Kapitel 2: Das Mädchen von Nebenan

2 Wochen früher …

Es war ein verregneter Tag und die Stadt Bristol wirkte noch trübsinniger als sie es ohnehin schon war. Die Straßen waren regennass und nebelverhangen. Die Luft war feucht und überall bildeten sich kleine Wasserperlen.

Severus Snape, ein hagerer Junge, der wirkte als würde er bei Wasser und Brot gehalten, fuhr mit seinem Klapproller durch die geschäftige Innenstadt Bristols. Er trug ein graues Sweatshirt, dessen Kapuze er über den Kopf gezogen hatte, und eine zu lang wirkende Jeans. Zudem hatte er einen geflickten Rucksack umhängen. Er schlängelte sich mit dem Roller über die, selbst bei diesem Wetter, sehr betriebsamen Bürgersteige. Überall waren Leute die geschäftig ihren Vorlieben, ihrer Arbeit oder ihren Trieben und Einbildungen nachgingen. Auf keinen von ihnen achtete Severus. Für ihn waren sie nur Hindernisse auf der Straße. Hindernisse, die ihn zwangen ständig Slalom zu fahren, zu bremsen, zu warten.

Nach einigen Minuten kam er zu einem Neubaublock – ein hässlicher Klotz inmitten von noch mehr hässlichen Klötzen. Im Erdgeschoss gab es ein Café, daneben einen Laden und ein Stockwerk weiter oben eine Bibliothek. Severus ignorierte das Café und den Laden und stieg ins erste Stockwerk hinauf. Oben angekommen ließ er seinen Roller im Flur stehen. Als er in die Bibliothek eintrat zog er seine Kapuze vom Kopf und sein rabenschwarzes, schulterlanges Haar kam zum Vorschein. Einige Strähnen fielen ihm ins Gesicht. Er zeigte der Bibliothekarin seinen rosa Bibliotheksausweis – der jedes Jahr in einer anderen Farbe zu haben war. Mal war der Ausweis gelb, dann grün oder lila – fast als ob es eine arme Seele hier gab, der so langweilig war, dass sie sich das ganze Jahr überlegte in welcher Farbe man den Ausweis im nächsten Jahr wohl drucken könnte. Severus öffnete seinen Rucksack und holte drei Bücher heraus, die er im letzten Monat ausgeliehen hatte: „Es" von Stephen King, ein Sachbuch über die Geschichte der Illuminaten und Band 1 des „Herr der Ringe" von Tolkien. Er war eigentlich nicht so der Fantasytyp, wie er sich eingestehen musste, und hatte das Buch deshalb nur bis zur Hälfte gelesen. Die Bibliothekarin nahm die Bücher entgegen, prüfte unverzüglich, ob er sie böswilliger Weise geschändet hatte und drückte einen Stempel in seinen rosa Ausweis. Er hasste diese Farbe! Aber nächstes Jahr gab es ja zum Glück eine andere. Hauptsache nichts Widerliches, wie türkis oder beige oder ziegelfarben. Ziegelfarben hasste er ja noch mehr als rosa. Es erinnerte ihn an die hirnlosen Gryffindors in seiner Klasse in Hogwarts. Zugern hätte er jeden dieser Bekloppten so lange durchgeflucht bis nichts mehr, außer einem Haufen Elend, von ihnen übrig war. Aber natürlich wären die Konsequenzen einer solchen Tat zu hoch als das man sie durchführen könnte.

Severus steckte seinen Ausweis wieder ein und ging durch die Bibliothek. Er war oft hier. Manchmal auch gar nicht, um Bücher auszuleihen, sondern einfach nur, um Leute zu beobachten. Das war in gewisser Weise ein geheimes Hobby von ihm. Menschen verrieten so viel über sich, wenn sie glaubten keiner würde sie beobachten.

Er schlenderte durch die Bücherregale und sah aus der Ferne ein Mädchen, etwas älter als er selbst, das konzentriert den Klapptext eines kleinen Buches las. Sie war etwas größer als Severus hatte rotblondes Haar und wirkte zierlich. Er hatte sie schon öfter hier gesehen und beobachtet. Oft ging er auch nur in Bibliothek, um sie zu beobachten. Und so einiges hatte er durch bloße Blicke über sie herausfinden können. Sie war Single, einsam und hatte eine Vorliebe für starken Kaffee mit Milch und Zucker. Er wusste das, weil er sie beim hinausgehen im Café gesehen hatte. Sie saß dort oft, wenn sie Bücher ausgeliehen hatte. Und immer mit ihrem Kaffee, versetzt mit Milch und Zucker. Severus verstand nicht wie man Kaffee so furchtbar versüßen konnte. Schwarz schmeckte er ihm persönlich am Besten.

Er hatte schon öfters mit den Gedanken gespielt einfach ins Café zu gehen, wenn er sie dort sah. Ein wenig Smalltalk.

Severus riss sich aus den Gedanken. Wie lange hatte jetzt hier gestanden und sie angesehen? Auf jeden Fall eine ganze Weile.

Er ging an ihr vorbei und suchte sich einige Bücher. Eigentlich wusste er selbst nicht genau wonach er suchte. Dieser Tage waren seine Gedanken überall und nirgends. Ein einziges Chaos herrschte in seinem Kopf seitdem er vom Tod seiner Mutter erfahren hatte. Es war ein schmerzlicher Gedanke. Er mochte … nein, liebte, sie. Sie gab ihm halt und war, wie Severus selbst, von magischem Blut. Mit seinem Vater konnte er nicht reden. Er war ein Muggel. Ein Nichtmagier. Er hatte einfach keine Ahnung von den Dingen, die Severus beschäftigten. Und das waren in der Tat nicht wenige. Insbesondere wegen der Art wie seine Mutter gestorben war. Sie erlag keiner Krankheit oder starb bei einem Unfall, sondern wurde ermordet. Ermordet von den Todessern. Ermordet aus Spaß. Ermordet, weil sie nicht reinblütig war. Die Todesser hatten offenbar ihre Methoden, um herauszufinden, ob der Mensch, der vor ihnen stand ein Magier war, ob reinblütig oder nicht.

Dieser verfluchte Krieg ging nun schon so lange. Es kotze Severus an. Und in Hogwarts waren noch mehr dieser Todesserschweine. Die Söhne und Töchter von ihnen. Von Haus aus schon auf Antihalbblut getrimmt. Mit Hass erzogen. Severus kam in der Schule leider nicht umhin sich in ihre Gesellschaft zu begeben. Er versuchte sich mit ihnen gut Freund zu stellen, damit sie nicht auf komische Ideen kamen. Doch offenbar hatte seine Prophylaxe nicht verhindert, dass sie seine Mutter umbrachten. Wer weiß, vielleicht würden sie ihn eines Tages auch umbringen. In Hogwarts war er halbwegs geschützt und Zuhause konnte ihn niemand finden – nicht zuletzt deshalb, weil seine Mutter Banne auf das Haus gelegt hatte, die es den Schweinen schwer machen würden das Haus zu finden. Zudem lebten sie in einem der muggeligsten Bezirken Bristols. Severus bezweifelte, dass es im Umkreis von 5 Kilometern überhaupt auch nur einen Magier gab. Und solange er selbst keine Magie verwendete, die Spuren hinterlassen würde, der die Todesser folgen könnten – solange war er und sein Vater in relativer Sicherheit. Doch zweifellos würde der Tag kommen an dem er sich für eine der Kriegsparteien entscheiden musste. Schließlich konnte er nicht ewig im Schatten leben.

Severus lehnte sich an eines der Regale. Er spürte einen gewaltigen Kloß im Hals.

Diese ganze Scheiße …, dachte Severus verzweifelt. Wie wär die Welt wohl ohne diese ganze Scheiße?

Er spürte wie ihm die Tränen kamen und wischte sie rasch weg. Immer wenn er den Schmerz zuließ musste er heulen wie ein kleines Mädchen. Er hasste es. Am Schlimmsten war es am Tag der Beerdigung seiner Mutter. Die Begräbnisfeierlichkeiten über konnte er sich meist zusammenreißen, aber als er spät am Abend schließlich in seinem Bett lag überkam es ihn von einer Minute auf die andere. Er wusste nicht wie lange er an diesem Abend geweint hatte. Auf jeden Fall war es ziemlich lange gewesen.

Severus versuchte sich zusammenzureißen und wollte weitergehen, als das Mädchen, das er oft insgeheim beobachtete, um die Ecke bog und ihn mitleidig ansah. Ihm war klar warum. Er konnte seine Tränen nicht so gut zurückhalten wie andere Leute. Zudem war er nicht ganz sicher, ob er nur still geweint oder auch einen Schluchzer zu hören ließ.

„Hi, emm … stimmt was nicht?", fragte sie. Ihre Stimme war weich und warm.

„Nein, alles in Ordnung.", sagte Severus mit ungewöhnlich hoher Stimme.

„Ah gut, ich dachte nur ich hätte was gehört.", sagte sie. „Es klang nach einem Wimmern oder so. Dachte schon jemand hätte sich was getan."

„Ach so das.", sagte Severus und lachte hohl. „Das war ich. Ich hab mich am Regal gestoßen. Wird bestimmt ein blauer Fleck."

Sie nickte ihm zu und verschwand wieder hinter ihrem Regal.

Du bist ein Vollidiot. , dachte Severus wütend. Aber wenigstens nicht so ein Idiot wie James Potter. Der Speichellecker, der Macho und seine Clique aus Schleimern.

Severus ging weiter.

Die nächste Stunde verbrachte er damit sich ein paar Bücher zusammenzusuchen. Die Meisten davon waren Zufallsentdeckungen. Er nahm, neben einem weiteren Kingroman („Friedhof der Kuscheltiere"), ein Buch über die Geschichte des Punkrock in Großbritannien mit. Schließlich begab er sich zum Ausgang, ließ sich seinen Bibliotheksausweiß und die Bücher, die er vorher der Angestellten zeigte, absegnen und verließ die Bibliothek. Im Treppenhaus nahm er seinen Roller mit, ging nach unten und aus dem Haus. Draußen hatte es erneut begonnen zu Regnen. Severus zog sich seine Kapuze erneut über den Kopf. Er führ los, schlängelte sich erneut durch die Passanten und fuhr bis zu einer Straßenbahnhaltestelle unweit von der Bibliothek. Nur knapp erwischte er noch die Straßenbahn, die in Richtung seines Heims fuhr. In der Bahn suchte Severus sich rasch einen Platz, zog die Kapuze hinunter und ließ seinen Blick durch den Zug schweifen. Er war fast völlig allein. Die Räder der Linie 12 quietschten lautstark als die Bahn um eine scharfe Kurve fuhr. Severus fielen nun einige Skinheads auf. Sie saßen ein paar Sitze vor ihm, tranken billiges Bier, rissen ausländerfeindliche Witze und amüsierten sich prächtig dabei.

Überall die gleiche Scheiße. , dachte Severus frustriert. Irgendwas macht man wohl immer falsch, wie? Entweder man hat die falsche Hautfarbe, ist kein Reinblüter oder man glaubt an Allah anstatt von Jesus. Es ist tatsächlich immer und überall die gleiche Scheiße.

Der Zug hielt. Leute stiegen ein. Darunter einige Punks, mit ihrer schlechten Mischung von Klamotten, ihren farbigen Frisuren und ihrem höchst eigenwilligen Körpergeruch. Kaum, dass sie eingestiegen waren begnügten sich die Skins nicht mehr damit nur Witze zu reißen.

Severus wusste, dass es gleich gewaltigen Stunk geben würde und er hatte keine Lust in der Nähe des vermeintlichen Epizentrums zu sitzen, doch zu spät. Noch bevor Severus die Chance hatte sich zu erheben und sich einen Platz weiter weg zu suchen flogen schon die ersten Beschimpfungen durch die Luft.

„He, Zecke, hast du dich verlaufen?", grölte einer der Skins.

Die Punks reagierten unverzüglich mit Beschimpfungen ihrerseits.

„Fresse, Nazi!"

Die Skins erhoben sich und kamen auf die Punks zu.

Severus, der sich schon inmitten einer Prügelei sah erhob sich spontan und wurde von einem nach hinten stolpernden Punk wieder auf den Sitz geschleudert. Niemand schien ihn bemerkt zu haben. Keiner achtete auf den hageren, unscheinbaren Teenager. Kaum eine Sekunde später flogen die ersten Fäuste. Severus wusste, dass es alle höchste Zeit wurde, um zu verschwinden. Er sprang über einige Sitze nach hinten, um größeren Blessuren zu entgehen. Die Schlägerei artete aus. Die Gruppe prügelte sich gegenseitig blutig. Einer der Skins zog dem Punker eine leere Bierflasche über den Kopf. Schreie hallten durch die Bahn.

Severus fühlte unwillkürlich nach seinem Zauberstab, den er in seiner Hosentasche stecken hatte. Er wusste zwar, dass er ihn nicht benutzen durfte, da er noch nicht volljährig war, doch sollten diese Typen ihm zu Nahe kommen, dann würde er nicht zögern, selbst wenn diese ganzen Muggel zuschauten. Selbstverteidigung stand über dem Ministerium.

Schließlich hielt die Straßenbahn an einer Haltestelle. Ein Dutzend Polizisten strömten in den Zug und versuchten die verhassten Parteien von einander zu trennen und aus dem Zug zu schleifen. Offenbar hatte der Zugführer über Funk die Polizei verständigt. In anbetracht des geliebten Feindes beider Gruppen schienen sich die Skins und Punks zu verbünden. Die Rangelei ging eine ganze Weile. Die Polizisten verprügelten ihre Widersache mit ihren Knüppeln und zerrten sie schließlich einer nach dem anderen aus der Bahn. Draußen legten sie den blutenden und fluchenden Schlägern dann Handschellen an. Auch einige Beamte schienen nicht ganz ohne Blessuren davongekommen zu sein. Schließlich, nachdem sich einer der Polizisten vergewissert hatte, dass keiner der Fahrgäste verletzt war fuhr die Bahn weiter. Severus ging zurück zu seinem Platz. Auf dem Boden war eine kleine Blutlache. Offenbar hatte hier irgendwer irgendwem die Nase gebrochen. Severus stieg vorsichtig über das Blut und die Scherben der Bierflasche, die hier überall herumlagen. Er nahm seinen Roller und blieb im Zug stehen. Er hielt sich an einer Stange fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, während die Bahn fuhr. Nach einigen Minuten hielt die Straßenbahn schließlich erneut. Severus stieg aus. Der Himmel hatte sich inzwischen verdunkelt. Der Regen war stärker geworden. Leise über das Wetter fluchend zog er sich die Kapuze wieder über den Kopf. Die Straße, auf der er sich jetzt befand, war nahezu ausgestorben. Die Straßenbeleuchtung warf ein dreckiges, gelbliches Licht auf die umliegenden Häuser. Die hässlichen Betonblöcke der Innenstadt waren verschwunden und wichen einer Reihe von Mehrfamilienhäusern. Severus ging auf dem Fußweg entlang. Den Roller trug er nun in der Hand, da er bei diesem Regen und dem glitschigen Asphalt sicherlich noch den Boden geküsst hätte. Er ging die Straße viele Minuten über weiter, bis er zu einem großen Haus gelangte. Die Wände waren in beige, seiner Hassfarbe. Der Zaun, der das Haus und einen kleinen Garten umrahmte war alt und ziemlich ramponiert. Zudem blätterte die grüne Farbe von den Zaunslatten ab. Das Haus war groß genug, damit vier Familien darin Platz fanden, doch heutzutage lebte nur noch Severus und sein Vater im Obergeschoss und eine alte Katzenliebhaberin namens Mrs Marks im Erdgeschoß. Der Rest des Hauses stand leer.

Severus öffnete das Gartentor und ging zur Haustür. Im Haus brannte bereits Licht. Offenbar war sein Vater eher von Arbeit nach Hause gekommen.

Als er durchnässt und müde den Hausflur betrat wurde er von einem Fauchen begrüßt. Eine schwarzweiße Katze saß auf dem Gipfel der Treppe. Es war eine von Mrs Marks Katzen und die bösartigste von allen, wie Severus wusste. Das Tier nutzte jede Gelegenheit, um ihn anzufallen. Noch heute hatte er von einem der kratzwütigen Angriffe Narben auf seinem linken Arm. Für einen Augenblick überlegte Severus, ob Katzen spüren konnten, ob man ein Magier war oder nicht. Wenn ja, dann war dieses Tier nicht gut auf seine Zunft zu sprechen.

Er stellte den Roller im Flur ab und stieg die Treppe nach oben. Die Katze fauchte erneut.

„Verschwinde.", sagte Severus. Die Katze erhob sich und schlich geschmeidig zur Tür im Flur und legte sich auf den Abstreicher vor Mrs Marks Wohnung. Severus stieg vier Stockwerke nach oben bis er schließlich in einem düsteren Flur landete, der nur von einer kleinen Lampe an der Tür erhellt wurde. Er kramte einen Schlüsselbund aus seinem Rucksack und öffnete die Tür zur Wohnung der Familie Snape. Er betrat einen kleinen Vorraum in dem neben einigen Paar Schuhen, einem Schirm- und Kleiderständer auch einiges an unnützem Zeug stand. Zumindest unnütz für Severus, da er es nicht brauchte. Es waren Muggelsachen seines Vaters, die er auf Arbeit benötigte oder von Arbeit mit nach Hause nahm. Tobias Snape arbeitete im Industriegebiet von Bristol in einem Sägewerk. Es war eine gefährliche Arbeit, soweit Severus wusste. Er hatte ihn einmal mit dorthin genommen als er kleiner war. Allerdings erinnerte er sich kaum noch daran. Das Einzige, was in seinem Kopf hängen blieb war der Name der Straße, an der die Fabrik stand: Spinners' End.

Neben Tobias Arbeitsausrüstung – bestehend aus Schutzhelmen, Stiefeln, dicken Handschuhen und Schutzkleidung – lagen hier auch kleinere Utensilien. Nichts großartiges, nur einige kleine Figuren, die aus Comics stammten. Severus Vater liebte Comics. Er hatte seinen Sohn allerdings nie für seine Leidenschaft begeistern können.

Severus zog sich seine durchweichten Turnschuhe aus. Seine Socken waren kein bisschen trockener, weshalb er sie ebenfalls auszog.

Er ging ins Bad. Severus zog seinen Pullover und sein darunter liegendes Shirt aus und hing sie auf die Heizung. Er schnappte sich anschließend seinen Rucksack und ging durch den kleinen Flur in sein Zimmer. Dieses war klein und geräumig. Es lag direkt unter dem Dach, weshalb die östliche Seite des Zimmers durch das Dach abgeflacht wurde. Auf dieser Seite stand auch sein Bett. Das Zimmer selbst war voll gestopft mit Regalen. In diesen standen zum Teil Bücher, aber auch Bilder, kleine Habseligkeiten, die er aus Hogwarts mitgebracht hatte und einiges an CDs. Severus liebte Heavy Metal, Rock'n Roll und Punk. An der Tür seines Zimmers hatte er sogar ein großes Poster der Gruppe Metallica befestigt, das seine Liebe zu dieser Musik bestätigte. Severus war sich sicher, wenn auch nur einer dieser Todesserdeppen gewusst hätte, dass er auf so etwas Muggelartiges stand, dann hätten sie ihn dafür gelyncht – ihm bei lebendigem Leib geteert und gefedert und ihm für diesen Frevel die Haut abgezogen.

Er ließ sich auf das Bett fallen und zog seine neu ausgeliehenen Bücher aus dem Rucksack und legte sie auf seinen Nachtisch.

Die Tür zu seinem Zimmer öffnete sich unvermittelt und Severus Vater trat ein. Tobias Snape war ein großer Mann Ende Dreißig. Sein Haar war ebenso rabenschwarz wie das von Severus, doch seine Gestalt war wesentlich kräftiger. Die schwere Arbeit hatte seinen Körper geformt. Severus hingegen kam eher nach seiner Mutter. Dünn und zierlich. Alles andere als ein Muskelpaket. Das Gesicht seines Vaters war hingegen sehr freundlich, aber unrasiert und mit Schrammen überzogen. So wie fast jedes Körperteil, dass bei seiner Arbeit im Werk nicht von Kleidung überzogen war.

Tobias trat ein und stieß sich den Kopf an einem der Dachbalken – so wie fast jedes Mal, wenn er Severus Zimmer betrat.

„Du hättest ruhig Hallo sagen können als du gekommen bist.", sagte Tobias.

„Jaaa.", murrte Severus.

„Warst du wieder in der Bibliothek?", fragte Tobias als er näher trat.

„Jaaa.", murrte Severus erneut.

Sein Vater schnaufte. Er wirkte resigniert, wie so oft in letzter Zeit.

„Severus, ich weiß ja, dass es schwer für dich ist, aber …"

„Dad, jetzt fang nicht schon wieder an!", fuhr Severus seinem Vater an. „Mir geht es gut, okay?"

„Es ist nur …", begann Tobias vorsichtig. „Ich sehe dich immer seltener. Du treibst dich so viel draußen rum …"

Severus verdrehte genervt die Augen.

„Hast du was dagegen, dass ich frische Luft schnappe?"

Tobias schüttelte den Kopf. Erneut wirkte er sehr resigniert.

„Es ist alles bestens.", sagte Severus nachdrücklich.

„Na schön. Wie du meinst." Tobias wandte sich von seinem Sohn ab. Er verließ das Zimmer. Severus sprang von seinem Bett und kramte in seinem Rucksack. Er suchte seine Zigaretten und fand sie schließlich auch. Er nahm die Packung Marbaro und zog sein Feuerzeug aus der Hosentasche. Danach stieg er wieder aufs Bett und öffnete das Fenster über diesem. Draußen regnete es immer noch. Severus lehnte sich aus dem Fenster und stützte seine Ellenbogen auf das Fensterbrett, während er eine Zigarette aus der Packung nahm, in den Mund steckte und anzündete. Genüsslich zog er an ihr. Severus wusste, dass es eine schlechte Angewohnheit war, aber was soll's. Er erinnerte sich noch zu gut daran wie seine Eltern vor einigen Jahren von seinem Laster Wind bekommen hatten. Und Severus war daran nicht unschuldig gewesen. Er hatte die Angewohnheit die abgebrannten Zigaretten in die Dachrinne zu werfen. An einem besonders heißen Sommertag hatte er diese dadurch aus versehen in Brand gesteckt. Seine Eltern hatten ihm danach eine Standpauke über abgebrannte Häuser und Lungenkrebs gehalten. Besonders Tobias wollte ihm etwas von Gesundheitsrisiken erzählen. Gerade er, wo sein Vater doch den ganzen Tag im Werk Holzspäne und Staub einatmete und die Hälfte aller Mitarbeiter schon mindestens einen Finger eingebüßt hatte. Zudem brauchte Tobias Severus nichts von wegen Sucht zu erzählen. Er wusste selbst, dass er Nikotinabhängig war. Aber wenigstens gestand Severus sich das ein, anders als sein Vater, der gern mal etwas über den Durst trank und es als „kleinen Fehltritt" abtat. Tja, sie hatten eben alle ihre schlechten Angewohnheiten.

Seitdem drückte Severus die Zigaretten immer auf dem Blech des äußeren Fenstersimses aus. Schließlich nahm er sich die Worte seiner Mutter zu Herzen, die ihn damals bat, wenn er schon rauchen müsste, dann seine Zigaretten doch bitte so zu entsorgen, dass er nicht gleich das ganze Haus abfackelte.

Unwillkürlich musste Severus lachen.

Er spähte durch die verregnete Dunkelheit. Im Haus gegenüber brannte Licht. Severus wusste, dass dort mehrere Familien wohnten. Er beobachtete sie öfters von hier aus. Im Erdgeschoss wohnten Spießer. Eine kleine Familie, die nach außen hin immer so tat als sei alles perfekt, doch Severus wusste es besser.

Von hier aus beobachtete er sie manchmal mit seinem Fernglas, das ihm sein Großvater Albert vermacht hatte. Es war ein altes Militärfernglas, das Albert im Zweiten Weltkrieg einem Deutschen abgenommen hatte. Das Hakenkreuzemblem der deutschen Nazis war daran eingeprägt.

Severus kannte seinen Großvater nicht besonders gut, wusste aber trotzdem, dass dieser damals in der Normandie gekämpft hatte. Und dabei ließ er von den getöteten Deutschen so einiges mitgehen. Albert hatte Severus einmal seine Sammlung gezeigt. Der Alte hatte den toten Soldaten Armbanduhren, Bücher oder Gürtel abgenommen – meist kleine Utensilien, die sie bei sich trugen. Er erinnerte sich noch gut daran, dass an all diesen Sachen immer irgendwo Hakenkreuze zu finden waren.

Severus steckte seine Zigarette in den Mund und holte sein Fernglas aus dem Nachtisch hervor. Er blickte hindurch und sah zu den hell erleuchteten Fenstern des Erdgeschosses im gegenüberliegenden Haus. Die Frau der Familie stand mit dem Rücken zum Fenster und redete energisch auf jemanden ein. Sie trug einen hässlichen rosa Pullover. Severus wusste aus seinen Beobachtungen, dass sie diesen Pullover oft trug. Zudem stritt sie sich oft mit ihrem Mann. Severus hatte sogar einmal eine Handgreiflichkeit zwischen den Beiden beobachtet. Die heile Welt war eindeutig sehr am Bröckeln.

Severus suchte die Fenster des zweiten Stocks ab. Er wusste nicht genau wer dort wohnte, da sich die Bewohner kaum am Fenster blicken ließen. Er hatte einige Male einen Jungen gesehen, der jünger als Severus war. Wahrscheinlich dreizehn oder vierzehn. Heute Abend konnte er wieder Mal niemanden im zweiten Stock ausmachen.

Severus zog an seiner Zigarette bevor er zum dritten Stock blickte. Dort lebte eine ziemlich ausgelassene Familie, wie er vermutete. Die Leute hatten einen drei Kinder. Das Jüngste von ihnen war ein oder zwei Jahre alt. Severus sah die Mutter ab und zu mit dem Kleinkind im Arm am Fenster stehen. Dann gab es da noch einen Jungen, der wohl schon auf die Zwanzig zuging und ein Mädchen in Severus alter, dass oft mit ihren Eltern stritt. Er konnte von hier aus in ihr Zimmer blicken. Das Mädchen war im Augenblick dort, zusammen mit ihren Freund. Sie saßen am Fenster und küssten sich äußerst leidenschaftlich. Er sah wie sie sich berührten und sich noch intensiver küssten.

Das willst du dir jetzt nicht im ernst ansehen? , fragte plötzlich eine ungehaltene Stimme in Severus Kopf. Er musste lachen. Ja, es war durchaus interessant und amüsant ein verliebtes Pärchen beim rumknutschen und vögeln zu beobachten. Es war ja schließlich nicht das erste Mal, dass er das tat.

Du bist pervers, Severus.

So würde ich das nicht unbedingt nennen. , antwortete er seiner Stimme im Gedanken.

Und wie dann? Spanner?

Er achtete nicht weiter auf die Stimme. Sollte sie doch über sein Verhalten meckern und zedern. Was soll's.

Severus beobachtete die Beiden weiterhin. Das Treiben des Paars wurde in den folgenden Minuten wesentlich begieriger. Der Freund zog dem Mädchen das Shirt über den Kopf aus. Sie schmiegte sich an ihn und warf ihren Kopf zurück als er sie am Hals küsste.

Man hätte leicht auf den Gedanken kommen können, dass es Severus eigene Triebe befriedigte sich so etwas anzusehen, doch im Grunde war es ihm recht gleichgültig. Er spürte kein Verlangen in sich aufkeimen, wenn er die Beiden bei ihrem Liebesspiel beobachtete.

Plötzlich hörte das Paar auf sich in Extase zu bringen. Sie wirkten verschreckt. Das Mädchen begann plötzlich auf jemanden, den Severus nicht sehen konnte, einzureden. Offenbar waren sie bei ihrem Liebesspiel gestört worden.

Er legte das Fernglas weg und zog erneut an seiner Zigarette, während er in sich hineingrinste. Wie peinlich musste das nur sein? Wenn man beim Sex mit dem besten Freund womöglich auch noch von den eigenen Eltern unterbrochen wurde?

Severus konnte nicht anders als schallend loszulachen.

Das ist nicht witzig. , ermahnte ihn seine innere Stimme.

Doch, es ist extrem witzig! , gab Severus zurück. Nur langsam konnte er sich wieder einkriegen. Es war einfach zu komisch.