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Es waren gerade vier Stunden vergangen, da klopfte es kurz und im nächsten Moment wurde die Zimmertür geräuschvoll geöffnet. Sam fuhr aus dem Schlaf, die Hand schon an der Pistole unter seinem Kissen. Auch Deans Reaktion war ähnlich: Reflexartig griff er nach seinem Messer – dummerweise mit der rechten Hand, was ihm seine geschwollenen Unterarmmuskeln sehr übel nahmen. Ein schmerzerfülltes Stöhnen entwich dem Winchester, und als er erkannte, was der Grund für seine instinktive Bewegung war, musste er gleich ein weiteres Mal aufstöhnen, dieses Mal jedoch klang es eher genervt.

Eine Putzfrau stand staunend im Zimmer und sah auf die beiden noch im Bett liegenden Männer. Dean ließ sich seufzend zurück auf das Kissen fallen. Sie hatten wohl vergessen, das „Bitte nicht stören" an den Türgriff zu hängen.

„Tut mir leid", stammelte die Frau. „Ich wusste nicht, dass sie noch schlafen, ich komme später wieder, 'tschuldigung!"

Sie verschwand so schnell sie konnte und zog die Tür hinter sich zu. Sam grinste seinen Bruder an und stand dann auf, um das Schild nach draußen zu hängen.

Mit einem herzhaften Gähnen erhob sich auch der Ältere und stakste noch schlaftrunken ins Bad, um sich eine ausgiebige Dusche zu gönnen. Der Geruch von Verwesung und Erde hing noch immer an ihm, und er wollte zumindest die äußerlichen Erinnerungen an sein Fluchttunnel-Abenteuer möglichst schnell vergessen.

Sam zog sich an, öffnete die Badezimmertür einen Spalt und rief: „Hey Dean, ich hole uns was zum Frühstücken."

„Denk an meinen Kuchen", erwiderte Dean und entlockte seinem Bruder damit ein schmunzelndes Kopfschütteln.


Nach dem späten Frühstück, inklusive Kuchen für Dean, versorgte Sam abermals die Verletzung seines Bruders. Um die Wirkung der entzündungshemmenden Salbe zu unterstützen, umwickelte er Deans Unterarm noch mit einigen Lagen Verbandsmull.

Danach machten sich beide an ihre jeweilige „Hausarbeit".

Dean breitete ihr halbes Waffenarsenal auf seinem Bett aus und reinigte eine Waffe nach der anderen. Sein rechter Arm behinderte ihn mehr bei seiner Arbeit, als er gedacht hatte, und so brauchte er viel länger als sonst. Hin und wieder fluchte er leise vor sich hin, wenn ihm etwas aus der Hand glitt. Sam sah jedes Mal kurz vom Laptop auf.

„Du solltest deinem Arm mehr Ruhe gönnen", sagte er nach einer Weile. „Die Waffen sind doch gut in Schuss."

Dean antwortete nicht und setzte schweigend seine Arbeit fort.

Seufzend wandte sich Sam wieder seinen Recherchen zu. Zunächst kontrollierte er alle Nachrichten der vergangenen drei Wochen. Außerdem hackte er sich in den Polizeirechner, um die Akten, die die Umgebung von Belmont betrafen, zu überprüfen. Leider fanden sich dort nur die Berichte von der Grabschändung, ansonsten hatte es in den vergangenen Jahren keinen einzigen Vorfall in der Gegend von Belmont gegeben. Es wurde auch Niemand als vermisst gemeldet. Also wer war die Tote?

Mit einem resignierten Seufzen lehnte Sam sich zurück und starrte auf die Übersicht der aktuellen Fälle der Nevada Police. Es war zum Verzweifeln. Wahrscheinlich blieb ihm nichts anderes übrig, als in den Vermisstenanzeigen der Nachbarstaaten zu suchen. Doch zunächst wollte er sich noch mehr über paranormalen Lichterscheinungen informieren.

Plötzlich fiel ihm auf, wie still es im Zimmer war. Vom Bett drangen weder Flüche noch Geklapper herüber. Sam drehte sich zu seinem Bruder um und musste unweigerlich grinsen. Dean lag friedlich schlafend inmitten der Waffen auf seinem Bett, und in der linken Hand hielt er noch ein Teil eines zerlegten Gewehrs. Sam stand auf und holte sein Handy aus der Hosentasche, um ein Foto von seinem Bruder zu machen. Diesen Anblick musste er auf jeden Fall festhalten.


Dean drehte sich auf die andere Seite und öffnete fluchend die Augen, als er die harten Waffen unter sich spürte.

„Was zum Teufel …"

Er setzte sich auf und rieb sich die Augen. Sein Bruder saß unverändert am Laptop.

„Hey, Dean – ausgeschlafen?", fragte Sam ohne vom Bildschirm aufzusehen.

Dean murmelte etwas Unverständliches, setzte das Gewehr dann endlich zusammen und verstaute alle Waffen wieder in der Tasche.

Anschließend ging er zu der kleinen Kaffeemaschine. „Willst du auch einen?"

„Hmhm", nickte Sam.

„Du bist ja richtig gesprächig. Was ist denn da so spannend?", fragte Dean, während er zwei Kaffee kochte.

Nach einer Weile erklärte Sam: „Dean, ich denke, es muss sich definitiv um Irrlichter handeln. Hat Dad davon irgendwas in seinem Tagebuch stehen?"

„Nein, Irrlichter hat er nie erwähnt. Was sind das denn für Dinger?"

„Man sieht sie besonders häufig in Mooren, aber auch auf Friedhöfen. Es heißt, dass es Geister sind, deren Seelen keine Ruhe finden. Diese Geister sollen der Legende nach kleine Flammen hochhalten, die die Menschen, die sie in die Irre leiten wollen, sehen können. Es wurden aber auch schon Irrlichter gesichtet, die einem Menschen mit langen, aus Feuer bestehenden, Beinen glichen."

„Gut, das wäre eine Erklärung für die Lichter auf dem Friedhof. Aber warum hat jemand den alten Cowboys die Hände aus dem Grab geklaut und dann in einem Mauerloch versteckt?"

„Ich habe hier noch eine andere alte Geschichte gefunden. Danach sollen früher Leute ihre Schätze irgendwo vergraben haben und dabei eine Art Zauber darüber gesprochen haben. So was wie: Diese Hände haben dich vergraben und nur diese Hände dürfen dich auch wieder ausgraben. Wenn dann jemand anderes an der Stelle gräbt, wird er nichts finden. Angeblich sollen Irrlichter solche Stellen kennen und wollen Menschen dann dort hin führen. Ich weiß aber nicht, ob diese Geschichte wirklich wahr ist. Klingt eher wie ein Märchen, oder?"

„Alle Märchen haben einen wahren Kern …", sagte Dean. „Und die beiden Kerle haben doch nach irgendwas gegraben. Vielleicht kennen die das Märchen auch. Aber wenn die Cowboys dort herumspuken, warum wurden sie in den vergangen hundert Jahren nie gesehen? Oder warum erscheinen sie erst jetzt? Irgendwas ist da merkwürdig."

„Du hast Recht, Dean. Vielleicht sind es gar nicht die Geister von McIntyre und Walter, die dort als Irrlichter herumspuken."

„Sondern?"

„Wir müssen herausfinden, wer die Tote ist."

„Ja, vielleicht habe ich ihren Geist gesehen."

„Wie sah sie als Geist denn genau aus?"

„Sie hatte lange Haare und trug moderne Klamotten, Minirock und Top. Im Oberkörper hatte sie lauter Stichwunden und auch im Gesicht waren welche."

„Damit können wir nicht viel anfangen. Dean, ist dir sonst nichts an ihr aufgefallen?"

„Nein, Mann, sie war ein Geist! Wie soll ich da irgendwelche Besonderheiten erkennen."

Sam stand auf und begann im Zimmer umherzulaufen. „Also gehen wir mal davon aus, dass die beiden Kerle, die uns eingesperrt haben, dieses Mädchen umgebracht haben. Sie wird zum Geist und lockt sie als Irrlicht über den Friedhof. Aber warum macht sie das?"

Dean zuckte mit den Schultern und sagte: „Wenn vielleicht die alten Cowboys die Irrlichter sind, könnten die ja wirklich mal einen Schatz in Belmont vergraben haben. Und die beiden Typen suchen danach. Es kann ja auch sein, dass die beiden Kerle gar nichts mit dem Mord an dem Mädchen zu tun haben."

Sam seufzte. „Wir sind genauso schlau wie vorher. Ich hasse es, wenn wir nicht vorankommen!"

„Lass uns die Knochen von McIntyre und Walter verbrennen. Dann wären die schon mal aus dem Spiel."

„Okay. Und wenn wir das Mädchen heute Nacht wieder umhergeistern sehen, sollten wir sie am besten eine Weile beobachten. Ich rufe jetzt erst mal die Polizei an."


Die hoch am Himmel stehende Herbstsonne schickte eine Menge warmer Strahlen auf die Erde, so dass man sich fast noch wie im Sommer fühlte, zumindest tagsüber. Die Brüder saßen in einem kleinen Restaurant, in dem es nicht nur Fastfood gab. Sam hatte sich eine Gemüselasagne bestellt, und Dean freute sich bereits auf einen schönen Erbseneintopf mit Würstchen.

„Meinst du die Polizei fährt noch heute raus, um die Spuren zu sichern?", fragte Dean.

„Ich denke schon. Zumindest werden sie einen hinschicken, der meinen Hinweis überprüfen soll."

„Vielleicht sind sie ja auch so schlau, sich weitläufiger umzusehen und finden dann die Leiche."

„Jaaaa …", murmelte Sam nachdenklich und stocherte in seiner Lasagne herum.

Einen Moment lang musterte Dean seinen jüngeren Bruder, dann fragte er: „Was hast du?"

Mit einem Schulterzucken antwortete Sam: „Ich mache mir nur Gedanken wegen der Spuren, die sie an der Leiche finden werden. Früher oder später werden sie auf uns kommen, und deine FBI-Akte wird gleich wieder dicker."

Breit grinsend meinte Dean: „Was soll's! Bis jetzt haben wir es jedes Mal geschafft wieder zu entkommen. Also lass' uns einfach den Fall hier aufklären."

Sam nickte, aber er war nicht so optimistisch wie sein Bruder. Irgendwann würde ihr Glück sie verlassen, und irgendwann würden sie entdeckt und gestellt werden und irgendwann gab es dann auch kein Entkommen mehr. Aber in einem hatte Dean Recht. Was sollte er sich da jetzt schon Gedanken drüber machen, er sollte sich lieber auf ihre aktuelle Arbeit konzentrieren.

„Gut", sagte Sam, „ich fahre nachher noch mal nach Belmont und werde da als Reporter ein bisschen 'rumschnüffeln."

„Wieso du? Was ist mit mir?"

„Du, mein Bruderherz, bleibst im Motel und ruhst dich für heute Abend aus. Außerdem musst du ja den Bullen nicht direkt vor der Nase herumtanzen, oder?"

Damit lag Sam natürlich richtig, auch wenn es Dean nicht besonders gefiel. Aber er konnte sich ja auch hier ausruhen, dachte Dean mit einem abschätzenden Blick auf die schwarzhaarige Bedienung, die gerade am Nachbartisch das Essen servierte. Dean lächelte sie unverfroren an, so dass Sam mit den Augen rollte und sich lieber seiner Lasagne zuwandte, als die Flirtattacken seines großen Bruders miterleben zu müssen. So bekam er auch nicht mit, ob die Schwarzhaarige darauf einging, aber als Dean sich wieder auf sein Essen konzentrierte, nahm Sam an, dass sie nicht reagiert hatte. Noch nicht, wie er seinen Bruder kannte.

„Hmm! Die Suppe ist echt gut!", sagte Dean.


Nach dem Mittagessen schnappte sich Sam seinen Laptop und hielt Dean fordernd seine Hand entgegen. „Soll ich dich noch zum Motel bringen oder gehst du zu Fuß?"

Dean gab seinem Bruder die Autoschlüssel und sagte: „Ich bleibe noch ein bisschen hier und trinke noch einen Kaffee." Ein kurzes Zwinkern offenbarte Sam die Worte hinter dem Ausgesprochenen; sein Bruder hatte also noch nicht aufgegeben und würde noch weiterhin versuchen, die arme Bedienung zu bezirzen.

Soll er, wenn's ihm Spaß macht, dachte sich Sam und sagte grinsend: „Okay, verbrenn dir aber nicht die Finger. Bis nachher dann."

Mit einem verstehenden Nicken erwiderte Dean: „Und du, verhalt dich nicht so auffällig!"

Kopfschüttelnd verließ Sam das Restaurant. Immer musste sein Bruder das letzte Wort haben, auch wenn es noch so überflüssig war.

Nachdem Sam verschwunden war, konnte Dean sich endlich ganz auf sein Vorhaben konzentrieren. Doch wo war die hübsche Angestellte hin? Suchend sah er sich um.

„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?", fragte plötzlich eine männliche Stimme neben ihm.

„Ja, ich möchte noch einen Kaffee. Wo ist denn ihre gutaussehende, schwarzhaarige Kollegin hin?"

„Die gutaussehende, schwarzhaarige Kollegin ist meine Frau! Und sie hat jetzt Feierabend!"

„Oh … Das ist aber schade …" … dass sie verheiratet ist, dachte Dean, doch laut sprach er aus: „… dass sie unterschiedliche Arbeitszeiten haben."

„Einen Kaffee also", wiederholte der Kellner lächelnd.

„Ach! Bringen Sie mir doch lieber ein Bier."

Dean starrte gedankenverloren vor sich auf den Tisch. In letzter Zeit hatte er öfter Pech mit den Frauen gehabt. Vor allem letzte Nacht … als er über die Leiche kriechen musste …

Dean schauderte bei dem Gedanken. Es schien ihm, als hätte er den Geruch noch immer in der Nase. In seiner Erinnerung versunken griff er nach seinem Bier und nahm einen großen Schluck. Er versuchte an etwas anderes zu denken, schaffte es aber nicht. Beharrlich wanderten seine Gedanken zu der Frauenleiche zurück, zu der eiskalten, aufgedunsenen Haut und dem strohigen Haar, das ihn an der Wange gekitzelt hatte.

Mit geschlossenen Augen nahm Dean einen weiteren Schluck aus seinem Glas.

Es würde dauern, bis er das auch nur annähernd vergessen konnte, wenn er es überhaupt jemals konnte. In seinem Kopf hörte er abermals das Rülpsen, das Knacken ihrer Knochen, und er spürte noch einmal seine Panik, die ihn da überkommen hatte. Dean schüttelte sich und setzte sein Glas wieder an, aber es war leer. Er bestellte sich ein weiteres Bier. Danach würde er ins Motel gehen und sich noch ein wenig schlafen legen.