia Jones, die sich ungelenk aus dem Kamin kämpfte, ihre schwarze Lockenmähne schüttelte und Ruß über den Teppich verteilte.
„Albus!", rief Doge entzückt, der als nächster ankam und durchquerte den Raum mit wenigen Schritten, um Dumbledore die Hand zu schütteln. „Lange her, viel zu lange… So viel zu tun, viel zu viel, ja ja – aber was ist passiert? Deine Nachricht kam, nun ja, doch sehr überraschend will ich meinen.", haspelte er in seiner pfeifenden Stimme und sah sich um, als bemerke er erst jetzt, dass er nicht der einzige Besucher war. Hestia diskutierte in verhaltener Lautstärke mit Emmeline, um zu erfahren, weshalb sie hier war. Dumbledore räusperte sich und wo vorher noch aufgeregtes Stimmengewirr gewesen war, herrschte schlagartig Stille.
„Ich fürchte", begann Dumbledore ungewohnt angespannt, „ich fürchte ich schulde euch allen eine Erklärung. Bitte verzeiht mir meine Unverschämtheit, euch alle zu später Stunde noch hierher zu bitten, doch ich muss euch von etwas in Kenntnis setzen, das euch alle sehr schockieren wird..."
Vance warf Podmore einen nervösen Blick zu, Professor McGonagall raschelte unruhig mit ihrer Robe.
„Lord Voldemort" – nahezu alle Anwesenden im Raum zuckten erschrocken zusammen, Podmore zerbrach den merkwürdigen, gläsernen Gegenstand, den er aufgekratzt in den Händen gerollt hatte – „Lord Voldemort hat heute Nacht mit Peter Pettigrews Hilfe seine volle Macht und seine menschliche Gestalt zurück erlangt. Er ist wieder da. Gegenwärtig befindet sich Severus Snape, der unter höchster Lebensgefahr für den Orden spioniert, auf einem Todessertreffen der zweiten Stunde, um mehr zu erfahren."
Einen kurzen Augenblick lang war es totenstill. Dann aber, als die Gehirne rings um ihn herum erfassten, welchen Sinn Dumbledores Worte ergaben, brach die Hölle los: Jones schnappte nach Luft, Vance unterdrückte einen schrillen Aufschrei, Doge japste atemlos und Podmore stand wie vom Donner gerührt daneben, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.
„Wann?", wollte er fassungslos wissen.
„Wie-'', keuchte Vance erschüttert und zog sich einen Stuhl heran, um nicht umzukippen.
„Minerva.", sagte Dumbledore nur und winkte sie in die Mitte des Büros, wo alle sie deutlich hören konnten. Jones und Vance tauschten erneut verwirrte Blicke. Die nächste Stunde lauschten die ehemaligen Ordensmitglieder grimmig McGonagalls Worten, die Barty Crouch Juniors Geschichte wiedergab. Dann kehrte erneut Schweigen ein. Jones, die mehrmals während McGonagalls Berichterstattung empört aufgesprungen war, saß nun zusammengesackt auf einem Stuhl und starrte mit eingefrorenem Gesichtsausdruck eines der Portraits an.
Dumbledore schwieg ebenfalls. Er kannte die Geschichte, er hatte geahnt, was kommen würde und doch – jetzt, da es so weit war, erfüllte es ihn mit Grauen. Dass Lord Voldemort eines Tages zurückkommen würde, hatte er gewusst – er hatte es von dem Moment an gewusst, als die Macht des dunklen Lords in sich zusammenfiel.
„Und was nun?", fragte Doge in die unangenehme Stille hinein und seine Stimme zitterte. Er hatte Angst – selbstverständlich, wer hatte in Zeiten wie diesen keine Angst? Erstaunlich, wie schnell der alte Zustand wieder eingekehrt war.
„Das Ministerium muss informiert werden!", merkte Podmore an und Jones nickte zustimmend. „Jemand muss sofort in die Zentrale und dort Alarm schlagen."
„Das wird nichts nützen, Hestia.", widersprach McGonagall kopfschüttelnd. „Fudge war hier, Albus hat mit ihm gesprochen. Auf die Unterstützung des Zaubereiministeriums ist nicht zu hoffen. Fudge hat sich sehr deutlich ausgedrückt." Sie presste die Lippen zusammen und ein wütendes Schnauben durch die Nase sagte allen, was sie davon hielt.
„Er hat nicht vor etwas zu unternehmen?", schlussfolgerte Vance. „Ist er verrückt?"
„Muss er sein, wenn er so bereitwillig zur Seite tritt und Du-weißt-schon-wem den Weg ebnet, unsere Welt und uns alle gleich mit zu vernichten.", bemerkte Jones trocken und ballte die Hand zur Faust.
„Kann Barty Crouch Junior seine Aussage nicht wiederholen? Fudge soll ihn verhören, er kann unmöglich an seiner Aussage zweifeln.", schlug Doge halbherzig vor.
„Crouch ist nicht mehr vernehmungsfähig, dafür hat das Ministerium ebenfalls bestens gesorgt.", sagte McGonagall verdrossen. „Fudge bestand darauf, einen Dementor als persönlichen Leibwächter mit sich zu nehmen und- Nun, den Rest könnt ihr euch bestimmt denken."
Ein Schaudern ging reihum. Zu ihrem Leidwesen konnten sie es sich sogar sehr gut vorstellen.
„Was ist mit dem Potter-Jungen?", fragte Podmore zweifelnd. „Er war doch dabei, Fudge muss ihm doch glauben."
„Oh bitte, Sturgis, wenn Fudge Albus für einen Narren mit zu viel Fantasie und Freizeit hält, glaubst du allen Ernstes, dass er dann Potters Wort für bare Münze nimmt?", herrschte Jones ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wohl kaum.", gab Podmore bedrückt zu.
„Potter hat doch Diggorys Leiche zurückgebracht, stimmt's? Sie sollte Beweis genug sein, könnte man meinen." Vance runzelte die Stirn.
„Nicht für den Zaubereiminister, offensichtlich."
„Aber nicht einmal Fudge könnte so dämlich sein-"
„Nun, doch, wie du siehst-"
„Aber wer außer Du-weißt-schon-wem hätte ihn denn sonst umgebracht? Außer Potter war doch keine Menschenseele in der Nähe."
Podmore setzte eine Da-hast-du-es-Miene auf.
„Du meinst, Fudge denkt, Potter selbst hätte Diggory erledigt?", rief Vance entsetzt. „Unmöglich!"
„Wenn er wirklich versucht Du-weißt-schon-wer's Rückkehr zu verschleiern würde ihm das gut in den Kram passen, oder nicht? Er behauptet einfach, Potter hätte Diggory mit dem Trimagischen Pokal erschlagen, um das Turnier zu gewinnen und schon hat er seinen Sündenbock, den er der Welt präsentieren kann."
„Aber-"
„Mit haarsträubenden Diskussionen kommen wir in diesem Fall auch nicht weiter.", beendete McGonagall das Thema harsch und sah Dumbledore erwartungsvoll an: „Was hast du nun vor, Albus?"
Dumbledore verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Das, wozu ich euch alle heute Nacht hierher gebeten habe. Dasselbe, das schon beim ersten Mal das Einzige war, was wir tun konnten. Uns so gut es uns irgend möglich ist gegen Lord Voldemort zu Wehr setzen und hoffen-"
Kurze Stille entstand, in der alle ihren eigenen Gedanken nachhingen und Dumbledore zu der Stange hinüber schritt, auf der Fawkes, der Phönix, sich niedergelassen hatte.
„… hoffen, dass der Orden des Phönix ihn zur Strecke bringen kann."
Emmeline hielt die Luft an. Der Orden - oder zumindest was von ihm übrig geblieben war – war mitunter ihre einzige Chance. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, wie immer wenn sie es nicht schaffte, die Erinnerungen an den ersten Phönixorden zu verdrängen. Dearborn, Meadowes, Fenwick, die Prewetts… So viele von ihnen hatten im Kampf gegen Voldemort und seine Todesserriege ihr Leben lassen müssen und Emmeline zweifelte nicht daran, dass es dieses Mal anders sein würde. Aufmerksam sah sie von Hestia zu Elphias, von Elphias zu Sturgis und wieder zurück. Wer würde sich diesmal opfern müssen wie die Potters? Welche Familien würden dieses Mal aussterben wie die McKinnons? Und welche von ihnen würden dieses Mal als menschliche Wracks enden wie die Longbottoms? Sie schauderte. Der Orden war ihre einzige Chance. Sie würden kämpfen. Egal um welchen Preis.
Sie fing Hestias erwartungsvollen Blick auf und nickte kaum merklich, bevor sie sich erhob.
„Auf mich könnt ihr zählen." Mehr brauchte sie nicht zu sagen, die anderen würden verstehen.
Hestia zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Den Teufel werd ich tun und mir das entgehen lassen."
„Dito", meinte Sturgis leichthin. Was sonst? Der Krieg würde sie früher oder später alle einholen.
Doge nickte nur schnell. Er hatte Angst davor zu sprechen – er befürchtete, seine Stimme könnte ihm ihren Dienst versagen.
Dumbledore glitt ein leichtes Lächeln über die Lippen. Er hatte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass sie alle erneut in den Kampf ziehen würden. Zu viele Freunde galt es zu rächen, zu viel gab es zu verlieren. Er fing wieder an, vor seinem Schreibtisch auf und ab zu schreiten.
„Ihr wisst was zu tun ist… Der Orden des Phönix hat enorme Verluste erlitten, wir sind augenblicklich zu wenige um operieren zu können. Das Erste, was wir tun müssen, wird sein, die Menschen von Lord Voldemorts Rückkehr zu überzeugen. Hestia-", sprach er die Aurorin an. „Du bist in der Zentrale, du weißt am besten, wer von den Auroren bereit wäre, sich uns anzuschließen."
Hestia nickte. Sofort nahm sie eine ganz andere Haltung ein. Ihr Blick wurde scharf und sie trat vor in die Mitte des Raumes. „Shacklebolt, Abbott, O'Leary, Laurie, Tonks und Bell.", zählte sie mit geschäftsmäßiger Stimme auf. „Möglicherweise noch Fawcett und Montgomery, aber ich würde meine Hand nicht für sie ins Feuer legen." Sie runzelte angestrengt die Stirn. „Bei Shacklebolt, Tonks und O'Leary bin ich mir fast hundertprozentig sicher, Moody war Tonks Mentor, sie geht in Ordnung, etwas schusselig aber ein Ass in Tarnung und Maskierung. Metamorphmagus. Sie könnte uns nützlich sein. Shacklebolt hat mit mir zusammen an diesem Vampirfall in Greenwich gearbeitet, ich kenne seine Ansichten, er ist dabei – ziemlich hohes Tier, wenn Scrimgeour und Robards befördert werden oder abnippeln übernimmt er die Zentrale, darauf wette ich meinen Besen…"
Sie überlegte einen Moment. „Abbott geht auch klar – es könnte sein, dass sie nicht beitritt, ihre Tochter Hannah geht hier zur Schule und wenn Abbott so offen gegen die Todesser auftritt bringt sie sie damit in Gefahr. Das Risiko wird sie nicht eingehen, aber sie wird uns zumindest unterstützen. Laurie und Bell kommen frisch von der Akademie, sind noch etwas grün hinter den Ohren, aber kommen beide aus brillanten Familien, die schon früher im Widerstand tätig waren. Sie kommen auf jeden Fall in Frage. O'Leary hatte bereits persönliche Differenzen mit der verfluchten Todessermeute, es ist also nur eine Frage der Zeit, wann sie zu uns kommt."
„Was ist mit Dawlish? Proudfoot und McLeod?", schlug Podmore vor und Hestia schüttelte vehement den Kopf.
„Dawlish kriecht Fudge tiefer in den Hintern, als er groß ist, der kleine Schleimscheißer. Proudfoot verplappert sich zu leicht und McLeod fehlen die Nerven."
„Forsyth?", wagte Podmore noch einen Versuch und Jones legte die Stirn in Falten. „An die hab ich noch gar nicht gedacht… Ich habe keine Ahnung. Ich werde ihr mal ein bisschen auf den Zahn fühlen."
„Gut." Dumbledore nickte wohlwollend. „Außerdem wird ein Teil von Arthur Weasleys Familie dem Orden beitreten wollen, nehme ich an, jetzt, wo fast alle ihre Kinder erwachsen sind…"
„Arme Molly.", murmelte Emmeline und Sturgis nickte. Die Weasleys hatten im letzten Krieg schon genug verloren.
„Die Zwillinge sehen genauso aus wie Fabian und Gideon. Würde ich es nicht besser wissen, ich würde schwören sie wären es.", sagte Professor McGonagall. Für einen Moment hielt sie inne, dann schüttelte sie den Kopf, so als wolle sie einen lästigen Gedanken abschütteln. „Nun, wir dürfen keine Zeit verlieren. Womöglich plant Du-weißt-schon-wer gerade seinen ersten Schachzug. Wir wissen alle, was wir zu tun haben."
Alle nickten.
„Na dann." McGonagall atmete tief durch die Nase und rückte ihren Umhang zurecht. „Auf in den Kampf."
Tbc.
