Raziel sah den jungen Vampir eindringlich an. Nion konnte regelrecht sehen, welche Bestrafungen dem Clansführer für den jungen Vampir durch den Kopf gingen. „Es-es war nur ein dummer Zufall, ich kam hier gerade vorbei und.. es tut mir Leid?"
Der Erstgeborene zog die Augenbraue in die Höhe. „Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Allerdings wirst du die nächsten Wochen ohne Fehltage beim Unterricht erscheinen, wenn nicht: Suche ich dich persönlich…" Nion musste schlucken, der böse Unterton seines Herrn, hatte es ihm eiskalt den Rücken runter laufen gelassen.
„W-wie Ihr wünscht, My Lord!" Damit verbeugte sich Nion und ging schnellen Schrittes an Raziel vorbei, der sich mit bösem Lächeln umdrehte und dem Jungen hinterher sah. „Ich wette mit dir, Reijök, dass er jetzt regelmäßig kommt!" Der Lehrmeister schmunzelte leicht. „Ihr seid ein bisschen zu hart zu ihm, glaube ich!" Raziel schüttelte den Kopf. „Irgendjemand muss ja auf ihn Acht geben!"
„Warum macht Ihr euch die Mühe? Schließlich ist er in meinen Augen nicht mal ‚Lebensfähig'." Der Ältere Vampir schüttelte den Kopf. „Ich glaube, dass in ihm mehr Potential liegt, als du ihm zumutest!"
Der Andere zuckte mit den Schultern. „Aber um auf ein anderes Thema zukommen. Habt Ihr von dem Söldnertrupp der Menschen gehört? Er soll einen von Dumahs kleineren Truppen ohne eigene Verluste niedergemetzelt haben!"
Raziel sah den Anderen eindringlich an, nickte aber. „Ja, davon ist mir bekannt. Ich frage mich, wie sie das geschafft haben. In letzter Zeit, war es hier eher friedlich." Der jüngere Vampir nickte zustimmend. „Ja, aber anscheinend, wollen die Menschen nicht mehr als Futter dienen." Ein Seufzen entwich Raziels Kehle und er straffte die Schultern. „Es wird bald hell, ich werde mich jetzt in meine Zuflucht begeben. Überwach den Jungen, wenn es noch mal Schwierigkeiten gibt, sag mir bescheid. Und was den Söldnertrupp angeht: Noch haben sie sich nicht an meinen Leuten vergriffen, also noch ist kein Grund zur Sorge da!"
Reijök salutierte vor seinem Herrn und sah ihm noch lange nach. Er teilte seine Meinung nicht, dass es sie jetzt noch nichts anging, schließlich würden sie einige an Leuten verlieren, falls die Söldnertruppe wirklich so stark war, wie Dumahs Leute sie beschrieben hatten.
ooOOOOoo
Nion verriegelte das Fenster und zog nochmals die Vorhänge zu. Es durfte schließlich kein Sonnenlicht das kleine Zimmer betreten, wenn diese erstmal aufgegangen war. Der junge Vampir hatte sich es zwar angewöhnt total unter Decken vergraben auf seinem Bett zu schlafen, allerdings ließ er trotzdem übergroße Vorsicht walten. Schließlich waren Sonnenlichtverbrennungen alles andere als angenehm! Raziels Worte hallten noch in seinem Kopf wieder und er ließ sich seufzend auf den Deckenhaufen fallen, als es an der Tür klopfte. „J-ja?" Fragte er und erwartete schon das Schlimmste, als jemand Unerwartetes das Zimmer betrat.
Der Vampir war gut einen Kopf größer als Nion und hatte die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und sah den kleineren Vampir mit hochgezogener Braue an. „Du hast wohl Ärger bekommen, was? Wie kannst du auch so dämlich sein und dich von der höchsten Instanz überhaupt erwischen lassen?" Er strich eine braune Haarlocke hinter die spitzzulaufenden Ohren.
Nion zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. „Lass mich in Ruhe, Laies. Ich hab keinen Nerv mich jetzt mit dir rumzuärgern!" Der Kleinere ließ sich zurückfallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Außerdem wird es bald hell, also geh gefälligst in deine Zuflucht." Der andere Vampir lächelte amüsiert. „Du kannst von Glück reden, dass Raziel dir mehr zutraut, als alle anderen, dabei glaube ich kaum, dass du beim Kämpfen irgendwann einmal an einen von uns anderen heran reichen wirst!"
Nion zuckte mit den Schultern und schloss die Augen. „Eines Tages, werdet ihr eh alle zu mir hochschauen und dann wirst du dir wünschen so etwas niemals gesagt zu haben! Es kommt im Leben eines Vampirs nicht nur aufs Kämpfen an!" Laies musste schmunzeln. „Sicher, aber wie du siehst, schauen alle auf diese Fähigkeit. Aber stimmt, wir werden alle zu dir aufsehen, wenn du gejagt von Raziel über die Dächer zu flüchten versuchst!" Er zog schnell die Tür zu, als eines der Kissen voller wucht gegen diese prallte, genau dort, wo er eben noch gestanden hatte. Mit hämischem Unterton sprach er weiter. „Hey, vielleicht solltest du zu den Bogenschützen gehen, zielen kannst du ja besser!"
Nion stand auf und holte das Kissen zurück, er sparte es sich etwas zu sagen. Laies gab schließlich auf, doch bevor er ging meinte er wesentlich freundlicher: „Es wäre schaden um dich, wenn Raziel dich in Stücke reißt, also halt dich gefälligst ran!" Damit ging der andere Jungvampir. Nion seufzte tief und legte sich hin. Irgendwie hasste er sein Dasein als Vampir.
Ein blonder Junge lief gerade leise kichernd durch die Straße. Es hatte gerade angefangen zu dämmern und er hätte schon vor Stunden Zuhause sein müssen, doch das Versteckspielen mit seinen Freunden hatte ihm viel zu viel Spaß gemacht, so dass er sich gar nicht darum kümmerte, wie spät es schon war.
Er kletterte einen kleinen Felsen hinauf und stand nun auf einem kleinen Vorsprung. Er ging ein paar Schritte weiter und entdeckte eine kleine, nicht sehr tiefe höhle. Er krabbelte hinein und harrte dort aus. Er würde am heutigen Tag gewinnen, hier würden ihn die anderen nicht finden!
Es wurde um ihn herum immer dunkler und dunkler. Aber niemand kam, niemand kam um ihn zu finden. Der Junge begann fürchterlich zu frieren und als er gerade aus der Höhle krabbeln wollte, erschienen zweiiklauige Füße vor dem Eingang der Höhle.
Er hatte schon so vieles von Vampiren gehört, die solche Füße haben sollten, aber er konnte einfach nicht glauben, dass es wirklich Blutsauger gab! Seine feinen Nackenhärchen stellten sich auf, als das Wesen sich vor der Tür hinhockte. Er hatte ein wunderschönes, leichenblasses Gesicht und so klare helle Augen…
Es streckte seine Hand, die Dreiklauig war, nach dem Jungen aus, auf seinem Mund lag ein freundliches Lächeln. Ein Schauer lief über den Rücken des Kindes, die Lippen des hübschen Mannes waren schwarz. „Komm ,mein Kind, ich werde dich nach Hause bringen!" Langsam begann der Junge nach vorne zukrabbeln, wenn der Mann ihn nach Hause bringen würde, dann war er alles andere als böse!
„W-wer bist du?" Die Stimme des Jungen zitterte leicht vor Angst, je näher er dem Mann kam umso deutlicher konnte er die Kälte spüren, die den Mann umgab. Er legte seine Hand in die Dreiklauige und ließ sich von dem Mann auf den Arm nehmen. „Ich bin Raziel, mein Junge!"
Schweigend trug er den Jungen fort.
Nion schreckte aus dem Deckenhaufen hoch. Es war lange her, dass er geträumt hatte, vor allen Dingen, dass er von seiner Kindheit geträumt hatte. Seitdem er zu einem Vampir geworden war, hatte er fast alles von seinem menschlichen Leben vergessen, was wohl auf das Erschaffungstrauma zurückzuführen war. Draußen dämmerte es gerade, da noch ein ganz leichter Lichtfilm, um das Fenster zusehen war. „Was für ein Traum…"
Allerdings war er sich gar nicht so sicher, ob dieser Traum nur ein Traum gewesen war, oder ob es tatsächlich eine Erinnerung an seine Kindheit gewesen war….
