Verpflichtungen II

Irgendwann musste er eingenickt sein. Es war dunkel, und er tastete nach dem Schalter des Raumfluters und stellte ihn auf Dämmerlicht. Das Röcheln stammte von House. Im Schlaf war Chases Kopf auf dessen Brust gesunken und beeinträchtigte das Atmen. Ansonsten wirkte er friedlich, er litt keine Schmerzen.

Nachdem er einen flüchtigen Blick auf das Bein geworfen hatte, erhob sich Chase und kam sich dabei uralt vor. Für Notfälle hatte er etwas Morphium in der Hausapotheke. Strenggenommen war das verboten, doch jeder, der Zugang zum Giftschrank hatte, bereicherte sich um des Kicks willen daran.

Und nur um des Kicks und der pubertierenden Angebergespräche unter Studenten und angehenden Klinikchefs willen, auf die er jetzt verzichten würde.

oOo

„Chase?" Rauh und gar nicht ironisch drang Houses Stimme zu ihm hinüber. Bildete er sich das ein, oder schwang da ein ängstlicher Unterton mit? „Sind Sie da? Chase!" Seine Hand griff ins Leere.

Chase beeilte sich, in Houses Sichtfeld zu treten und unterdrückte ein Würgen. House sah aus wie der Tod, die Haut spannte sich über seinen Wangenknochen. „Hier."

„Nehmen Sie meine Hand", flüsterte House kaum verständlich. Er tat es. Ihr Griff war stark. Chase konnte die Venen zählen, die am Gelenk hervortraten.

„Sie brauchen mich nicht festhalten", beschwichtigte er. „Ich gehe nicht weg."

„Sie gehen, wenn Sie mich nicht mehr kennen", erwiderte House rätselhaft. „Wenn ich kotze und schreie und mich in Ihrer schönen Wohnung auf dem Boden wälze."

„Das können Sie nicht", erinnerte ihn Chase. „Sie sind verletzt. Und ich würde bleiben." Stimmte das denn? Er war sich nicht mehr sicher.

House blickte starr zur Decke. Er sah ihn nicht. Wusste der Himmel, was stattdessen. Eigentlich wollte er es nicht wissen.

Tröstend strich ihm Chase über das verschwitzte Haar. Es war seltsam, weil ungewohnt, aber er kam sich sehr erwachsen vor.

„Sie sind nur ein Junge", murmelte House. „Sie haben schon jetzt die Hosen voll. Gehen Sie, Chase. Gehen Sie zu Cameron, bis das hier vorbei ist. Die nimmt Sie mit offenen Armen auf."

„Ich kann Sie nicht verlassen", protestierte Chase erregt. „Und irgendwie halten Sie sich nicht an die Regeln unserer Abmachung!"

„Abmachung? Guter Gott, ja. Vergessen Sie die." Um die Schmerzen zu minimalisieren, atmete er tief in den Bauch. „Um meinetwillen. Ich will nicht, dass Sie mich so sehen."

„Dann lassen Sie mich los."

Widerstrebend schlang er seinen Schal um den Hals. Prinzipien. Oh ja. Solange er sie nicht befolgen musste.

Die Tür schlug zu. House schloss die Augen. Was hatte er getan? Der Schmerz wühlte in seinem Bein und den Eingeweiden. Als er schrie, war Chase wieder da. Sein blonder Engel. Im Schein des Fluters dominierten seine Augen das unverschämt attraktive Gesicht.

„Er ist nicht wirklich da", brummte House. „Ihr könnt mich nicht bluffen, hört ihr?"

„House." Seine Stimme war klein, fiepend fast und sehr kindlich. Nicht so, wie er sie in einer Halluzination ausgestattet hätte. „Ich hab nur die Tür zugeknallt, um Sie glauben zu machen, ich sei weg. Ich will bei Ihnen bleiben, egal was passiert."

„O Gott, Chase, nein! Ich weiß es nicht! Helfen Sie mir, Chase ..."

Abrupt setzte er sich auf und packte das Bein. Das linke diesmal. „Ich krieg' sie nicht raus ..."

„Was?" fragte Chase verwundert. „Wo raus?"

„Aus meinem Bein. Ich weiß nicht, was es ist, aber es schmerzt höllisch. Die fressen mich von innen auf."

Chase wunderte sich, woher er die Ruhe und das Einfühlungsvermögen nahm, mit dem er antwortete. „Ich kann sie töten, wenn Sie mich lassen." Er zückte die Spritze und ließ effektvoll die überschüssige Flüssigkeit entweichen.

House verengte die Augen. Auf einmal war er wieder der kühle Analytiker.

„Ist das Morphium? – Ich sagte Ihnen doch, ich will kein Schmerzmittel. Das käme mir wie Hochverrat an Ihrem Oberboss vor. Halten Sie mich für so dämlich, dass ich Morphium nicht von einer nichtsnutzigen Injektion unterscheiden kann?"

„Bitte!"

„Nein, Chase. Da müssen Sie durch. Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir. Und – erinnern Sie mich daran, dass Sie heimlich Morphin horten. Das ist strafbar und kann Sie Ihren Job kosten."

Ächzend zog er sich an Chase hoch, der – überrascht von Houses Gewicht – ein paar Schritte seitwärts taumelte.

„Ich muss ins Bad", keuchte House. „Schnell, sagen Sie mir, wo es ist." Chase und die Wohnung verschwammen in einem Wirbel aus Farben. Der Schmerz durchbohrte ihn, als würde man ihn vierteilen und rädern zugleich.

Er schrie wieder. Laut und gellend. Es tat ihm leid, Chase zu erschrecken, doch das Schreien machte die Qualen erträglicher, so dass er keine Rücksicht nehmen konnte.

An seiner Achsel spürte er Chases Schulter, die Hände an seiner Mitte. Der arme Junge bebte, doch er klang jetzt bestimmter. Wahrscheinlich ärgerte er sich über Houses Starrsinn, es ohne Medikamente probieren zu wollen. An seiner Stelle hätte er das auch getan.

„Ich begleite Sie. Ganz langsam. Versuchen Sie sich auf meinen Atem zu konzentrieren."

Ihren Atem? Was sind das für Psychomätzchen? Bei mir haben Sie die nicht gelernt."

„Tun Sie's einfach. Ihrer ist mir zu ungenau."

Es wirkte. Obwohl Chases Atem schwer ging vor Anstrengung, lullte er ihn in der Absicht, ihm zu lauschen, nahezu ein. Je mehr er in seinen Gedanken Chase auf Atmung reduzierte, desto weniger wurde der Schmerz.

„Sie zaubern", sagte er wie vom Blitz getroffen.

„Das ist nur ein simpler australischer Buschtrick", erwiderte Chase, in seinen Augen blitzte der Schalk. „Das Gesetz der Imitation."

„Ich ahme Sie nach …?"

„Offenbar. Hilft Ihrem Atem auf die Sprünge und mindert den Schmerz, wenn Sie sich richtig bemühen, mich zu sein."

Ein wenig grobmotorisch fuhr ihm House über das Haar und verpasste ihm eine Kopfnuss. Nichtsdestotrotz strahlte die Geste väterlicher Stolz aus, der Chase runterging wie Honig.

„Frechdachs."

oOo

Im Bad flippte House aus. Er erbrach sich in die Dusche, weil sie es nicht rechtzeitig zur Kloschüssel schafften. Das machte ihn merkwürdigerweise ganz wild. Er ließ sich auf den Boden fallen und schrie vor Schmerz und Scham, während er hektisch begann, den Druckverband um das Bein aufzudröseln.

„Nicht", bat Chase. „Es muss so bleiben, bis man operieren kann. Die Arterie ist nur provisorisch geklemmt."

„Sie werden das machen", knurrte House; er wickelte die Gaze in die eine Richtung, Chase in die andere. „Jetzt."

„Was?"

„Sie operieren dieses verfluchte Ding aus meinem Bein, bevor ich völlig den Verstand verliere."

Er meinte es ernst und war verrückt. Chase war den Tränen nah.

„Ich habe noch nie einen chirurgischen Eingriff durchgeführt. Nicht allein, und nicht unter solchen Voraussetzungen. Lassen Sie mich das nicht tun! Ich habe nicht mal Äther, um Sie zu betäuben!"

House betrachtete ihn sinnend und für einen Moment erstaunlich klar.

„Sie spritzen mir das Morphium", schlug er kompromissbereit vor. „Alkohol haben Sie ja keinen im Haus. Aber Messer, Nähzeug und geschickte Fingerchen. Mehr ist nicht nötig. Chase, hören Sie. Dieses Bein bedeutet mir mehr als mein Leben. Ich sitze im Rollstuhl, wenn es amputiert werden muss, weil Sie nicht Manns genug waren, es zu retten."

Unter einem Magenkrampf krümmte er sich und robbte zur Toilette, um sich erneut zu übergeben.

Chase sprang auf. Der Gestank war furchtbar. Er spülte die Dusche aus. Sein Gehirn lief auf Hochtouren. Eine Operation unter diesen Bedingungen war Wahnsinn. Bestenfalls würde sich House eine Sepsis holen.

„Ich spreche kein Wort mehr mit Ihnen, wenn Sie sich weigern", erriet House seine Gedanken. Immer noch hing er über der Kloschüssel. „Und denken Sie an die Schuld, jedes Mal, wenn ich im Rollstuhl an Ihnen vorbeisause."

„House. Sie wissen, wie dumm das ist!"

„Aber nicht unmöglich. Ich hab Vertrauen in Sie. Scheint Ihnen gar nicht zu schmeicheln. Wie sonderbar."

Er atmete zischend und jetzt wieder mühsamer. In seiner Kehle rumorte ein Gurgeln, als er flehend Chases Arm umfasste.

„Tun Sie's. Ich verklage Sie nicht, wenn's daneben geht. Aber Sie sind meine einzige Chance. Sie haben das gut gemacht, mit der Arterie. Sie scheitern auch nicht am zweiten Schritt."

„Ich habe Angst", gestand Chase kläglich.

House nickte. „Ich auch, wenn Ihnen das ein Trost ist."

„Ich hole die Sachen."

Erschöpft ließ sich House gegen den Wannenrand fallen. Nach einer Ewigkeit erschien Chase mit einem Sortiment an Besteck, der Spritze, Nähzeug und einer Tischlampe. Unter dem Arm klemmte eine Flasche Whisky.

„Schön, dass Sie's mir gemütlich machen wollen. Ich ziehe die Spritze vor."

„Ich hab nichts anderes zum Desinfizieren", entschuldigte sich Chase und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Zuerst spritzte er House das Morphin. Er musste zweimal ansetzten, so sehr zitterte er.

„Oh. Ach so. Das wird nicht so angenehm, oder?"

Drei Minuten vergingen, in denen House allmählich abdriftete. Die Schmerzen verflüchtigen sich. Er sah Chase wie durch eine Camera Obscura auf dem Kopf, mit schwarzen Rändern um das Bild, immer kleiner wurde der Bildausschnitt, bis er ganz verschwand.

Mit zusammengebissenen Zähnen schraubte Chase die Flasche auf. Dann entfernte er den ohnehin lockeren Verband und goss eine großzügige Menge Alkohol über die Wunde. Wie unter Strom fuhr er zurück, als House brüllte und nach ihm schlug. Er hätte bewusstlos sein müssen. Stattdessen stieß er wüste Flüche gegen ihn aus, bei denen Chase die Ohren klingelten.

Eingeschüchtert drückte er sich an die Wand und starrte auf House hinunter.

„Sie von einem Wilden gezeugter Hurensohn!" Speichel spritzte über seine Lippen. „Wagen Sie es nicht, mich anzufassen! Sie wollen mich umbringen, so ist es doch? Um meinen Platz einnehmen zu können. Freuen Sie sich da bloß nicht zu früh. Ich mach' Ihnen – das Leben zur Hölle von dort, wo ich bin …"

Nicht die Worte an sich ängstigten Chase; es war die grollende, fast dämonische Klangfarbe seiner Stimme, die aus dem Abgrund seiner Seele zu kommen schien. Er atmete tief durch, reckte das Kinn und straffte die Schultern.

„Sie sind eine Memme", parierte er schroff. „Ein Kleinkind hält mehr aus als Sie. Ich will Ihnen helfen. Sie haben mich darum gebeten, und jetzt tue ich's, ob Ihnen das passt oder nicht."

Houses Züge entspannten sich, sein Blick wurde klar. Er zwang sich, den Kopf zu heben und den Arm, um Chase zu sich zu bitten. „Ich – weiß nicht, was ich rede. Sie dürfen das nicht – an sich ranlassen, verstehen Sie? Kommen Sie her, Chase. Sie sind ein guter Junge. Und ein fähiger Arzt. Lassen Sie mich nicht verbluten."

„Das hatte ich nicht vor", schniefte Chase, indem er Houses Hand ergriff und sich wieder zu ihm auf den Boden setzte.

„Ich sage nichts mehr", versprach House matt und drückte kurz und ermutigend Chases Finger. „Fangen Sie an."

Um das Dilemma des Schmerzreflexes zu vermeiden, das ihm bei der ersten Untersuchung zum Verhängnis geworden war, kniete sich Chase auf Houses rechtes Bein und fixierte es auf diese recht unkonventionelle Art. Aber was war überhaupt konventionell in seinem Badezimmer?

Er spürte eine Kontraktion der eigentlich toten Muskeln unter sich, als er den Schnitt vergrößerte und das aufklaffende Fleisch vorsichtig mit einer Gabel festhakte. Warm lief das Blut über seine Finger.

Als er einen Blick auf Houses Gesicht warf, war es ausdruckslos, fast schön in seiner Ruhe. Trotzdem ging sein Atem nicht so, wie er sein sollte. Eine Tiefschlafphase wies andere Merkmale auf.

„Sind Sie wach?"

„Nicht völlig. Ich konzentriere mich auf Ihren Atem."

„Es tut mir leid. Ich möchte Ihnen nicht wehtun."

„Ich bestehe darauf", murmelte House, erneut lief ein heftiges Zittern durch den Oberschenkel, diesmal durch den linken.

Chase meinte, sich verhört zu haben.

„Sie finden das toll?"

„Ich geil' mich richtig dran auf", erklärte House unverblümt, doch es war nicht ersichtlich, inwieweit es der Wahrheit entsprach. Ein widerlich süßlicher Geruch stieg Chase in die Nase. Die Ausdünstung der Medikamente. Er musste sich zusammenreißen, um nicht dem Brechreiz nachzugeben.

Da er die Arterie bereits freigelegt und das äußere Gewebe mit Taschentüchern tamponiert hatte, begann er vorsichtig, das millimeterdicke Gefäß zusammenzuflicken. Er musste die Lampe nah an der Wunde platzieren und die Augen furchtbar anstrengen. Die ständigen Zuckungen, jetzt auch wieder unter ihm, waren ärgerlich, denn dann blieb ihm nichts übrig, als seine Arbeit zu unterbrechen. Dennoch übte er sich in Geduld. Solange House nicht krampfte, war es in Ordnung.

„Chase." Es war keine Anrede. Eher ein lang gezogener, gedämpfter Schrei. Alarmiert richtete Chase sich auf.

„Was haben Sie?"

„Die Tiere – in Ihrem Bett – sind gefährlich. Sehen Sie sie nicht? Schlangen und Käfer …"

„Mein Bett ist sauber", versicherte Chase. „Und es steht nicht hier. Sie halluzinieren, House."

Stille.

„Aber Sie – sind da, wirklich? Sie passen auf, dass sie nicht rüberkommen …?"

„Ich bin da. Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Mit den Biestern werde ich fertig." Er hatte sich wieder dicht über das Bein gebeugt und fuhr fort, die Haut zu vernähen. Vermutlich musste die Wunde trotz allem noch einmal operiert werden, er war nicht zufrieden mit seinem Werk.

„Singen Sie, Chase."

Jäh wandte sich Chase um.

„Sie haben gesummt, als Sie meine Platzwunde versorgt haben. Das war – schön. Singen Sie für mich."

„Das haben Sie gehört?"

„Ja. Sie sind nicht schlecht. Bitte singen Sie, oder ich schreie."

Ratlos zuckte Chase die Achseln. „Was denn? Ich bin bald fertig."

„Ich auch. Singen Sie. Irgendwas. Ich bin gerade nicht in der Lage, wählerisch zu sein."

Etwas unbeholfen am Anfang peitschte Chase seinen in der Tat recht passablen Tenor durch irische Trinklieder, Sam Cooke und Fred Astaires They can't take that away from me. House lauschte in einer fast verzückt zu nennenden Trance. Bei Carrickfergus rannen Tränen über seine hohlen Wangen. Chase unterbrach sich.

„Weiter", befahl House. „Sie sehen nicht nur aus wie ein Engel, Sie singen sogar wie einer. Das – überrascht mich. Ihre Alltagsstimme ist nicht überragend."

Seine Assoziation brachte Chase auf eine Idee. Er hatte immer nur an House zu denken, aber keiner berücksichtigte ihn. Dass er vielleicht genauso Trost brauchte. Nun, dann würde er sich selber trösten. Sicherer nun sang er den 23. Psalm, ein altes Kirchenlied.

House zog die Brauen zusammen. Es missfiel ihm, dass Chase gerade jetzt göttlichen Beistand erflehte. Und doch berührten ihn die Worte und die chorale Melodie nach einer kleinen Weile. Flatternd öffnete er die Augen. Chase räumte auf, reinigte das Besteck und wischte das Blut auf.

Die altenglischen Verse kamen wie selbstverständlich über seine Lippen. Trotzdem erkannte House, was sie ihm bedeuteten. Wahrscheinlich waren sie ihm eingeimpft worden. Als beruhigendes Ritual in Lebenskrisen.

Er entspannte sich und überließ sich gegen seinen Willen der therapeutischen Wirkung des Textes.

Als Chase neben ihn kauerte, lächelte er schwach. Chase erwiderte das Lächeln, er machte einen erschöpften Eindruck, fast so wie er selbst. Dennoch überstrahlte das Lächeln sein Elend, wärmte House wie die Sonne.

„Danke", flüsterte House harsch und hätte ihn gerne irgendwie aufgemuntert. „Ich liebe Sie."

„Ich – mache sauber, und dann … gehen wir ins Wohnzimmer zurück."

„Ich bin noch nicht clean", warnte House. „Hier ist es besser. Außerdem sollten Sie mich jetzt nicht durch die Wohnung zerren."

„Nur zum Sofa", beharrte Chase sanft; etwas unheimlich Reifes lag in seinem Ton und der behutsamen Gestik, mit der er dem Älteren aufhalf. Erstaunlicherweise tat er das, indem er sich vor House rücklings vorbeugte und seine Arme ergriff, um ihn auf seinen Rücken zu ziehen.

„Mein Ich liebe Sie war nicht wörtlich gemeint", sagte House.

Chase reagierte nicht auf seine höhnische Bemerkung. Unbeirrt zog er ihn über sich, bis House den Boden unter den Füßen nicht mehr spürte.

„Liegen Sie bequem?" erkundigte sich Chase.

„Oh Gott, Chase, ich bin doppelt so schwer wie Sie. Das schaffen Sie nicht. Sie landen auf Ihrem hübschen Bauch zwischen Bad und Wohnzimmer. Und holen sich einen Bruch."

oOo

Aber es funktionierte. Wie alles, was Glückskind Chase anpackte. Er schnaufte und keuchte, aber er trug ihn ohne Erschütterung oder einer Pause hinüber zum Sofa, wo er ihn ablud. Auch dabei empfand House keine Schmerzen.

Das weiche Polster war Balsam für seinen Körper. Doch die Entzugserscheinungen verschlimmerten sich, was allerdings nicht auf Chases Konto ging.

Er fröstelte. Seine Zahnreihen klappten aufeinander und verursachten ein lang anhaltendes Dröhnen in seinem Schädel.

Jemand, vermutlich Chase, stopfte eine Steppdecke um ihn. Dankbar zog er sie bis zum Kinn.

„Sind Sie da, Chase?" Er konnte nicht anders; ständig gaukelte sein Verstand ihm vor, dass Chase nur der trügerische Himmelsbote war, nach dem er sich sehnte.

„Hinter Ihnen."

Verdutzt schaute er an sich herunter. Chases Arm lag über seiner Brust, sein eines Bein, perfekt geformt und beneidenswert muskulös unter der Hose, quer über seinen. Eine Hand glättete fast sinnlich sein Haar. Verstört ob so viel geballter Intimität schauderte er zusammen.

„Nichts gegen Sie, aber ich muss kotzen."

„Tun Sie's."

„Sie wollen mich demütigen."

„Wenn Sie den Eimer treffen, soll's mir recht sein."

Er traf. Chase sorgte dafür.

House stöhnte auf. Trotz der Besorgnis und Umsicht seines Assistenzarztes, der sich so tapfer bewährte, fühlte er sich erniedrigt und primitiv.

Ein Glas Wasser wurde an seine rissigen Lippen geführt. Er hatte Durst, aber er würde nicht trinken, sonst wäre der letzte Rest Stolz dahin.

„House", sagte Chase fast streng, was einen krassen Gegensatz zu seiner Körperlichkeit erzeugte. „Sie müssen trinken. Dann ist es schneller vorbei."

„Ich trinke nicht, damit Sie mich unkontrolliert ans eigene Bein pinkeln sehen."

Chase seufzte. „Ich bin Arzt, schon vergessen? Und wir haben einen Deal geschlossen."

Resignierend gehorchte House. In diesem Moment legte er es nicht darauf an, es sich mit Chase zu verscherzen.

„Ich pisse an das falsche Bein", prophezeite er. „Dann haben wir den Salat."

„Soll ich ihn festbinden?"

„Um Gottes Willen, Sie haben's geschafft! Ich bin schockiert. Nein, das lassen Sie hübsch bleiben."

Chase ließ ein amüsiertes Glucksen hören, das ihn eigenartigerweise beschwichtigte. Er lehnte den Kopf zurück an Chases Schulter. Sie war weich und so, als hätte sie auf ihn gewartet. Der Duft seiner Jugend konkurrierte mit seinem Gestank und gewann.

„Sie müssen mich hassen", wisperte House.

„Nein", widersprach Chase direkt an seinem Ohr. „Sie sind bewundernswert. Sie stehen das durch, und wenn Sie's hinter sich haben, bin ich stolz auf Sie."